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Lexikon zur Schmerzmedizin
Babinski, Joseph (1857--1932)
Frz. Neurologe polnischer Abstammung. Schüler von ®
Charcot. publizierte u. a. 1896: "Le réflexe cutané plantaire dans
certaines affections organique du système nerveux". Nach Babinski wird
der B.-Reflex (Großzehenreflex bei Pyramidenbahnschäden, 1896), das
B.-Ohr-Phänomen, das B.-Nageotte-Syndrom, das B.-Vaquez-Syndrom, das
Anton-B.-Syndrom, sowie das B.-Fröhlich-Syndrom bezeichnet. Babinsky
studierte Allgemeinmedizin, publizierte Arbeiten über Typhus (1882),
wurde einer der Pioniere der frz. Neurologieschule (Charcot, Brissaud,
Pierrie Marie, Déjérine), initiierte die frz. Neurochirurgie (®
de Martel, ® Vincent) und befasste sich in
seinen letzten Arbeiten mit Psychologie (1930: Arbeiten über Hysterie).
Bahnung
Neurophysiologischer Begriff der Vorbereitung der Nervenzelle durch
unterschwellige Reize. Damit wird die Schwelle für neueintreffende
Impulse laufend erniedrigt. Die Summation dieser Impulse führt zur
Impulsausbreitung. Gegenteil: Hemmung.
BAI
Abk. für Beck anxiety inventory (nach Beck et al. 1988).
Baillarger, François (1809--1890)
Bedeutender frz. Neurologe; beschrieb kortikale Schichten und wies
nach, dass das menschliche Hirn im Verhältnis zu seinem Gesamtvolumen
kleiner ist als bei niedrigen Tieren.
balanced analgesia
Analgesietechnik mit Ziel, die zentrale (spinale, supraspinale)
Schmerzmodulation spezifisch mittels "zentraler Analgetika" vom Typ
Opioid, die periphere Schmerzmodulation gleichzeitig mittels "peripherer
Schmerzmittel" vom Typ Entzündungshemmer (bzw. COX-Inhibitoren) zu
beeinflussen. Waldvogel u. Fasano (1983) führten erfolgreich
Hemikolektomien unter spinaler Lofentanilgabe in Kombination mit
"peripheren Analgetika" durch. "The aim was to block nociceptive
transmission at medullary receptor site level and to act as well on the
peripheral genesis of pain, a procedure we could define as a kind of
balanced analgesia technique comparable to balanced anaesthesia
techniques" (Der Anästhesist 1983, S.32, A 17.6); die Namengebung wurde
durch
® J.S. Lundys Konzept der "balanced
anaesthesia" (1926) geprägt.
Bamm, Peter (Pseudonym für Curt Emmrich; Hochneukirch bei Grevenbroich
1897--1975 Zollikon)
Freiwilliger des 1. Weltkriegs; Studium der Medizin, als Chirurg bzw.
Schiffarzt Weltreisen und Kriegschirurg 1940--1945: "Die unsichtbare
Flagge".
Barästhesie
Drucksinn.
Barästhesiometer
Ein Instrument zur Messung des Drucksinns.
Barker, A.E. (1850--1916)
Führte hyperbare Techniken bei der Spinalanästhesie ein.
Barré-Liéou-Syndrom (auch: Neri-Barré-Liéou-Syndrom)
Nach dem Strassburger Neurologen J.A.B. Barré (1880--1967) benanntes
mit Kopfschmerzen einhergehendes Krankheitsbild (Neuralgiesyndrom mit
Mitbeteiligung des autonomen Nervensystems bei Schädigung der
Halswirbelsäule).
Bärtschi-Rochaix Syndrom
Nach W. Bärtschi-Rochaix benannte halbseitige, anfallsmässig
(migräne-artig) mit Schwindel, Seh- und Hörstörungen auftretende
Kopfschmerzen auf der Grundlage von posttraumatischen Veränderungen der
Halswirbelsäue (v. a.: A. vertebralis, Spinalnerven).
Bartter-Syndrom ("Prostaglandismus")
Nach dem Endokrinologen F.C.B. Bartter am Bethesda-Spital/Maryland
1962 beschriebene autosomal-hereditäre primäre PGE2-Überproduktion
(Nierenmark), Renin-Angiotensinbildung =
Hyperaldosteronismus (renaler Kaliumverlust), ADH-Hemmung (erhöhte
renale Wasserverluste), Stimulation des Kallikreinsystems mit erhöhter
Kininfreisetzung (Vasodilatation), Muskelschwäche, Ödeme, Hypotension,
Kreislaufschwächen. Symptomatische Therapie: PG-Synthesehemmer (z. B.
® Indometacin).
Basbaum, Allan I. (Montreal 1947*)
bdt. kanadischer Schmerzforscher.
Basler Chemische Industrie
® Geigy, ® CIBA,
® Sandoz (1996 zu Novartis fusioniert), Durand
und Huguenin, ® Hoffmann-La Roche,
Müller-Pack etc. Erste Anfänge gehen auf den Frühkapitalismus im 18.
Jahrhundert zurück (einfache Produktionsherstellung wie
Seidenbandindustrie, Färbereien, Engros-Handel mit Rohwaren wie Drogen,
Gewürzen, daneben Kleinhandel); gefördert durch die günstige
Verkehrslage sowie sog. Refugianten (in der Regel hochbegabte,
kultivierte und reiche Religionsverfolgte) aus Frankreich, Holland etc.
Später u. a. durch den bedeutenden Nationalökonomen Christoph Bernoulli
geprägt. Ausbau der Verkehrsmittel (erste schweizer Bahn ins Elsaß!
Erster Tunnelbau zwischen Basel und Olten: Hauenbergtunnel 1858; ab 1881
Telefonnetz, ab 1895 Ausbau des Oberrheins bzw. des Basler Rheinhafens).
Erste (heute verkümmernde!) Anfänge eines eigentlichen übernationalen
Regionalismus (Regio Basiliensis mit Elsass und Baden). Der v. a. durch
die Familie Geigy geförderte Bahnbau wurde v. a. von den katholischen
Konservativen (Basel-Stadt war traditionsmässig protestantisch) als
schlimme "Negoziation" gegenüber den "falschen Welschen" interpretiert
und ein Herr Professor Reber schrieb über das "Trojanische Pferd Bahn":
Du Geist des alten Priamos.
Erschein im großen Rate!
Erzähl im von dem hölzernen Roß.
Das deinem Troja nahte.
Sag ihm: Zerbrechet nicht Euren Wall.
Und werdet dieses Rosses Stall.
Sag ihm: es sei ganz einerlei.
Ob’s Ross von Holz, von Eisen,
Und ob der, der im Bauche sei,
Franzos oder Grieche mög‘ heißen!
Bayer, Friedrich (Barmen 1825--1880)
Farbstoffkaufmann, gründete 1863 die Firma Bayer & Co.
Bayes, Thomas, Mathematiker, anglikanischer Geistlicher (Reverend)
(1702--1761)
Untersuchte erstmals, wie aus empirisch gewonnenen Daten auf eine
zugrundeliegende Wahrscheinlichkeit von Ursachen zurückgeschlossen
werden kann. Stellte eine komplizierte Formel ("Bayes-Regel") auf, die
-- 1763 nach seinem Tode publiziert und zunächst unverstanden -- später
vom französischen Mathematiker Pierre Simon Marquis de Laplace
(1749--1827) in seiner Darstellung der Wahrscheinlichkeitsrechnung
(1812--1814) aufgegriffen wurde. Der Lehrsatz nach Bayes ist heute
Ausgangspunkt für komplizierte logisch-statistische
Wahrscheinlichkeitsüberlegungen. 1992 wurde die International Society
for Bayesian Analysis (ISBA) mit der Aufgabe gegründet, Bayesianische
statistische Theorien und Methoden für theoretische und praktische
Anwendungen in Industrie, Wissenschaft (Medizin: ®
Cochrane-Bewegung) und Politologie zu fördern.
BDNF
engl. Abk. für "brain derived neurotrophic factor", zur Superfamilie der
sog. Trophikfaktoren bzw. "nerve growth factors" gehörend, die Trophik
und Differenzierung zentraler und peripherer Nerven beeinflussend.
Becher, Johannes Robert (München 1891--1958 Berlin)
Studium der Medizin und Philosophie. 1914 "Verfall und Triumpf"; 1934
"zwangsausgebürgert"; nach Emigration in Moskau ab 1954 Kulturminister
der DDR.
Bechtherev von, Vladimir Maikhailowitsch (1857--1927)
Bedeutender russischer Neurologe, Schüler des bedeutenden dt.
Psychiaters und Neurologen Paul Flechsig (Zwickau 1847--1929 Leipzig);
nach ihm werden zentrale Kerne (Nucleus vestibularis rostralis),
Erkrankungen (Sponylarthritis ankylopoetica der Wirbelsäule), Reflexe
(Augenreflex, paradoxer Pupillenreflex, Hackenreflex, Pronationsreflex,
Karpometakarpalreflex, Bechterew-Mendel-Plantarreflex) sowie das
B.-Syndrom (bei Druck auf Wadenbein bzw. N. fibularis kein Druckschmerz
bei Tabes dorsalis) und das B.-Ischiasphänomen (Ischiassyndrom) benannt.
Beecham, Sir Thomas (1879--1961)
Weltberühmter Dirigent; ab 1919 künstlerischer Leiter des Covent
Garden Opera House. Zusammen mit seinem Vater Sir Joseph als Inhaber der
Beecham Pharmaceutical Company Aufkauf des Covent Garden Estate (u. a.
mit Royal Opera House, Theatre Royal, Drury Lane etc.) 1914. Finanzierte
aus dem Verkauf u. a. von Aspirin, das sein Großvater Thomas als
Pharmazeut in Lancashire herstellte, u. a. seine von ihm geleitete
Beecham Opera Company (1915 bis zum finanziellen Debakel 1920) sowie die
British National Opera Company. Autobiographie 1944: "A mingled chime".
Beecher, Henry K. ([ursprünglich dänischer Namen Unangst],
Wichita/Kansas 1904--1976)
Studium der Chemie (Universität Kansas); danach 4 Jahre Vorsteher des
dortigen Chemieinstitutes; weitere Studien an der Harvard-Universität
bis 1932; 1 Jahr Physiologie beim Nobelpreisträger August
® Krogh in Dänemark, danach Chirurgieassistent. Als der für
Anästhesie am Mass. Gen. Hospital verantwortliche Chirurg Bradshaw nach
4 Jahren die Tätigkeit 1936 quittierte, wurde Beecher als Protegé seines
v. a. für Lungenchirurgie berühmten Chefs Churchill 1936(--1969)
Nachfolger des Anästhesiedienstes, obwohl Beecher keine formelle
Ausbildung in Anästhesiologie hatte. Publizierte 1938 "The Physiology of
Anaesthesia", wurde 1939 Anästhesie-"Instruktor", ab 1941--1970 erste
Harvard-Professur für Anästhesie (Henry-Isaiah-Dorr-Professur). Erst
1942 Fellow American College of Anesthesiology. Die Rolle Beechers als
Lehrer ist unklar. Gravenstein erinnert sich nicht, ihn einmal im
Operationssaal während seiner Harvardausbildung gesehen zu haben;
ebenfalls soll Beecher – der sich offenbar mit hervorragenden
Mitarbeitern umgab – weder Risiko- noch Intensivpflegepatienten versorgt
haben. Beechers Ansicht der "modernen Anästhesie" war: "anesthesia
technique can be mastered by ordinary men who are ordinarily deft, with
only a modest requirement of intelligence and of knowledge and
judgement"; ebenso lehnte er die Bezeichnung "Anesthesiology" ab (diese
Namengebung lehnte auch
® Macintosh ab, aber aus ganz anderen, nämlich
kulturell-linguistischen Gründen). 1954 zusammen mit Todd Arbeit über
Äther und d-Tubocurarin, aufgrund deren falschen Schlussfolgerungen
sowie des hohen Militärranges von Beecher d-Curare im Koreafeldzug
schlichtweg verboten wurde. Beecher gründete mit Dripps u. Papper
zusammen eine "elitäre" Association of University Anesthetists. 1959
"Measurement of subjective responses" (Oxford University Press). Die
vielbeachtete JAMA – Publikation 1955 "The powerful placebo" erlaubte
den Durchbruch des biomedizinischen, seit ca. 1946 an verschiedenen
führenden amerikanischen Universitäten erarbeiteten (aber seit
Jahrhunderten bekannten) Konzepts der ®
Placebowirkung ("Conference on therapy. The use of placebos in therapy.
NYJ Med 1946; 17: 722--727) und Doppelblindstudien auf breiter Basis in
der Klinik. Unter anderem beschrieb Beecher Placebowirkungen "that can
produce gross physical changes, including objective changes at the end
organ with may exceed those attributable to potent pharmacological
action". Siehe auch
® Hill, Bradford Austin. Beecher Schüler war
u. a. Werner Hügin (erste Professur für Anästhesiologie in Basel im
Rahmen des Chirurgiedepartements) aus der Chirurgieabteilung von Rudolf
Nissen (dank der Intervention von Ferdinand Sauerbrauch vor den Nazis in
die Türkei gerettet). Beecher besuchte während des Kalten Krieges den
Admiral W. Hügin (s. auch ® Gelpke) in Basel,
um sich über die damals in Basel durch Sandoz (®
Hoffmann etc.) entwickelten Substanzen wie LSD zu erkundigen (in der
Annahme, amerikanische Soldaten könnten im Vietnamkrieg etc. in
Gefangenschaft diesen Drogen ausgesetzt werden).
Befindlichkeitsskala
In der Schmerztherapie eingesetzte Skala zur Selbsterfassung der
Befindlichkeitsqualität (nach Zerssen et al. 1970).
Behring von, Emil (1854--1917)
Erster Nobelpreis in Medizin und Physiologie 1901. Pionier der
modernen Immunologie (erstes Diphterie-Antiserum).
Bell, Charles Sir (1774--1842)
Schottischer Physiologe. Arbeiten über Rückenmarkwurzeln. 1830: "The
nervous system". In "Essays on the anatomy of expression in painting"
Illustrationen in Bezug auf Anatomiekenntnisse für Künstler. Beschrieb,
dass sensorische Nerven im ZNS in spezifischen Endkernen enden. Arbeiten
über Spinalnerven (u. a. ®
Bell-Magendie-Gesetz, 1811: funktionelle Unterschiede zwischen Vorder-
und Hinterhorn). Nach ihm benannt: Bell-Lähmung (Fazialislähmung 1821),
Bell-Phänomen und Bell-Spasmus (Hemispasmus facialis).
Bell-Magendie-Regel
Nach Sir Charles ® Bell und dem französischen
Physiologen F.M. Magendie (1783--1855) benanntes Gesetz, dass die
Rückenmarkvorderwurzel efferente motorische, die Hinterwurzel afferente
Nervenfasern beinhaltet; wird heute nur noch als Regel anerkannt, da
wahrscheinlich auch über die Vorderwurzel afferente Fasern verlaufen .
Belohnungssystem
Höhergeordnetes System hedonischer Verhaltensweisen (Präferenzen,
Belohnungseffekt; Anhedonie = Fehlen des Wollustgefühls bzw. Absenz
eines allgemeinen Lustgefühls; nach Epikur); involviertes
Kerngebiet: Nc. accumbens.
Benn, Gottfried (Mansfeld/Westpreußen 1886--1956 Berlin)
Medizinstudium in Marburg und Berlin. Facharzt für Haut- und
Geschlechtskrankheiten in Berlin. Büchnerpreis 1951; u. a. Briefwechsel
mit Alexander Lernet-Holenia und Reinhold Schneider.
Bennett, Gary Jay (Neptune/New Jersey 1948*)
bdt. Amer. Schmerzforscher (neuropathische Schmerzen)
Benommenheit
Bewusstseinstrübung.
Berger, Hans (1873--1941)
Psychiater in Jena (mit dem Poeten Friedrich Rückert verwandt). Assistent
bei Otto Binswanger (1852--1929). Arbeiten mit Oscar
®
Vogt und Korbinian Brodmann u. a. über zerebrale Zirkulation. Motiviert
durch Arbeiten von Richard Caton (1842--1926), die elektrischen
Aktivitäten des Hirns zu erforschen, entdeckte er das EEG (1924;
publiziert 1927: "Über das Electroenkephalogramm des Menschen"). Die
politische Katastrophe nach 1933 treiben den als melancholisch
beschriebenen Arzt und Forscher zum Selbstmord durch Erhängen. Die
Erfindung des EEG ermöglichte die neurophysiologisch begründete
Epileptiologie sowie (dank Datenverarbeitungstechnik wie
Fourier-Technik) das perioperative ZNS-Monitoring (Sedationstiefe,
Antinozizeptionsschutz: z. B. ® Bispectral
Index).
Berliner Gesundheitshaus
Im Tiergartendistrikt von Ernst Joel (1893--1929; bedeutendem dt. Pazifist
mit Gründung des Journals "Der Aufbruch"; 1915 Petition u. a. von Martin
Buber, Kurt Eisner, Eugen Diederichs, S. Fischer, Magnus Hirschfeld,
Heinrich Mann, Thomas Mann, Alfred Mombert, Frank Wedekind, Walter
Benjamin, Alfred Kerr, Gustaf Landauer, Fritz Mauthner, Ferndinand
Tönnies, Gustaf Wyneken etc. an die Preussischen Abgeordneten, die
Streichung von Joel aus der Studentenliste der Universität Berlin
aufzuheben....) und Fritz Fränkel (Lebensdaten unbekannt) gegründete
Klinik für Drogenabhängige. Joel und Fränkel – in enger Zusammenarbeit
mit Walter Benjamin – waren Pioniere von Drogen und Rausch (die dt.
Bezeichung "Rausch" wurde "telquel" im Engl. übernommen) und
publizierten über die Pathologie der Gewöhnung, "Morphiumsucht",
"Cocainomanie", "Haschisch-Rausch" u. a. auch 1926: "Ist in Deutschland
der Anbau von Indischem Hanf notwendig?".
Bernard, Claude (1813--1878)
Hervorragender frz. Physiologe (u. a. Nachweis der Curarewirkung an
der motorischen Endplatte 1857, Lecons sur les anesthésiques 1875),
konzipierte u. a. die Idee der Experimentalchirurgie, Ausgangspunkt der
modernen wissenschaftlichen Medizin. Nach ihm benannt wird das
Bernard-Syndrom bzw. Horner-Trias (Enophthalmus, Ptosis, Miosis).
Erarbeitete u. a. Ideen über Narkosewirkung, die er einer reversiblen
Zellprotoplasmaveränderung zuschrieb: ®
Zelltheorie, ® Zellmembran,
® Overtonsche Theorie. 1864 beschrieb Bernard die Interaktion von
Chloroform und i.v.-Gabe von Morphin (Narkosevertiefung).
Besson, Jean-Marie (Belfort 1938*)
zeitg. frz. Schmerzforscher.
BET
engl. Abk. (nach Schüttler et al. 1983) für bolus elimination and
transfer:
® TCI.
Beta-Endorphin (b-Endorphin)
1976 durch Li u. Chung aus über 500 Kamel-Hypophysenpräparaten (!)
nachgewiesenes endogenes Peptid mit einer dem Hypophysenhormon
b-Lipotropin identischen Aminosäurensequenz in
Position 61--91; in Position 1--4 identische Sequenz wie in Methionin
und L-Enkephalin. Die Injektion von b-Endorphin
induziert eine opioiderge, naloxonreversible, langanhaltende Analgesie.
Beta-Fasern (b-Fasern)
5--15 mm dicke, myelinisierte Fasern mit
hoher Leitungsgeschwindigkeit von ca. 60 m/s. Funktion: Afferenzen aus
dem Hautgebiet (Berührungssinn).
Beta-Phase (b-Phase)
Pharmakokinetik; Dreikompartimentmodell: Eliminationsphase, die
unmittelbar (theoretisch schon etwas vorher) an die schnelle
® a-Verteilungsphase
anschliesst. Selten wird auch eine zusätzliche, sog. "finale"
Eliminationsphase ® g-Phase
diskutiert (betrifft Wirkstoffe, deren totale Elimination Wochen bis
Monate in Anspruch nimmt).
Beta-Wellen (b-Wellen)
EEG-Wellen (unregelmäßige Wellenform; f: 13--30 Zyklen/s; Amplitude 5--50 mV).
Werden im Wachzustand (offene Augen) registriert (im Vergleich zu den
a-Wellen gemäß der höheren zentralen Aktivität
höhere Frequenz, aber kleinere Voltage).
Beta-Rezeptoren (b1-Rezeptoren)
Postsynaptische Rezeptoren des adrenergen Systems; vermitteln positive
Bathmotropie, Inotropie.
Beta-Rezeptoren (b2-Rezeptoren)
Postsynaptische Rezeptoren des adrenergen Systems; vermitteln Vaso- und
Bronchodilatation, gastrointestinale Relaxation, Uterus- und
Blasenrelaxation, Glykogenolysis, Lipolysis.
Betäubungsmittel
Historische (heute obsolete, aber immer noch gebräuchliche) Bezeichnung
für Wirkstoffe, die "betäubend" (?) wirken.
Bettelheim, Bruno (1903--1990)
österr. Psychologe 1938; im KZ Dachau und Buchenwald inhaftiert, 1939
freigelassen. Emigration in die USA. Publizierte u. a. über Stress von
Einzelpersonen und Massen in extremen Situationen (Konzentrationslager
etc.), Kinderpsychologie (Autismus). Auf dt. 1966 "Aufstand gegen die
Massen", 1970 erschien "Liebe allein genügt nicht". Universität
Tübingen: Leopold-Lucas-Preis 1990.
Bewusstlosigkeit
Koma.
Bewusstsein
Nach dem Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibnitz (Leipzig 1646--1716
Hannover) postulierter Gesamtinhalt der "Ich-Erfahrung" (später: C.G.
Jung etc.).
B-Fasern
Histologisch dünne Fasern (1--3 mm) mit einer
Leitungsgeschwindigkeit von 10m/s: präganglionäre Fasern des autonomen
Nervensystems.
Bias
Engl.: Schräglage, Schieflage; moderne Statistik; ein innerhalb
wissenschaftlicher Studien möglicher bzw. auftretender systematischer
Denkfehler oder unkontrollierter Einfluss oder verdeckte
Voreingenommenheit.
Bielschowsky, Max (1869--1940)
Bedeutender dt. Neurologe und Vater der modernen Neuropathologie.
Arbeiten in Frankfurt am Senckenberg Pathologischen Institut.
Bier, August Karl Gustav (Helsen 1861--1949)
Nach Studien in Berlin, Leipzig und Kiel (Promotion 1986)
Allgemeinpraktiker, wo er dem berühmten Chirurgen Friedrich von Esmarch
(1823--1908) durch seine klinische Begabung auffiel. Innerhalb von 2
Jahren Privatdozent. Durch Iräneus Quincke (1842--1922), ebenfalls an
der Kieler Chirurgie, erlebte er die Technik der Lumbalpunktion (was dem
eifersüchtigen Quincke zu schaffen machte). Bier erlaubte 1898 seinem
Assistenten Hildebrandt, an ihm selbst die erste intrathekale
Kokainanästhesie durchzuführen. Publikationen u. a.: "Versuche über
Cocainisierung des Rückenmarks"(1899), "Weitere Mitteilungen über
Rückenmarksanästhesie"(1901). Später nach Greifswald, Bonn und 1907 als
Nachfolger von Bergmanns nach Berlin. Verlor 2 illustre Patienten in der
Folge von Appendektomien: den Industriellen Hugo Stinnes (1924; Stefan
Zweigs "Kriegsgewinnler") sowie den Reichspräsidenten Friedrich Ebert
(1925). Zog sich 1934 nach Sauen in der Mark (DDR) zurück, wo er als
Hobbygärtner den Mischwald miterfand und pflegte. Der nachmalige
sowjetische Militärchefarzt war zufälligerweise ein ehemaliger Student
von Bier, so dass Bier fortan unbehelligt seinen Lebensabend in Sauen
verbringen konnte, wo er mit seiner Ehefrau in einem unscheinbaren Grab
in seinem geliebten Wald
begraben wurde.
bildgebende Verfahren
CT bzw. Röntgen-computed-tomographie; PET bzw.
Positron-emission-computed-tomographie; SPECT bzw.
Single-photon-emission-computed-tomographie; MR bzw. magnetische
Resonanzverfahren erlauben die Analyse, Aufzeichnung von
Perfusions- bzw. Aktivitätsänderungen (z. B. auf standardisierte
Schmerzreize, Gabe von Wirkstoffen etc.) im ZNS etc..
biliäre Exkretion
Die Elimination durch hepatische Exkretion (betrifft MS und
Metaboliten): über einen sog. enterohepatischen Kreislauf können solche
Stoffe wieder in den systemischen Kreislauf gelangen.
Billroth, Theodor (Rügen 1829--1894)
Ausbildung in Göttingen und Berlin (Schönlein, von Langenbeck). Als
32jähriger nach Zürich berufen. 1867 -- einige Monate nach der Schlacht
bei Königgrätz -- durch Kaiser Franz Joseph nach Wien berufen. Billroth
war neben seiner weltberühmten chirurgischen Tätigkeit (1881 erste
Magenresektion) u. a. Musikjournalist (Allgemeine musikalische Zeitung,
Leipzig; NZZ) und Musikkomponist. In einem Brief an Mulicz 1883: "In
Zürich habe ich ziemlich viel componirt: 3 Trios, ein Clavierquintett,
und ein Streichquartett...Meine sämtlichen Compositionen habe ich vor
einigen Jahren den Flammen übergeben, es war schreckliches Zeug! Und
stank grässlich beim Verbrennen." Liederkompositionen: davon nur
freigegeben "Todessehnsucht" (nach einem Gedicht von Georg Herwegh).
Grosser Briefwechsel mit Johannes Brahms, mit dem ihn eine tiefe
Freundschaft verband. Ebenfalls grosses Engagement für Pflegepersonal:
"Die Krankenpflege im Hause und im Hospitale." 1894 als Schwerkranker
(Pneumonie, Depressionen) im Kuraufenthalt in Istrien (Opatia) schrieb
er wenige Tage vor seinem Tode:
Nacht ist’s; schon lange lautlose Stille um mich, nun wird’s auch in
mir still.
Mein Geist beginnt zu wandern, ein ätherblauer Himmel wölbt sich über
mir. Ich schwebe körperlos empor. Es klingen die schönsten Harmonien von
unsichtbaren Chören, in sanftem Wechsel gleich dem Atmen der Ewigkeit!
Auch Stimmen nehm ich wahr, die Worte sind ein leises Rauschen, Klingen:
"Komm müder Mann, wir machen Glücklich Dich. In dieser Sphären Zauber
befreien wir Dich vom Denken, der höchsten Wonne und dem tiefsten
Schmerz der Menschen. Du fühltest Dich als Theil des Alls, sei nun im
ganzen All vertheilt, das Ganze zu empfinden mächtig."
Binding, Rudolf Georg (Basel 1867--1938 Starnberg)
Jura- und Medizinstudium, dann Schriftsteller: sein Vater Karl Ludwig
Lorenz (1841--1920) schuf die staatsrechtlich-politischen Grundlagen zur
späteren nationalsozialistischen ®
"Euthanasie" (s. auch: Hoche). Kavallerie-Offizier während des I.
Weltkriegs. Schrieb später in einem Gedicht:.
"Was ist Eroberung noch? Unheilig wird die Beute der tausend
Tausendjahr. Es glüht das Heute. Erschaffe, heilige - Schöpfer - deine
Zeit."
Bing, Robert (1878--1956)
Neurologe; beschrieb das Bingsche Kopfschmerzensyndrom (Syn.: Horton
-Syndrom).
Bioinversion
Der in vivo bei Razemat-Molekülen aber auch Enantiomeren mit
asymmetrischem C-Atom vorkommender spontane Wechsel bzw. Umkehr von
einer Enantiomerform (z. B. S, R-Form) zur anderen (z. B.
2-Arylpropionsäureabkömmlinge, Ibuprofen).
Biomembran
In der klinischen Pharmakologie wichtige Trennschichten zwischen Blutorgan
und ZNS ("Blut-Hirn-Barriere"), mütterlichem und fetalem Kreislauf
("diaplazentäre Passage") oder Milch und Säugling ("translaktale
Passage"). Ziel der Forschung sind die multiplen passiven und aktiven
Transportsysteme dieser früher fälschlicherweise als rein passiv
angenommenen Trennschichten.
Biosensor
Spezifische Strukturen, die imstande sind, die Anwesenheit und
Konzentration von Molekülen und Strukturen in quantifizierbare
physikalische Signale umzuwandeln (z. B. ®
zirkumventrikuläre Signale).
Biotransformation
Syn.: Metabolismus, Verstoffwechselung: Die durch Enzyme katalysierte
Umwandlung eines Xenoliganden in eine andere Molekülart; bei der
hepatischen (wichtigsten) Biotransformation wird eine Phase I
(Oxidation, Reduktion, Hydrolyse) sowie eine Phase II (Konjugation z. B.
mit Glukuronsäure) unterschieden. Daneben biotransformieren andere
Organe wie Lungengewebe, Plazenta, ZNS etc.
Bioverfügbarkeit
Syn.: "bioavailability", systemische oder biologische Verfügbarkeit; auch
Bioäquivalenz: Anteil eines extravaskuläre verabreichten Wirkstoffes,
der im Blut erscheint und für die Zielorgane verfügbar ist. Der
Unterschied bei gleicher Dosierung zur i.v.- Gabe, bestimmt anhand der
Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve (®
AUC), ergibt den Unterschied. Die relative Bioverfügbarkeit ist die
Bestimmung einer Standard- mit einer Testdosis bei einem Wirkstoff, der
nicht i.v. gegeben werden kann. Bei nichtinvasiver Anwendung wird die
Bioverfügbarkeit durch die ® Resorptionsphase
(Biomembrangängigkeit, aktive und passive Resorption etc.) entscheidend
beeinflusst; bei nichtinvasiver und invasiver Gabe wird die
Bioverfügbarkeit durch die
® hepatische (und pulmonale etc.)
Extraktionsrate beeinflusst .
Bi-spectral-EEG
Für pharmakodynamische Messung einer iatrogenen Depression des ZNS
eingesetzte EEG-Technik, wobei die einzelnen EEG-Komponenten dank
Fourier-Transformation in entsprechende Sinuswellen umgewandelt werden
und dann die individuellen Phasenverschiebungen zwischen den Wellen
analysiert werden, wobei ein einzelner Parameter, gekennzeichnet durch
einen numerischen Index 0--10 entsteht (= bi-spektraler-Index), der in
Beziehung zur Sedation bzw. Anästhesietiefe steht.
BJA (auch Br J Anaesth)
Abk. für das 1923 durch den amerikanischen Anästhesisten H.M. Cohen (New
York 1875--1929 Manchester) und Engländer ®
H.E.H. Boyle gegründete British Journal of Anaesthesia.
Blindversuch
Wirkungsprüfung. Einfacher Blindversuch: Versuchsperson geblindet.
Doppelter Blindversuch: Versuchsperson und Versuchshelfer geblindet.
Blinkreflex
Augenschutzreflex der Augenlider; kann in der Schmerzforschung auch als
"schmerzbedingter Blinkreflex" ("pain evoked blink reflex") durch
noxische Laserstimuli (z. B. supraorbitale Nervenstimulation mit
Laserpuls; Arbeiten von Ellrich, Bromm etc.) erzeugt werden.
Blut-Hirn-Schranke
Biologische Trennmembran mit multiplen aktiven Transportmechanismen
zwischen Hirn und Blutkreislauf . Von der Blut-Hirn-Schranke partiell
ausgenommen sind dank fenestrierten Kapillarbetten die sog.
® zirkumventrikuläre Organe (z. B.
Chemotriggerzone).
Boas, Walter (Berlin 1904--1984)
Vater Arthur Boas hatte in Berlin eine Allgemeinpraxis und starb früh an
einer Herzattacke. Klassisches Gymnasium (lat., griech., frz.) mit
Abitur 1922. Technische Hochschule sowie Arbeiten bei Siemens und Halske
mit Abschluss in angewandter Physik (Dipl.-Ing., 1928). Forschung am
Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallkunde, u. a. auch Kristallplastizität
(Verhalten von Kadmium etc.). 1932 nach Fribourg im Uechtland: die hier
mit Schmid 1935 publizierten Arbeiten wurden in englischer Übersetzung
noch 1968 herausgegeben! 1935 zu Scherrer nach Zürich (ETH); als
protestantischer Jude in der Schweiz nicht sicher, Emigration nach
London an das kgl. Faraday-Institut...wo er als erstes begann, Englisch
zu lernen...und englische Küche zu goutieren (Interview 1973).
Emigration 1938 nach Australien (Universität Melbourne). Nach dem Krieg
Treffen mit (dem Anti-Nazi) Becker (Göttingen) und Wassermann
(Clausthal). Gründete u. a. mit dem befreundeten Linus
® Pauling die australische Pugwash-Gruppe. Nach ihm benannt die
Walter-Boas-Medaille sowie der Walter-Boas-Gedächtnis-Preis.
Boehringer
Würtembergische Unternehmerfamilie aus Kirchheim unter Teck. Johann
Friedrich Boehringer (1791--1867) gründete 1817 zusammen mit Christian
Gotthold Engelmann die Drogenhandlung (Chinin, Morphin, Chemikalien wie
Weinsäure, Äther, Chloroform etc.) Engelmann & Boehringer in Stuttgart.
1872, nach Ausscheiden Engelmanns, als Firma C.F. Boehringer Söhne aus
verkehrstechnischen Gründen nach Mannheim verlegt. Albert Boehringer
(1861--1939) erwarb seinerseits 1885 eine zum Verkauf stehende kleine
Weinsteinfabrik 1885, aus der die spätere Boehringer Ingelheim entstand.
Die Mannheimer Boehringer ging nach dem Tode des älteren Bruders des
Firmengründers 1892 in den Besitz der Familie Engelhorn über. Das im
Firmenzeichen der Firma Boehringer Ingelheim stilisierte Bildzeichen
repräsentiert den Mittelbau des Ingelheimer Kaiserpfalz Karls des
Grossen.
Boerhaave, Hermann (1668--1738)
holländischer Arzt; Begründer der klinischen Visite bzw. der
medizinischen Ausbildung am Krankenbett.
Bonhöffer, Dietrich (Breslau 1906--1945 KZ Flossenburg)
Sohn des Geheimrats und Psychiatriechefarztes Karl Bonhöffer,
Theologiestudium mit Promotion 1927 "Sanctorum communio", nach
Studienaufenthalten in Rom und New York, Antrittsvorlesung in Berlin
"Die Frage nach dem Menschen in der gegenwärtigen Philosophie und
Theologie" 1930; Eröffnung der Charlotter Jugendstube 1932 (1933
zwangsgeschlossen), Freundschaft mit Hans von Dohnanyi, Mitglied der
deutschen Résistance und der Bekenntniskirche; 1943 verhaftet und im
Wehrmachtsgefängnis Tegel inhaftiert, danach Gestapogefängnis an der
Prinz-Albrecht-Strasse, im Konzentrationslager Flossenburg (bayerische
Oberpfalz; Hinrichtungsort von Admiral Canaris) am 09.04.1945 -- nur
wenige Tage vor der Evakuation des Lagers am 20.04. (Beginn der
"Todesmärsche") und Selbstmord des "purpurnen Sinnbilds des Deutschtum"
bzw. Adolf Schicklgruber alias Hitler (siehe auch Ina Seidel) am
30.04.1945 -- hingerichtet.
Bonica, John J. (ital. Mittelmeerinsel Filicudi 1917--1994)
Emigration nach New York. Früh Halbwaise; Zeitungsverkäufer,
Medizinstudium mit Abschluss 1942 Marquette University School of
Medicine; Armeeanästhesist; Anfänge der Schmerztherapie an
Kriegsverletzten sowie geburtshilfliche Anästhesie. Publikation 1953:
"The Management of Pain." 1960--1978 Vorsteher der
Anästhesiologieabteilung der Universitätsklinik Seattle. Revolutionierte
die moderne Schmerzpraxis: Gründung eines multidisziplinären
Schmerzforschungsinstituts (d.a. realisierte die von Ernst von der
Porten schon 1928 postulierte interdisziplinäre Schmerzmedizin!). Erster
Herausgeber der Publikation "Pain". Herausgeber des Referenzbuches: "The
Management of Pain" (1990). Mitgründer der
® IASP (International Association for the Study
of Pain).
Bonnet, Charles (1720--1793)
Genfer Naturforscher und Philosoph, nach dem das sog.
Charles-Bonnet-Syndrom benannt ist: v. a. bei älteren, psychisch
gesunden Menschen auftretende nicht erklärbare, offenbar unschädliche,
oft isolierte visuelle Halluzinationen, die in der Klinik oft vom
Patienten dem behandelnden Arzt aus Angst nicht mitgeteilt werden.
Publizierte 1760 "Essai analytique sur les facultés de l’âme".
Boot, Jesse (1850--1931)
Gründer der Boots Company. Litt an chronischer Polyarthritis. Bei der
Fa. Boots wurde 1965 das "Analgetikum-Antirheumatikum"
® Ibuprofen durch Stewart Adams und John Nicholson synthetisiert.
Borison, Herbert Leon (1922--1990)
Pharmakologe an der Dartmouth Medical School im amerikanischen
Hanover; entdeckte zusammen mit ® Wang die
Funktionen der nach ihnen benannten Chemotrigger-Zone sowie des sog.
Brechzentrums (1949).
Botulismus
lat. botulus: Wurst; Lebensmittelvergiftung, die erstmals nach Genuss
verdorbener Würste durch Dr. Justinus Christian Kerner (1786--1862,
Amtsarzt in Baden-Würtemberg und Dichter) beschrieben wurde, deshalb
auch: Kernersche Erkrankung. Kerner wies auch auf die Möglichkeit hin,
das Toxin als Arznei zur Behandlung von Verkrampfungen, zur Verringerung
übermässigen Speichel-, Tränen- und Schweißflusses einzusetzen.
Botulinustoxine
Unter anaeroben Bedingungen durch das grampositive, stäbchenförmige und
begeißelte Bakterium Clostridium botulinum mit thermoresistenten Sporen
(rasches Keimen in luftabgeschlossenen Nahrungsmitteln) produzierte
hochpotente Toxin mit neuro-, entero- und hämotoxischen sowie
immunogenen Eigenschaften. Das Botulinustoxin A (Mr um 150000) wird in
der Schmerzklinik als ® Adjuvans bei
neurologischen Dysfunktionen (muskuläre spastische Dystoniesyndrome;
Wirkung: blockiert irreversibel ACh-Freisetzung an cholinergischen
Synapsen) eingesetzt.
Boyle, H.E.G. (1875--1941)
Anästhesist, entwickelte die nach ihm benannten Narkosegeräte.
Boyle, R. (1627--1691)
Soll zusammen mit Sir Christopher Wren erste i.v.-Opiuminjektionen
(andere Quellen: Bier und Wein) mittels Tierblase und geschärfter Feder
durchgeführt haben; andere Quellen geben ®
Elsholtz an .
Brachialgia paraesthetica nocturna
Schmerzhafte Dys- und Parästhesie in den Armen, nachts beim Liegen
auftretend.
Brachialneuralgie
Plexus brachialis betreffende Neuralgie.
Brachialplexopathie
Syn.: Brachialneuralgie-Syndrom; bei Schädigung des Plexus C8-T1,
Infiltration entsprechender Neurone durch Tumore wie Pancoast-Tumor,
Mammakarzinom, Lymphom etc., auftretendes Syndrom. Erste Manifestationen
vor neurologischen Ausfällen sind Schmerzen im Sinne der
(unspezifischen) Brachialneuralgie. Fakultativ auch:
®
Horner-Syndrom.
Bradykinesie
Verlangsamte Bewegungen (beispielsweise bei ®
Parkinsonismus).
Bradykinin
Abk. Bk; bei Gewebeentzündungen/-verletzungen freigesetztes endogenes
Nona-Peptid (9 Aminosäuren: Arg-Pro-Gly-Phe-Ser-Pro-Phe-Arg) mit
vasoaktiven, proinflammatorischen, pronozizeptiven Eigenschaften (®
Kininsystem). Über Kallikrein aus Plasmaglobulinen (inaktives
Bradykininogen) freigesetzt.
Bradykinin-Rezeptoren
Bk1,2,3-R, G-Protein-gekuppelte Zellmembran-Rezeptoren der 7
Transmembransuperfamilie mit Subttypen. Funktion: Bk2-R
ubiquitär, konstitutiv (Funktion: akute Entzündungsprozesse, akute
Aktivierung Nozizeptoren); Bk1-R induktiv im entzündeten
Gewebe, in chronischen Schmerzprozessen inkl. Hyperalgesie involviert;
putativ: Bk3-Rezeptor.
Bragard-Zeichen
Nach dem Münchner Orthopäden K.B. Bragard (1890--1973) benannter
Ischiasschmerz, der bei Wirbelsäulenerkrankung durch Dorsalflexion des
Fußgelenkes bei gleichzeitiger Hüftbeugung des sonst gestreckten Beines
auslösbar ist. Ebenfalls Schmerzhaftigkeit bei Aussenrotation des
Kniegelenkes bei Meniskusverletzungen.
brain-derived neurotrophic factor
Abk. BNF; zur Superfamilie der Nervenwachstumsfaktoren bzw.
trophischen Faktoren gehörend; im peripheren und zentralen NS
nachweisbar.
Braun, Heinrich Friedrich Wilhelm (Rawitch/Polen 1862--1934)
Statt Musikstudium Medizinstudium in Dresden mit Abschluss in
Chirurgie beim Chirurgen und Transplantationspionier Carl Thiersch (1822
München--1895 Leipzig) in Leipzig. Chirurg in Zwickau. Beeinflusst durch
den Halleschen Chirurgen Oberst sowie Schleichs Monographie über
"schmerzfreie Eingriffe" (1894), fühlte sich Braun sehr zu neuen
Entwicklungen im Anästhesiesektor hingezogen. Erkannte die potentielle
Toxizität von lokalinjiziertem Kokain und schlug deshalb 1897 Adrenalin
als Zusatz zu Lokalanästhesielösungen vor; führte 1905 Procain in die
klinische Praxis ein. Adrenalinzusatzdosisfindungsstudien probierte er
an sich selber aus. 1903 schlug er auch vor, Adrenalin bei
Herzstillstand zusammen mit äusserer (von Gottlieb im Tierexperiment
erfolgreich durchgeführten) Herzmassage einzusetzen. Die
Infiltrationsanästhesie mit Procain und Adrenalin wird auch als
"Braunsche Anästhesie" , die Umspritzung des Operationsgebiets als
"Braun-Hackenbruchsche Anästhesie" bezeichnet. Schlug u. a. die
Splanchnikusanästhesie (Parasakralanästhesie) sowie verschiedene nach
ihm benannte chirurgische Hilfsmittel (Fixationsschiene, Extension,
Transfusionsapparat) vor. Veröffentlichte 1905 "Handbuch zur
Lokalanästhesie".
Brecht, Bertolt (Augsburg 1898--1956 Berlin)
Studium der Naturwissenschaften und Medizin, dann Dramaturgie und
Schriftsteller: Kleistpreis 1922. Emigration 1933.
Break-through-Schmerzen ("incident pain")
Zu deutsch: sog. Durchbruchschmerz ("Schmerzspitzen",
"Schmerzdurchbrüche"); v. a. im Verlauf von Terminalerkrankungen bei
sonst optimal in Bezug auf Analgesie eingestellten Patienten durch
Tumorinvasion, Entzündung, aber auch Bewegung (Mobilisation, Husten,
Würgen und Erbrechen etc.) auslösbare akute Schmerzzustände.
Briefing
Kurzinstruktion, Kurzanweisung, Einsatzbesprechung zur optimalen
Arbeitsvorbereitung mit spez. Berücksichtigung von Notfallsituationen.
Als sog. Debriefing wird die entsprechende Befragung nach Einsatz
bezeichnet, die zur Auswertung dient.
Brissaud, Eduard (1852--1909)
bdt. frz. Neurologe (Arbeiten u. a. über Parkinsonismus, Tics,
Tortikollis); Schüler von ® Charcot und
® Lasègue.
Broca, Paul Pierre (Sainte-Foy-la-Grande 1824--1880 Paris, Todesursache
Hirnaneurysma)
frz. Chirurg. Schon als Kind extrem gebildet in Literatur, Mathematik
und Physik. Medizinstudium mit 20 Jahren in Paris beendet, wo er
Professor für chirurgische Pathologie wurde. Brillante Arbeiten über
Knorpel, Knochen, limbisches System und Rhinenzephalon,
Karzinomerkrankung, Therapie des Aneurysmas, Kindersterblichkeit etc.
Arbeiten über Hirnwindungen und Hirnfunktionen: Entdecker des nach ihm
benannten Sprechzentrums. Stellte 1861 einen Patienten mit Aphasie
namens "Tan" vor, der in der 3. frontalen Hirnwindung -- der späteren
Area Broca –--eine syphilitische Läsion hatte. Gründete 1848 eine
Gesellschaft der Freidenker, unterstützte die Thesen von Darwin und
gründete 1859 die anthropologische Gesellschaft in Paris; entwickelte
Methoden der Schädelmessung (Kraniometrie) etc. Schrieb mehrere hundert
Bücher, so 53 über Hirnstudien. Setzte sich für Arme bzw. deren soziale
Anliegen bei Krankheiten usw. ein.
Brodmann, Korbinian (1868--1918)
bdt. dt. Neurologe (Berlin), in Zusammenarbeit mit
® Alois Alzheimer Begründer der modernen Neuroanatomie;
vergleichende Zytoarchitektonik des ZNS. Führte die nach ihm benannte
Hirnrindenkarte ein.
"Brompton-Cocktail"
Syn.: Mixtura pro moribundo, Mixtura pro euthanasia euphoriens. Seit
Jahrzehnten in Großbritannien gebrauchter, je nach Bedarf und Klinik
abgeänderter "Cocktail" für terminale Schmerzzustände. Enthält
ursprünglich Kokain, Äthylalkohol, Chloroformwasser und Diamorphin
(Heroin).
Brooke Rupert (1887--1915)
bdt. britischer Literat (u.a. patriotische Kriegsgedichte).
Brown-Séquard, Charles Èdouard (1817--1894)
Auf der Insel Mauritius geborener frz. Arzt und Physiologe; Arbeiten
in England, Frankreich, USA (Harvard Universität 1866), Mauritius;
veröffentlichte 1849: "De la transmission croisée des impressions
sensitives par la moelle épinière" (1849) sowie u. a. "Recherches sur la
transmission des impressions de tact, de chatouillemnet, de douleur, de
température et de contraction (sens musculaire) dans la moelle épinière"
(1863).
Brown-Séquard-Syndrom
Nach B.-S. benanntes Syndrom mit Schwäche, einseitiger Spastizität und
kontralateraler Schmerz- und Temperaturempfindungseinschränkung;
beispielsweise nach therapeutischer Rückenmarksbestrahlung auftretend
(Myelopathie-induziert).
Bruera, Eduardo (1955*)
bdt. argentin., in Kanada tätiger Schmerzarzt.
Brune, Kay (Freital/Deutschland 1941*)
bdt. dt. Pharmakologe (Universität Erlangen; saure antipyretische
Analgetika und Schmerz)
Btm
dt. Abk. für Betäubungsmittel.
Buchheim, Rudolf (1820--1879)
Gründer des ersten Instituts für experimentelle Pharmakologie
(Dorpat), mit Karl Gaehtgens (1867--1898) Begründer der Giessener Schule
für Pharmakologie.
Büchner Georg (Goddelau/Darmstadt 1813--1837 Zürich)
Sohn eines Arztes; Studium der Medizin und Naturwissenschaften in
Strassburg (1831--1833), Gießen und Darmstadt (1833--1835), Flucht nach
Strassburg (1835--1836) sowie Zürich (1836--1837). Hier Promotion Dr.
phil. und Privatdozent für Anatomie ("tags das Skalpell und nachts die
Bücher"). Früher Tod an Typhus-Erkrankung. Büchner verbandt bedeutende
Gesellschaftskritik mit bedeutendem literarischen Schaffen; gründete
1834 die "Gesellschaft für Menschenrechte" und klagte in "Der hessischen
Landbote" die Ungerechtigkeiten zwischen Adel, Junkertum, Arbeitern und
Bauern an: "Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden,
aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt, ja sogar der, welcher die
Wahrheit liest, wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft. Darum
haben die, welchen dies Blatt zukommt, folgendes zu beobachten:
1. Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres Hauses vor der
Polizei verwahren;
2.sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
3.denen, welche sie nicht trauen, wie sich selbst, dürfen sie es nur
heimlich hinterlegen;
4. würde das Blatt dennoch bei Einem gefunden, der es gelesen hat, so
muss er gestehen, dass er es eben dem Kreisrat habe bringen wollen;
5.wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm findet, der ist
natürlich ohne Schuld.
Friede den Hütten! Krieg den Palästen!.
Mit Wilhelmine Jaeglé verheiratet (die leider einen grossen Teil der
Briefe verbrannte); mit "Woyzek" (Fragment im Darmstädter Dialekt) und
"Danton's Tod" (1835) Begründer einer dokumentarisch unterstützten
Dramatik, daneben bedeutender Poet ("Lenz", "Leonce und Lena" etc), die
er in Zürich in der Spiegelgasse N° 12 schrieb (in der N° 14 weilte
später Lenin). Der leider nur fragmentierte Rest des Büchnerschen
Briefwechsels spiegelt die damalige Repression (Festungshaft,
Hinrichtungen etc.) in deutschen Landen wieder. Sein Bruder Ludwig
(1824--1899) gründete den "Deutschen Freidenkerbund", förderte die
Lehren Darwins, des Materialismus sowie die Herausgebe der Werke seines
Bruders Georg.
Bumke Oswald (Stolp/Pommern 1877—1950 München)
Nach Medizinstudium in Freiburg, Leipzig, München, Halle Habilitation
in Psychiatrie (Freibunrg), danach Tätigkeit in Breslau, Leipzig,
München. 1923 Konsiliarius beim erkrankten Lenin in Moskau
(Rapallo-Vertrag! Siehe auch Oscar Vogt!). 1946 durch die Allierten vom
Amt ungerechterweise suspendiert, obwohl Bumke Nazi-Gegner war, 1912 im
Buch "Überdie nervöse Entartung" sich wie auch später gegen die NSDAP
"Eugenik" aussprach, 1928 als Rektor der Uni München das Tragen von
braunen Uniformen verbot und eine Unterstützung einer "genealogischen
Forschung" durch Ernst Rüdin verweigerte. 1934 wurde sein Gesuch um
Beurlaubung abgelehnt. 1947 endlich "rehabilitiert". 1952 Biographie:
"Erinnerungen und Betrachtungen. Der Weg eines dt. Psychiaters".
Burdach, E. Friedrich (1776--1847)
bdt. dt. Neuroanatom (Königsberg), nach ihm benannt u. a. Burdachs
Strang (Fasciculus cuneatus).
Buytendijk, Frederik Jacobus Johannes (Breda/Holland 1887--1974)
Bdt. holländischer Verhaltensforscher (v. a. Psychologie der Tiere):
"Traité de psychologie animale" (1952).
Quelle: Glossar
zum "Handbuch
der Schmerztherapie" (Hsg.: Herman Hans
Waldvogel), gewidmet Ernst von der Porten, einem der Wegbereiter der
moderenen Schmerztherapie. Ernst von der Porten wurde von der Gestapo,
gemeinsam mit seiner Frau, im "freien Teil Frankreichs" in den Tod
getrieben.
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haGalil onLine 14-10-2001
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