Lexikon zur Schmerzmedizin

Babinski, Joseph (1857--1932)
Frz. Neurologe polnischer Abstammung. Schüler von ® Charcot. publizierte u. a. 1896: "Le réflexe cutané plantaire dans certaines affections organique du système nerveux". Nach Babinski wird der B.-Reflex (Großzehenreflex bei Pyramidenbahnschäden, 1896), das B.-Ohr-Phänomen, das B.-Nageotte-Syndrom, das B.-Vaquez-Syndrom, das Anton-B.-Syndrom, sowie das B.-Fröhlich-Syndrom bezeichnet. Babinsky studierte Allgemeinmedizin, publizierte Arbeiten über Typhus (1882), wurde einer der Pioniere der frz. Neurologieschule (Charcot, Brissaud, Pierrie Marie, Déjérine), initiierte die frz. Neurochirurgie (® de Martel, ® Vincent) und befasste sich in seinen letzten Arbeiten mit Psychologie (1930: Arbeiten über Hysterie).

Bahnung
Neurophysiologischer Begriff der Vorbereitung der Nervenzelle durch unterschwellige Reize. Damit wird die Schwelle für neueintreffende Impulse laufend erniedrigt. Die Summation dieser Impulse führt zur Impulsausbreitung. Gegenteil: Hemmung.

BAI
Abk. für Beck anxiety inventory (nach Beck et al. 1988).

Baillarger, François (1809--1890)
Bedeutender frz. Neurologe; beschrieb kortikale Schichten und wies nach, dass das menschliche Hirn im Verhältnis zu seinem Gesamtvolumen kleiner ist als bei niedrigen Tieren.

balanced analgesia
Analgesietechnik mit Ziel, die zentrale (spinale, supraspinale) Schmerzmodulation spezifisch mittels "zentraler Analgetika" vom Typ Opioid, die periphere Schmerzmodulation gleichzeitig mittels "peripherer Schmerzmittel" vom Typ Entzündungshemmer (bzw. COX-Inhibitoren) zu beeinflussen. Waldvogel u. Fasano (1983) führten erfolgreich Hemikolektomien unter spinaler Lofentanilgabe in Kombination mit "peripheren Analgetika" durch. "The aim was to block nociceptive transmission at medullary receptor site level and to act as well on the peripheral genesis of pain, a procedure we could define as a kind of balanced analgesia technique comparable to balanced anaesthesia techniques" (Der Anästhesist 1983, S.32, A 17.6); die Namengebung wurde durch ® J.S. Lundys Konzept der "balanced anaesthesia" (1926) geprägt.

Bamm, Peter (Pseudonym für Curt Emmrich; Hochneukirch bei Grevenbroich 1897--1975 Zollikon)
Freiwilliger des 1. Weltkriegs; Studium der Medizin, als Chirurg bzw. Schiffarzt Weltreisen und Kriegschirurg 1940--1945: "Die unsichtbare Flagge".

Barästhesie
Drucksinn.

Barästhesiometer
Ein Instrument zur Messung des Drucksinns.

Barker, A.E. (1850--1916)
Führte hyperbare Techniken bei der Spinalanästhesie ein.

Barré-Liéou-Syndrom (auch: Neri-Barré-Liéou-Syndrom)
Nach dem Strassburger Neurologen J.A.B. Barré (1880--1967) benanntes mit Kopfschmerzen einhergehendes Krankheitsbild (Neuralgiesyndrom mit Mitbeteiligung des autonomen Nervensystems bei Schädigung der Halswirbelsäule).

Bärtschi-Rochaix Syndrom
Nach W. Bärtschi-Rochaix benannte halbseitige, anfallsmässig (migräne-artig) mit Schwindel, Seh- und Hörstörungen auftretende Kopfschmerzen auf der Grundlage von posttraumatischen Veränderungen der Halswirbelsäue (v. a.: A. vertebralis, Spinalnerven).

Bartter-Syndrom ("Prostaglandismus")
Nach dem Endokrinologen F.C.B. Bartter am Bethesda-Spital/Maryland 1962 beschriebene autosomal-hereditäre primäre PGE2-Überproduktion (Nierenmark), Renin-Angiotensinbildung ­ = Hyperaldosteronismus (renaler Kaliumverlust), ADH-Hemmung (erhöhte renale Wasserverluste), Stimulation des Kallikreinsystems mit erhöhter Kininfreisetzung (Vasodilatation), Muskelschwäche, Ödeme, Hypotension, Kreislaufschwächen. Symptomatische Therapie: PG-Synthesehemmer (z. B. ® Indometacin).

Basbaum, Allan I. (Montreal 1947*)
bdt. kanadischer Schmerzforscher.

Basler Chemische Industrie
® Geigy, ® CIBA, ® Sandoz (1996 zu Novartis fusioniert), Durand und Huguenin, ® Hoffmann-La Roche, Müller-Pack etc. Erste Anfänge gehen auf den Frühkapitalismus im 18. Jahrhundert zurück (einfache Produktionsherstellung wie Seidenbandindustrie, Färbereien, Engros-Handel mit Rohwaren wie Drogen, Gewürzen, daneben Kleinhandel); gefördert durch die günstige Verkehrslage sowie sog. Refugianten (in der Regel hochbegabte, kultivierte und reiche Religionsverfolgte) aus Frankreich, Holland etc. Später u. a. durch den bedeutenden Nationalökonomen Christoph Bernoulli geprägt. Ausbau der Verkehrsmittel (erste schweizer Bahn ins Elsaß! Erster Tunnelbau zwischen Basel und Olten: Hauenbergtunnel 1858; ab 1881 Telefonnetz, ab 1895 Ausbau des Oberrheins bzw. des Basler Rheinhafens). Erste (heute verkümmernde!) Anfänge eines eigentlichen übernationalen Regionalismus (Regio Basiliensis mit Elsass und Baden). Der v. a. durch die Familie Geigy geförderte Bahnbau wurde v. a. von den katholischen Konservativen (Basel-Stadt war traditionsmässig protestantisch) als schlimme "Negoziation" gegenüber den "falschen Welschen" interpretiert und ein Herr Professor Reber schrieb über das "Trojanische Pferd Bahn":

Du Geist des alten Priamos.
Erschein im großen Rate!
Erzähl im von dem hölzernen Roß.
Das deinem Troja nahte.
Sag ihm: Zerbrechet nicht Euren Wall.
Und werdet dieses Rosses Stall.
Sag ihm: es sei ganz einerlei.
Ob’s Ross von Holz, von Eisen,
Und ob der, der im Bauche sei,
Franzos oder Grieche mög‘ heißen!

Bayer, Friedrich (Barmen 1825--1880)
Farbstoffkaufmann, gründete 1863 die Firma Bayer & Co.

Bayes, Thomas, Mathematiker, anglikanischer Geistlicher (Reverend) (1702--1761)
Untersuchte erstmals, wie aus empirisch gewonnenen Daten auf eine zugrundeliegende Wahrscheinlichkeit von Ursachen zurückgeschlossen werden kann. Stellte eine komplizierte Formel ("Bayes-Regel") auf, die -- 1763 nach seinem Tode publiziert und zunächst unverstanden -- später vom französischen Mathematiker Pierre Simon Marquis de Laplace (1749--1827) in seiner Darstellung der Wahrscheinlichkeitsrechnung (1812--1814) aufgegriffen wurde. Der Lehrsatz nach Bayes ist heute Ausgangspunkt für komplizierte logisch-statistische Wahrscheinlichkeitsüberlegungen. 1992 wurde die International Society for Bayesian Analysis (ISBA) mit der Aufgabe gegründet, Bayesianische statistische Theorien und Methoden für theoretische und praktische Anwendungen in Industrie, Wissenschaft (Medizin: ® Cochrane-Bewegung) und Politologie zu fördern.

BDNF
engl. Abk. für "brain derived neurotrophic factor", zur Superfamilie der sog. Trophikfaktoren bzw. "nerve growth factors" gehörend, die Trophik und Differenzierung zentraler und peripherer Nerven beeinflussend.

Becher, Johannes Robert (München 1891--1958 Berlin)
Studium der Medizin und Philosophie. 1914 "Verfall und Triumpf"; 1934 "zwangsausgebürgert"; nach Emigration in Moskau ab 1954 Kulturminister der DDR.

Bechtherev von, Vladimir Maikhailowitsch (1857--1927)
Bedeutender russischer Neurologe, Schüler des bedeutenden dt. Psychiaters und Neurologen Paul Flechsig (Zwickau 1847--1929 Leipzig); nach ihm werden zentrale Kerne (Nucleus vestibularis rostralis), Erkrankungen (Sponylarthritis ankylopoetica der Wirbelsäule), Reflexe (Augenreflex, paradoxer Pupillenreflex, Hackenreflex, Pronationsreflex, Karpometakarpalreflex, Bechterew-Mendel-Plantarreflex) sowie das B.-Syndrom (bei Druck auf Wadenbein bzw. N. fibularis kein Druckschmerz bei Tabes dorsalis) und das B.-Ischiasphänomen (Ischiassyndrom) benannt.

Beecham, Sir Thomas (1879--1961)
Weltberühmter Dirigent; ab 1919 künstlerischer Leiter des Covent Garden Opera House. Zusammen mit seinem Vater Sir Joseph als Inhaber der Beecham Pharmaceutical Company Aufkauf des Covent Garden Estate (u. a. mit Royal Opera House, Theatre Royal, Drury Lane etc.) 1914. Finanzierte aus dem Verkauf u. a. von Aspirin, das sein Großvater Thomas als Pharmazeut in Lancashire herstellte, u. a. seine von ihm geleitete Beecham Opera Company (1915 bis zum finanziellen Debakel 1920) sowie die British National Opera Company. Autobiographie 1944: "A mingled chime".

Beecher, Henry K. ([ursprünglich dänischer Namen Unangst], Wichita/Kansas 1904--1976)
Studium der Chemie (Universität Kansas); danach 4 Jahre Vorsteher des dortigen Chemieinstitutes; weitere Studien an der Harvard-Universität bis 1932; 1 Jahr Physiologie beim Nobelpreisträger August ® Krogh in Dänemark, danach Chirurgieassistent. Als der für Anästhesie am Mass. Gen. Hospital verantwortliche Chirurg Bradshaw nach 4 Jahren die Tätigkeit 1936 quittierte, wurde Beecher als Protegé seines v. a. für Lungenchirurgie berühmten Chefs Churchill 1936(--1969) Nachfolger des Anästhesiedienstes, obwohl Beecher keine formelle Ausbildung in Anästhesiologie hatte. Publizierte 1938 "The Physiology of Anaesthesia", wurde 1939 Anästhesie-"Instruktor", ab 1941--1970 erste Harvard-Professur für Anästhesie (Henry-Isaiah-Dorr-Professur). Erst 1942 Fellow American College of Anesthesiology. Die Rolle Beechers als Lehrer ist unklar. Gravenstein erinnert sich nicht, ihn einmal im Operationssaal während seiner Harvardausbildung gesehen zu haben; ebenfalls soll Beecher – der sich offenbar mit hervorragenden Mitarbeitern umgab – weder Risiko- noch Intensivpflegepatienten versorgt haben. Beechers Ansicht der "modernen Anästhesie" war: "anesthesia technique can be mastered by ordinary men who are ordinarily deft, with only a modest requirement of intelligence and of knowledge and judgement"; ebenso lehnte er die Bezeichnung "Anesthesiology" ab (diese Namengebung lehnte auch ® Macintosh ab, aber aus ganz anderen, nämlich kulturell-linguistischen Gründen). 1954 zusammen mit Todd Arbeit über Äther und d-Tubocurarin, aufgrund deren falschen Schlussfolgerungen sowie des hohen Militärranges von Beecher d-Curare im Koreafeldzug schlichtweg verboten wurde. Beecher gründete mit Dripps u. Papper zusammen eine "elitäre" Association of University Anesthetists. 1959 "Measurement of subjective responses" (Oxford University Press). Die vielbeachtete JAMA – Publikation 1955 "The powerful placebo" erlaubte den Durchbruch des biomedizinischen, seit ca. 1946 an verschiedenen führenden amerikanischen Universitäten erarbeiteten (aber seit Jahrhunderten bekannten) Konzepts der ® Placebowirkung ("Conference on therapy. The use of placebos in therapy. NYJ Med 1946; 17: 722--727) und Doppelblindstudien auf breiter Basis in der Klinik. Unter anderem beschrieb Beecher Placebowirkungen "that can produce gross physical changes, including objective changes at the end organ with may exceed those attributable to potent pharmacological action". Siehe auch ® Hill, Bradford Austin. Beecher Schüler war u. a. Werner Hügin (erste Professur für Anästhesiologie in Basel im Rahmen des Chirurgiedepartements) aus der Chirurgieabteilung von Rudolf Nissen (dank der Intervention von Ferdinand Sauerbrauch vor den Nazis in die Türkei gerettet). Beecher besuchte während des Kalten Krieges den Admiral W. Hügin (s. auch ® Gelpke) in Basel, um sich über die damals in Basel durch Sandoz (® Hoffmann etc.) entwickelten Substanzen wie LSD zu erkundigen (in der Annahme, amerikanische Soldaten könnten im Vietnamkrieg etc. in Gefangenschaft diesen Drogen ausgesetzt werden).

Befindlichkeitsskala
In der Schmerztherapie eingesetzte Skala zur Selbsterfassung der Befindlichkeitsqualität (nach Zerssen et al. 1970).

Behring von, Emil (1854--1917)
Erster Nobelpreis in Medizin und Physiologie 1901. Pionier der modernen Immunologie (erstes Diphterie-Antiserum).

Bell, Charles Sir (1774--1842)
Schottischer Physiologe. Arbeiten über Rückenmarkwurzeln. 1830: "The nervous system". In "Essays on the anatomy of expression in painting" Illustrationen in Bezug auf Anatomiekenntnisse für Künstler. Beschrieb, dass sensorische Nerven im ZNS in spezifischen Endkernen enden. Arbeiten über Spinalnerven (u. a. ® Bell-Magendie-Gesetz, 1811: funktionelle Unterschiede zwischen Vorder- und Hinterhorn). Nach ihm benannt: Bell-Lähmung (Fazialislähmung 1821), Bell-Phänomen und Bell-Spasmus (Hemispasmus facialis).

Bell-Magendie-Regel
Nach Sir Charles ® Bell und dem französischen Physiologen F.M. Magendie (1783--1855) benanntes Gesetz, dass die Rückenmarkvorderwurzel efferente motorische, die Hinterwurzel afferente Nervenfasern beinhaltet; wird heute nur noch als Regel anerkannt, da wahrscheinlich auch über die Vorderwurzel afferente Fasern verlaufen .

Belohnungssystem
Höhergeordnetes System hedonischer Verhaltensweisen (Präferenzen, Belohnungseffekt; Anhedonie = Fehlen des Wollustgefühls bzw. Absenz eines allgemeinen Lustgefühls; nach Epikur); involviertes Kerngebiet: Nc. accumbens.

Benn, Gottfried (Mansfeld/Westpreußen 1886--1956 Berlin)
Medizinstudium in Marburg und Berlin. Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin. Büchnerpreis 1951; u. a. Briefwechsel mit Alexander Lernet-Holenia und Reinhold Schneider.

Bennett, Gary Jay (Neptune/New Jersey 1948*)
bdt. Amer. Schmerzforscher (neuropathische Schmerzen)

Benommenheit
Bewusstseinstrübung.

Berger, Hans (1873--1941)
Psychiater in Jena (mit dem Poeten Friedrich Rückert verwandt). Assistent bei Otto Binswanger (1852--1929). Arbeiten mit Oscar ® Vogt und Korbinian Brodmann u. a. über zerebrale Zirkulation. Motiviert durch Arbeiten von Richard Caton (1842--1926), die elektrischen Aktivitäten des Hirns zu erforschen, entdeckte er das EEG (1924; publiziert 1927: "Über das Electroenkephalogramm des Menschen"). Die politische Katastrophe nach 1933 treiben den als melancholisch beschriebenen Arzt und Forscher zum Selbstmord durch Erhängen. Die Erfindung des EEG ermöglichte die neurophysiologisch begründete Epileptiologie sowie (dank Datenverarbeitungstechnik wie Fourier-Technik) das perioperative ZNS-Monitoring (Sedationstiefe, Antinozizeptionsschutz: z. B. ® Bispectral Index).

Berliner Gesundheitshaus
Im Tiergartendistrikt von Ernst Joel (1893--1929; bedeutendem dt. Pazifist mit Gründung des Journals "Der Aufbruch"; 1915 Petition u. a. von Martin Buber, Kurt Eisner, Eugen Diederichs, S. Fischer, Magnus Hirschfeld, Heinrich Mann, Thomas Mann, Alfred Mombert, Frank Wedekind, Walter Benjamin, Alfred Kerr, Gustaf Landauer, Fritz Mauthner, Ferndinand Tönnies, Gustaf Wyneken etc. an die Preussischen Abgeordneten, die Streichung von Joel aus der Studentenliste der Universität Berlin aufzuheben....) und Fritz Fränkel (Lebensdaten unbekannt) gegründete Klinik für Drogenabhängige. Joel und Fränkel – in enger Zusammenarbeit mit Walter Benjamin – waren Pioniere von Drogen und Rausch (die dt. Bezeichung "Rausch" wurde "telquel" im Engl. übernommen) und publizierten über die Pathologie der Gewöhnung, "Morphiumsucht", "Cocainomanie", "Haschisch-Rausch" u. a. auch 1926: "Ist in Deutschland der Anbau von Indischem Hanf notwendig?".

Bernard, Claude (1813--1878)
Hervorragender frz. Physiologe (u. a. Nachweis der Curarewirkung an der motorischen Endplatte 1857, Lecons sur les anesthésiques 1875), konzipierte u. a. die Idee der Experimentalchirurgie, Ausgangspunkt der modernen wissenschaftlichen Medizin. Nach ihm benannt wird das Bernard-Syndrom bzw. Horner-Trias (Enophthalmus, Ptosis, Miosis). Erarbeitete u. a. Ideen über Narkosewirkung, die er einer reversiblen Zellprotoplasmaveränderung zuschrieb: ® Zelltheorie, ® Zellmembran, ® Overtonsche Theorie. 1864 beschrieb Bernard die Interaktion von Chloroform und i.v.-Gabe von Morphin (Narkosevertiefung).

Besson, Jean-Marie (Belfort 1938*)
zeitg. frz. Schmerzforscher.

BET
engl. Abk. (nach Schüttler et al. 1983) für bolus elimination and transfer: ® TCI.

Beta-Endorphin (b-Endorphin)
1976 durch Li u. Chung aus über 500 Kamel-Hypophysenpräparaten (!) nachgewiesenes endogenes Peptid mit einer dem Hypophysenhormon b-Lipotropin identischen Aminosäurensequenz in Position 61--91; in Position 1--4 identische Sequenz wie in Methionin und L-Enkephalin. Die Injektion von b-Endorphin induziert eine opioiderge, naloxonreversible, langanhaltende Analgesie.

Beta-Fasern (b-Fasern)
5--15 mm dicke, myelinisierte Fasern mit hoher Leitungsgeschwindigkeit von ca. 60 m/s. Funktion: Afferenzen aus dem Hautgebiet (Berührungssinn).

Beta-Phase (b-Phase)
Pharmakokinetik; Dreikompartimentmodell: Eliminationsphase, die unmittelbar (theoretisch schon etwas vorher) an die schnelle ® a-Verteilungsphase anschliesst. Selten wird auch eine zusätzliche, sog. "finale" Eliminationsphase ® g-Phase diskutiert (betrifft Wirkstoffe, deren totale Elimination Wochen bis Monate in Anspruch nimmt).

Beta-Wellen (b-Wellen)
EEG-Wellen (unregelmäßige Wellenform; f: 13--30 Zyklen/s; Amplitude 5--50 mV). Werden im Wachzustand (offene Augen) registriert (im Vergleich zu den a-Wellen gemäß der höheren zentralen Aktivität höhere Frequenz, aber kleinere Voltage).

Beta-Rezeptoren (b1-Rezeptoren)
Postsynaptische Rezeptoren des adrenergen Systems; vermitteln positive Bathmotropie, Inotropie.

Beta-Rezeptoren (b2-Rezeptoren)
Postsynaptische Rezeptoren des adrenergen Systems; vermitteln Vaso- und Bronchodilatation, gastrointestinale Relaxation, Uterus- und Blasenrelaxation, Glykogenolysis, Lipolysis.

Betäubungsmittel
Historische (heute obsolete, aber immer noch gebräuchliche) Bezeichnung für Wirkstoffe, die "betäubend" (?) wirken.

Bettelheim, Bruno (1903--1990)
österr. Psychologe 1938; im KZ Dachau und Buchenwald inhaftiert, 1939 freigelassen. Emigration in die USA. Publizierte u. a. über Stress von Einzelpersonen und Massen in extremen Situationen (Konzentrationslager etc.), Kinderpsychologie (Autismus). Auf dt. 1966 "Aufstand gegen die Massen", 1970 erschien "Liebe allein genügt nicht". Universität Tübingen: Leopold-Lucas-Preis 1990.

Bewusstlosigkeit
Koma.

Bewusstsein
Nach dem Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibnitz (Leipzig 1646--1716 Hannover) postulierter Gesamtinhalt der "Ich-Erfahrung" (später: C.G. Jung etc.).

B-Fasern
Histologisch dünne Fasern (1--3 mm) mit einer Leitungsgeschwindigkeit von 10m/s: präganglionäre Fasern des autonomen Nervensystems.

Bias
Engl.: Schräglage, Schieflage; moderne Statistik; ein innerhalb wissenschaftlicher Studien möglicher bzw. auftretender systematischer Denkfehler oder unkontrollierter Einfluss oder verdeckte Voreingenommenheit.

Bielschowsky, Max (1869--1940)
Bedeutender dt. Neurologe und Vater der modernen Neuropathologie. Arbeiten in Frankfurt am Senckenberg Pathologischen Institut.

Bier, August Karl Gustav (Helsen 1861--1949)
Nach Studien in Berlin, Leipzig und Kiel (Promotion 1986) Allgemeinpraktiker, wo er dem berühmten Chirurgen Friedrich von Esmarch (1823--1908) durch seine klinische Begabung auffiel. Innerhalb von 2 Jahren Privatdozent. Durch Iräneus Quincke (1842--1922), ebenfalls an der Kieler Chirurgie, erlebte er die Technik der Lumbalpunktion (was dem eifersüchtigen Quincke zu schaffen machte). Bier erlaubte 1898 seinem Assistenten Hildebrandt, an ihm selbst die erste intrathekale Kokainanästhesie durchzuführen. Publikationen u. a.: "Versuche über Cocainisierung des Rückenmarks"(1899), "Weitere Mitteilungen über Rückenmarksanästhesie"(1901). Später nach Greifswald, Bonn und 1907 als Nachfolger von Bergmanns nach Berlin. Verlor 2 illustre Patienten in der Folge von Appendektomien: den Industriellen Hugo Stinnes (1924; Stefan Zweigs "Kriegsgewinnler") sowie den Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1925). Zog sich 1934 nach Sauen in der Mark (DDR) zurück, wo er als Hobbygärtner den Mischwald miterfand und pflegte. Der nachmalige sowjetische Militärchefarzt war zufälligerweise ein ehemaliger Student von Bier, so dass Bier fortan unbehelligt seinen Lebensabend in Sauen verbringen konnte, wo er mit seiner Ehefrau in einem unscheinbaren Grab in seinem geliebten Wald begraben wurde.

bildgebende Verfahren
CT bzw. Röntgen-computed-tomographie; PET bzw. Positron-emission-computed-tomographie; SPECT bzw. Single-photon-emission-computed-tomographie; MR bzw. magnetische Resonanzverfahren
erlauben die Analyse, Aufzeichnung von Perfusions- bzw. Aktivitätsänderungen (z. B. auf standardisierte Schmerzreize, Gabe von Wirkstoffen etc.) im ZNS etc..

biliäre Exkretion
Die Elimination durch hepatische Exkretion (betrifft MS und Metaboliten): über einen sog. enterohepatischen Kreislauf können solche Stoffe wieder in den systemischen Kreislauf gelangen.

Billroth, Theodor (Rügen 1829--1894)
Ausbildung in Göttingen und Berlin (Schönlein, von Langenbeck). Als 32jähriger nach Zürich berufen. 1867 -- einige Monate nach der Schlacht bei Königgrätz -- durch Kaiser Franz Joseph nach Wien berufen. Billroth war neben seiner weltberühmten chirurgischen Tätigkeit (1881 erste Magenresektion) u. a. Musikjournalist (Allgemeine musikalische Zeitung, Leipzig; NZZ) und Musikkomponist. In einem Brief an Mulicz 1883: "In Zürich habe ich ziemlich viel componirt: 3 Trios, ein Clavierquintett, und ein Streichquartett...Meine sämtlichen Compositionen habe ich vor einigen Jahren den Flammen übergeben, es war schreckliches Zeug! Und stank grässlich beim Verbrennen." Liederkompositionen: davon nur freigegeben "Todessehnsucht" (nach einem Gedicht von Georg Herwegh). Grosser Briefwechsel mit Johannes Brahms, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Ebenfalls grosses Engagement für Pflegepersonal: "Die Krankenpflege im Hause und im Hospitale." 1894 als Schwerkranker (Pneumonie, Depressionen) im Kuraufenthalt in Istrien (Opatia) schrieb er wenige Tage vor seinem Tode:

Nacht ist’s; schon lange lautlose Stille um mich, nun wird’s auch in mir still.

Mein Geist beginnt zu wandern, ein ätherblauer Himmel wölbt sich über mir. Ich schwebe körperlos empor. Es klingen die schönsten Harmonien von unsichtbaren Chören, in sanftem Wechsel gleich dem Atmen der Ewigkeit! Auch Stimmen nehm ich wahr, die Worte sind ein leises Rauschen, Klingen: "Komm müder Mann, wir machen Glücklich Dich. In dieser Sphären Zauber befreien wir Dich vom Denken, der höchsten Wonne und dem tiefsten Schmerz der Menschen. Du fühltest Dich als Theil des Alls, sei nun im ganzen All vertheilt, das Ganze zu empfinden mächtig."

Binding, Rudolf Georg (Basel 1867--1938 Starnberg)
Jura- und Medizinstudium, dann Schriftsteller: sein Vater Karl Ludwig Lorenz (1841--1920) schuf die staatsrechtlich-politischen Grundlagen zur späteren nationalsozialistischen ® "Euthanasie" (s. auch: Hoche). Kavallerie-Offizier während des I. Weltkriegs. Schrieb später in einem Gedicht:.

"Was ist Eroberung noch? Unheilig wird die Beute der tausend Tausendjahr. Es glüht das Heute. Erschaffe, heilige - Schöpfer - deine Zeit."

Bing, Robert (1878--1956)
Neurologe; beschrieb das Bingsche Kopfschmerzensyndrom (Syn.: Horton -Syndrom).

Bioinversion
Der in vivo bei Razemat-Molekülen aber auch Enantiomeren mit asymmetrischem C-Atom vorkommender spontane Wechsel bzw. Umkehr von einer Enantiomerform (z. B. S, R-Form) zur anderen (z. B. 2-Arylpropionsäureabkömmlinge, Ibuprofen).

Biomembran
In der klinischen Pharmakologie wichtige Trennschichten zwischen Blutorgan und ZNS ("Blut-Hirn-Barriere"), mütterlichem und fetalem Kreislauf ("diaplazentäre Passage") oder Milch und Säugling ("translaktale Passage"). Ziel der Forschung sind die multiplen passiven und aktiven Transportsysteme dieser früher fälschlicherweise als rein passiv angenommenen Trennschichten.

Biosensor
Spezifische Strukturen, die imstande sind, die Anwesenheit und Konzentration von Molekülen und Strukturen in quantifizierbare physikalische Signale umzuwandeln (z. B. ® zirkumventrikuläre Signale).

Biotransformation
Syn.: Metabolismus, Verstoffwechselung: Die durch Enzyme katalysierte Umwandlung eines Xenoliganden in eine andere Molekülart; bei der hepatischen (wichtigsten) Biotransformation wird eine Phase I (Oxidation, Reduktion, Hydrolyse) sowie eine Phase II (Konjugation z. B. mit Glukuronsäure) unterschieden. Daneben biotransformieren andere Organe wie Lungengewebe, Plazenta, ZNS etc.

Bioverfügbarkeit
Syn.: "bioavailability", systemische oder biologische Verfügbarkeit; auch Bioäquivalenz: Anteil eines extravaskuläre verabreichten Wirkstoffes, der im Blut erscheint und für die Zielorgane verfügbar ist. Der Unterschied bei gleicher Dosierung zur i.v.- Gabe, bestimmt anhand der Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve (® AUC), ergibt den Unterschied. Die relative Bioverfügbarkeit ist die Bestimmung einer Standard- mit einer Testdosis bei einem Wirkstoff, der nicht i.v. gegeben werden kann. Bei nichtinvasiver Anwendung wird die Bioverfügbarkeit durch die ® Resorptionsphase (Biomembrangängigkeit, aktive und passive Resorption etc.) entscheidend beeinflusst; bei nichtinvasiver und invasiver Gabe wird die Bioverfügbarkeit durch die ® hepatische (und pulmonale etc.) Extraktionsrate beeinflusst .

Bi-spectral-EEG
Für pharmakodynamische Messung einer iatrogenen Depression des ZNS eingesetzte EEG-Technik, wobei die einzelnen EEG-Komponenten dank Fourier-Transformation in entsprechende Sinuswellen umgewandelt werden und dann die individuellen Phasenverschiebungen zwischen den Wellen analysiert werden, wobei ein einzelner Parameter, gekennzeichnet durch einen numerischen Index 0--10 entsteht (= bi-spektraler-Index), der in Beziehung zur Sedation bzw. Anästhesietiefe steht.

BJA (auch Br J Anaesth)
Abk. für das 1923 durch den amerikanischen Anästhesisten H.M. Cohen (New York 1875--1929 Manchester) und Engländer ® H.E.H. Boyle gegründete British Journal of Anaesthesia.

Blindversuch
Wirkungsprüfung. Einfacher Blindversuch: Versuchsperson geblindet. Doppelter Blindversuch: Versuchsperson und Versuchshelfer geblindet.

Blinkreflex
Augenschutzreflex der Augenlider; kann in der Schmerzforschung auch als "schmerzbedingter Blinkreflex" ("pain evoked blink reflex") durch noxische Laserstimuli (z. B. supraorbitale Nervenstimulation mit Laserpuls; Arbeiten von Ellrich, Bromm etc.) erzeugt werden.

Blut-Hirn-Schranke
Biologische Trennmembran mit multiplen aktiven Transportmechanismen zwischen Hirn und Blutkreislauf . Von der Blut-Hirn-Schranke partiell ausgenommen sind dank fenestrierten Kapillarbetten die sog. ® zirkumventrikuläre Organe (z. B. Chemotriggerzone).

Boas, Walter (Berlin 1904--1984)
Vater Arthur Boas hatte in Berlin eine Allgemeinpraxis und starb früh an einer Herzattacke. Klassisches Gymnasium (lat., griech., frz.) mit Abitur 1922. Technische Hochschule sowie Arbeiten bei Siemens und Halske mit Abschluss in angewandter Physik (Dipl.-Ing., 1928). Forschung am Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallkunde, u. a. auch Kristallplastizität (Verhalten von Kadmium etc.). 1932 nach Fribourg im Uechtland: die hier mit Schmid 1935 publizierten Arbeiten wurden in englischer Übersetzung noch 1968 herausgegeben! 1935 zu Scherrer nach Zürich (ETH); als protestantischer Jude in der Schweiz nicht sicher, Emigration nach London an das kgl. Faraday-Institut...wo er als erstes begann, Englisch zu lernen...und englische Küche zu goutieren (Interview 1973). Emigration 1938 nach Australien (Universität Melbourne). Nach dem Krieg Treffen mit (dem Anti-Nazi) Becker (Göttingen) und Wassermann (Clausthal). Gründete u. a. mit dem befreundeten Linus ® Pauling die australische Pugwash-Gruppe. Nach ihm benannt die Walter-Boas-Medaille sowie der Walter-Boas-Gedächtnis-Preis.

Boehringer
Würtembergische Unternehmerfamilie aus Kirchheim unter Teck. Johann Friedrich Boehringer (1791--1867) gründete 1817 zusammen mit Christian Gotthold Engelmann die Drogenhandlung (Chinin, Morphin, Chemikalien wie Weinsäure, Äther, Chloroform etc.) Engelmann & Boehringer in Stuttgart. 1872, nach Ausscheiden Engelmanns, als Firma C.F. Boehringer Söhne aus verkehrstechnischen Gründen nach Mannheim verlegt. Albert Boehringer (1861--1939) erwarb seinerseits 1885 eine zum Verkauf stehende kleine Weinsteinfabrik 1885, aus der die spätere Boehringer Ingelheim entstand. Die Mannheimer Boehringer ging nach dem Tode des älteren Bruders des Firmengründers 1892 in den Besitz der Familie Engelhorn über. Das im Firmenzeichen der Firma Boehringer Ingelheim stilisierte Bildzeichen repräsentiert den Mittelbau des Ingelheimer Kaiserpfalz Karls des Grossen.

Boerhaave, Hermann (1668--1738)
holländischer Arzt; Begründer der klinischen Visite bzw. der medizinischen Ausbildung am Krankenbett.

Bonhöffer, Dietrich (Breslau 1906--1945 KZ Flossenburg)
Sohn des Geheimrats und Psychiatriechefarztes Karl Bonhöffer, Theologiestudium mit Promotion 1927 "Sanctorum communio", nach Studienaufenthalten in Rom und New York, Antrittsvorlesung in Berlin "Die Frage nach dem Menschen in der gegenwärtigen Philosophie und Theologie" 1930; Eröffnung der Charlotter Jugendstube 1932 (1933 zwangsgeschlossen), Freundschaft mit Hans von Dohnanyi, Mitglied der deutschen Résistance und der Bekenntniskirche; 1943 verhaftet und im Wehrmachtsgefängnis Tegel inhaftiert, danach Gestapogefängnis an der Prinz-Albrecht-Strasse, im Konzentrationslager Flossenburg (bayerische Oberpfalz; Hinrichtungsort von Admiral Canaris) am 09.04.1945 -- nur wenige Tage vor der Evakuation des Lagers am 20.04. (Beginn der "Todesmärsche") und Selbstmord des "purpurnen Sinnbilds des Deutschtum" bzw. Adolf Schicklgruber alias Hitler (siehe auch Ina Seidel) am 30.04.1945 -- hingerichtet.

Bonica, John J. (ital. Mittelmeerinsel Filicudi 1917--1994)
Emigration nach New York. Früh Halbwaise; Zeitungsverkäufer, Medizinstudium mit Abschluss 1942 Marquette University School of Medicine; Armeeanästhesist; Anfänge der Schmerztherapie an Kriegsverletzten sowie geburtshilfliche Anästhesie. Publikation 1953: "The Management of Pain." 1960--1978 Vorsteher der Anästhesiologieabteilung der Universitätsklinik Seattle. Revolutionierte die moderne Schmerzpraxis: Gründung eines multidisziplinären Schmerzforschungsinstituts (d.a. realisierte die von Ernst von der Porten schon 1928 postulierte interdisziplinäre Schmerzmedizin!). Erster Herausgeber der Publikation "Pain". Herausgeber des Referenzbuches: "The Management of Pain" (1990). Mitgründer der ® IASP (International Association for the Study of Pain).

Bonnet, Charles (1720--1793)
Genfer Naturforscher und Philosoph, nach dem das sog. Charles-Bonnet-Syndrom benannt ist: v. a. bei älteren, psychisch gesunden Menschen auftretende nicht erklärbare, offenbar unschädliche, oft isolierte visuelle Halluzinationen, die in der Klinik oft vom Patienten dem behandelnden Arzt aus Angst nicht mitgeteilt werden. Publizierte 1760 "Essai analytique sur les facultés de l’âme".

Boot, Jesse (1850--1931)
Gründer der Boots Company. Litt an chronischer Polyarthritis. Bei der Fa. Boots wurde 1965 das "Analgetikum-Antirheumatikum" ® Ibuprofen durch Stewart Adams und John Nicholson synthetisiert.

Borison, Herbert Leon (1922--1990)
Pharmakologe an der Dartmouth Medical School im amerikanischen Hanover; entdeckte zusammen mit ® Wang die Funktionen der nach ihnen benannten Chemotrigger-Zone sowie des sog. Brechzentrums (1949).

Botulismus
lat. botulus: Wurst; Lebensmittelvergiftung, die erstmals nach Genuss verdorbener Würste durch Dr. Justinus Christian Kerner (1786--1862, Amtsarzt in Baden-Würtemberg und Dichter) beschrieben wurde, deshalb auch: Kernersche Erkrankung. Kerner wies auch auf die Möglichkeit hin, das Toxin als Arznei zur Behandlung von Verkrampfungen, zur Verringerung übermässigen Speichel-, Tränen- und Schweißflusses einzusetzen.

Botulinustoxine
Unter anaeroben Bedingungen durch das grampositive, stäbchenförmige und begeißelte Bakterium Clostridium botulinum mit thermoresistenten Sporen (rasches Keimen in luftabgeschlossenen Nahrungsmitteln) produzierte hochpotente Toxin mit neuro-, entero- und hämotoxischen sowie immunogenen Eigenschaften. Das Botulinustoxin A (Mr um 150000) wird in der Schmerzklinik als ® Adjuvans bei neurologischen Dysfunktionen (muskuläre spastische Dystoniesyndrome; Wirkung: blockiert irreversibel ACh-Freisetzung an cholinergischen Synapsen) eingesetzt.

Boyle, H.E.G. (1875--1941)
Anästhesist, entwickelte die nach ihm benannten Narkosegeräte.

Boyle, R. (1627--1691)
Soll zusammen mit Sir Christopher Wren erste i.v.-Opiuminjektionen (andere Quellen: Bier und Wein) mittels Tierblase und geschärfter Feder durchgeführt haben; andere Quellen geben ® Elsholtz an .

Brachialgia paraesthetica nocturna
Schmerzhafte Dys- und Parästhesie in den Armen, nachts beim Liegen auftretend.

Brachialneuralgie
Plexus brachialis betreffende Neuralgie.

Brachialplexopathie
Syn.: Brachialneuralgie-Syndrom; bei Schädigung des Plexus C8-T1, Infiltration entsprechender Neurone durch Tumore wie Pancoast-Tumor, Mammakarzinom, Lymphom etc., auftretendes Syndrom. Erste Manifestationen vor neurologischen Ausfällen sind Schmerzen im Sinne der (unspezifischen) Brachialneuralgie. Fakultativ auch: ® Horner-Syndrom.

Bradykinesie
Verlangsamte Bewegungen (beispielsweise bei ® Parkinsonismus).

Bradykinin
Abk. Bk; bei Gewebeentzündungen/-verletzungen freigesetztes endogenes Nona-Peptid (9 Aminosäuren: Arg-Pro-Gly-Phe-Ser-Pro-Phe-Arg) mit vasoaktiven, proinflammatorischen, pronozizeptiven Eigenschaften (® Kininsystem). Über Kallikrein aus Plasmaglobulinen (inaktives Bradykininogen) freigesetzt.

Bradykinin-Rezeptoren
Bk1,2,3-R, G-Protein-gekuppelte Zellmembran-Rezeptoren der 7 Transmembransuperfamilie mit Subttypen. Funktion: Bk2-R ubiquitär, konstitutiv (Funktion: akute Entzündungsprozesse, akute Aktivierung Nozizeptoren); Bk1-R induktiv im entzündeten Gewebe, in chronischen Schmerzprozessen inkl. Hyperalgesie involviert; putativ: Bk3-Rezeptor.

Bragard-Zeichen
Nach dem Münchner Orthopäden K.B. Bragard (1890--1973) benannter Ischiasschmerz, der bei Wirbelsäulenerkrankung durch Dorsalflexion des Fußgelenkes bei gleichzeitiger Hüftbeugung des sonst gestreckten Beines auslösbar ist. Ebenfalls Schmerzhaftigkeit bei Aussenrotation des Kniegelenkes bei Meniskusverletzungen.

brain-derived neurotrophic factor
Abk. BNF; zur Superfamilie der Nervenwachstumsfaktoren bzw. trophischen Faktoren gehörend; im peripheren und zentralen NS nachweisbar.

Braun, Heinrich Friedrich Wilhelm (Rawitch/Polen 1862--1934)
Statt Musikstudium Medizinstudium in Dresden mit Abschluss in Chirurgie beim Chirurgen und Transplantationspionier Carl Thiersch (1822 München--1895 Leipzig) in Leipzig. Chirurg in Zwickau. Beeinflusst durch den Halleschen Chirurgen Oberst sowie Schleichs Monographie über "schmerzfreie Eingriffe" (1894), fühlte sich Braun sehr zu neuen Entwicklungen im Anästhesiesektor hingezogen. Erkannte die potentielle Toxizität von lokalinjiziertem Kokain und schlug deshalb 1897 Adrenalin als Zusatz zu Lokalanästhesielösungen vor; führte 1905 Procain in die klinische Praxis ein. Adrenalinzusatzdosisfindungsstudien probierte er an sich selber aus. 1903 schlug er auch vor, Adrenalin bei Herzstillstand zusammen mit äusserer (von Gottlieb im Tierexperiment erfolgreich durchgeführten) Herzmassage einzusetzen. Die Infiltrationsanästhesie mit Procain und Adrenalin wird auch als "Braunsche Anästhesie" , die Umspritzung des Operationsgebiets als "Braun-Hackenbruchsche Anästhesie" bezeichnet. Schlug u. a. die Splanchnikusanästhesie (Parasakralanästhesie) sowie verschiedene nach ihm benannte chirurgische Hilfsmittel (Fixationsschiene, Extension, Transfusionsapparat) vor. Veröffentlichte 1905 "Handbuch zur Lokalanästhesie".

Brecht, Bertolt (Augsburg 1898--1956 Berlin)
Studium der Naturwissenschaften und Medizin, dann Dramaturgie und Schriftsteller: Kleistpreis 1922. Emigration 1933.

Break-through-Schmerzen ("incident pain")
Zu deutsch: sog. Durchbruchschmerz ("Schmerzspitzen", "Schmerzdurchbrüche"); v. a. im Verlauf von Terminalerkrankungen bei sonst optimal in Bezug auf Analgesie eingestellten Patienten durch Tumorinvasion, Entzündung, aber auch Bewegung (Mobilisation, Husten, Würgen und Erbrechen etc.) auslösbare akute Schmerzzustände.

Briefing
Kurzinstruktion, Kurzanweisung, Einsatzbesprechung zur optimalen Arbeitsvorbereitung mit spez. Berücksichtigung von Notfallsituationen. Als sog. Debriefing wird die entsprechende Befragung nach Einsatz bezeichnet, die zur Auswertung dient.

Brissaud, Eduard (1852--1909)
bdt. frz. Neurologe (Arbeiten u. a. über Parkinsonismus, Tics, Tortikollis); Schüler von ® Charcot und ® Lasègue.

Broca, Paul Pierre (Sainte-Foy-la-Grande 1824--1880 Paris, Todesursache Hirnaneurysma)
frz. Chirurg. Schon als Kind extrem gebildet in Literatur, Mathematik und Physik. Medizinstudium mit 20 Jahren in Paris beendet, wo er Professor für chirurgische Pathologie wurde. Brillante Arbeiten über Knorpel, Knochen, limbisches System und Rhinenzephalon, Karzinomerkrankung, Therapie des Aneurysmas, Kindersterblichkeit etc. Arbeiten über Hirnwindungen und Hirnfunktionen: Entdecker des nach ihm benannten Sprechzentrums. Stellte 1861 einen Patienten mit Aphasie namens "Tan" vor, der in der 3. frontalen Hirnwindung -- der späteren Area Broca –--eine syphilitische Läsion hatte. Gründete 1848 eine Gesellschaft der Freidenker, unterstützte die Thesen von Darwin und gründete 1859 die anthropologische Gesellschaft in Paris; entwickelte Methoden der Schädelmessung (Kraniometrie) etc. Schrieb mehrere hundert Bücher, so 53 über Hirnstudien. Setzte sich für Arme bzw. deren soziale Anliegen bei Krankheiten usw. ein.

Brodmann, Korbinian (1868--1918)
bdt. dt. Neurologe (Berlin), in Zusammenarbeit mit ® Alois Alzheimer Begründer der modernen Neuroanatomie; vergleichende Zytoarchitektonik des ZNS. Führte die nach ihm benannte Hirnrindenkarte ein.

"Brompton-Cocktail"
Syn.: Mixtura pro moribundo, Mixtura pro euthanasia euphoriens. Seit Jahrzehnten in Großbritannien gebrauchter, je nach Bedarf und Klinik abgeänderter "Cocktail" für terminale Schmerzzustände. Enthält ursprünglich Kokain, Äthylalkohol, Chloroformwasser und Diamorphin (Heroin).

Brooke Rupert (1887--1915)

bdt. britischer Literat (u.a. patriotische Kriegsgedichte).

Brown-Séquard, Charles Èdouard (1817--1894)
Auf der Insel Mauritius geborener frz. Arzt und Physiologe; Arbeiten in England, Frankreich, USA (Harvard Universität 1866), Mauritius; veröffentlichte 1849: "De la transmission croisée des impressions sensitives par la moelle épinière" (1849) sowie u. a. "Recherches sur la transmission des impressions de tact, de chatouillemnet, de douleur, de température et de contraction (sens musculaire) dans la moelle épinière" (1863).

Brown-Séquard-Syndrom
Nach B.-S. benanntes Syndrom mit Schwäche, einseitiger Spastizität und kontralateraler Schmerz- und Temperaturempfindungseinschränkung; beispielsweise nach therapeutischer Rückenmarksbestrahlung auftretend (Myelopathie-induziert).

Bruera, Eduardo (1955*)
bdt. argentin., in Kanada tätiger Schmerzarzt.

Brune, Kay (Freital/Deutschland 1941*)

bdt. dt. Pharmakologe (Universität Erlangen; saure antipyretische Analgetika und Schmerz)
Btm
dt. Abk. für Betäubungsmittel.

Buchheim, Rudolf (1820--1879)
Gründer des ersten Instituts für experimentelle Pharmakologie (Dorpat), mit Karl Gaehtgens (1867--1898) Begründer der Giessener Schule für Pharmakologie.

Büchner Georg (Goddelau/Darmstadt 1813--1837 Zürich)
Sohn eines Arztes; Studium der Medizin und Naturwissenschaften in Strassburg (1831--1833), Gießen und Darmstadt (1833--1835), Flucht nach Strassburg (1835--1836) sowie Zürich (1836--1837). Hier Promotion Dr. phil. und Privatdozent für Anatomie ("tags das Skalpell und nachts die Bücher"). Früher Tod an Typhus-Erkrankung. Büchner verbandt bedeutende Gesellschaftskritik mit bedeutendem literarischen Schaffen; gründete 1834 die "Gesellschaft für Menschenrechte" und klagte in "Der hessischen Landbote" die Ungerechtigkeiten zwischen Adel, Junkertum, Arbeitern und Bauern an: "Dieses Blatt soll dem hessischen Lande die Wahrheit melden, aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt, ja sogar der, welcher die Wahrheit liest, wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft. Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt, folgendes zu beobachten:

1. Sie müssen das Blatt sorgfältig außerhalb ihres Hauses vor der Polizei verwahren;

2.sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;

3.denen, welche sie nicht trauen, wie sich selbst, dürfen sie es nur heimlich hinterlegen;

4. würde das Blatt dennoch bei Einem gefunden, der es gelesen hat, so muss er gestehen, dass er es eben dem Kreisrat habe bringen wollen;

5.wer das Blatt nicht gelesen hat, wenn man es bei ihm findet, der ist natürlich ohne Schuld.

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!.

Mit Wilhelmine Jaeglé verheiratet (die leider einen grossen Teil der Briefe verbrannte); mit "Woyzek" (Fragment im Darmstädter Dialekt) und "Danton's Tod" (1835) Begründer einer dokumentarisch unterstützten Dramatik, daneben bedeutender Poet ("Lenz", "Leonce und Lena" etc), die er in Zürich in der Spiegelgasse N° 12 schrieb (in der N° 14 weilte später Lenin). Der leider nur fragmentierte Rest des Büchnerschen Briefwechsels spiegelt die damalige Repression (Festungshaft, Hinrichtungen etc.) in deutschen Landen wieder. Sein Bruder Ludwig (1824--1899) gründete den "Deutschen Freidenkerbund", förderte die Lehren Darwins, des Materialismus sowie die Herausgebe der Werke seines Bruders Georg.

Bumke Oswald (Stolp/Pommern 1877—1950 München)

Nach Medizinstudium in Freiburg, Leipzig, München, Halle Habilitation in Psychiatrie (Freibunrg), danach Tätigkeit in Breslau, Leipzig, München. 1923 Konsiliarius beim erkrankten Lenin in Moskau (Rapallo-Vertrag! Siehe auch Oscar Vogt!). 1946 durch die Allierten vom Amt ungerechterweise suspendiert, obwohl Bumke Nazi-Gegner war, 1912 im Buch "Überdie nervöse Entartung" sich wie auch später gegen die NSDAP "Eugenik" aussprach, 1928 als Rektor der Uni München das Tragen von braunen Uniformen verbot und eine Unterstützung einer "genealogischen Forschung" durch Ernst Rüdin verweigerte. 1934 wurde sein Gesuch um Beurlaubung abgelehnt. 1947 endlich "rehabilitiert". 1952 Biographie: "Erinnerungen und Betrachtungen. Der Weg eines dt. Psychiaters".

Burdach, E. Friedrich (1776--1847)
bdt. dt. Neuroanatom (Königsberg), nach ihm benannt u. a. Burdachs Strang (Fasciculus cuneatus).

Buytendijk, Frederik Jacobus Johannes (Breda/Holland 1887--1974)
Bdt. holländischer Verhaltensforscher (v. a. Psychologie der Tiere): "Traité de psychologie animale" (1952).

 

Quelle: Glossar zum "Handbuch der Schmerztherapie" (Hsg.: Herman Hans Waldvogel), gewidmet Ernst von der Porten, einem der Wegbereiter der moderenen Schmerztherapie. Ernst von der Porten wurde von der Gestapo, gemeinsam mit seiner Frau, im "freien Teil Frankreichs" in den Tod getrieben.
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haGalil onLine 14-10-2001

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