Klinische Pharmakologie / Psychopharmakologie

 
 

 
 
 

Lexikon zur Schmerzmedizin

Haber, Fritz (Breslau 1868--1934 Basel)
Nach Professur 1906--1911 an der TH Karlsruhe, Direktor des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem von 1911--1933 (wo er emigrieren musste, weil er sich weigerte, "nichtarischen" Mitarbeitern zu kündigen). Die Darstellung von Ammoniak unter hohem Druck aus Stickstoff und Wasserstoff (Haber-Bosch-Verfahren) brachte ihm 1918 den Nobelpreis für Chemie. Im gleichen Jahr galt er für die Siegermächte aber auch als Kriegsverbrecher, als "Vater des deutschen Gaskrieges". Haber entwickelte Giftgase und verfolgte persönlich den ersten deutschen Gasangriff 1915 bei Ypern. Seine Frau Clara, selbst Chemikerin, erschoss sich -- den seelischen Druck nicht aushaltend -- mit der Dienstwaffe ihres Mannes. Nach dem Weltkrieg Weiterentwicklung eines Schädlingsbekämpfungsmittel, dem Zyklon B, das später zur Vernichtung menschlichen Lebens durch die Nazis missbraucht wurde. 1933 Emigration nach England. Tod 1934 in Basel, auf dem Weg nach Palästina (bzw. zum Daniel-Sieff-Research-Institute). Familienangehörige des deutschnationalen, zum Protestantismus konvertierten Habers, wurden im Rahmen des sog. Wannseeprojekts mit Zyklon B vergast.

Hackenbruch-Anästhesie
Nach dem Chirurgen Peter Hackenbruch (1865--1924, Wiesbaden) benannte subkutane Umspritzung des Operationsfeldes. Die in Vergessenheit geratene Methode wird heute wieder zwecks Minimalisierung des postoperativen nozizeptiven "Inputs" zur Optimierung der postoperativen Analgesie (v. a. bei Kindern) diskutiert.

HAD
Palliativ- und Schmerzmedizin, Abk. für "Hospital anxiety and depression scale"

Hahnemann, Samuel (Meissen 1755--1843 Paris [Friedhof Père Lachaise])
Gründer der Homöopathiebewegung (homoios: ähnlich; pathos: Leiden), nahm 1790 Chinarindenextrakte zu sich, die bei ihm malariaähnliche Symptome induzierten und postulierte daraufhin 1796 das neue therapeutische Prinzip der Ähnlichkeit: "Ähnliches heilt Ähnliches" (lat. similia similibus curentur) und schrieb in seinem Organon der Heilkunst (1810): "Bei dieser Aufsuchung eines homöopathisch spezifischen Heilmittels, das ist, bei dieser Gegeneinanderhaltung des Zeichen, Inbegriff der natürlichen Krankheit gegen die Symptomenreihen der vorhandenen Arzneien um unter diesen eine, dem zu heilenden Übel in Ähnlichkeit entsprechende Kunstkrankheit-Potenz zu finden, sind die auffallender, sonderlichen,ungewöhnlichen und eigenheitlichen (charakteristischen) Zeichen und Symptome des Krankheitsfalles, besonders und fast einzigfest ins Auge zu fassen; denn vorzüglich diesen, müssen sehr ähnliche, in der Symptomenreihe der gesuchten Arznei entsprechen, wenn sie die passendste zur Heilung sein soll. Die allgemeinern und unbestimmtern: Eßlust-Mangel, Kopfweh, Mattigkeit, unruhiger Schlaf, Unbehaglichkeit u.s.w., verdienen in dieser Allgemeinheit und wenn sie nicht näher bezeichnet sind, wenig Aufmerksamkeit, da man so etwas Allgemeines fast bei jeder Krankheit und jeder Arznei sieht. Nach Hahnemann soll die verabreichte Menge der Simile-Mittel möglichst klein sein. Dies wird erreicht durch eine Verdünnungsreihe mit D-Potenzen: 1:10, C-Potenzen: 1:100 oder LM- oder Q-Potenzen: 1:50000. Hochverdünnte Similie wirken nach ihm nur, wenn sie "potenziert" (handgeschüttelt, gerieben) werden (s. auch ® Avogadro). Am Anfang der Behandlung auftretende Verschlimmerungen ("Erstverschlimmerung") wird als "homöopathischer Heilungsvorgang" bezeichnet. In der Regel werden offene "Arzneimittelprüfungen" an gesunden Probanden durchgeführt und als "wissenschaftliche Prüfung" gewertet bzw. gesammelt in "Materia Medica Homöopathica" (Tierversuche werden als "tierquälerisch und unnütz" abgelehnt).

Halbwertszeit
Derjenige Zeitraum, in dem die Plasmakonzentration eines gegebenen Wirkstoffes auf die Hälfte sinkt. Nach i.v.-Anwendung sinkt die Plasmakonzentration wegen der Verteilung in bestperfundierte Organsysteme bis zu einem Punkt X (sog. ® a-Phase) dramatisch, danach konstant entsprechend einsetzender Eliminationsmechanismen (sog. ® b-Phase). Daneben wird gelegentlich eine sog. terminale Halbwertszeit g aufgeführt. Konventionelle kinetische Parameter wie Eliminationshalbwertszeit werden nach ED-Gabe bestimmt. Für die kontinuierliche i.v.-Gabe wird die sog. "kontextbezogene HWZ" herangezogen = HWZ der Serumkonzentration abhängig vom klinischen Kontext (Zeit- und Wirkstofffaktoren bzw. Gesamtdosis repetiert oder kontinuierlich). ® Context-sensitive-half-time.

Halsted, William Stewart (New York 1852--1922 Baltimore)
Hervorragender Chirurg in Baltimore, entwickelte u. a. eine nach ihm benannte Intrakutannaht und führte das Tragen von Gummihandschuhen im OP ein. Entwickelte Nervenblockaden (setzte als erster Kokain ein). Publizierte u. a. "Practical comments on the abuse of cocaine" (1885). Posthum 1924: "Surgical papers".

Hämoxygenase
Ein im Abbau von Hämoglobin eingeschaltetes metallabhängiges Enzym (Cobalt), das den Abbau von Häm zu Eisen, ® CO und Biliverdin im Beisein von Sauerstoff und reduzierter NADPH katalysiert. Das Hämoxygenase-CO-System ist in der Relaxation glatter Muskeln (vgl. ® NO-System) involviert.

Hamilton D-Skala
In der Psychiatrie aber auch in der Schmerztherapie gebräuchliche Skala zur Erfassung von depressiven Zuständen bzw. 21 Items von depressiven Symptomen (Hamilton 1986).

Hammerschmidt Karl E (Wien 1801--1874 Istanbul)
Studium der Rechtswissenschaft und medizinisch-chirurgische Studien. Aufnahme in dieKaiserlich-Leopoldinische-Akademie der Naturforscher in Bonn. In Wien (1847--1848, zusammen mit dem Zahnarzt Weiger Durchführung von Äthernarkosen. Darüber hinaus zahlreiche Arbeiten über Anästhesie-Stadien, Anästhesieprotokolle etc. Im Laufe der Oktoberrevolution Flucht über Ungarn nach Istanbul, wo er -- nach Übertritt zum islamischen Glauben -- als Abdullah Bey Professor der Medizinischen Fakultät, Oberst der Türkischen Armee sowie zum Begründer des Roten Halbmonds wurde. Eine türkische Postmarke von 1968 erinnert an ihn.

Handwerker, Hermann (Villan/Österreich 1940--)
bdt. zeitg. dt. Physiologe (insbes. Schmerzforschung)

Hanging-Drop-Technique
Ein an der Epiduralpunktionsnadel hängender Tropf, der beim Erreichen des Epiduralraumes wegen des dort herrschenden negativen Drucks hineingezogen wird. Die "hanging-drop-technique" eignet sich v. a. für Punktionen im zervikalen und thorakalen Epiduralbereich. Im Lumbosakralbereich ist in der Regel der sog. Resistenztest eindrücklicher (Grund: Absenz eines negativen Druckes, Möglichkeit eines positiven Druckes bei erhöhtem Intraabdominaldruck, Husten, Pressen etc.).

Harvey, William (1578--1657)
Schüler von Galileo (1564--1642), beschrieb 1627 den Blutkreislauf: "Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus" (s. auch: ® i.v.- Anwendung).

Haushofer Karl (München 1869—1946)

genialer Schöpfer der (heute aktuelleren....siehe Golfkrieg) Lehre von der ,,Geopolitik'' (nach Kjellen) geprägt. Befreundet mit Rudolf Hess. Seine Lebensraumtheorie wurde von den Nazis einseitig agressiv im imperialistischen Sinne umgedeutet. 1944 als Verdächtiger ins KZ Dachau verbracht. 1946 – von der ausländischen Presse als Hauptsünder des NS-Imperialismus gestempelt - Suizid zusammen mit seiner halbjüdischen Frau Martha Mayer-Doss. Sein 1903 geb. Sohn Albrecht Haushofer, Geograph u. Schriftsteller, wurde als Widerstandskämpfer im April 1945 durch eine SS-Horde mittels Genickschuss ermordet.

Hawthorne-Effekt
Betriebspsychol. das Phänomen, dass beobachtete Arbeitsgruppen (Beispiel: klinische Forschergruppe) bzw. Versuchspersonen über mehr Aufmerksamkeit bessere Leistungen (Beispiel: aufmerksamere Patientenbeobachtung und Patientenbetreuung Þ optimalere Schmerzpharmakotherapie) auch bei Verschlechterung der äußeren Bedingungen vollbringen Durch den an der Harvard-Universität arbeitenden austral.-amerik. Soziologen Elton Mayo (1880--1949), Begründer der am. Industrie- und Betriebsoziologie, in der sog. Hawthorne-Untersuchung (1927--1932) mitbeschrieben. Die Hawthorne-Werke in der Nähe von Chicago waren eine Filiale der Western Electric Co, deshalb wird der Hawthorne-Effekt gelegentlich auch Western-Electric-Effekt genannt. Die Hawthorne-Untersuchung wurde Ausgangspunkt für die Human-relations-Bewegung.

Head, Henry (1861--1940)
Neurologe und Schmerzforscher, beschreibt u. a. die Funktion des Thalamus in der Bewusstseinwerdung, thalamische Schmerzsyndrome in "Sensory disturbances from cerebral lesions" (Brain, 1911). Seine Doktorarbeit in Cambridge beschreibt den epikritischen und protopathischen Schmerz "On disturbances of sensation with especial reference to the pain of visceral disease" (Brain, 1893). Führte eine Automutilation durch, indem er am 25.04.1903 den kutanen Ast des Radialnerven in der Ellenbeuge durchschnitt, durch eine Nervennaht die Nervenkontinuität widerherstellte und protokollarisch die Widerherstellung beobachtete: "The afferent nervous system from a new aspect" (Brain, 1905). Beschrieb 1911 mit G. Holmes (1876--1966, btd. engl. Pionier der Zerebellum-Forschung) das ® Head-Holmes-Syndrom.

Headache-Classification
engl. Einteilung der Kopfschmerzen (Kephalgien) und verwandten Krankheitsbildern anhand der Klassifikation der "International Headache Society".

Head-Holmes-Syndrom
Von ® Head u. Holmes 1911 beschriebenes affektiv-dysästhetisches Halbseitensyndrom mit Störungen der Geruchs-, Geschmacksfunktion sowie Hyperkinese. Ursache: Thalamuserkrankungen.

Head-Schmerzen
Bei Erkrankung innerer Organe gelegentlich auftretende Schmerzen in bestimmten Hautbezirken. Schmerzafferenzen werden im Rückenmark auf die Vorderwurzel umgeschalten (viszerokutaner Reflex) und auf eine entsprechende Hautzone (sog. Head-Dermatome) projiziert.

Hefesuspensionen
Im Tierversuch dienen Hefesuspensionen zur Auslösung einer Fieberreaktion, an der die antipyretische Wirkung der zu kontrollierenden Wirkstoffen gemessen wird.

Heilanalgesie
Nach ® Schaumann ist optimale Analgesie Voraussetzung für optimale Heilvorgänge -- "Analgesie heilt". Brücke zu späteren Ansichten wie diejenige von ® Liebeskind "Schmerz tötet".

Hekto
Abk. h, dezimales Vielfaches in der Ordnung 102 =100.

Helmholtz, Hermann Ludwig Ferdinand von (Potsdam 1821--1894)
Nach Potsdamer Gymnasium Medizinstudium am Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin. 1842, mit 21 Jahren Abschluss und Armeeservice als Arzt. 1848--1855 Professur für Physiologie in Königsberg, danach in Bonn und Heidelberg. "Handbuch der physiologischen Optik" (1867); "Die Lehre von den Tonempfindungen". Helmholtz, über die Fortleitungsgeschwindigkeit von Nerven arbeitend, führte auch das Verhältnis bzw. den neuen Begriff der "Reaktionszeit" in die Physiologie ein.

Hemialgie
Siehe Hemikranie.

Hemicrania cervicalis
Zervikale Migräne.

Hemihypästhesie
Halbseitige Verminderung der Berührungsempfindung bei Schädigung im Bereich der hinteren Zentralwindung.

Hemihyperästhesie
Halbseitige Verstärkung der Berührungsempfindung. Bei Thalamusaffektionen wie ® Head-Holmes-Syndrom, Fegeler-Syndrom, Trigeminusneuralgie auftretend.

Hemikranie
Halbseitig auftretender Kopfschmerz, s. Migräne.

Hench, P.S. (Pittsburgh 1896--1965)
Rheumatologe an Mayo-Klinik, Rochester sowie Universität Minnesota. Entdeckte die antiphlogistische Wirksamkeit von Kendalls "Substanz E" (Kortison) bei akuter Gelenkarthritis. Publizierte 1949: "The effect of a hormone of the adrenal cortex". Nobelpreis 1950 für Medizin (zusammen mit dem am. Forscher E.C. Kendall sowie dem schweiz. Forscher T. Reichstein). Um die antiphlogistische Wirkung saurer antipyretischer Analgetika von der Wirkung von Kortikosteroiden abzugrenzen, wurde im angelsächsischen und später internationalen Sprachgebrauch das Anhängsel "nichtsteroid" vor die Bezeichnung saurer antipyretisch-antiphlogistisch wirksamer Analgetika gesetzt (s. auch Biographie des Malers ® Dufy).

hepatische Extraktionsphase
Sie wird durch die arteriovenösen Plasmakonzentrationsunterschiede vor und nach Leberpassage quantifiziert. Die Extraktionsrate hängt u. a. von der hepatischen Perfusion ab und kann bei bei Hypotension, Herzkreislaufinsuffizienz, Shunts bei Leberzirrhose drastisch reduziert sein. Wirkstoffe mit hoher Extraktionsrate werden durch diese hämodynamischen Parameter in ihrer Eliminationskinetik betroffen (erhöhte und verlängerte Wirkung). Die Eliminationskinetik von Wirkstoffen mit niedriger Extraktionsrate hingegen werden eher durch die Aktivität der hepatischen Enzymtätigkeit in ihrer Eliminationskinetik beeinflusst, ® hepatische Induktion.

hepatische Induktion
Die über Transkription von Leberenzymgenen induzierte Modifizierung der hepatischen Enzymsysteme. Dies betrifft u. a. das hepatische Redoxsystem der ® Cytochrome (Cytochrom P450), die durch Exposition mit vorgängigen Medikamenten oder Noxen (Kohlenwasserstoffe, Tabak) aktiviert ("induziert") werden. Daraus resultiert eine veränderte Eliminationskinetik der angewandten Wirkstoffe (s. Interaktionen), z. B. wird die hepatische Elimination von ® Methadon durch "Enzyminduktoren" wie Rifampicin verkürzt. Wenn die Eliminationskinetik gehemmt bzw. verlängert wird, spricht man auch von hepatischer enzymatischer Eliminationshemmung. Der Wirkstoff Omeprazol z. B. hemmt über das Cytochrom P450-System die hepatische Elimination von Benzodiazepinen, ein anderer potenter Hemmer der hepatischen Enzymsysteme ist das Antibiotikum Erythromycin. Gewisse Patientenpopulationen haben genetisch bedingte Enzymsystemfehler, die z. B. das Cytochromsystem P450 (Isoenzymsystem CYP2C oder Mephentoin, CYP2D oder Debrisoquin-Spartein, in Mitteleuropa ca. 10% der Bevölkerung) oder das N-Acetyltransferase- odere das Cholinesterase-System betreffen. Aus diesen Gründen werden sie auch als "langsame Verstoffwechsler" bezeichnet. Siehe v. a. ® Codein, ® Alfentanil.

Hepburn und Knapp
Begründeten 1884 die Infiltrationslokalanästhesie durch Injektion von Kokain in das Operationsfeld (s. auch ® Koller, ® Halstedt, von ® Anrep).

Herholdt, E.J. und Rafn, C.G.
Veröffentlichten 1796 Reanimationsmaßnahmen für Ertrunkene im Rahmen der Empfehlungen der 1767 gegründeten Amsterdamer Gesellschaft für die Wiederbelegung Ertrunkener.

Hering-Gesetz
Nach Konstantin Hering (1800--1880) in der klassischen Homöopathie oft zitiertes Gesetz: "Die Heilung erfolgt von oben nach unten, von innen nach aussen und in umgekehrter Reihenfolge des Entstehens".

Herophilus (Chaldekon/Istanbul ca. 335 v. Chr.)
In Alexandrien tätiger griech. Arzt und Forscher (Anatomie an Leichen; Entdecker der Nerven), er unterschied 4 Vitalfunktionen: Ernährung (Leber), Erwärmung (Herz), Wahrnehmung (Nerven), Denken (Gehirn). Maß die Pulsfrequenz mittels einer Wasseruhr.

Herrick-Syndrom (nach James B. Herrick, 1861--1954)
"The true physician must possess a dual personality, the scientific toward disease, the human and humane toward the patient."

Bei der Sichelzellanämie vorkommende äusserst schmerzhafte Krisen, verursacht durch Kapillarverstopfungen, Infarkte, Gewebeanoxie, die als akute abdominale, nephritische oder neurologische (Konvulsionen, Hemiplegie) Manifestationen auftreten.

Herz, Albert (Sonthofen 1921*)
zeitg. dt. Neuropharmakologe ("Schmerz, Opioide, Abhängigkeit") und Schmerzforscher..

Hess, Walter Rudolf (Frauenfeld 1881--1973 Muralto)
Bedeutender schweiz. Physiologe. Mit ® Moniz Egas 1949 Nobelpreis für Hirnforschung insbesondere Hypothalamus, "Die zentrale Regulation der Tätigkeit innerer Organe", Dienzephalon und extrapyramidale Funktionen etc., "autonomer Homunculus!").

Hewitt, Sir F.
Brit. Anästhesist, konstruierte 1885 den 1. praktischen N2O/O2-Anästhesieapparat; publizierte 1893 das 1. moderne Anästhesielehrbuch: "Anaesthetics and their administration".

Hildegard von Bingen (Burg Böckelheim 1098--1179 Bingen)
Einer der grossen Persönlichkeiten des Mittelalters, schrieb u. a. "Causae et Curae" (pharmazeutisch-medizinische Beobachtungen bzw. Wissen).

Hilferding Rudolf (Wien 1877--1941)

Medizinstudium mit Promotion 1901, Mitglied der sozialdemokratischen Studentenorganisation "Freie Wissenschaftliche Vereinigung". Tätigkeit als Kinderarzt. Beeinflusst durch Carl Grünberg (1861–1940), der zur Gründergeneration der »Frankfurter Schule« zählt. 1906 gibt Hilferding seinen Beruf als Arzt auf und wird an der Parteischule der SPD in Berlin Lehrer für Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie; nach Ausweisungsdrohung Redaktor des "Vorwärts". 1915 Feldarzt im Range eines Leiter des Seuchenlazaretts an der italienischen Front in der österreichisch-ungarischen Armee biw 1918. Später Kabinettsmitglied der Regierung von Gustav Stresemann (1878-1929) und als Reichsfinanzminister unter Hermann Müller (1876--1931) bis zum Rücktritt aus Protest gegen Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht (1877—1970) 1929. 1933 Emigration nach Zürich dank der Hilfe des mit ihm befreundeten katholischkonservativen Kanzlers Brüning. Redaktor der "Zeitschrift für Sozialismus" im tschechischen Karslbad; Autor des "Prager Manifests" (Sopade); nach Einmarsch der dt. Truppen Emigration nach Paris und Arbeit unter dem Pseudonym Richard Kern. 1940 mit Rudolf Breitscheid (1874—1944) Flucht nach Marseille (unbesetzte "freie" Zone). In Arles 1941 durch Vichy-Agenten verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Tod im Pariser Gefängnis unter ungeklärten Umständen.

Hill, Sir Austin Bradford (1897--1991)
Vater der randomisierten plazebokontrollierten Doppelblindstudie; veröffentlichte 1937 in seinem Buch "Principles of medical statistics" (Verlag Lancet) folgende heute noch gültige Einführung:

"In clinical medicine today there is a growing demand for an adequate proof of the efficacy of this or that form of treatment. Often proof can come only by means of a collection of records of clinical trials devised on such a scale and in such a form that statistically reliable conclusions can be drawn from them".

Himmelsbach-Skala
Nach C. Himmelsbach bei Opioidentzug einsetzbare Skala für die Beurteilung der Entzugssymptomatik.

Hinterhorn-Syndrom
Bei lädierten Hinterhörnern auftretende Reflexausfälle und Sensibilitätsstörungen.

Hippocampus
Seepferdchenähnliche Struktur ("Ammonshorn") als graue Längswulst am Boden des Seitenventrikels, unterteilt in Pes, Alveus und Fimbria hippocampi. Mit Gyrus dentatus zusammen die "Hippocampusformation" bildend, zentrale Funktionen des limbischen Systems, Sitz des Riechzentrums (entorhinaler Kortex); ® hippocampale opioiderge Signalverarbeitung von Lern- und Gedächtnisleistungen.

Hippokrates (Kos ~460--370 Larissa)
Medizin ist eine Erfahrungswissenschaft. Anfänge der Neuropsychologie: Gehirn als Sitz des Intellekts; 3. Hirnventrikel als Sitz der Sinneserkenntnis; Hirnläsionen und kontralaterale Effekte. Mit ® Galen zusammen bedeutendster Arzt des Altertums.

Hippus circulatorius
Pupillenunruhe (Miosis/Mydriasis).

Histamin
Biogenes vasoaktives Amin, b-Imidazol-4(5)ethylamin, Mr 114, präformierter Mediator (in Granula von Mastzellen und basophilen Granulozyten). Zielrezeptoren: H1- R -- aktiviert intrazelluläres cGMP, Freisetzung von Prostacyclin, negative Bathmotropie am AV-Knoten, Vasokonstriktion der Herzkranzgefäße, Bronchokonstriktion, partielle Erhöhung der kapillären Permeabilität und Vasodilatation, H2-R -- aktiviert intrazelluläres cAMP, stimuliert das ZNS, positive Bathmo-, Ino- und Chronotropie, Dilatation der Herzkranzgefäße, Bronchodilatation, Erhöhung gastrische H+-Ionenproduktion, partielle Erhöhung der kapillären Permeabilität und Vasodilatation, H3-R -- Synthese und Freisetzung von Histamin. Histamin wirkt zentral als hemmender Neurotransmitter, ist in der Hypothalamusgegend konzentriert und im Retikulärsystem nachweisbar.

Histaminantagonisten
Antihistaminika.

Hitzig, E. (1838--1907)
dt. Neurologe in Halle; nach ihm wurden früher die peripheren Sensibilitätsstörungen bei Tabeserkrankungen, die sog. Hitzig-Zonen benannt. Pionier der elektrischen Kortexstimulation.

Hoche, Alfred E. (1865--1943)
Schriftstellerpseudonym: Alfred Erlich. Ko-Autor mit dem Leipziger Rechtsprofessoren Karl ® Binding von: "Der Sinn des Schmerzes" und "Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" (s. auch ® Euthanasie). Professur für Psychiatrie an der Universität Freiburg i. Br.; kritisierte Freuds Psychoanalyse als "Verirrung".

Höchstmenge
In Deutschland aufgrund der BtMVV zu beachtende Höchstmenge für ® "Betäubungsmittel", die bei ärztlicher Begründung in gewissen Fällen überschreitbar, in anderen Fällen nicht überschreitbar ist.

Hoffmann, Felix (Ludwigsburg 1868--1946)
Nach Apothekerlaufbahn in Genf, Hamburg und Neuveville Studium der Pharmazie und Chemie in München (Promotion 1893). Arbeit beim späteren Nobelpreisträger Adolf von Baeyer (Berlin 1835--1917 Starnberg; 1880 Indigosynthese; Synthese von multiplen Harnsäurederivaten so u. a. Barbitursäure!) in München; danach 1894 zu Farbenfabriken von Friedrich Bayer als Chemiker in Elberfeld. Baute das Molekül der damals als Antirheumatikum eingesetzten Salicylsäure systematisch um und erfand damit die Wirksubstanz ® Aspirin bzw. Acetylsalicylsäure (1897). 1899 Abteilungsvorstand der pharmazeutisch-kaufmännischen Abteilung. Eine amerikanische Patentschrift nennt Hoffmann 1900 -- mehrere Jahre nach Einführung -- als Erfinder von Aspirin. Diese offizielle Version wird durch die persönlichen Angaben von ® Arthur Eichengrün bestritten.

Hofmann, Albert (1906*)
Basler Chemiker, endeckte 1943 Lysergsäurediäthylamid (LSD), einen Antagonist des hemmenden Neurotransmitters ® Serotonin und beschrieb dies in seinem Buch: "LSD -- mein Sorgenkind".

Hoffmann-LaRoche, Fritz (1868--1920)
Gründer der heutigen "Roche" durch Übernahme der von ihm und Carl Traub 1892 gegründeten Firma Hoffmann, Traub & Co an der Grenzacherstrasse, Basel. Im Hinterhof seiner Fabrik pflanzte Hoffmann u. a. seine von ihm geschätzten Windsor-Bohnen an. Aus diesen hatte der eminente Roche-Chemiker Markus Guggenheim (1885--1970; Standardwerk: "Die biogenen Amine") die Aminosäure Levodopa isoliert und dessen Struktur aufgeklärt (1913).

Holzer, Peter (Vorau/Steiermark 1951*)
bdt. österreich. Biochemiker (Substanz P etc.)

Homunculus
"Kleiner Mensch" in Goethes Faust durch den Famulus nach Anleitung des Parazelsus im alchimistischen Sinne erzeugegter künstlischer Mensch. Übertragenermaßen in der Physiologie das "Rindenmännchen" oder die Darstellung der motorischen, sensorischen und Repräsentation von Körperteilen auf der Großhirnrinde (Penfield u. Rasmussen 1957).

Hopkins, Sir Frederick Gowland (1861--1947)
bdt. Biochemiker (Vitamine, Tryptophan, Glutathion, Enzym, Muskellaktat etc.). mit Christian Eijkman 1929 Nobelpreis in Physiologie/Medizin.

hora
Horae unius spatio, lat. Rezepturkunde, meint stündlich.

Horner J.F.
Zürcher Augenarzt (1831--1886), nach ihm wurde das Hornersyndrom benannt. Syn. Hornersche Trias oder Bernardsches Syndrom, Syndrom mit einseitiger oder beidseitiger Ptosis, Miosis, Enophthalmus bei Lähmung der sympathisch innervierten Augenmuskulatur bei Schädigung entsprechender zentraler oder peripherer Bahnen. Bei hoher rückenmarksnaher Anästhesie, Vorkommen bei gestörter Verbindung Centrum ciliospinale zum Ganglion cervicale inferior auf Höhe C8--Th1 oder Ganglion cervicale inferior zum Ganglion cervicale superior.

Horton-Neuralgie
Syn.: für ® Bing-Syndrom, Histaminkopfschmerz, Erythroprosopalgie. Nach dem Internisten Horton B.T., Rochester 1895-- benanntes Syndrom, heute: ® Clusterheadache.

Horton-Magath-Brown Syndrom
Arteritis temporalis, eine Variante der Horton-Erkrankung im Kopfbereich, mit der Gefahr ophthalmologischer Komplikationen wie Blindheit.

Horton-Erkrankung
Systemische nekrotisierende Riesenzell-Panarteritis. Induziert im betroffenen Gebiet Schmerzanfälle sowie Perfusionsstörungen mit harten, pulsierenden schmerzhaften Herden bishin zu Nekrosen. Siehe auch Polymyalgie rheumatica.

Hosennahtschmerz
Nach dem Strassburger Neurologen J.A.B. ® Barré (1880--1967), Ischiasschmerzzustände in Hosennahtnähe.

Hospiz und Hospizbewegung
Durch ® Cicely Saunders gegründetes St. Christophers Hospiz in London, Versuch der Hauspflege von Patienten mit terminalen Krebserkrankungen durch Integration der Familie in der Krankenpflege.

hot-plate-test
Nach Woolfe u. MacDonald 1944; Eddy u. Leimbach 1953, Prinzip: das Versuchstier (Maus) wird auf einer zunehmend aufgewärmten Platte (55--70°C) gehalten bis zu Anzeichen von Schmerzen (z. B. Springen, Pfotenlecken etc.); man nimmt an, dass beim hot-plate-test höhere, supraspinale Koordinationsstellen involviert sind (Unterschied zum tail-flick-test). Modifiziert wird der Test in der neueren Anordnung "Increasing-temperature-hot-plate-test" (Hunskaar et al. 1986): das Versuchstier wird einer nichtnoziven Plattentemperatur von 42°C, die dann allmählich erhöht wird (50--52°C), exponiert. Es gibt auch cold-plate-tests.

Huelsenbeck, Richard (Frankenau/Hessen 1892--1974 Muralto/Tessin)
Studium der Medizin, Arzt, Schiffsarzt, zusammen mit Arp, Ball und Tzara Begründer der Kunstbewegung "Dada" (Dadaismus), Emigration, Psychoanalytiker in New York, Tod im Tessin.

Hufeland, Ch.W. (1762--1836)
Beschrieb in seinem Buch "Enchiridion Medicum" eine sog. Opiumtherapie mit dem Konzept der Euthanasia. Hufeland griff die antike Idee der Euthanasia als eine Art noble Hilfe wieder auf, nämlich den Tod (Thanatos = Tod) human (eu = gut) zu gestalten. Die Euthanasie-Idee wurde später von Binding und ® Hoche ("Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" 1920) deformiert und von der nationalsozialistischen Ideologie als kriminell-staatliches Vernichtungsprogramm unter Führung des Hitlerschen Leibarztes K. Brandt durchgeführt. Ideen der aktiven Sterbehilfe geistern auch heute noch in neuerer politischer Verpackung durch die Köpfe (Holland: Diskussionen um Parlamentsbeschlüsse; USA: von Ärzten entwickelte "Suicid-Selbstinfusoren"; Euthanasiegesetz 1994 Staat Oregon ). Bei adäquater ® Palliativtherapie Schwerstkranker sind solche "passive" oder "aktive" "Hilfen" in der Regel gegenstandslos (persönliche Meinung des Hrsg.).

Hughes, John Pinnington (1942*)
bdt. Brit. Pharmakologe (insbes. Neuropharmakologie) Seine Arbeitsgruppe identifizierte (® Kosterlitz) 1975 aus Hirngewebe Pentapeptide mit potenter "Opiatagonistenaktivität" (Nature, 1975). Damit wurden die endogenen Opioidliganden entdeckt, die von der ® INCR später als Endorphine bezeichnet wurden.

Hügin, Werner (Basel 1918--2001)
erster schweiz. Stuhl für Anästhesiologie nach Ausbildung bei Beecher und Macintosh. Mitbegründer der Basler Schmerzklinik "Kirschgarten".

Huneke, Ferdinand (Brilon 1891--1966 Düsseldorf)
Mitbegründer der Neuraltherapie mit W. Huneke (1925 Procainchloridinjektionen), beschrieb 1941 das "Sekundenphänomen" (sofortige Analgesie, wenn Procaininfiltration in "neurales Störfeld" injiziert wird).

Hunter, John (1728--1793)
Gründer der wissenschaftlichen Chirurgie. Er führte u. a. Anatomie, Physiologie, Pathologie als Grundfächer in der Chirurgie ein und bereitete damit auch die moderne Pathologie vor.

Hutchinson-Horton-Syndrom
Von ® Hutchinson (1890) und ® Horton (1932) beschriebenes Krankheitsbild mit Reisenzell-Arteritis-temporalis. Als Variante auch als cranialis ulcero-necroticans auftretend.

Hygromanie
Intensives Verlangen nach Nässe und Feuchtigkeit, kann bei der ® Kausalgie in Kombination mit einer Xerosalgie vorkommen.

Hypästhesie
Pathologisch verminderte Berührungsempfindlichkeit.

Hypalgesie
Pathologisch verminderte Schmerzempfindlichkeit.

Hyperästhesie
Pathologisch erhöhte Berührungsempfindlichkeit.

Hyperalgesie
Pathologisch erhöhte Schmerzempfindlichkeit, man unterscheidet eine primäre sowie sekundäre Hyperalgesie.

Hyperpathie
Überempfindlichkeit gegenüber lokalen Reizen bei erhöhter Schmerzschwelle, wobei die Schmerzen -- einmal ausgelöst -- jedoch verstärkt sind (z. B. bei RSD).

Hypnalgie
Im Schlaf auftretende Schmerzen.

Hypnoanalgetikum
Veraltete Bez. für "starkes Analgetikum mit zentralem Sedationseffekt".

Hypnose
Durch Suggestion induzierter schlafähnlicher Zustand mit Veränderung des Bewusstseins, der Willensbildung etc. je nach Hypnosetiefe (Halbwach- oder tiefe Hypnose). Die therapeutische Anwendung von Hypnose heißt Hypnotherapie. Die hypnotische Trance wurde schon durch hinduistische Fakire und Yogis 200 v.Chr. sowie in den Eber Papyrus 1500 v.C. erwähnt und beschrieben. Der Begriff "Hypnose" wurde durch James Braid 1843 erfunden. Der amerikanische Psychiater Milton Erickson (1901--1980), an Kinderlähmung erkrankt, bezwang seine neurogene Schmerzsymptome mit therapeutischer Hypnose, vorläufig zur heutigen Therapieform des "autogenen Training". Siehe auch: Mesmer.

 

Quelle: Glossar zum "Handbuch der Schmerztherapie" (Hsg.: Herman Hans Waldvogel), gewidmet Ernst von der Porten, einem der Wegbereiter der moderenen Schmerztherapie. Ernst von der Porten wurde von der Gestapo, gemeinsam mit seiner Frau, im "freien Teil Frankreichs" in den Tod getrieben.
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haGalil onLine 14-10-2001

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