Klinische Pharmakologie / Psychopharmakologie

 
 

 
 

Lexikon zur Schmerzmedizin
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Stadler Ernst Maria Richard (Colmar/Elsass 1883—1914 Ypern)

international berühmter Literaturkritier, Expressionist, Kunstkreis »Jüngstes Elsaß« (u.a. Georges Ritling, Otto Flake, Hermann Wendel, Hans Koch, Bernd Semann, Otto Dressler, Salomon Grumbach, Hanns Holzschuher, Fritz Höpfinger und Franz Arp).Verfechter einer frz.-deutschen Freundschaft.

STAI
Abk. für Spielberger State Trait Anxiety Inventory.

stalked cells
Nach engl. Stalk, Stiel, Halm. Im Rückenmark (Hinterhorn Laminae-II--III, Dendritenbaum bis III--IV) von S. Gobel 1978 beschriebene Neurone mit halmartig verästelten Dendriten, deren Funktion nicht klar ist (je nach Forscher Exzitation oder Hemmung).

startle reaction
Eine komplexe, unwillkürliche Antwort auf nichterwartete starke (auditorische) Stimuli.

Statistik
Das zahlenmäßige, analytische Erfassen von Masseneinheiten zur Erkennung von Regelhaftigkeiten. Ausgangspunkt waren Arbeiten von ® Bayes und Marquis de Laplace (1749--1827). Etwa 1820 Pierre-Charles-Alexandre Petit (Charité, Paris) erste Arbeiten wie "analyse" und "méthode numérique". 1840 "Principes généraux de statistique médicale" sowie "arithmetische Observationen" (Jules Gavarret). ® Billroth Theodor (1829--1894) schrieb das vielzitierte Bonmot:

"So ist die Statistik wie ein Weib, ein Spiegel reinster Tugend und Wahrheit, oder eine Metze für Jeden, zu Allem zu brauchen".

Selten zitiert ist jedoch seine über Statistik in einer retrospektiven Arbeit über Pyämie, Wundfieber gemachten Aussage (Band IX Archiv für klinische Chirurgie, Rechenschaftsbericht Zürcher Chirurgie 1860--1867).

"Ich hätte viel lieber andere Dinge gearbeitet, doch ich habe mir eingebildet, es sei meine Pflicht, als Lehrer zu meiner eigenen Belehrung mich aufzuklären, wie ich mit meiner Erfahrung stehe."

Der dt. Chirurg Ernst Julius Gurlt publizierte schon 1895 eine "Zur Narkotisirungsstatistik" von 78 deutschen Krankenhäusern bzw. mehr als 50.000 Allgemeinanästhesien. Sir A.B. Hill publizierte 1952 im British Medical Journal die erste "RCT" (randomised controlled trial), d. h. die heute noch gültige Form zur Effektivitätsprüfung. Die Bedeutung klarer Konzepte durch wissenschaftliche Effektivitätsprüfungen wurde durch die Publikationen von A.L. ® Cochrane (Nuffield, 1972) verbreitet:

"It is surely a great criticism of our profession that we have not organised a critical summary, by specialty or subspecialty, adapted periodically, of all relevant randomised controlled trials".

Publikation 1972 von "Effectiveness and Efficiency: Random Reflections on Health Services" ® Cochrane Bewegung.

steady state
Fließgleichgewicht, bei repetierter Wirkstoffzufuhr der Moment, wo sich Zufuhr und Elimination die Waage halten und eine konstante Plasmakonzentration erreicht ist. Ziel einer optimalen Dosierung und Applikation ist es, den Wirkstoff in ein ziemlich konstantes Fließgleichgewicht im sog. therapeutischen Fenster zu halten.

Sternbach, A. Richard (New York 1930*)
zeitg. Psychologe und Schmerzforscher; betont die Eigenständigkeit chronischer Schmerzsyndrome als eigenständige Krankheit.

Stertz Georg (Breslau 1878--1959 München)

Medizinstudium und Promotion in Breslau; später u.a. nach Habilitation in Bonn OA in Breslau bei Alois Alzheimer, später bei E. Kräpelin in München. Ruf nach Marburg und Kiel. Zwangspensioniert, da seine Ehefrau jüdischer Abstammung war (später in Emeritierung umgewandelt).

Stevens-Johnson Syndrom
Syn.: Ectodermosis pluriorificalis, Typ IV-Reaktion bzw. UAW nach Gabe u. a. von antipyretischen Analgetika. Fiebrige Allgemeinerkrankung mit dermatologischen Manifestationen im Sinne von landkartenartigem Hautexanthem mit blasigen Schleimhaut-Effloreszenzen Typisch sind Cheilitis, Stomatitis, Konjunktivitis, Vulvitis, Urethritis und Proktitis).

stimulation produced analgesia
Durch Stimulation von Hirnabschnitten auslösbare zentrale Analgesie (Reynolds 1969). Therapeutische ® Neurostimulation kann mittels partiell- (radiofrequenzgesteuerte) oder vollimplantierte (telemetrische) Systeme erfolgen.

Stöckel, W. (1871--1961)
bdt. dt. Gynäkologe und Geburtshelfer, führte Sakralanästhesie zur geburtshilflichen Analgesie ein: "Über sakrale Anästhesie" (1909).

Stoll, Arthur (Schinznach 1887--1971)
Industrieführer und bedeutenden Forscher: nach seinem Studium der Chemie an der ETH Zürich und 1909 auf Einladung R. ® Willstätters Zusammenarbeit über Chlorophyllase. Folgte danach Willstätter nach Berlin und München mit dem Forschungsziel der Isolierung und Reindarstellung hochwirksamer Naturstoffe (Digitalis, Sennoside etc.). Ab 1917 Eintritt in die Fa. ® Sandoz.

Storm, Theodor (Husum 1817--1888 Hademarschen)
bdt. dt. Novellist ("Der Schimmelreiter"). Erkrankte an einem Magenkarzinom und schrieb das folgende Gedicht -- ohne um die Krankheit, deren Diagnose ihm nicht eröffnet worden war, zu kennen:.

Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz,

nur ein Gefühl empfunden eben,

und dennoch spricht es stets darein,

und dennoch stört es Dich zu leben.

Wenn Du es andern klagen willst,

so kannst Du es nicht in Worte fassen,

Du sagst Dir selber, es ist nichts.

Und dennoch will es Dich nicht lassen.

So seltsam fremd wird Dir die Welt.

Und leis‘ verlässt Dich alles Hoffen,

bis Du es endlich, endlich weißt,

daß Dich des Todes Pfeil getroffen.

Stramm August (Münster 1874--1915 bei Gorodec)

Zunächst Postbeamter, Reservist, dann Literat (Gedichte, Einakter).

Stress
Von lat. Stringere, drücken, pressen. Zuerst von ® Selye (Montreal 1950) benutzter Ausdruck für die körperliche und psychische Anpassung an die Integrität des Organismus bei Überbeanspruchung durch "attackierende" körperliche, geistige oder seelische Reize.

Stress-induzierte Analgesie
Von den Autoren M.D. Trickleband und G. Curzon in ihrem Buch "Stress induced analgesia" (Wiley, New York 1984) gebrauchter Ausdruck für die v. a. Feldchirurgen und Feldanästhesisten im 2. Weltkrieg ( ® Beecher; aber auch schon während des Russlandfeldzugs von Napoleon!) beschriebenen Erfahrungen, dass gestresste Menschen oder Tiere weniger Schmerz verspüren, wahrscheinlich über stressinduzierte Aktivation endogener antinozizeptiver Abwehrsysteme (® Endorphinsystem).

Stricker, S. (??--??)
Führte 1876 an der Berliner Charité die Salicylsäure als spezifisches Therapeutikum (Antirheumatikum) für die Behandlung akuter rheumatischer Gelenkserkrankungen ein.

Subduralkompartiment

relativ schlecht erforschter "virtueller" (?) Raum zwischen den Hirnhäuten Dura mater und Arachnoidea, der akzidentell bei einer zu wenig tiefen Spinal- bzw. zu tiefen Epiduralpunktion punktiert werden kann. Bei Verletzung der Hirnhäute können Subduralhämatome entstehen.

Substitutionsprogramme
Kostenlose kontrollierte Abgabe von Ersatzdrogen (z. B. Methadon, Heroin) und Instrumenten (Injektionsmaterialien) mit dem Zweck der Entkriminalisierung und Risikoverminderung (gleiche Qualität, keine Streckmittel, Verminderung der Infektionskrankheiten wie Hepatitis, Aids).

Sucht
Als Sucht bezeichnet man zum einen ein Verlangen oder einen Zwang, einen Wirkstoff einzunehmen und zu "beschaffen" und zum anderen eine psychische und physische Abhängigkeit. Die pharmakologische ® Gewöhnung dagegen ist keine Sucht, sondern ein physiologisches Phänomen.

Sudeck, P. (1866--1945)
Chirurg in Hamburg-Eppendorf, befasste sich u. a. auch mit Narkosetechniken (Publikationen 1902 und 1909 über "Ätherrausch"; entwickelte u. a. Masken mit Expirationsventil). Lehrer von ® Ernst von der Porten. Beschrieb 1900 das nach ihm benannte Dystrophiesyndrom (heute: ® "Complex regional pain syndrome Typ I", "Reflex sympathetic dystrophy" RDS, Algodystrophie, Sudecks Dystrophie), die Osteoporose (1900) sowie 1909 das Narkosestadium "Stadium analgetikum".

SUNCT-Syndrom
Klinisches Kopfschmerzensyndrom mit einseitigen neuralgieformen Kopfschmerzattaken sowie autonomer Symptomatik: Konjunktivitis-Reaktion, Tränenfluss, Rhinorrhö. Nach engl. Abk. Syndrome of unilateral neuralgiform headache attacks, with conjunctival injection, tearing and rhinorrhöa).

Sunderland, Sidney (Brisbane 1910--1993)
Schon als Schüler hervorragend und Gewinner verschiedenster Preise und Ehrenstipendien, die ihm das Medizinstudium im weiten Melbourne erlaubten (Promotion 1935). Weiterbildung in Anatomie inklusive Hirn- und Nervenforschung, mit 27 Jahren Professur für Anatomie an der Universität Melbourne (1938). Studienreisen u. a. in die USA sowie nach Oxford (Neurochirurgie mit Sir Hugh Cairns): Anfänge seiner neuroanatomischen Studien. Freundschaft mit dem politischen Flüchtling Pio del Rio-Hortega (einem Schüler von ® Ramon y Cajal), der ihm in die Geheimnisse von Nervenfärbungen einführte. Kurze Zusammenarbeit in Montreal mit dem Nobelpreisträger Wilder Penfield, dem Pionier der kortikalen Reizung am wachen Patienten (Lokalanästhesie; Patienten mit Hirntumoren etc.). Während des Krieges Untersuchungen von im Weltkrieg verwundeten australischen Soldaten (Nervenläsionen, Nervenregeneration, neuropathische Schmerzzustände....mit Mitchell vergleichbar! etc.), vielfache Ehrungen; u. a. Sidney Sunderland Gesellschaft.

Suppositorien
Suppositoria, galenisch so zubereitete Wirkstoffpräparate, dass sie bei Einführung ins Rektum bzw. bei Körpertemperatur schmelzen, zerfallen oder sich lösen. Ebenfalls: Rektaltabletten, Rektalgelatinekapseln, Rektallyophilisate.

Suspensiones
Suspensionen, "disperse" galenische Systeme bestehend aus Vehikel (Flüssigkeit) und darin zerteilter Phase (unlösliche Wirkstoffpulver). Bei sog. Trockensuspensionen ("Suspensiones siccae") werden entsprechende Wirkstoffpulver nach Schütteln mit dem in Bezug auf Volumen, Gewicht definierten Vehikel kurzfristig in Suspensionen übergeführt.

Sweet, William (Kerriston/Washington 1910*)
bdt. Neurochirurg, schrieb mit James C. White das Standardwerk: "Pain and the neurosurgeon" (1955, 1969). Mit Gordon Brownell Miterfinder der "Positron Emission Tomographie" PET. Begründer der endovaskulären Chirurgie für a.v.-Malformationen, entdeckte die antikonvulsive Wirkung von Diphenylhydantoin (1937) und führte 1958 osmotische Diuretika zur Behandlung des Hirnödems ein.

SWS-Schlaf
engl. Abk. für "slow wave sleep", Langsame-Wellen-Schlaf.

Sydenham, T. (1624--1689)
Beschrieb die Gicht und Gichtschmerzen, entdeckte die Wirkung der Chinarinde gegen Malaria, nach ihm wird die Chorea minor oder Veitstanz benannt (1686) Er erfand die Safranopiumtinktur (Tinctura opii crocata), eine mit Safran- und Gewürznelken optisch und geschmacklich verbesserte Opiumtinktur, ein Vorläufer des ® Brompton Cocktails. Schrieb über Opium:.

"Among the remedies which it has pleased Almighty God to give man to relieve his sufferings none is so universal and so efficacious as opium".

Sympsychalgie
Schmerzexazerbation durch psychische Reize.

Synalgie
Mitempfinden von Schmerzen in einem nicht erkrankten Körperteil.

Synapse
Kontaktstelle zwischen Neuronen und Neuronen (interneuronale Synapsen, vgl. auch interzelluläre Informationssysteme) oder Neuronen und Nicht-Neuronen mit speziellen Organellen (Transmittervesikeln, Membrane, Rezeptoren etc.) zur (chemischen) Erregungsübertragung. Die Namengebung Synapse erfolgte durch ® Sir Charles Scott Sherrington (1897). Vorarbeiten dazu u. a. durch Santiago Ramón y Cajal, der die Waldeyersche Idee der Existenz individueller Nervenzellen mit der Beschreibung von knospenartigen Endigungen zwischen Nervenzellen weiter untermauerte. Die spinale Synapse zwischen Primär- und Sekundärafferenz ist Ort der spinalen ® Nozitransformation.

Synapsine
Proteinfamilie, die synaptische Funktionen (Transmittervesikel; Freisetzung Neurotransmittern etc.) koreguliert. Synapsine können reversibel ® phosphoryliert bzw. moduliert werden.

Synaptosom
Für biologische Untersuchungen aus homogenisierten Tierhirn (Ratte) gewonnene Synapse bzw. Nervenendigung.

Synästhesalgie
Das Auftreten von Schmerzen in der erkrankten Extremität durch Berührung der gesunden kontralateralen Extremität (Klinik der ® Kausalgie).

Synästhesie
Begleitempfindung, abnorme Missempfindung eines Sinnesorganes bei Reizung eines anderen (z. B. Synalgesie, Schmerzempfindung fern vom Krankheitsherd).

synergistisch
Potenzierend, Zusammenwirken von Substanzen mit Wirkungsverstärkung.

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Quelle: Glossar zum "Handbuch der Schmerztherapie" (Hsg.: Herman Hans Waldvogel), gewidmet Ernst von der Porten, einem der Wegbereiter der moderenen Schmerztherapie. Ernst von der Porten wurde von der Gestapo, gemeinsam mit seiner Frau, im "freien Teil Frankreichs" in den Tod getrieben.
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haGalil onLine 14-10-2001

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