Klinische Pharmakologie / Psychopharmakologie

 
 

 
 
 

Lexikon zur Schmerzmedizin

Valleix-Druckpunkte
Siehe Schmerzpunkte.

Vanilloidrezeptoren
Abk. VR-Rezeptoren, die Wirkstoffe wie ® Capsaicin erkennen. Subtypen: VR-R1 und VR-R2.

Vanzetti-Zeichen
Nach dem ital. Chirurgen T. Vanzetti (1809--1888) benannt, die reflektorisch-entlastende Skoliosehaltung beim Ischiassyndrom.

Varolio, Costanzo (Bologna 1543--1575 Rom)
Medizin- (Anatomie) und Philosphiestudium in Bologna (1567), entwickelte neue Hirndissektionstechniken. Danach in Rom Arzt (nicht belegbar, ob er der päpstlicher Hausarzt war). Publizierte 1573: "De nervis opticis" und posthum: "Anatomiae libri" (1591). Entdecker der "Pons".

VAS
engl. Abk. für "Visual Analogue Scale" (Algesimetrie).

Velpeau, Louis (La Brèche 1795--1867)
frz. Chirurg, schrieb 1840 einen viel zitierten Unsinn: "Éviter la douleur par des moyens artificiels est une chimère!". Velpeau -- beeindruckt durch die Fortschritte der Äthernarkose - -revidierte dieses Zitat aber innerhalb weniger Jahre.

Ventafridda, Vittorio (1927*)
bdt. Algesiologe und Palliativmediziner

Verfügbarkeit
Bioverfügbarkeit, der Anteil eines Wirkstoffes, der am Zielorgan (Zielrezeptor) zur Verfügung steht.

Verschreibungspflicht
In Deutschland wird zwischen der Verschreibungspflicht aufgrund der Verschreibungsordnung sowie der sogenannten allgemeinen Verschreibungspflicht unterschieden.

Verteilungsvolumen
Fiktives kinetisches Volumen, Vd = Gesamtmenge des Wirkstoffs im Körper/Plasmakonzentration. Es wird unterschieden zwischen initialem Verteilungsvolumen und Verteilungsvolumen im Gleichgewicht (Vdsteady state). Das Verteilungsvolumen wird wie folgt ermittelt: nach i.v.-Gabe eines radioaktiv markierten Wirkstoffs werden laufend Konzentrationsmessungen vorgenommen. Verbleibt der Wirkstoff im intravasalen Kompartiment wird eine entsprechend hohe Konzentration gemessen. Sein Verteilungsvolumen entspricht demjenigen des Intravasalvolumens und ist extrem klein. Verteilt sich der Wirkstoff weiter auf das extrazelluläre Kompartiment (15--27%/KG bzw. ca. 15 l) oder sogar in das intrazelluläre Volumen (60%/KG oder ca. 42 l) wird die entsprechend i.v. oder i.a. gemessene Wirkstoffkonzentration fallen. Da das Verteilungsvolumen nur indirekt über Plasmakonzentrationsmessungen ermittelt wird, ist es "fiktiv". So können Wirkstoffe ein Verteilungsvolumen aufweisen, das einem Mehrfachen des Körpergewichts entspricht. Das initiale Verteilungsvolumen (entspricht dem Intravasalvolumen) kann multipliziert werden mit der Größe der "minimalen effektiven Wirkstoffkonzentration" (® MEAC). Das Produkt dieser 2 Größen ergibt rein rechnerisch die sog. Sättigungsdosis (bei i.v. applizierten Wirkstoffen; D = Vd * C).

vertigo
lat. Schwindel.

Verum
lat. "das Wahre", Gegenteil ® Placebo, ® Nocebo.

Vicq d’Azyr, Felix (1748--1794)
Beschrieb zum ersten Mal den Locus coeruleus (1786).

Vidianus, Guido (1500--1569)
Arzt und Anatom in Florenz, Pisa und Paris. Nach ihm wird der Canalis pterygoideus (Vidianuskanal) sowie die Vidianus-Sluder-Neuralgie (Gesichtsneuralgie infolge Reizung des Ganglion pterygopalatinum) benannt.

Vierte Verordnung zum Reichsbürgergesetz (25. Juli 1938)

Zwangsentzug der Approbation der restlich noch verbliebenen ca. 300 jüdischdeutschen Ärzten. Die Verordnung wurde 1939 ausgedehnt auf die letzten noch verbliebenen Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker.

Vincent, Clois (1879--1947)
Mit ® de Martel Begründer der frz. Neurochirurgie.

VIP
engl. Abk. für "vasoactive intestinal peptide", s. ® Apudzellen.

Virchow, Rudolf (1821--1902)
Schüler des Sinnesphysiologen Johannes Müller (1801--1858), Begründer der Zellpathologie (Cellularpathologie 1858), lehnte allerdings Louis Pasteurs (1822--1895) revolutionäre Theorien der Keime bzw. Infektionen ab. In späteren Lebensjahren archäologische Tätigkeiten und Freundschaft mit Schliemann (Ausgrabungen von Troya!).

Viszeralneuralgie
Älterer und ungenauer Ausdruck von neuralgieformen Schmerzen aus dem Viszeralbereich.

Vogt, Oscar (Husum 1870--1959)
Studium der Medizin und Naturwissenschaften in Kiel und Jena mit Promotion in Medizin 1894. Klinische Ausbildung in Psychiatrie, Neurologie, Neuropathologie, Hirnpathologie, Psychotherapie, Neurobiologie unter Ernst Häckel, Otto Binswanger, Theodor Ziehen (Jena), August Forel (Zürich), Pierre Marie (Paris). In Paris lernte er die 23-jährige Medizinstudentin Cécile ® Mugnier kennen, mit der ihn über 60 Jahre gemeinsamen Lebens und engster wissenschaftlicher Zusammenarbeit verbinden sollte. Als 28-Jähriger Gründer der privaten, eigenen "Neurologischen Zentralstation", die 1902 der Universität Berlin angeschlossen wurde. Auf Initiative von Vogt wurde 1914 das Kaiser Wilhelm Institut für Hirnforschung gegründet. Vogt war u. a. einer der führenden Hirnmorphologen der Wissenschaft (u. a. Einführung von Serienschnitten etc.). Unter anderem: 1924 in Moskau zur Untersuchung des Gehirns des am 21.01.1924 verstorbenen Lenin zusammen mit ® Otfried Förster, Oswald Bumke, Klemperer, Borchardt, Nonne, Minkowski, Strümpell. Aufbau -- als indirekte Konsequenz des Rapallo-Vertrages -- eines sowjetischen Hirnforschungsinstitut (1926 eröffnet). Nach Hitlers Machtübernahme vom "Der Stürmer" diffamiert und vom Kaiser Wilhelm Institut entlassen. Als Protégé u. a. der Industriellen-Familie Krupp in Neustadt (Schwarzwald) privates Hirnforschungsinstitut, ab 1937 (s. oben ® Mugnier Cécilie). "Sitz und Wesen der Krankheiten" (1937, 1938), "Thalamusstudien" (1941), "Die Sondergestaltung verschiedener Hirnbezirke" (1941), "Morphologische Gestaltungen" (1942), "Überfunktionelle und genetische Harmonien" und "Die anatomische Vertiefung der menschlichen Hirnlokalisation" (1951). Viele Ehrungen so Dr. med. h.c. Universität Freiburg, Porto, Kiel, Wilna, Zürich, Jena etc. Eine Arbeitshypothese von Vogt war u. a. "Jungbleiben durch geistige Tätigkeit". Im Vogtschen Institut am Neustädter Dennenberg war auch damals die größte Hummel- und Laufkäfersammlung der Welt untergebracht. Nach Vogts Tod siedelte das Institut nach Düsseldorf über. Aus dem Neustädter Institut wurde eine nach Vogt benannte Fachklinik für Kinder- und Jugenpsychiatrie.

Volkmann, Richard (Pseudonym Richard Leander, Leipzig 1830--1889 Jena)
Generalarzt der preussischen Armee, Lyriker und bedeutender Märchenerzähler.

Vomitio
Syn.: Vomitus (lat.), Erbrechen. Als Vomitivum wurde früher ein Brechmittel bezeichnet. Vom Kliniker differenzierte Bezeichnungen sind u. a. Vomitus biliosus ("Galle-Erbrechen"), V. cruentus ("Bluterbrechen, Hämatemesis"), V. faeculentus oder stercoralis ("Miserere"), V. gravidarum (Schwangerschaftserbrechen), V. infantinus (Pädiatrie), V. matutinus (morgendliches Erbrechen), vomito negro (blutiges Erbrechen bei Gelbfieber).

Von der Porten, Ernst (Hamburg 1879--1940 Südfrankreich)
Praktischer Arzt, Anästhesist, Pionier der modernen interdisziplinären Schmerztherapie bzw. Algesiologie. Sein Bruder P.M. war während des 1. Weltkriegs dt. Militärarzt an der Ostfront. Ein andrer Bruder, Richard, fiel 1916 in Russland. Seine Schwester, A.J., heiratete den Hamburger Staatsrat für Finanzdeputation Dr. Leo Lippmann, beide schieden als Verfolgte des Naziterrors 1943 aus dem Leben. Zuerst chirurgischer Medizinalassistent unter ® Sudeck (der die "Eppendorfer Narkosemaske" entwickelte und in Deutschland die sog. N2O/O2-Narkose sowie das Kreissystem einführte). Während des 1. Weltkrieges beschäftige sich von der Porten als Sanitätsoffizier mit der Schmerztherapie, forderte Narkoseunterricht, entsprechende Fachprüfungen für Medizinstudenten, sowie eine Facharztausbildung und -Titel für Narkoseärzte. Von der Porten unternahm 1923 Studienreisen in England zur Erlernung neuer Narkoseverfahren und besuchte als einziger nicht-angelsächsischer Teilnehmer den 1. Internationalen "Narkosekongress" in Nottingham. Treffen und Informationsaustausch mit dem amerikanischen Anästhesisten F.H. McMehan (seit 1922 Herausgeber der Zeitschrift Curr Res Anesth Analg) sowie H.M. Cohen (seit 1923 Herausgeber des Br J Anaesth). Zusammen mit dem Würzburger Ordinarius C.J. Gauß und dem Heidelberger Lehrstuhl-Inhaber für Pharmakologie H. Wieland gab von der Porten 1928 Der Schmerz - Deutsche Zeitschrift zur Erforschung des Schmerzes und seiner Bekämpfung heraus (zugleich Zentralorgan für Narkose und Anästhesie). Diese Fachzeitschrift fusionierte mit Killians Narkose und Anästhesie 1929 zu Schmerz, Narkose und Anästhesie. Aufgrund der sog. "Reichsverordnung" des Naziregimes erhielt von der Porten 1938 Berufsverbot, wurde 1939 noch im "International Directory of Anesthetists" als "Certified as specialist in anesthesia and fellow in the international college of anesthetists" erwähnt (eine Spezialistenbezeichnung, die nur 7 von damals 16 führenden deutschen "Narkose-Ärzten" teilten!). Flucht vor dem Naziterror über Belgien, interniert und nach Südfrankreich verschleppt. Dort nahm sich von der Porten zusammen mit seiner Frau Josphine, die auf beschwerlichen Umwegen zum ihm gelangt war, am 13.12.1940 das Leben. Der "Berufsverband Deutscher Anästhesisten" würdigte den Pionier durch die Stiftung der "Ernst-von-der-Porten-Medaille" (1987). Ernst-von-der-Porten-Medaille-Preisträger sind: Walther Weißauer (1986), Karl Horatz (1986), Charlotte Lehmann (1986), Karl Hutschenreuter (1988), Domkapitular Prälat Werner Mühlenbrock (1989), Hans Wolfgang Opderbecke (1994), Othmar Zierl (1996), Peter Uter (1997).

Von-Frey-Haare
Nach dem Würzburger Physiologen Max von ® Frey 1852--1921 feine Haare/Borsten, numeriert je nach Kraftanwendung N°1 (0,98 mN) bis N°7 (221 mN), mit denen man Druckpunkte der Haut aufsuchen und sie auf Schmerzschwellenwerte untersuchen kann. In der Klinik als Pinsel verwendet zur klinischen Prüfung der Hautsensibilität.

Von Heyden
Schüler des Marburger Gelehrten Kolbé, entwickelte Syntheseverfahren zur billigen Großherstellung von ® Salicylsäure und gründete 1874 bei Radebeul (Dresden) die chemischen Werke Heyden, die nach dem 2. Weltkrieg nach München und Regensburg verlegt wurden. Seit 1956 in Verbindung mit der Fa. Squibb, seit 1989 mit Bristol-Myers-Squibb.

vulnus
Vulnera, die Wunde(n).

Vulvodynie
Chronische, dysästhetische Sensationen in der Vulvagegend (International society for the study of vulvar disease task force, 1984), multifaktoriell bedingt (z. B. zyklische Vulvovaginitis, Vestibulitis, Dermatosis, Papillomatosis etc., aber auch "essentiell").

 

Quelle: Glossar zum "Handbuch der Schmerztherapie" (Hsg.: Herman Hans Waldvogel), gewidmet Ernst von der Porten, einem der Wegbereiter der moderenen Schmerztherapie. Ernst von der Porten wurde von der Gestapo, gemeinsam mit seiner Frau, im "freien Teil Frankreichs" in den Tod getrieben.
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haGalil onLine 14-10-2001

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