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	<title>Pharmacon Net &#187; Frauen</title>
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		<title>Horst-Eberhard Richter: Psychotherapeut der Nation</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 15:14:43 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Psychotherapie]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Tode von Horst-Eberhard Richter (1923–2011)&#8230;<span id="more-3779"></span></p>
<p><em>Von Hans-Jürgen Wirth</em></p>
<p>Vor mehr als 40 Jahren, im Sommer 1970, ich war noch keine 20 Jahre alt, zog mich Horst-Eberhard Richters <em>Patient Familie</em> in einen wahren Leserausch. Neben Sigmund Freuds <em>Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse</em> und Erich Fromms <em>Die Furcht vor der Freiheit</em> bescherte mir dieses Buch eine Leseerfahrung, wie ich sie seit den Tagen meiner Hermann-Hesse-Lektüre nicht mehr erlebt hatte. Es eröffnete sich mir eine neue Welt, und in mir wurde die Neugier geweckt, die psychoanalytische Erkundung der komplexen Zusammenhänge zwischen Psyche und Gesellschaft (den Begriff »psychosozial« hatte Richter damals noch nicht geprägt) zum Zentrum meines weiteren Lebens zu machen. Was ich bei Richter las, wirkte – religiös gesprochen – fast wie eine Offenbarung. Ich erinnere mich tatsächlich noch immer an jenen Lese-Nachmittag, weil plötzlich meine Familie und meine mit ihr verknüpften Ängste und Konflikte so offen vor mir lagen. Seither hat mich die Frage, was die psychosoziale Welt im Innersten zusammenhält, nicht mehr losgelassen.</p>
<p><strong><img class="alignright size-medium wp-image-24061" title="Horst-Eberhard Richter" src="http://www.hagalil.com/archiv/wp-content/uploads/richter-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" />Biografisches</strong></p>
<p>Am 28. April 1923 in Berlin geboren, wächst Horst-Eberhard Richter als Einzelkind auf. Die Mutter schildert er als eine sehr emotionale Frau, die sich stark an ihn geklammert habe. Den Vater, ein erfolgreicher Ingenieur und Abteilungsleiter einer großen Firma, erlebt Richter als »stillen, in sich gekehrten Grübler«. Nach Hitlerjugend und Arbeitsdienst wird Richter 18-jährig zum Militär eingezogen und dient in einem Artillerieregiment an der Front in Russland. Kurz vor der Verlegung seiner Truppe nach Stalingrad erkrankt er lebensgefährlich an Diphtherie. Mit 22 Jahren gerät er in Kriegsgefangenschaft und erfährt erst bei seiner Rückkehr vom Tod seiner Eltern, die zwei Monate nach Kriegsende auf einem Spaziergang in der Nähe ihres Dorfes von zwei betrunkenen Russen ermordet worden waren.</p>
<p>Nach Studium der Medizin, Philosophie und Psychologie in Berlin promoviert Richter 1949 zum Dr. phil. und 1957 zum Dr. med. 1950 beginnt er seine psychoanalytische Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut, die er 1954 abschließt. Bereits fünf Jahre später, 1959, wird Richter Leiter dieses Instituts und übt diese Funktion bis 1962 aus. Gerade 41-jährig wird er 1964 zum Vorsitzenden der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) gewählt und engagiert sich in dieser Position bis 1968.</p>
<p><strong>Eltern, Kind und Neurose</strong></p>
<p>Im Jahr 1963, ein Jahr nachdem er auf den zweiten deutschen Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin, neben dem von Alexander Mitscherlich in Heidelberg, berufen worden ist, publiziert Horst-Eberhard Richter sein Buch <em>Eltern, Kind und Neurose. Zur Psychoanalyse der kindlichen Rolle in der Familie</em>, das kurioserweise als Habilitationsschrift abgelehnt worden war. Richter wird ohne Habilitation Professor und für drei Jahrzehnte Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Psychosomatische Medizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sein Buch wird in den folgenden Jahren zum einflussreichen Grundlagenwerk für die neue psychoanalytische Behandlungsmethode der Familientherapie, die er im deutschsprachigen Raum als Erster entwickelt. Auf der Grundlage seiner Erfahrungen als leitender Arzt (1952 bis 1962) der »Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter« am Berliner Kinderkrankenhaus im Bezirk Wedding hat er seine psychoanalytische Theorie formuliert, die es erlaubt, das Fehlverhalten von Kindern als symptomatischen Ausdruck unbewusster Konflikte zu verstehen, an denen die Eltern bzw. die ganze Familie leiden. »Die Rolle des Kindes«, schreibt Richter (1963, S. 73), »bestimmt sich also aus der Bedeutung, die ihm im Rahmen des elterlichen Versuches zufällt, ihren eigenen Konflikt zu bewältigen.« Der Konflikt des Kindes wird hervorgerufen durch die »Narzißtischen Projektionen der Eltern auf das Kind« (Richter 1960) – so der Titel seines Aufsatzes im <em>Jahrbuch der Psychoanalyse</em>, zu dessen Herausgeberkreis er bis zu seinem Tod gehört.</p>
<p>Diese Gedanken sind uns heute so vertraut, dass man sich kaum noch vorstellen kann, wie revolutionär – und damit sowohl anziehend als auch irritierend – sie damals sowohl auf die psychoanalytische Fachwelt als auch auf das interessierte Laienpublikum gewirkt haben müssen. Vergleicht man die psychoanalytische Paar- und Familientherapie mit anderen Formen der angewandten Psychoanalyse, wie beispielsweise der Gruppentherapie oder der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, so findet die Paar- und Familientherapie noch immer nicht die Anerkennung durch die psychoanalytischen Fachgesellschaften, die ihr eigentlich zukommen müsste. Man kann die paar- und familientherapeutischen Konzepte durchaus als frühe Vorläufer der heute maßgeblichen psychoanalytischen Schulrichtung ansehen, die unter der Bezeichnung »relationale Psychoanalyse« bekannt ist. Der theoretische Vordenker der relationalen Psychoanalyse, der amerikanische Psychoanalytiker Stephen Mitchell, nimmt zwar in seinen Büchern immer wieder auf die grundlegende Bedeutung der Paardynamik Bezug, allerdings ohne den naheliegenden Schritt zum paartherapeutischen Setting zu gehen.</p>
<p>Als Richter 1970 sein zweites grundlegendes Buch zur psychoanalytischen Familientherapie <em>Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie</em> veröffentlicht, ist er bereits ein bekannter Autor und die psychoanalytische Familientherapie, als deren Nestor er in Deutschland gelten kann, befindet sich auf dem besten Wege, ein einflussreiches psychotherapeutisches Konzept zu werden. Während Richter mit seinem theoretischen Hauptwerk <em>Eltern, Kind und Neurose</em> wissenschaftliches Neuland betritt, entfaltet er in <em>Patient Familie</em> seine Meisterschaft als sprachgewandter Autor, der mit psychoanalytischer Einfühlung seelisches Leid zu beschreiben und in seine beziehungsdynamischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge einzuordnen weiß.</p>
<p><strong>Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien</strong></p>
<p>Persönlich lernte ich Horst-Eberhard Richter 1970 zu Beginn meines Psychologiestudiums im Rahmen einer studentischen Initiativgruppe kennen, die in der Gießener Obdachlosensiedlung »Eulenkopf« sozialpolitisch und sozialpädagogisch tätig ist. Wie viele meiner sich im Aufbruch befindlichen Generation fühle ich mich durch Richters Gedanken angezogen, und seine in den 70er Jahren publizierten Bücher <em>Die Gruppe</em> (1972), <em>Lernziel Solidarität</em> (1974), <em>Flüchten oder Standhalten</em> (1976) und <em>Engagierte Analysen</em> (1978) begleiteten mich in diesen Jahren. <em>Die Gruppe</em> hat den Untertitel <em>Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien. Psychoanalyse in Kooperation mit Gruppeninitiativen</em>. Dieses Buch ist Ausdruck des geistig-kulturellen Klimas der frühen 70er Jahre und bietet zugleich Interpretationen und Reflexionen an, um die mit dem Jahr 1968 angebrochene Zeitenwende und die damit einhergehende psychosoziale Neuorientierung besser verstehen und für die Gestaltung des eigenen Lebens nutzen zu können. Richter ist kein Anhänger der antiautoritären Studentenbewegung der Jahre 68/69, sondern ein Sympathisant der sanfteren Initiativ-, Alternativ- und Ökologiebewegung der 70er Jahre und der Friedensbewegung der 80er Jahre. Er greift die Aufbruchstimmung der 70er Jahre auf, reflektiert aber auch die inneren Brüche, die überzogenen Ansprüche, die wir an uns selbst und an andere stellen, und hilft auf diese Weise dabei mit, dass wir zu realistischeren politischen Konzepten kommen. Dies macht die damalige Bedeutung seines Buches aus.</p>
<p>Richter hat – anders als die meisten Autoren der damaligen Zeit, die sich mit dem Phänomen der Gruppe beschäftigten – sowohl deren politische als auch ihre psychologische und psychotherapeutische Bedeutung erkannt. Er hat deutlich gemacht, dass es sich hierbei tatsächlich um eine soziale Neuerfindung handelt: Der Typus der spontanen, hierarchiefreien und mit den Mitteln der Selbstreflexion sich organisierenden Gruppe stellt in der Tat ein gesellschaftliches Novum dar, das vom emanzipatorischen Teil der Jugend- und Studentenbewegung kreiert worden ist.</p>
<p>Für Richter ist die Psychoanalyse nicht nur eine tiefenpsychologische Behandlungsmethode, sondern, und vielleicht zuallererst, ein Instrument der Aufklärung einer sich sozialanalytisch begreifenden Wissenschaft von Mensch und Gesellschaft. Allein in den Jahren 1972 bis 1981 schreibt er die fünf Bücher, die diese neue Ära eines ganzheitlichen Konzepts von Psychoanalyse einleiten und quasi zur Pflichtlektüre für eine breite Schicht politisch aufgeklärter Bürger werden.</p>
<p><strong>Psychiatrie-Reform</strong></p>
<p>Von den sozialpolitischen Experimenten der 70er Jahre und den neuen Arbeitsansätzen der Initiativ-, Spontan- und Selbsthilfegruppen, von denen Richter inspiriert wird und die er seinerseits anregt, gehen weitreichende Innovationen im Bereich der psychosozialen Beratung und Therapie aus. Die Besinnung auf die psychischen und sozialen Voraussetzungen von Krankheit und Therapie und die Entwicklung eines auf das Psychosoziale bezogenen Gesundheits- und Krankheitsbegriffs sind ohne die kritischen Impulse aus der Initiativgruppen-Bewegung kaum vorstellbar. Es sind Anfang der 70er Jahre fast ausschließlich kritische Studenten, die sich den benachteiligten Gruppen der Gesellschaft, den Heimzöglingen, Obdachlosen, Psychiatriepatienten usw. zuwenden, das Gewissen der Gesellschaft wecken und sowohl die Öffentlichkeit als auch die Fachdisziplinen zwingen, sich mit diesen verdrängten Problembereichen auseinanderzusetzen. Maßgeblich beteiligt ist Richter an der Reform der deutschen Psychiatrie und Sozialpsychiatrie, wofür er 1980 den Theodor-Heuss-Preis erhält. Die in der Psychiatrie-Enquête als Modell der regionalen Selbstorganisation der psychosozialen Versorgungsdienste empfohlene »Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft« wird beispielsweise auf Richters Vorschlag hin dort aufgenommen und ganz nach dem Modell der Initiativgruppe konzipiert. Richters Fähigkeit, jeweils von allen seinen Partnern etwas zu lernen und die in einem Feld gewonnenen Erkenntnisse auf andere Zusammenhänge zu übertragen, stellt eine seiner großen Stärken dar. Nachdem Richter in der Initiativgruppe einiges über die Kreativität von hierarchiearmen Spontangruppen erfahren hat, versucht er sofort, etwas von dem freien Geist, der diese Initiativgruppen prägt, in die institutionelle Struktur seines Psychosomatischen Zentrums und auch der »Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft« in Gießen zu integrieren.</p>
<p><strong>»psychosozial«: Von der Zeitschrift zum Verlag</strong></p>
<p>Durch seine zahllosen Bücher, Artikel, Vorträge und Interviews trägt Richter maßgeblich dazu bei, dass diese zukunftsweisenden Experimente keine Einzelerscheinungen bleiben. Dank seiner Funktion als Vermittler, Botschafter, Interpret und kritischer Begleiter der »Neuen Sozialen Bewegungen« – zu denen die Frauen-, die Ökologie- und die Friedensbewegung gehören – werden sie zu Vorläufern einer Bewusstseinsveränderung, die unsere Gesellschaft erheblich geprägt hat.</p>
<p>Zu seinen publizistischen Aktivitäten gehört auch die Gründung der Zeitschrift <em>psychosozial</em>, in deren Herausgeberkreis Richter mich früh holt. Aus <em>psychosozial</em> geht später der von mir gegründete <a href="http://www.psychosozial-verlag.de/">Psychosozial-Verlag</a> hervor, den Richter nachhaltig unterstützt, indem er uns seine Erfolgsbücher zur Zweitverwertung überlässt. Danach kommen als Erstausgaben <a href="http://www.amazon.de/Die-Krise-Männlichkeit-unerwachsenen-Gesellschaft/dp/3898065707/buchundjudenhaga"><em>Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft</em></a> (2006) und <a href="http://www.amazon.de/Die-seelische-Krankheit-Friedlosigkeit-heilbar/dp/3898068366/buchundjudenhaga"><em>Die seelische Krankheit Friedlosigkeit ist heilbar</em></a> (2008) heraus. Richter ist insofern Namensgeber des Psychosozial-Verlages, der sich der von ihm vertretenen Auffassung von Psychoanalyse verpflichtet weiß.</p>
<p><strong>Psychoanalyse und empirische Forschung</strong></p>
<p>Eine Vorreiterrolle hat Richter auch in Bezug auf die Kooperation von Psychoanalyse und empirischer Psychologie: Zusammen mit Dieter Beckmann entwickelt er bereits Anfang der 70er Jahre einen Persönlichkeitstest, bei dessen Konzeption psychoanalytisch relevante Kategorien besonderes Gewicht haben.</p>
<p>Dieses psychologische Testverfahren bekommt den Namen Gießen-Test (Beckmann/Richter 1972). Er wird in zahlreichen Untersuchungen verwendet, z. B. auch in der für die psychosomatische Medizin wegweisenden Studie über die »Herzneurose« (Richter, Beckmann 1969). Der Gießen-Test ist im deutschsprachigen Raum auch heute noch einer der am häufigsten verwandten Fragebögen zur Psychodiagnostik. Zusammen mit Elmar Brähler führt Richter periodisch Befragungen durch, mit denen die Befindlichkeit und die Einstellungen in der Bevölkerung erhoben werden. In weit über 1.000 Publikationen wird der Gießen-Test bislang zitiert. Er ist in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Mithilfe dieses Tests wird der Name Gießens buchstäblich in die weite Welt getragen – zumindest in die psychologische Fachwelt.</p>
<p>Die Existenz eines psychoanalytisch fundierten Tests, der auch bei den Methodikern der empirischen Psychologie Anerkennung findet, erlaubt ganzen Generationen von psychoanalytisch orientierten Forscherinnen und Forschern, sich in der empirischen Psychologie wissenschaftlich zu qualifizieren, ohne ihre psychoanalytische Orientierung aufgeben zu müssen. Viele psychoanalytische Kolleginnen und Kollegen verdanken ihre wissenschaftliche Karriere nicht zuletzt dem Gießen-Test und damit Richters frühzeitiger Öffnung der Psychoanalyse für die empirische Forschung. Auch in der Psychotherapie-Forschung wird der Gießen-Test häufig angewandt. Unter Richters Leitung betreiben wir schon in den 70er Jahren Psychotherapie-Verlaufsforschungen und katamnestische Studien, in denen wir die Wirksamkeit von Psychotherapie, beispielsweise die der Paar-Kurztherapie (vgl. Richter/Wirth 1978), untersuchen. Inzwischen sieht sich die Psychoanalyse unter dem Druck der Gesundheitsreform und in der stärker gewordenen Konkurrenz mit anderen psychotherapeutischen Verfahren genötigt, sich der Psychotherapie-Erfolgsforschung zu stellen.</p>
<p><strong>Friedensbewegung und IPPNW</strong></p>
<p>Bereits ab 1980 engagiert sich Richter in der Friedensbewegung und ist 1981 einer der maßgeblichen Gründer der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW). Er beeinflusst die politische und inhaltliche Orientierung der bundesdeutschen IPPNW von Anfang an in Richtung Basisdemokratie und eines kollegialen Miteinanders. Das Engagement in der Friedensbewegung gewinnt immer größeres Gewicht in Richters Leben. Er verfasst die berühmte »Frankfurter Erklärung«, in der jeder Unterzeichner sich mit seiner Unterschrift dazu bekennt, sich jeglicher kriegsmedizinischen Schulung und Fortbildung zu verweigern. In etwas abgewandelter Form, als »New Physicians’ Oath«, wird diese Erklärung, nachdem Richter sie auf dem 2. IPPNW-Weltkongress in Cambridge eingebracht hat, von der Weltföderation übernommen. Im Jahr 1985, als das atomare Wettrüsten seinen Höhepunkt erreicht, erhalten die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges – und mit ihnen Horst-Eberhard Richter – den Friedensnobelpreis. Der Friedensnobelpreis dürfte die wohl höchste Ehrung sein, die man erhalten kann. Dennoch sind nicht alle begeistert von der Verleihung. Besonders in der damaligen deutschen Regierung unter Helmut Kohl ist die Empörung groß, dass eine Organisation, die man als »Moskau-gesteuert« bezeichnet, so geehrt wird. Richter grenzt sich immer gegen eine Vereinnahmung durch falsche Freunde ab, lässt sich aber umgekehrt durch Verdächtigungen auch nicht von seinem eigenen Weg abbringen.</p>
<p>Sein friedenspolitisches Engagement auf internationaler Ebene bringt Richter 1987 auch in Kontakt mit einer Arbeitsgruppe unter der Schirmherrschaft von Michail Gorbatschow. Zu dieser Vereinigung, die sich »für eine atomwaffenfreie Welt und für das Überleben der Menschheit« einsetzt, gehören unter anderem der russische Atomwissenschaftler und Menschenrechtler Andrej Sacharow, Ex-US-Verteidigungsminister und Weltbank-Chef Robert McNamara und der Gründer von Greenpeace, David McTaggart. Von den Projekten, die diese Gruppe ins Leben ruft, holt Richter eines an seine Klinik: Es geht um eine psychologische Untersuchung, in der 1.400 Studierende der Justus-Liebig-Universität Gießen und 1.000 Moskauer Studierende zu ihren Einstellungen, politischen Meinungen, Wünsche und Ängste befragt werden. Natürlich kommt auch der Gießen-Test zum Einsatz. Das zentrale Ergebnis dieser Untersuchung – die noch vor dem Ende des Kalten Krieges, noch vor der Maueröffnung stattfindet – gibt an, dass junge Russen und Deutsche sich psychologisch viel näher sind und viel weniger Vorurteile über den jeweils anderen haben, als die offizielle Politik vermuten lässt. Die Ergebnisse publiziert Richter 1990 in dem Buch <em>Russen und Deutsche. Alte Feindbilder weichen neuen Hoffnungen</em>. Wieder taucht das Wort Hoffnung in einem seiner Buchtitel auf.</p>
<p>Als die Friedensbewegung nach dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 von den Medien für tot erklärt wird, organisiert Richter als Antwort darauf zusammen mit der IPPNW den Kongress »Kultur des Friedens« (Richter 1999): Die große Teilnehmerzahl demonstriert, dass die Friedensbewegung in Deutschland sich gewandelt hat, aber keineswegs gestorben ist.</p>
<p><strong>»Erinnern hilft vorbeugen«</strong></p>
<p>Die erinnernde Bearbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit stellt das zentrale Motiv für Richters politisches Engagement dar. Schon mit <em>Eltern, Kind und Neurose</em> hatte Richter ein theoretisches Konzept formuliert, mit dem die unbewussten Verstrickungen der Generationen, die transgenerationale Weitergabe von Traumata und von unbewussten Konflikten, psychoanalytisch verstanden werden konnte. Der Begriff der transgenerationale Weitergabe von Traumata sollte erst viele Jahre später von der Holocaustforschung geprägt werden, aber die zugrundeliegende Psycho- und Beziehungsdynamik wird von Richter bereits Anfang der 60er Jahre konzeptuell begriffen. Er selbst und andere Autoren haben diese Koinzidenz rückblickend auch so gesehen. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch Richter seinerzeit die übergreifende historisch-politische Bedeutung seines Eltern-Kind-Konzepts nicht klar war. Der Holocaust und die anderen Verbrechen des Nationalsozialismus waren noch so abgespalten vom allgemeinen Bewusstsein, dass sie nicht thematisierbar waren. In »Patient Familie« drängt sich die latente Bedrohung durch das verleugnete Thema Nationalsozialismus noch eindringlicher auf, ohne dass es zu einer bewussten Thematisierung gekommen wäre. Die massenhafte Verbreitung angstneurotischer Familienstrukturen, die Richter für die fünfziger und sechziger Jahre konstatiert, lässt sich nach Überlegungen von Tilman Moser (1995) auf die »Schweigegebote« über die »Schrecken der Vergangenheit« zurückführen. Um sich nicht mit der nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontieren zu müssen, klammerten sich viele Familien »mit Hilfe von Vermeidungs- und Verleugnungstaktiken an die Illusion einer friedlichen, guten, geordneten Welt« (Richter 1970) und organisierten ihr familiäres Zusammenleben nach dem Vorbild eines harmonischen und konfliktfreien Sanatoriums. Für das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern hatte dies zur Folge, dass diese ängstlich überbehütet und phobisch gebunden wurden. Die Jugend- und Protestbewegung der sechziger Jahre kann unter anderem auch als ein Aufstand gegen diese überfürsorgliche und als einengend empfundene Bevormundung sowie als erste emotional bedeutsame Thematisierung der verleugneten deutschen Vergangenheit verstanden werden.</p>
<p>Erst im Zusammenhang mit der Nachrüstungsdebatte und dem erneuten Wettrüsten zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt Anfang der 80er Jahre kommen Richter die Erinnerungen an die Grausamkeiten des zweiten Weltkrieges, seine eigenen Kriegserlebnisse und die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus zu vollem Bewusstsein. Richter prägt das Motto »erinnern hilft vorbeugen«, unter das die bundesdeutsche Sektion der »Internationalen Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges« (IPPNW) ihre Kampagne von 1985 stellt, mit der sie die öffentliche Diskussion und Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu einem zentralen Anliegen ihres Kampfes für die Beendigung des Wettrüstens macht. Dem liegt der Gedanke zugrunde, die Beschäftigung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus könne unsere Wahrnehmung für die psychischen und sozialen Umstände sensibilisieren, die die »psychische Krankheit Friedlosigkeit« (eine Formulierung, die Richter von Carl Friedrich von Weizsäcker [1967] übernimmt) bedingen. Unsere Friedensfähigkeit heute – so lautet Richters Überlegung – hänge entscheidend von der Bereitschaft ab, zu erinnern und im Gedächtnis zu bewahren, welche Verbrechen von den Deutschen an den Juden und an den Nachbarvölkern begangen wurden, so wie umgekehrt das aktive Eintreten für die Überwindung der Konfrontation zwischen den Militärblöcken und die Beschäftigung mit den psychischen und gesellschaftlichen Bedingungen des paranoiden Freund-Feind-Denkens nahezu zwangsläufig dazu führe, dass man sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen beginne. Insofern knüpft Richter an die berühmte <em>Zeitdiagnose</em> Alexander und Margarete Mitscherlichs von der <em>Unfähigkeit zu trauern</em> (1967) an, wendet diese aber in ein sozialtherapeutisches Konzept, das originär psychoanalytischen Erfahrungen folgt: die erinnernde Bearbeitung der traumatischen Vergangenheit befreit auch auf der kollektiven Ebene von dem Zwang, die alten Traumata zu wiederholen und eröffnet neue Denk- und Handlungsräume.</p>
<p><strong>Die RAF verstehen?</strong></p>
<p>Es gehört zur zentralen Aufgabe des Psychoanalytikers, sich mit den dunklen, den verdrängten, ja auch den bösen und destruktiven Seiten des menschlichen Lebens zu beschäftigen. Da ein tieferes psychologisches Verständnis nur möglich ist, wenn man sich einfühlend und emotional nachvollziehend auf den anderen einlässt, entsteht für den Außenstehenden oft das Missverständnis, Verstehen sei mit Rechtfertigung, gar mit Parteinahme gleichzusetzen. Als Richter die Ex-Terroristin Birgit Hogefeld im Gefängnis betreut, wird ihm genau dieser Vorwurf gemacht, er sei ein »RAF-Versteher« und rechtfertige damit – zumindest indirekt – deren terroristische Taten. Tatsächlich geht es Richter jedoch darum, über das mitfühlende Verständnis der ehemaligen Terroristin die Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p>
<p><strong>Psychoanalyse als Sozialphilosophie</strong></p>
<p>Richter hat nicht nur seine theoretischen Interessen, sondern ebenso seine praktischen Forschungsstrategien und schließlich auch seine Versuche der praktisch-therapeutisch-politischen Beeinflussung vom Individuum auf die Zweierbeziehung, von dort auf die Familie, von der Familie auf die Gruppe, von der Gruppe auf den Stadtteil und die regionalen psychosozialen Versorgungssysteme ausgeweitet, um bei sozialen Bewegungen, politischen Entscheidungsträgern (<em>Die hohe Kunst der Korruption</em>), der Interaktion zwischen Völkern (<em>Russen und Deutsche</em>) und schließlich bei philosophischen Betrachtungen (<em>Der Gotteskomplex</em>) anzukommen. <em>Der Gotteskomplex</em> (1979) wird sein psychoanalytisch-sozialphilosophisches Hauptwerk, in dem er, auf <em>Eltern, Kind und Neurose</em> aufbauend, an Sigmund Freuds Begriff des »Prothesengottes« aus dem <em>Unbehagen in der Kultur</em> (1933) anknüpfend, sein Verständnis des Grundproblems des modernen Menschen entwickelt. Richters weit ausholende These setzt beim Übergang aus der religiösen Geborgenheit des Mittelalters in die aufgeklärte Neuzeit an. Nach dem Verlust der mittelalterlichen Gotteskindschaft floh der Mensch in die Identifizierung mit göttlicher Allmacht und Allwissenheit. Der Glaube an Gott wurde durch den Glauben an die Allmacht des Menschen ersetzt. »Die grandiose Selbstgewissheit des Ich ist an die Stelle der Geborgenheit in der großen idealisierten Elternfigur getreten. Das individuelle Ich wird zum Abbild Gottes.« Der Versuch, die Schattenseiten des Lebens – Alter, Krankheit, Gebrechlichkeit, Schwäche, Ohnmacht und schließlich der Tod – durch die übertriebene Betonung der entgegengesetzten Eigenschaften – Jugendlichkeit, Gesundheit, Fitness, Stärke, Macht und Todesverachtung – zu verleugnen, bezeichnet Richter als »Krankheit, nicht leiden zu können«. Wer aber nicht leiden will, der muss hassen und sucht sich dafür Sündenböcke, auf die er die eigenen verleugneten schwachen Seiten projizieren kann, so lautet seine psychoanalytisch fundierte Schlussfolgerung.</p>
<p><strong>Botschafter der Psychoanalyse</strong></p>
<p>Es bedarf eines großen Mutes und einer starken Selbstgewissheit, um mit der sozialen Isolationsdrohung und Ächtung fertig zu werden, die Richter aus der Professoren-Kollegenschaft der Ärzte, teilweise aber auch von seinen Psychoanalytiker-Kollegen nicht selten entgegenschlagen. Indem er sich beharrlich der Auseinandersetzung mit dieser Kollegenschaft stellt, gewinnt er die Kraft, sich von den Zwängen und Denkverboten, die die verschiedenen Rollen mit sich bringen, zu distanzieren. Ich schätze an Richter besonders, dass er ein Neuerer des psychoanalytischen Denkens ist, der den Kontakt zur Psychoanalyse nicht abgebrochen hat, der keine eigene, mehr oder weniger sektiererische Schule gegründet hat, wie es in der Geschichte der Psychoanalyse so häufig passiert ist. Vielmehr hat er seine Gedanken in den Strom der psychoanalytischen Diskussion einfließen lassen. Bezeichnenderweise ist er es, der nach seiner Emeritierung in Gießen von 1992 bis 2002 die Leitung des unmittelbar von der Schließung bedrohten Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt übernimmt und dieses in eine gesicherte Zukunft führt.</p>
<p>Richter wirkt in der Öffentlichkeit als ein Botschafter der Psychoanalyse, der in Deutschland neben Alexander und Margarete Mitscherlich wie kein anderer dazu beigetragen hat, dass psychoanalytische Argumente in der Öffentlichkeit Gehör finden. Mit seinen Publikationen, die sich an eine breite Leserschaft richten, betreibt er eine Art »psychoanalytischer Volksaufklärung«, wie sie in den Anfängen der psychoanalytischen Bewegung zum Selbstverständnis vieler Psychoanalytiker gehörte. Sowohl die Psychoanalyse in Deutschland als auch die Öffentlichkeit haben dem »psychoanalytischen Publizisten« Richter viel zu verdanken: Unzählige Menschen sind durch ihn darauf aufmerksam gemacht worden, dass es so etwas wie Psychoanalyse und psychotherapeutische Hilfe für ihre seelischen Probleme überhaupt gibt. Auf der anderen Seite wäre auch die psychoanalytische Gemeinschaft ohne den »politischen Psychoanalytiker« Richter ärmer: Seine Bücher und Ideen haben unsere Sensibilität für die Bedeutung sozialer und politischer Probleme bei der Bewältigung unserer unbewussten Konflikte geschärft und deutlich gemacht, dass die Psychoanalyse nicht in einem gesellschaftsfreien Raum existiert. Zugleich ermutigt und motiviert sein konstruktives politisches Engagement viele Menschen – außerhalb und innerhalb der Psychoanalyse –, eigene Initiativen zu ergreifen, um sich in gesellschaftliche Konflikte einzumischen.</p>
<p><strong>Horst-Eberhard Richter als Charismatiker</strong></p>
<p>Doch wie gelang es Horst-Eberhard Richter, über einen Zeitraum von fast 50 Jahren, so beständig und einflussreich in der öffentlichen Diskussion präsent zu bleiben, und das mit so belastenden Themen wie Randgruppen, Vorurteilen und Krieg? Dies hängt mit einer Eigenschaft zusammen, die der Soziologe Max Weber als Charisma bezeichnet. Die charismatische Persönlichkeit wird von einer besonderen Aura umgeben, die auf andere motivierend und faszinierend wirkt. Charismatische Persönlichkeiten haben die Vision einer besseren Zukunft, sie verfügen über Selbstvertrauen, Entschlossenheit und Ausdauer, sie besitzen eine außergewöhnliche Bereitschaft zum Risiko und scheuen keine persönlichen Wagnisse, sie leben ihre Vision vor, fungieren als Sprachrohr der Gemeinschaft und sind anregende Kommunikatoren, die ihre Botschaften einfallsreich und emotional ansprechend vermitteln. Richter verkörpert wie kaum ein Zweiter den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt, auch wenn er diese Utopie häufig in eine Frage kleidet: <em>Sind wir zum Frieden fähig? </em>(1980) oder:<em> Ist eine andere Welt möglich?</em> (2003). Richter ist deshalb häufig als »Gutmensch« belächelt worden. Das hat ihn zwar geärgert und gekränkt, aber er hat diese Bezeichnung auch als Auszeichnung verstanden und sich in der Rolle des »Mahners«, des »Gutmenschen«, des »Gewissens der Nation«, gar des »Psychotherapeuten der Nation« (Johannes Rau) wohlgefühlt.</p>
<p>Horst-Eberhard Richter war nicht nur der Mahner, der gesellschaftliche Missstände anprangert, sondern auch der Verkünder des Prinzips Hoffnung, der konkrete Modelle entwirft, wie etwas zum Besseren gewendet werden kann. Es ist diese besondere Kombination von mahnender Kritik und hoffnungsvollem Optimismus, die seinen Botschaften bei so vielen Menschen so große Resonanz beschert hat.</p>
<p><a href="http://web.psychosozial-verlag.de/psychosozial/index.php?parent=43&amp;sub=yes&amp;idcat=43&amp;lang=1&amp;&amp;idart=19&amp;idau=102">Weitere Werke von Horst-Eberhard Richter</a></p>
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		<title>Obdachlose: Lebenserwartung sinkt um 30 Jahre</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Dec 2011 18:43:52 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die Lebenserwartung liegt bei rund 47 Jahren und ist damit deutlich niedriger als der normale Durchschnitt von 77 Jahren. Drogen- und Alkoholmissbrauch sind für ein Drittel aller Todesfälle bei obdachlosen Menschen verantwortlich&#8230; Drogen- und Alkoholmissbrauch in England häufigste Todesursachen http://shef.ac.uk &#8211; pte &#8211; In England sterben Obdachlose 30 Jahre früher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der University of Sheffield für die Wohltätigkeitsorganisation Crisis http://crisis.org.uk. Die britische Regierung hat bereits angekündigt, dass 20 Mio. Pfund für die Unterstützung von Singles zur Verfügung gestellt werden, denen der Verlust ihrer Wohnung droht. Frauen sterben noch früher Die Wissenschaftler betonen, dass Drogen- und Alkoholmissbrauch häufig zu Obdachlosigkeit führen. Kein Dach über dem Kopf zu haben, verschärft diese Probleme weiter. Durchschnittlich liegt das Sterbealter bei Obdachlosen bei 47 Jahren. Beim Großteil der Frauen ist dieses Alter mit 43 Jahren jedoch deutlich niedriger. Für die Studie wurden nicht nur jene Menschen berücksichtigt, die auf der Straße leben, sondern auch jene, die in Notunterkünften, Wohnheimen und Tagesstätten untergebracht sind. Es zeigte sich, dass Obdachlose neun Mal so oft Selbstmord begehen und dass Verkehrsunfälle mit Todesfolge drei Mal so häufig vorkommen. Signifikanter Anstieg der Fälle Leslie Morphy, der Vorstandsvorsitzende von Crisis, betont, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Lebenserwartung liegt bei rund 47 Jahren und ist damit deutlich niedriger als der normale Durchschnitt von 77 Jahren. Drogen- und Alkoholmissbrauch sind für ein Drittel aller Todesfälle bei obdachlosen Menschen verantwortlich&#8230;<span id="more-3694"></span></p>
<h2>Drogen- und Alkoholmissbrauch in England häufigste Todesursachen</h2>
<p><a href="http://shef.ac.uk/">http://shef.ac.uk</a> &#8211; <a href="http://www.pressetext.de">pte</a> &#8211; In England sterben Obdachlose 30 Jahre früher als der Durchschnitt der Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der University of Sheffield für die Wohltätigkeitsorganisation Crisis <a href="http://crisis.org.uk/">http://crisis.org.uk</a>. Die britische Regierung hat bereits angekündigt, dass 20 Mio. Pfund für die Unterstützung von Singles zur Verfügung gestellt werden, denen der Verlust ihrer Wohnung droht.</p>
<p><strong>Frauen sterben noch früher</strong></p>
<p>Die Wissenschaftler betonen, dass Drogen- und Alkoholmissbrauch häufig zu Obdachlosigkeit führen. Kein Dach über dem Kopf zu haben, verschärft diese Probleme weiter. Durchschnittlich liegt das Sterbealter bei Obdachlosen bei 47 Jahren. Beim Großteil der Frauen ist dieses Alter mit 43 Jahren jedoch deutlich niedriger.</p>
<p>Für die Studie wurden nicht nur jene Menschen berücksichtigt, die auf der Straße leben, sondern auch jene, die in Notunterkünften, Wohnheimen und Tagesstätten untergebracht sind. Es zeigte sich, dass Obdachlose neun Mal so oft Selbstmord begehen und dass Verkehrsunfälle mit Todesfolge drei Mal so häufig vorkommen.</p>
<p><strong>Signifikanter Anstieg der Fälle</strong></p>
<p>Leslie Morphy, der Vorstandsvorsitzende von Crisis, betont, dass die umfangreichen Investitionen des NHS <a href="http://nhs.uk/">http://nhs.uk</a> den Obdachlosen bei der Lösung ihrer Gesundheitsprobleme nicht geholfen haben. &#8220;Es ist schockierend aber nicht überraschend, dass Obdachlose viel früher sterben als der Rest der Bevölkerung.&#8221;</p>
<p>Das Leben auf der Straße ist für den Großteil hart. Der Stress, kein Dach über dem Kopf zu haben, habe &#8211; wie die Untersuchung zeigt &#8211; seinen Preis. Die Wohltätigkeitsorganisation Shelter <a href="http://shelter.org.uk/">http://shelter.org.uk</a> weist ihrerseits darauf hin, dass rund 70.000 Kinder Weihnachten in Hilfsunterkünften verbringen werden. Zum Vergleich: 2007 waren es noch 112.000.</p>
<p><strong><span style="font-size: x-small;">Leben auf der Straße wird kriminalisiert:<br />
</span> <a href="http://www.hagalil.com/archiv/2011/12/19/obdachlos/">Zu arm für Rechte</a><span style="font-size: x-small;"><br />
</span> </strong> <span style="font-size: xx-small;"> In Ungarn ist Obdachlosigkeit per Gesetz zur Ordnungswidrigkeit erklärt worden. Die Kriminalisierung von Armut ist eine der repressiven Maßnahmen der regierenden Rechtspopulisten, durch die sich nicht zuletzt Budapest stark verändert…</span><span style="font-size: x-small;"><strong><br />
</strong></span></p>
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		<title>HIV / AIDS: Osteuropa bald Aids-Sorgenkind Nr. 1</title>
		<link>http://www.pharmacon.net/2011/12/hiv-4/</link>
		<comments>http://www.pharmacon.net/2011/12/hiv-4/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 13:28:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sexualmedizin]]></category>
		<category><![CDATA[Suchterkrankungen]]></category>
		<category><![CDATA[AIDS]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
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		<description><![CDATA[Während weltweit die Neuinfektionen mit dem HI-Virus sinken, geraten sie in Osteuropa zunehmend außer Kontrolle. &#8220;Russland und die Ukraine stehen mit ihrem Aidsproblem bald dort, wo das südliche Afrika vor fünf bis zehn Jahren war&#8221;, warnt Nicolas Cantau, Fund Portfolio Manager für die Ukraine beim Global Fund&#8230;Experte: &#8220;Situation wie früher in Südafrika steht bevor&#8221; pte -  Der &#8220;Global Fund to fight AIDS, Tuberculosis and Malaria&#8221; http://theglobalfund.org ist mit Abstand der größte Geldgeber für HIV/Aids-Projekte weltweit. Alarm schlug anlässlich des heutigen Weltaidstages auch die WHO http://who.int . Ihr Vergleich der Aids-Situation 2010 mit jener von 2001 zeigt: Die jährlichen Neuinfektionen gingen zwar weltweit um 15 Prozent auf 2,7 Mio. zurück und es gibt Hinweise, dass sich sogar in der zahlenmäßig größten Krisenregion Afrika südlich der Sahara die Zunahmen abflachen. In Osteuropa und Zentralasien verdreifachte sich die Zahl der HIV-Positiven allerdings auf nunmehr 1,5 Mio. und Aids-Todesfälle stiegen sogar auf das Zehnfache. Speziell zur Ukraine informiert ein noch unveröffentlichter Bericht der UNAIDS http://unaids.org , dass 360.000 Ukrainer oder 1,33 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 bis 49 Jahren den HI-Virus tragen, wobei nur 100.000 davon offiziell als Patienten gemeldet sind. Hoch ist die Infektionsrate besonders bei Drogenabhängigen, Sexarbeiterinnen, homosexuellen Männern und auch Straßenkindern, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Während weltweit die Neuinfektionen mit dem HI-Virus sinken, geraten sie in Osteuropa zunehmend außer Kontrolle. &#8220;Russland und die Ukraine stehen mit ihrem Aidsproblem bald dort, wo das südliche Afrika vor fünf bis zehn Jahren war&#8221;, warnt Nicolas Cantau, Fund Portfolio Manager für die Ukraine beim Global Fund&#8230;<span id="more-3669"></span><strong>Experte: &#8220;Situation wie früher in Südafrika steht bevor&#8221;</strong></p>
<p><a href="http://www.pressetext.de">pte</a> -  Der &#8220;Global Fund to fight AIDS, Tuberculosis and Malaria&#8221; <a href="http://theglobalfund.org/">http://theglobalfund.org</a> ist mit Abstand der größte Geldgeber für HIV/Aids-Projekte weltweit.</p>
<p><a href="http://www.pharmacon.net/2011/12/hiv-4/"><em>Click here to view the embedded video.</em></a></p>
<p>Alarm schlug anlässlich des heutigen Weltaidstages auch die WHO <a href="http://who.int/">http://who.int</a> . Ihr Vergleich der Aids-Situation 2010 mit jener von 2001 zeigt: Die jährlichen Neuinfektionen gingen zwar weltweit um 15 Prozent auf 2,7 Mio. zurück und es gibt Hinweise, dass sich sogar in der zahlenmäßig größten Krisenregion Afrika südlich der Sahara die Zunahmen abflachen. In Osteuropa und Zentralasien verdreifachte sich die Zahl der HIV-Positiven allerdings auf nunmehr 1,5 Mio. und Aids-Todesfälle stiegen sogar auf das Zehnfache.</p>
<p>Speziell zur Ukraine informiert ein noch unveröffentlichter Bericht der UNAIDS <a href="http://unaids.org/">http://unaids.org</a> , dass 360.000 Ukrainer oder 1,33 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 bis 49 Jahren den HI-Virus tragen, wobei nur 100.000 davon offiziell als Patienten gemeldet sind. Hoch ist die Infektionsrate besonders bei Drogenabhängigen, Sexarbeiterinnen, homosexuellen Männern und auch Straßenkindern, wobei allerdings der heterosexuelle Geschlechtsverkehr im Jahr 2009 den Drogenkonsum als wichtigste Übertragungsform abgelöst hat.</p>
<p><strong>Drei Viertel bleiben unentdeckt</strong></p>
<p>&#8220;Es gibt Hinweise, dass die heterosexuelle Übertragung heute in erster Linie von infizierten Drogenabhängigen ausgeht&#8221;, erklärt Cantau. Zwei Drittel der sexuell Neuinfizierten sind Frauen, vorwiegend aus der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen, wobei 50 Prozent der HI-Trägerinnen bei einer Schwangerschaft als solche diagnostiziert werden. Insgesamt bleibt der Virus jedoch bei drei von vier Betroffenen unentdeckt, weshalb Experten bereits den fortdauernden Boom von Neuerkrankungen befürchten.</p>
<p>Die ukrainische Regierung setzt in ihren Gegenmaßnahmen bei den Hochrisikogruppen an und wird dabei vom Global Fund in den kommenden zwei Jahren mit 88 Mio. Dollar unterstützt. &#8220;Die verfügbaren Mittel reichen jedoch kaum, um die vielen Lücken auch nur notdürftig zu füllen. Denn weder gelingt der flächendeckende Test bei Risikogruppen, noch die Behandlung aller Erkrankten&#8221;, betont der Global Fund-Sprecher. Ähnliches berichten auch ukrainische Selbsthilfegruppen (pressetext berichtete: <a href="http://pressetext.com/news/20100721030">http://pressetext.com/news/20100721030</a> ).</p>
<p><strong>DACH-Ländern fehlt Verantwortung</strong></p>
<p>Gegenüber Russland, wo die Situation der Epidemie mit der Ukraine vergleichbar ist, spricht Cantau allerdings ein noch härteres Urteil aus. &#8220;Russland gehört zu den Geberländern für den Global Fund, verwehrt diesem aber die Mitwirkung bei der HIV-Bekämpfung. Seine Strategie ist die generelle Prävention, wobei die Bedürfnisse der Drogenabhängigen übergangen und die einzig wirksame Schadensminderungen durch Substitution oder Nadeltausch verboten werden. Dahinter stehen nur ideologische Gründe, die jeder Evidenz widersprechen.&#8221; Schlimm sei dies, da UNAIDS-Forschungen zeigen, dass HIV/Aids durch Test und effektive Behandlung ausgemerzt werden könnte.</p>
<p>Jegliche Kritik gerade aus deutschsprachigen Ländern hat jedoch fahlen Beigeschmack: Deutschland, die Schweiz und Österreich sind Schlusslichter im weltweiten Kampf gegen HIV/Aids. &#8220;Das betrifft nicht nur den finanziellen Beitrag für Aidsprojekte, sondern auch die Entwicklungshilfe, die deutlich unter 0,7 Prozent des BIP liegt&#8221;, so Cantau. Weit schärfer hat dies Global-Fund-Direktor Michel Kazatchkine anlässlich der Aids-Konferenz 2010 formuliert: &#8220;Österreich bekämpft Aids nur mit schönen Worten&#8221; (pressetext berichtete: <a href="http://pressetext.com/news/20100723004">http://pressetext.com/news/20100723004</a> ).</p>
<p>UNAIDS-Datenblatt Ukraine: <a href="http://www.unaids.org/en/Regionscountries/Countries/Ukraine/">http://www.unaids.org/en/Regionscountries/Countries/Ukraine/</a></p>
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		<title>Fachtagung: Macht Triebkontrolle sexy?</title>
		<link>http://www.pharmacon.net/2011/10/sex-5/</link>
		<comments>http://www.pharmacon.net/2011/10/sex-5/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 14 Oct 2011 13:16:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sexualmedizin]]></category>
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		<description><![CDATA[Menschen werden für andere attraktiver, wenn sie ihre sexuellen Triebe in Zaum halten können. Das erklärt der Wiener Psychotherapeut und Psychiater Raphael Bonelli: &#8220;Wer seinen Trieb aus freien Stücken aufschieben kann, stärkt damit seine innere Freiheit. Krankhaft wird Sex viel eher dann, wenn man nicht zumindest kurzfristig auf ihn verzichten kann&#8221;&#8230; Wien (pte) &#8221; Wie viel Sex der Mensch mindestens braucht, um gesund zu bleiben, diskutieren Sexualtherapeuten, Psychiater und Theologen am kommenden Samstag auf einer Fachtagung (zölibat.at) in Wien. Die mediale Präsenz der Sexualität spielt eine gewichtige Rolle in der Diskussion um das &#8220;nötige Minimum&#8221;: Sex wird häufig als notwendiger Höhepunkt und Ziel jeder Liebesbeziehung dargestellt, verstärkt durch sexistische Abbildungen. Zusätzlich zu diesen künstlich geschaffenen kommen auch von Betroffenen selbst kreierte Bedürfnisse, erklärt Bonelli. &#8220;Viele Männer glauben fest, dass sie dringend Sex brauchen. Noch immer kursieren Unsinns-Argumente, etwa dass alle 14 Tage der Hoden entleert und Dampf abgelassen werden muss &#8211; womit Männer jedoch in erster Linie den Frauen Druck machen wollen.&#8221; Frei versus unfrei Was schwerer wiegt, sind jedoch die psychischen Folgen von ausbleibendem Sex, wobei Sigmund Freuds Thesen weiterhin als Meilenstein gelten. &#8220;Freud wurde jedoch von der 68er-Bewegung und einer banalisierenden Mittelschulpsychologie fälschlich oft so wiedergegeben, dass jeglicher Verzicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Menschen werden für andere attraktiver, wenn sie ihre sexuellen Triebe in Zaum halten können. Das erklärt der Wiener Psychotherapeut und Psychiater Raphael Bonelli: &#8220;Wer seinen Trieb aus freien Stücken aufschieben kann, stärkt damit seine innere Freiheit. Krankhaft wird Sex viel eher dann, wenn man nicht zumindest kurzfristig auf ihn verzichten kann&#8221;&#8230;</p>
<p>Wien (<a href="http://www.pressetext.de">pte</a>) &#8221; Wie viel Sex der Mensch mindestens braucht, um gesund zu bleiben, diskutieren Sexualtherapeuten, Psychiater und Theologen am kommenden Samstag auf einer Fachtagung (<a href="http://z%C3%B6libat.at/">zölibat.at)</a> in Wien.</p>
<p>Die mediale Präsenz der Sexualität spielt eine gewichtige Rolle in der Diskussion um das &#8220;nötige Minimum&#8221;: Sex wird häufig als notwendiger Höhepunkt und Ziel jeder Liebesbeziehung dargestellt, verstärkt durch sexistische Abbildungen. Zusätzlich zu diesen künstlich geschaffenen kommen auch von Betroffenen selbst kreierte Bedürfnisse, erklärt Bonelli. &#8220;Viele Männer glauben fest, dass sie dringend Sex brauchen. Noch immer kursieren Unsinns-Argumente, etwa dass alle 14 Tage der Hoden entleert und Dampf abgelassen werden muss &#8211; womit Männer jedoch in erster Linie den Frauen Druck machen wollen.&#8221;</p>
<p><strong>Frei versus unfrei</strong></p>
<p>Was schwerer wiegt, sind jedoch die psychischen Folgen von ausbleibendem Sex, wobei Sigmund Freuds Thesen weiterhin als Meilenstein gelten. &#8220;Freud wurde jedoch von der 68er-Bewegung und einer banalisierenden Mittelschulpsychologie fälschlich oft so wiedergegeben, dass jeglicher Verzicht auf Sexualität neurotisiere. Er selbst betonte jedoch, dass dies nur bei unfreiwilligem Verzicht zutrifft. Sein Schüler Carl Gustav Jung konkretisierte später, dass freiwillige Enthaltsamkeit &#8211; also ohne Flucht aus Nöten und Verantwortungen &#8211; keinesfalls schädlich ist.&#8221;</p>
<p>Die Freiheit, den Sexualtrieb sowohl ausleben als auch darauf verzichten zu können, sieht Bonelli deshalb als entscheidendes Kriterium. Unfrei sei der Verzicht auf Sex etwa im Falle von Frigidität, bei sexueller Verklemmung oder auch bei halbbewusster Selbststimulierung, die das Bedürfnis nach Befriedigung bloß steigert. &#8220;Der Betroffene gesteht sich selbst den Trieb nicht ein und verdrängt die sexuellen Motive von Vorschubhandlungen. Sexuelle Übergriffe nehmen oft hier ihren Ausgang &#8211; etwa jene der Ephebophilie, der erotischen Anziehung erwachsener Männer zu geschlechtsreifen Knaben.&#8221;</p>
<p><strong>Sprache der Liebe</strong></p>
<p>Bewusster Verzicht, obwohl man die Triebe ausleben könnte, ist hingegen die Wurzel von Kultur, zitiert Bonelli erneut Freud. &#8220;Nur wer auf kurzfristige Befriedigung zugunsten eines längerfristigen Gutes verzichten kann, ist zu Kunst, Arbeit, Beziehung, Freundschaft und Hingabe fähig &#8211; Leistungen, die Grundpfeiler der Gesellschaft bilden.&#8221; Selbst in bestehenden Paarbeziehungen führe deshalb erst das Wartenkönnen aus Rücksicht auf den anderen zur Vermenschlichung der körperlichen Liebe. Aufgabe der Eltern, jedoch auch des schulischen Sexualunterrichts sei es folglich, die in der Pubertät aufblühende Sexualität eines Jugendlichen dafür zu sensibilisieren.</p>
<p>Singles auf Partnersuche rät der Psychotherapeut, bewusst an der Kultivierung ihrer Sexualität zu arbeiten, statt sich bloß zu stimulieren. &#8220;Pornografie und Selbstbefriedigung sind ein kurzfristiges, oft zwanghaftes Ausleben der Triebsehnsucht. Beide erschweren es jedoch, Sex als Sprache der Liebe zu entwickeln. Zudem führt die ständige Sofortbefriedigung in einen Teufelskreis, der viele Männer um ihre attraktive Ausstrahlung bringt. Denn Lüstlinge kommen bei Frauen selten gut an &#8211; und werden von diesen meist auch rasch als solche enttarnt.&#8221;</p>
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		<title>Mehr Hilfe bei Krisen in Schwangerschaft nötig: Bedeutung der Psychologen und Hebammen nimmt zu</title>
		<link>http://www.pharmacon.net/2011/08/prenatal/</link>
		<comments>http://www.pharmacon.net/2011/08/prenatal/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 31 Aug 2011 06:51:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Trauma]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Situation der Geburtshilfe ist heute grundlegend anders als noch vor Jahrzehnten, legt der Experte dar. &#8220;Die Pränataldiagnostik erlaubt einen neuen Blick auf die Kindesentwicklung, bewirkt jedoch gleichzeitig eine ständige Verunsicherung der werdenden Mutter, die von Termin zu Termin auf Entwarnung hofft.&#8221;&#8230; Bregenz (pte) Krisen und Zwischenfälle in der Schwangerschaft und Geburt überfordern werdende Eltern häufig. Diesem Thema widmen sich demnächst die Bodensee-Dialoge http://www.bodenseedialoge.li . &#8220;Das Tabu der psychologischen Begleitung der Schwangerschaft muss fallen. Fehlgeburten wurden etwa über lange Zeit bagatellisiert, wodurch betroffene Frauen und Paare keinen Trauerprozess durchlaufen konnten und oft noch Jahre später ein Trauma entwickelten&#8221;, so Tagungsleiter Christoph Jochum im pressetext-Interview. Hoffnung auf Entwarnung Die Zunahme an Untersuchungen geht unter anderem auf das steigende Bedürfnis der Ärzte nach rechtlicher Absicherung zurück. Zudem hat ein Kind heute eine andere Bedeutung als früher. &#8220;Da viele nur mehr ein Kind statt drei bis vier Kinder bekommen, ist der Druck und die Erwartungshaltung in das &#8216;Projekt Kind&#8217; ungleich größer. Alles muss passen und wird geplant, weshalb man immer öfter von Wunschkind, Wunschtermin und vom geplanten Kaiserschnitt spricht&#8221;, so Jochum. Kinder sind nicht planbar Die Realität sieht anders aus, denn das Kinderkriegen ist trotz der hohen Technisierung der Schwangerschaft nicht planbar. Ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Situation der Geburtshilfe ist heute grundlegend anders als noch vor Jahrzehnten, legt der Experte dar. &#8220;Die Pränataldiagnostik erlaubt einen neuen Blick auf die Kindesentwicklung, bewirkt jedoch gleichzeitig eine ständige Verunsicherung der werdenden Mutter, die von Termin zu Termin auf Entwarnung hofft.&#8221;&#8230;<span id="more-3547"></span></p>
<p>Bregenz (<a href="http://www.pressetext.de">pte</a>) Krisen und Zwischenfälle in der Schwangerschaft und Geburt überfordern werdende Eltern häufig. Diesem Thema widmen sich demnächst die Bodensee-Dialoge <a href="http://www.bodenseedialoge.li/">http://www.bodenseedialoge.li</a> . &#8220;Das Tabu der psychologischen Begleitung der Schwangerschaft muss fallen. Fehlgeburten wurden etwa über lange Zeit bagatellisiert, wodurch betroffene Frauen und Paare keinen Trauerprozess durchlaufen konnten und oft noch Jahre später ein Trauma entwickelten&#8221;, so Tagungsleiter Christoph Jochum im pressetext-Interview.</p>
<p><strong>Hoffnung auf Entwarnung</strong></p>
<p>Die Zunahme an Untersuchungen geht unter anderem auf das steigende Bedürfnis der Ärzte nach rechtlicher Absicherung zurück. Zudem hat ein Kind heute eine andere Bedeutung als früher. &#8220;Da viele nur mehr ein Kind statt drei bis vier Kinder bekommen, ist der Druck und die Erwartungshaltung in das &#8216;Projekt Kind&#8217; ungleich größer. Alles muss passen und wird geplant, weshalb man immer öfter von Wunschkind, Wunschtermin und vom geplanten Kaiserschnitt spricht&#8221;, so Jochum.</p>
<p><strong>Kinder sind nicht planbar</strong></p>
<p>Die Realität sieht anders aus, denn das Kinderkriegen ist trotz der hohen Technisierung der Schwangerschaft nicht planbar. Ein guter Teil der Paare ist trotz vielen Versuchen nicht in der Lage, ein Kind zu bekommen, und nach wie vor enden 15 Prozent der Schwangerschaften mit einer Fehlgeburt. Schwierig verlaufende frühere Geburten oder auch die negative Darstellung in den Medien bereiten vielen Frauen Angst vor weiteren Schwangerschaften oder Geburten (pressetext berichtete: <a href="http://pressetext.com/news/20110629002">http://pressetext.com/news/20110629002</a> ).</p>
<p>Speziell wenn Frauen oder Paare erfahren, dass ihr Kind schwerkrank oder behindert sein wird, belastet dies psychisch enorm. &#8220;Betroffene brauchen Hilfe von Außen zur Stabilisierung. Erst so können sie eine reflektierte Entscheidung treffen, zu der sie später auch stehen können&#8221;, betont Jochum. Ärzte sind mit dieser Aufgabe meist überfordert, zumal in vielen Fällen ein Zeitproblem besteht.</p>
<p><strong>Hebammen immer wichtiger</strong></p>
<p>Experten machen sich daher für mehr Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen stark, um neben den medizinischen auch psychologische, soziale, ethische und spirituelle Aspekte zu berücksichtigen. So können etwa Hebammen der Frau dabei helfen, den natürlichen Zugang zur Geburt wieder zu finden. Immer öfter übernehmen sie bereits heute während der Schwangerschaft die Begleiterrolle, etwa in Geburtsvorbereitungskursen oder bei der Mutter-Kind-Pass-Untersuchung.</p>
<p>Die Sensibilität für psychologische Nöte während der Schwangerschaft wächst jedoch auch bei den Gynäkologen, beobachtet Jochum. &#8220;90 Prozent der nachkommenden Fachärzte sind Frauen, was für einen Kulturwandel spricht. Frauen sind auf ganz andere Weise sensibel für weibliche Problemstellungen als Männer.&#8221;</p>
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		<item>
		<title>Virtuelle Verhältnisse: Sexualität als Thema im Internet</title>
		<link>http://www.pharmacon.net/2011/03/internet-8/</link>
		<comments>http://www.pharmacon.net/2011/03/internet-8/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 19:07:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sexualmedizin]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
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		<description><![CDATA[Erfahrungsgemäß haben die meisten TherapeutInnen und BehandlerInnen wenig, wenn nicht gar keine Erfahrung mit Chats, Foren, sogenannten »sexsites« oder dem Downloaden pornografischer Bilder und Filme. Vor allem das Chatten stößt bei ihnen auf große Vorbehalte; sich in Chaträume zu begeben, löst Angst oder zumindest Unbehagen aus – meist auch wegen Unkenntnis der Regeln und der notwendigen Sicherheitsanforderungen. Das hohe Maß an Sexualisierung und Tabubrüchen in diesem unkontrollierbar erlebten Medium, in dem sich viele der Chatter und Chatterinnen hinter einem Synonym, einem sogenannten »Nickname«, verbergen, beunruhigt&#8230; Reinhold Munding p.13 Virtuelle Verhältnisse Sexualität als Thema im Internet [BESTELLEN?] In den meisten Chats und Chaträumen werden seriöse, unverfängliche Themen verhandelt. Auch die Partnersuche via Internet kann mittlerweile als zeitgemäß und angemessen angesehen werden. Diese Art des ersten Kennenlernens ist oft substanzvoller und einfallsreicher als manche Kontaktanzeigen in seriösen Tageszeitungen und sehr viel weniger anonym, weil dabei häufig durchaus glaubwürdige Informationen ausgetauscht werden und Kontaktschwierigkeiten weniger ausschlaggebend sind. Die Chats sind eine eigene Welt mit eigenen Regeln, die kommunikationsgeschulte Fachleute gerne meiden, vielleicht weil der Blickkontakt fehlt und die andere Person nicht eindeutig zu identifizieren ist. Andererseits berichten zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen von KlientInnen, die problematische Erlebnisse und Erfahrungen mit Chatkontakten und Sexkontakten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erfahrungsgemäß haben die meisten TherapeutInnen und BehandlerInnen wenig, wenn nicht gar keine Erfahrung mit Chats, Foren, sogenannten »sexsites« oder dem Downloaden pornografischer Bilder und Filme. Vor allem das Chatten stößt bei ihnen auf große Vorbehalte; sich in Chaträume zu begeben, löst Angst oder zumindest Unbehagen aus – meist auch wegen Unkenntnis der Regeln und der notwendigen Sicherheitsanforderungen. Das hohe Maß an Sexualisierung und Tabubrüchen in diesem unkontrollierbar erlebten Medium, in dem sich viele der Chatter und Chatterinnen hinter einem Synonym, einem sogenannten »Nickname«, verbergen, beunruhigt&#8230;<span id="more-3259"></span></p>
<p>Reinhold Munding<br />
<em>p.13 Virtuelle Verhältnisse Sexualität als Thema im Internet</em><br />
[<strong><a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3837920194">BESTELLEN?</a></strong>]</p>
<p>In den meisten Chats und Chaträumen werden seriöse, unverfängliche Themen verhandelt. Auch die Partnersuche via Internet kann mittlerweile als zeitgemäß und angemessen angesehen werden. Diese Art des ersten Kennenlernens ist oft substanzvoller und einfallsreicher als manche  Kontaktanzeigen in seriösen Tageszeitungen und sehr viel weniger anonym, weil dabei häufig durchaus glaubwürdige Informationen ausgetauscht werden und Kontaktschwierigkeiten weniger ausschlaggebend sind. Die Chats sind eine eigene Welt mit eigenen Regeln, die kommunikationsgeschulte Fachleute gerne meiden, vielleicht weil der Blickkontakt fehlt und die andere Person nicht eindeutig zu identifizieren ist.</p>
<p>Andererseits berichten zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen von KlientInnen, die problematische Erlebnisse und Erfahrungen mit Chatkontakten und Sexkontakten gemacht haben, die sie via Internet geknüpft haben. Thematisiert werden dabei zumeist Internet-Sexsucht, Kontakt zu und Konsum von Kinderpornografie oder auch sexuelle Übergriffe, wenn aus dem Chat ein realer Kontakt geworden ist.</p>
<p>Derzeit kommen etwa ein Drittel aller KlientInnen in meine sexualtherapeutische Praxis, weil sie mit Internet-Sexsucht, Kinderpornografie oder pädosexuellen Kontakten via Netz zu tun haben. Während bei den nicht strafbaren Internetaktivitäten ausufernder Pornografiekonsum im Vordergrund steht, überwiegen bei den Sexualdelinquenten jene, die im Rahmen groß angelegter polizeilicher Fahndungen nach Kinderpornografie ermittelt wurden. Einige kommen, weil sie Kontakte über das Internet mit dem Ziel geknüpft haben, letztendlich die Kinder der Chatpartnerin kennenzulernen.</p>
<p>PsychotherapeutInnen und BeraterInnen müssen sich mit den Tücken und Gefahren, aber vor allem mit den Versuchungen befassen, denen Menschen im Internet ausgesetzt sind oder denen sie sich zum Teil gewollt aussetzen. Sie brauchen zumindest ein Grundwissen darüber, was die KlientInnen umtreibt und was sie »virtuell treiben«. Die KlientInnen sprechen von sexuellen Angeboten, von sexuellen Verführungen, von der Suche nach dem sexuellen Kick, vom via Internet vermittelten Sex-Date – manches mit bösem Ende –, vom Download von Fotos und Filmen nackter Kinder.</p>
<p>Unsere Vorstellung vom World Wide Web (WWW) ist in erster Linie mit der nahezu unbegrenzten Möglichkeit der Informationsbeschaffung verbunden. Sie ist insofern grenzenlos, als jede Information, die irgendwann über einen Server ins Netz gestellt wurde, von jedem Endverbraucher, der über einen Internetzugang verfügt, jederzeit und an jedem Ort abrufbar ist. Zwar kann jede Information, die auf einem Server platziert wurde, wieder entfernt bzw. korrigiert werden, dies darf allerdings keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass damit die Widerrufbarkeit solcher Informationen nicht gesichert ist: Informationen aus dem Netz können kopiert und weiterverschickt werden – eine ernüchternde und erschreckende Erkenntnis, weil zum Beispiel auch die Fotos missbrauchter Kinder nie wieder zuverlässig aus dem Web entfernt werden können. Dies ist ein lebenslanger Knebel für die Opfer.</p>
<p>Jede und jeder weiß, dass es neben allgemeinen Informationen auch eine Fülle von sexuellen Themen und Angeboten im Netz gibt. Dieses Angebot an sexuellen Informationen beziehungsweise an Informationen zu sexuellen Themen im Internet ist überwältigend. Unter dem Suchbegriff »Sex« erlaubt die Suchmaschine »Google Deutschland« Zugriff auf ca. 45 Mio. Websites, beim Stichwort »Kinder nackt« stehen 410.000 Seiten zur Verfügung, viele davon im Graubereich der Legalität.</p>
<p>Spezifiziert man die Suche nach sexuellen Varianten weiter, findet man beispielsweise beim Suchbegriff »Bondage« 51.000 Treffer. Darunter sind auch sachlich-fachliche Informationen von BehandlerInnen für Klienten. So kann man sich zum Thema »Bondage und Sexualtherapie« immerhin noch auf 700 Seiten informieren.</p>
<p>Die Angebotspalette für pornografische Darstellungen »befriedigt« jede Neigung. Einige Beispiele: »Amateur Babes«, »Anal Sex«, »Asiatin«, »BDSM«, »Bisex«, »Große Schwänze«, »Große Titten«, »Blondinen«, »Blowjobs«, »Abspritzen«, »Schwarzhäutig«, »Dildos«, »Faustfick«, »Fußfetisch«, »Fickmaschinen«, »Gang Bang«, »Schwul«, »Hardcore«, »Einführungen«, »Latinas«, »Lesben«, »Masturbation«, »Alte«, »Nylon «, »Draußen«.</p>
<p>Jeder Mensch, der etwas über Sex zu erzählen oder zu zeigen hat, kann dies der Internet-Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Auch ein erheblicher Teil der Sex- und Prostitutionsindustrie arbeitet inzwischen via Internet. Die Sexindustrie dominiert zweifelsohne den einschlägigen Markt im Internet. Dabei gewinnt zum Beispiel die Vermittlung sexueller Dienstleistungen im Netz – neben den traditionellen Angeboten – inzwischen eine immer größere Bedeutung. Die sexuellen Vorlieben der Freier werden gezielt bedient, die entsprechenden Angebote lokal ausgerichtet und von Besuchern dieser Seiten in speziellen Foren kommentiert, zensiert und empfohlen. Die Tipps erfahrener Freier befördern den Sextourismus, ein Trip an die tschechische Grenze oder nach Flensburg erscheint dann »lohnenswert«.</p>
<p>Neben zahllosen privaten und kostenlosen Sexseiten bieten natürlich auch unzählige kommerzielle und hochprofessionelle Anbieter von Pornografie ihre Materialien an. Die Summen, die mit Internet-Pornografie weltweit umgesetzt werden, haben die Zig-Milliarden-Grenze längst überschritten. Dabei sind den sexuellen Praktiken in Foto- und Videoform keine Grenzen gesetzt. Das Bedienen sexueller Vorlieben und Praktiken – sei es real oder virtuell – hat aber seinen Preis. Meist muss man dazu ein Zugangspasswort erwerben – selbstverständlich gegen Gebühr. Man gibt also Konto- oder Kreditkartendaten an und erteilt damit eine Einzugsermächtigung, erhält dann Stunden oder Tage später seinen Zugangscode und kann damit – wie vertraglich vereinbart – über Tage, Wochen oder Monate zum Beispiel alle Filme des Anbieters unbegrenzt aus dem Netz auf den Rechner laden.</p>
<blockquote><p><em>Bsp.: R. ist 39 Jahre alt und seit zwei Jahren in einer festen Partnerschaft. Er kommt alleine in die Praxis, weil er »internetsüchtig« ist, wie er sagt. Seine Freundin hatte ihn nachts vor dem PC sitzend vorgefunden.<br />
Er hatte pornografische Fotos von jungen Frauen geöffnet und betrachtet. Für sie brach eine Welt zusammen und sie machte die Fortsetzung der Beziehung von der Aufnahme einer Sexualtherapie abhängig.<br />
Aus Scham, seine Krankenkasse könne etwas von seiner Sucht erfahren, bezahlt er  die Therapie selbst. Während des Erstgespräches kommt zutage, dass seine  Internetsucht dazu geführt hatte, dass er auch während seiner Arbeitszeit im  Büro einen erheblichen Teil seiner Zeit unerlaubt im Internet surfte und eine  fristlose Kündigung riskierte. </em></p></blockquote>
<p>Sophinette Becker, Margret Hauch, Helmut Leiblein (Hg.)<br />
Sex, Lügen und Internet<br />
Reihe »Beiträge zur Sexualforschung«<br />
Gesellschaft für Sexualforschung, herausgegeben von Martin Dannecker, Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch.<br />
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		<title>Beiträge zur Sexualforschung: Sex, Lügen und Internet</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 19:05:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Sexualmedizin]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Sex]]></category>

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		<description><![CDATA[Sexualität ist ein bedeutsamer Topos im Internet. In diesem Buch werden die im World Wide Web neu konstruierten Räume und gelebten Neosexualitäten dargestellt und analysiert. Auf die Sexualität fokussiert, geht es dabei um das Spannungsfeld zwischen Virtualität und Realität&#8230; Sexualwissenschaftliche und psychotherapeutische Perspektiven [BESTELLEN?] Was machen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer im und mit dem Internet, was macht das Internet mit ihnen? Nutzen sexuelle Erfahrungen im Netz nur ein neues Kommunikationsmedium oder entfalten die virtuellen Möglichkeiten eine Eigendynamik und verändern die realen sexuellen Verhältnisse? Ist die virtuelle Erfahrung mit Sex im Internet eine Möglichkeit der Orientierung im Sinne des Probehandelns oder schränkt sie individuelle Fantasieräume ein und oktroyiert den Subjekten Vorlagen auf, von denen sie dann abhängig werden? Oder bricht gar die Konfrontation mit Sex im Internet auch notwendige Tabus auf, verwischt die Grenze zwischen Fantasie und Realität und führt zu mehr sexuellen Gewalthandlungen? Wie real ist das im Netz Erlebte, wie wirklich die virtuelle Realität? Ist die in und mittels neuer Medien gelebte Sexualität Realität und/oder Fantasieprodukt? Welche Folgen zeitigt die Möglichkeit, in beliebigen (Geschlechts-)Rollen und (sexuellen) Identitäten miteinander zu verkehren? Oder ist das Netz nur ein riesiger Warenkatalog, für den mehr denn je das alte »sex sells« [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sexualität ist ein bedeutsamer Topos im Internet. In diesem Buch werden die im World Wide Web neu konstruierten Räume und gelebten Neosexualitäten dargestellt und analysiert. Auf die Sexualität fokussiert, geht es dabei um das Spannungsfeld zwischen Virtualität und Realität&#8230;<span id="more-3058"></span></p>
<p><strong>Sexualwissenschaftliche und psychotherapeutische Perspektiven</strong><br />
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<p>Was machen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer im und mit dem Internet, was macht das Internet mit ihnen? Nutzen sexuelle Erfahrungen im Netz nur ein neues Kommunikationsmedium oder entfalten die virtuellen Möglichkeiten eine Eigendynamik und verändern die realen sexuellen Verhältnisse? Ist die virtuelle Erfahrung mit Sex im Internet eine Möglichkeit der Orientierung im Sinne des Probehandelns oder schränkt sie individuelle Fantasieräume ein und oktroyiert den Subjekten Vorlagen auf, von denen sie dann abhängig werden? Oder bricht gar die Konfrontation mit Sex im Internet auch notwendige Tabus auf, verwischt die Grenze zwischen Fantasie und Realität und führt zu mehr sexuellen Gewalthandlungen? Wie real ist das im Netz Erlebte, wie wirklich die virtuelle Realität? Ist die in und mittels neuer Medien gelebte Sexualität Realität und/oder Fantasieprodukt? Welche Folgen zeitigt die Möglichkeit, in beliebigen (Geschlechts-)Rollen und (sexuellen) Identitäten miteinander zu verkehren? Oder ist das Netz nur ein riesiger Warenkatalog, für den mehr denn je das alte »sex sells« gilt?</p>
<p><em>Helmut Leiblein, Sophinette Becker und Margret Hauch *</em></p>
<p>In dem vorliegenden Band (<a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3837920194">Sex, Lügen und Internet</a>) werden diese Fragen in ihren verschiedenen Facetten empirisch und theoretisch beleuchtet und kontrovers diskutiert – aus psychotherapeutischer, psychoanalytischer, pädagogischer und soziologischer Perspektive und mit dem gemeinsamen sexualwissenschaftlichen Bezug.</p>
<p>Der Band entstand aus der 4. Klinischen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung im Mai 2008 in Münster. Das Thema der Tagung – »Sex, Lügen und Internet. Neue Medien@psychotherapeutische Praxis« – hatten die VeranstalterInnen zum einen gewählt, weil »Sex im Internet« zunehmend eine Rolle in der psychotherapeutischen Praxis spielt und (nicht nur ältere) PsychotherapeutInnen oft ratlos sind, wie sie damit umgehen und solche Erlebnisse bewerten sollen; zum anderen, weil der verbreiteten Besorgnis über die Auswirkungen des Internets auf die Sexualität oft nur vage Vorstellungen davon, was derzeit in Sachen Sex konkret »im Netz abgeht«, zugrunde liegen. Risiken und Chancen des Internets sollten auf der Suche nach einer Perspektive jenseits von Alarmismus und Verharmlosung ausgelotet werden.</p>
<p>Dieser Spannungsbogen zwischen Alarmismus und Verharmlosung war auf der Tagung atmosphärisch deutlich zu spüren in einer immer wieder zwischen Sorge und Neugier, Faszination und Angst vor Verharmlosung hin- und herpendelnden Bewegung. Die Beiträge fundieren und akzentuieren die konträren Momente dieser Bewegung.</p>
<p>Reinhold Munding führt in das Thema »Sexualität im Internet« ein und veranschaulicht Tücken, Gefahren und Versuchungen, denen Menschen im Internet ausgesetzt sind oder denen sie sich zum Teil gewollt aussetzen – von Chatrooms bis zur Kinderpornografie. Mit Chatprotokollen und Fallberichten vermittelt er ein Grundwissen darüber, was die KlientInnen umtreibt und was sie »virtuell treiben«.</p>
<p>Martin Dannecker verdeutlicht die Attraktivität der internetgestützten Sexualität, die er vor allem darin sieht, dass die genuine Konflikthaftigkeit der Sexualität (Scham- und Schuldgefühle) im virtuellen Raum sozusagen »abgechattet« wird. Er arbeitet die Unterschiede zwischen traditionellen sexuellen Face-to-Face-Kontakten und Cybersex heraus: Im Netz wird durch die  fantasier- und erfahrbare Präsenz des Gegenübers ein intermediärer Raum zwischen Virtualität und Realität aufgespannt, der den Beteiligten handfeste Erfahrungen ermöglicht.</p>
<p>Arne Dekker beschäftigt sich mit »Raumkonstruktionen beim Cybersex « und stellt sowohl die hergebrachte Unterscheidung von »virtuell« und »real« als auch die scheinbare Körperlosigkeit virtueller Räume in Frage. An zwei Fallbeispielen entwickelt er seine Unterscheidung zwischen »utopischen« und »heterotopischen« Räumen beim Cybersex: Obgleich an beiden »virtuell« partizipiert wird, implizieren die einen eine fiktionale Platzierung des Körpers an semiotischen Orten, während die anderen eine realweltliche Platzierung an materiellen Orten privilegieren.</p>
<p>Sonja Düring beschreibt die »Verführungen im Netz«, denen sie bei ihren PatientInnen begegnet, und erklärt sie damit, dass das Internet gleichsam wie ein therapeutischer Raum funktioniere: Mittels der Interaktivität im Internet würden sexualisierte Sehnsüchte, Ängste und Wünsche laufend gespiegelt; manche PatientInnen kämen über den Prozess des Weiter- und Durchklickens überhaupt erst ihren Regungen auf die Spur. So könne selbst der suchthafte Konsum von Pornografie im Internet unter Umständen zum Finden bereits angelegter, aber noch nicht bewusster sexueller Skripte beitragen.</p>
<p>Werner Meyer-Deters untersucht vor dem Hintergrund seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die andere Minderjährige brutal sexuell angegriffen haben, den subjektiven Zusammenhang zwischen deren Übergriffen und dem Konsum von Pornografie im Internet – mit dem Fazit, dass dieser bei Kindern und Jugendlichen nicht zwangsläufig zu sexueller Gewalt führt, aber führen kann, wenn andere begünstigende Faktoren hinzukommen.</p>
<p>Gabriele Teckentrup befasst sich mit der Bedeutung von »Daily Soaps« als Begleiterinnen durch die weibliche Adoleszenz am Beispiel der Behandlung einer jungen Frau. Während grundsätzlich die Identifikation mit ProtagonistInnen der Serien im Sinne eines »Probehandelns« verstanden werden kann, stellt für ihre Patientin die »Soap« vor allem einen  Rückzugs- oder Fluchtort angesichts der für sie kaum zu ertragenden Realität dar. Der Patientin fällt es schwer, Wunsch und Wirklichkeit auseinanderzuhalten, die Therapeutin fühlt sich in der Beziehung lange Zeit selbst wie in einer Soap.</p>
<p>Ulrike Brandenburg schildert die Brisanz »virtuellen Fremdgehens « anhand zweier Fallgeschichten: einmal aus der Perspektive einer betroffenen Partnerin, die den Pornografiekonsum ihres Mannes im Internet wie einen »realen Seitensprung« erlebt, und zum anderen aus der eines männlichen Patienten, der eine emotionale und soziale Krise durch Abtauchen in die virtuelle Sexualität zu kompensieren versucht. In beiden Fällen versteht sie das »virtuelle Fremdgehen« als Herausforderung für die jeweilige Paarbeziehung, an der diese letztlich auch wachsen könne.</p>
<p>Axel J. Schmidt, Michael Bochow und Stefanie Grote tragen die Ergebnisse ihrer Studie zu HIV-Risiken durch internetgestützte Sexkontakte bei und belegen die Relevanz des Internets für die Anbahnung sexueller Kontakte bei homosexuellen Männern, die die von heterosexuellen Männern bei Weitem übersteigt. Für das Risikoverhalten ist es ihrer Studie zufolge kaum von Bedeutung, ob ein sexueller Kontakt »online« oder »offline« zustande kommt, entscheidender sind andere Faktoren wie Partnerzahl und Drogengebrauch.</p>
<p>Gunter Schmidt kommt auf der Basis einer Überprüfung der empirischen Datenlage zu den Auswirkungen des Internet-Pornografie- Konsums von Jugendlichen auf deren Sexualität zu dem Schluss, dass die wesentliche Auswirkung eine Veralltäglichung der Pornografie ist und dass es sich bei den meisten Behauptungen über die Gefahren um »Phantasmen der Alten«, das heißt um Diskriminierung und Viktimisierung von Jugendlichen, handelt. Weitere Forschung müsse mehr die Jugendlichen als Handelnde in den Blick nehmen.</p>
<p>Beate Hofstadler befasst sich mit der Rezeption sexueller Szenen im »alten« Medium Film und zeigt die Aktivität der RezipientInnen auf. Am Beispiel der Rezeption der Geschlechterperformance der ProtagonistInnen des Films &#8220;Todo sobre mi madre / Alles über meine Mutter&#8221; von Pedro Almodóvar durch zwei Gruppen von ZuschauerInnen weist sie nach, dass diese mehr von eigenen Bildern, Wertvorstellungen, Klischees, Identitäten und Fantasien gespeist ist als von der Filmvorlage – die RezipientInnen machen aus dem Film etwas Eigenes.</p>
<p><em>Aus dem Vorwort der Herausgeber</em><br />
zu &#8220;Sex, Lügen und Internet&#8221;, ersch. i.d.Reihe &#8220;Beiträge zur Sexualforschung&#8221; (PsychoSozial Verlag)<br />
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		<title>Die Narben der Gewalt: Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Mar 2011 12:01:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychotherapie]]></category>
		<category><![CDATA[Angst]]></category>
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		<description><![CDATA[Dieses Buch ist die Frucht von zwanzig Jahren Forschung und praktischer Arbeit mit Opfern von sexueller und häuslicher Gewalt und spiegelt auch die vielfältigen Erfahrungen mit zahlreichen anderen traumatisierten Patienten wider, vor allem mit Kriegsveteranen und Opfern von politischem Terror&#8230; Es ist ein Buch über die Wiederherstellung von Verbindungen: Verbindungen zwischen öffentlichen und privaten Welten, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Mann und Frau. Es ist ein Buch über Gemeinsamkeiten: zwischen Vergewaltigungsopfern und Kriegsveteranen, zwischen mißhandelten Frauen und politischen Gefangenen, zwischen den Überlebenden der riesigen Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über Völker herrschten, und den Überlebenden der kleinen, versteckten Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über ihre Familie herrschen. Wer Furchtbares durchlebt hat, leidet unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Schäden. Das Spektrum traumatischer Störungen reicht von den Folgen eines einzigen überwältigenden Ereignisses bis zu den vielschichtigen Folgen lang anhaltenden und wiederholten Mißbrauchs. Gängige diagnostische Kategorien, insbesondere die häufig bei Frauen diagnostizierten schweren Persönlichkeitsstörungen, berücksichtigen im Allgemeinen zu wenig, was es bedeutet, wenn ein Mensch zum Opfer geworden ist. Im ersten Teil des Buches wird das Spektrum menschlicher Reaktionen auf traumatische Ereignisse beschrieben, im zweiten Teil wird der Verlauf des Heilungsprozesses geschildert und ein neues Konzept für die Psychotherapie von traumatisierten Patienten entwickelt. Aussagen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieses Buch ist die Frucht von zwanzig Jahren Forschung und praktischer Arbeit mit Opfern von sexueller und häuslicher Gewalt und spiegelt auch die vielfältigen Erfahrungen mit zahlreichen anderen traumatisierten Patienten wider, vor allem mit Kriegsveteranen und Opfern von politischem Terror&#8230;<span id="more-3140"></span></p>
<p>Es ist ein Buch über die Wiederherstellung von Verbindungen: Verbindungen zwischen öffentlichen und privaten Welten, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Mann und Frau. Es ist ein Buch über Gemeinsamkeiten: zwischen Vergewaltigungsopfern und Kriegsveteranen, zwischen mißhandelten Frauen und politischen Gefangenen, zwischen den Überlebenden der riesigen Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über Völker herrschten, und den Überlebenden der kleinen, versteckten Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über ihre Familie herrschen.</p>
<p>Wer Furchtbares durchlebt hat, leidet unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Schäden. Das Spektrum traumatischer Störungen reicht von den Folgen eines einzigen überwältigenden Ereignisses bis zu den vielschichtigen Folgen lang anhaltenden und wiederholten Mißbrauchs. Gängige diagnostische Kategorien, insbesondere die häufig bei Frauen diagnostizierten schweren Persönlichkeitsstörungen, berücksichtigen im Allgemeinen zu wenig, was es bedeutet, wenn ein Mensch zum Opfer geworden ist.</p>
<p>Im ersten Teil des Buches wird das Spektrum menschlicher Reaktionen auf traumatische Ereignisse beschrieben, im zweiten Teil wird der Verlauf des Heilungsprozesses geschildert und ein neues Konzept für die Psychotherapie von traumatisierten Patienten entwickelt. Aussagen von Opfern und Fallbeispiele aus der umfangreichen Literatur illustrieren die Besonderheiten traumatischer Störungen und die Prinzipien der Behandlung. Dieses Buch gehört in den USA seit Jahren zu den wichtigsten und zugleich erfolgreichsten Büchern aus dem Bereich der Psychotraumatologie. Die deutschsprachige Ausgabe war zuerst bei Kindler erschienen.</p>
<p>Herman, Judith:<br />
<a target="" title="" href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/387387525X">Die Narben der Gewalt &#8211; Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden</a><br />
Originaltitel: Trauma and Recovery, 3. Auflage, 2010, aus der Reihe &#8220;Konzepte der Psychotraumatologie&#8221;. Herausgegeben von Arne Hofmann, Luise Reddemann, Ursula Gast.</p>
<p>Judith Herman ist Professorin an der Harvard Medical School und leitet ein Programm über Opfer von Gewalttaten am Cambridge Hospital. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sie sich mit Opfern von Kindesmißbrauch, Vergewaltigung und häuslicher Gewalt.</p>
<p>Im Nachwort betont sie &#8220;Die Dialektik des Traumas setzt sich fort&#8221;:<br />
Beim Schreiben des Buches Die Narben der Gewalt hatte ich mir die Aufgabe gestellt, die gesammelten Erkenntnisse der vielen Kliniker, Forscher und politischen Aktivisten zusammenzufassen, die von den psychischen Auswirkungen von Gewalt Zeugnis abgelegt hatten. Außerdem wollte ich einen Überblick über das im Laufe des vergangenen Jahrhunderts immer wieder vergessene und wiederentdeckte Wissen zur Trauma-Thematik referieren. Ich vertrete in meinem Buch die Auffassung, daß die Auseinandersetzung mit psychischen Traumata in ihrem Wesen ein politisches Unterfangen ist, weil sie sich mit der Erfahrung unterdrückter Menschen beschäftigt. Ich habe damals vorausgesagt, daß unser Tätigkeitsbereich auch weiterhin von Kontroversen geprägt sein werde, ganz gleich, wie solide er durch empirische Erkenntnisse untermauert würde, da die historischen Kräfte, die in der Vergangenheit dafür gesorgt hätten, daß wichtige Entdeckungen dem Vergessen anheimgefallen seien, weiterhin in der Welt wirken würden.<br />
In den Jahren, die seit dem Erscheinen der Originalausgabe dieses Buches vergangen sind, ist die Zahl der Gewaltopfer um Millionen angeschwollen. Die unfaßbaren Greueltaten, denen ganze Gemeinschaften in Kriegen in Europa, Asien und Afrika ausgesetzt waren, haben die Welt auf die verheerende Wirkung von Gewalt aufmerksam gemacht und vielen Menschen zu Bewußtsein gebracht, daß psychische Traumata tatsächlich ein weltweites Phänomen sind. Gleichzeitig ist mit dem weitgehenden Verschwinden der Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten im Krieg der politische Charakter der Gewalt gegen Frauen und Kinder deutlicher erkennbar geworden. Die abscheuliche systematische Nutzung der Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung in vielen Teilen der Welt hat vielen das Ausmaß der Entsetzlichkeiten zu Bewußtsein gebracht. Dies hat dazu geführt, daß Vergewaltigungen heute international als Menschenrechtsverletzung gelten und daß Verbrechen gegen Frauen und Kinder (zumindest in der Theorie) als ebenso schwerwiegend wie andere Kriegsverbrechen angesehen werden.<br />
In den USA wurde durch eine Anzahl umfassender Gemeindeuntersuchungen gezeigt, daß sogar in Friedenszeiten Gewalterfahrungen erheblich häufiger vorkommen und weitaus schädlicher wirken, als bislang allgemein angenommen wurde. Man beginnt gerade erst, die dauerhaften Folgen unserer endemischen gesellschaftlichen Gewalt zu erkennen. Beispielsweise hat ein Forscherteam eine sehr ambitionierte Langzeitstudie initiiert, in welcher der Lebensweg einer Gruppe von Mädchen, die in ihrer Kindheit nachweislich sexuellen Mißbrauch erlebt hatten, in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter verfolgt wurde. Diese Studie veranschaulicht in bislang nicht erreichter Deutlichkeit, wie tiefgereifend sich Kindheitstraumata auf die menschliche Entwicklung auswirken. Studien dieser Art verleihen den ohnehin schon massiven Belegen für die hohen Kosten von Gewalt noch mehr Gewicht.<br />
Wie ich in meinem Buch vorausgesagt habe, ist die wissenschaftliche Erforschung psychischer Traumata nach wie vor äußerst umstritten. Viele Kliniker, Forscher und politische Förderer der Arbeit mit Traumatisierten sahen und sehen sich immer wieder heftigen Angriffen ausgesetzt. Doch hat die Traumaforschung die vielfältigen Versuche, sie zu diskreditieren und sie letztendlich &#8220;verschwinden&#8221; zu lassen, bisher überlebt. Im Gegenteil sind die wissenschaftlichen Bemühungen um die Erforschung der traumatischen Belastung in den letzten Jahren sogar tatsächlich ausgeweitet worden und haben an Qualität gewonnen. Die Diskussion über die grundsätzliche Frage, ob eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) überhaupt existiert, ist offenbar abgeschlossen. Nach Definition der Umrisse des Feldes ist die Pionierphase beendet, und die Forschungsarbeit ist sowohl technisch differenzierter als auch in mancher Hinsicht alltäglicher geworden. In einer neuen Generation von Untersuchungen wird damit begonnen, unser Verständnis der Wirkung traumatischer Ereignisse zu erweitern und zu präzisieren.<br />
Einige der interessantesten Fortschritte im Bereich der Traumaforschung wurden durch technisch innovative Laborstudien über die biologischen Aspekte von PTBS gewonnen. Mit ihrer Hilfe wurde festgestellt, daß Traumaexpositionen dauerhafte Veränderungen im endokrinen System sowie im autonomen und zentralen Nervensystem bewirken können. Durch neuartige Forschungsansätze wurden komplexe Veränderungen in der Regulierung von Streßhormonen und in der Funktion und sogar der Struktur bestimmter Gehirnbereiche infolge von Traumata entdeckt, und es wurden Abnormitäten insbesondere im Bereich der Amygdala und des Hippocampus gefunden, Hirnstrukturen, durch die eine Beziehung zwischen Angst und Erinnerungsvermögen hergestellt wird.</p>
<p><em>&#8220;Die Texte auf dem hinteren Buchrücken sprechen von einer sensationellen Arbeit, von einem der wichtigsten Psychologie-Bücher, von einem Muss für alle, die sich mit komplexen Traumatisierungen beschäftigen und ich kann dem nur beipflichten.<br />
Das Buch ist extrem fachlich, extrem persönlich, extrem gut lesbar und gibt einem die Möglichkeit, wirklich das Wirken des Traumas auf uns Menschen und unsere menschliche Gemeinschaft und die Wege der Heilung kennen zu lernen und zu verstehen. Das Buch ist herausfordernd, unmittelbar beginnt man, die eigene Praxis in Beratung und Therapie zu hinterfragen und neu zu konzeptionalisieren. Das Buch ist nun in der zweiten Auflage erschienen, ich bin sicher eine dritte wird folgen.&#8221; </em><br />
- SpielRäume</p>
<p><em>&#8220;Dass Wissenschaft sich in einer narrativen Weise vorstellt, hat Seltenheitswert. Judith L. Herman, Professorin an der Harvard Medical School, hat diesen außergewöhnlichen Weg gesucht. Es macht Freude, ihrer Erzählweise zu folgen. Denn es vermittelt Leichtigkeit im Angesicht eines existenziellen Leidens.&#8221; </em><br />
- Psychiatrische Pflege Heute</p>
<p><em>&#8220;Das Buch sollten alle lesen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten.&#8221; </em><br />
- AKF-Literaturdienst</p>
<p><em>&#8220;Die Autorin schildert den Heilungsprozess und zeigt auf, dass gängige diagnostische Kategorien, insbesondere schwere Persönlichkeitsstörungen oft zu wenig berücksichtigen, was es bedeutet, wenn ein Mensch zum Opfer wird. Die Kenntnisse dieser Zusammenhänge sind auch für die Arbeit mit traumatisierten Mobbing-Opfern sehr hilfreich.&#8221; </em><br />
- MobbLetter</p>
<p><em>&#8220;Der Klassiker zum Verstehen und Überwinden der Folgen (sexueller) Gewalt. Wiederauflage der lange vergriffenen, 1992 erschienenen bahnbrechenden, brillanten Analyse der amerikanischen Psychiaterin.&#8221; </em><br />
- EMMA</p>
<p><em>&#8220;Eine sensationelle Arbeit &#8211; ein Klassiker für unsere Generation.&#8221; </em><br />
- Prof. Bessel van der Kolk, Mit-Herausgeber des Buches &#8220;Traumatic Stress&#8221;</p>
<p><em>&#8220;Eines der wichtigsten Psychologie-Bücher seit Freud.&#8221; </em><br />
- New York Times</p>
<p><em>&#8220;Hermans Buch ist ein &gt;&gt;MUSS&lt; &lt; für alle, die sich mit komplexen Traumatisierungen beschäftigen. Judith Hermans Empfehlungen sind auch nach 10 Jahren gültig und wegweisend.&#8221; </em><br />
- Dr. Luise Reddemann, Autorin des Buches &#8220;Imagination als heilsame Kraft&#8221;</p>
<p><em>&#8220;Das Buch von J. Herman ist eines der wichtigsten und gleichzeitig lesbarsten Bücher der modernen Traumaforschung. Es sollte in allen universitären Seminaren zum Thema &gt;&gt;psychische Traumatisierungen&lt; &lt; zur Pflichtlektüre gehören.&#8221; </em><br />
- Dr. Arne Hofmann, Universität Köln</p>
<p><em>&#8220;Mit klarem Blick für die Bedeutung gesellschaftlicher Einflüsse auf wissenschaftliche Erkenntnisse, mit präzisem psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachwissen und mit hohem Engagement für die Opfer häuslicher, sexueller und politischer Gewalt gelingt Judith L. Herman ein großartiges Buch. Es sensibilisiert für die seelischen Wunden der Betroffenen und zeigt die mühsamen, aber zugleich hoffnungsvollen Wege der Heilung auf.&#8221; </em><br />
- Ursula Gast, Medizinische Hochschule Hannover</p>
<div id="post-3153">
<h2><a title="Permalink to Holocaust und Trauma: Die Spätfolgen" rel="bookmark" href="../2011/03/holocaust-und-trauma-1/">Holocaust und Trauma: Die Spätfolgen</a></h2>
<div>
<p>Die  Langzeitfolgen von Holocaust-Traumata sind weitreichend. Mehr als ein  halbes Jahrhundert nach dem Krieg setzt der Holocaust seine Präsenz auf  verschiedene Weisen fort. Wie&#8230;</p>
<h2><a title="Permalink to Amcha: Hilfen für Überlebende des Holocaust" rel="bookmark" href="../2011/03/holocaust-und-trauma-2/">Amcha: Hilfen für Überlebende des Holocaust</a></h2>
<p>Zwischen   den verschiedenen Gruppen und Individuen der Holocaustüberlebenden  gibt  es deutliche Unterschiede. So differieren z.B. ihre  Persönlichkeiten  vor dem Krieg, ihre verschiedenen traumatischen  Kriegserlebnisse und  ihre Wiederanpassung nach dem Krieg…</p>
<h2><a title="Permalink to Child-Surviver: Überleben als Kind" rel="bookmark" href="../2011/03/holocaust-und-trauma-3/">Child-Surviver: Überleben als Kind</a></h2>
<p>Den   Krieg als Kind überlebt zu haben scheint eine fundamental andere   Erfahrung zu sein als ihn als Erwachsener zu überleben. Kinder sind im   Gegensatz zu Erwachsenen gleichzeitig verwundbarer als auch   anpassungsfähiger. Sie erlebten die Schrecken des Krieges in vielen   Etappen ihrer kognitiven, emotionalen und&#8230;</p>
</div>
</div>
<div id="post-3179">
<h2><a title="Permalink to Holocaust und Trauma: Die Kinder der Überlebenden" rel="bookmark" href="../2011/03/holocaust-und-trauma-4/">Holocaust und Trauma: Die Kinder der Überlebenden</a></h2>
<div>
<p>Die   transgenerationalen Auswirkungen des Holocaust auf die Nachkommen von   Überlebenden bleibt ein ziemlich kontroverses Thema. Einige meinen, das   Konzept der „2.Generation“ (2nd Generation) sei eine Illusion und der   Prozess der Transmission eine Täuschung ist. Andere fragen sich, ob es   eine spezifische Psychopathologie für Kinder von Überlebenden gibt.  Noch  andere behaupten, dass die Nachkommen, sowie&#8230;</p>
</div>
</div>
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		<title>Vitalpilze: Die Sinnlichkeit erhalten</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jan 2011 22:52:49 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Statistiken können ganz schön verunsichern &#8211; etwa in Form von beliebten Zeitungsmeldungen, die regelmäßig mitteilen, wie oft Männer und Frauen verschiedenen Alters im Bett aktiv sind. Wer Vergleiche zum eigenen Leben anstellt, entwickelt schnell Zweifel, ob bei ihm noch alles &#8220;normal&#8221; ist. Eine häufige Folge: Erwartungs- und Leistungsdruck sich selbst gegenüber nehmen zu, die eigene Unzufriedenheit und oft auch die des Partners wächst&#8230; Lust ist keine Frage des Alters In besonderem Maße gilt dies für all diejenigen, die sich eigentlich noch jung wie eh und je fühlen und dennoch rein rechnerisch ihre Lebensmitte überschritten haben. Fakt ist: Eine erfüllte Partnerschaft, zu der meist auch die Befriedigung sexueller Bedürfnisse gehört, geht nicht einfach zu Ende, wenn die Kinder großgezogen sind. Doch sie verändert sich &#8211; körperlich und auch seelisch. Veränderung statt Verlust Wer es schafft, nicht den alten Zeiten nachzutrauern, sondern Veränderungen am eigenen Körper und dem des Partners neugierig zu entdecken sowie schätzen zu lernen, wird es schaffen, sexuelle Lust auch jenseits der 50 zu erleben. Nur selten übrigens liegen Libidostörungen in diesem Alter körperliche Ursachen zugrunde. Meist ist es der Kopf, der nicht recht mitspielen möchte. Anstatt dann zum manchmal nicht ungefährlichen Potenzmittel zu greifen, bieten sich natürliche Aphrodisiaka [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Statistiken können ganz schön verunsichern &#8211; etwa in Form von beliebten  Zeitungsmeldungen, die regelmäßig mitteilen, wie oft Männer und Frauen  verschiedenen Alters im Bett aktiv sind. Wer Vergleiche zum eigenen  Leben anstellt, entwickelt schnell Zweifel, ob bei ihm noch alles  &#8220;normal&#8221; ist. Eine häufige Folge: Erwartungs- und Leistungsdruck sich  selbst gegenüber nehmen zu, die eigene Unzufriedenheit und oft auch die  des Partners wächst&#8230;<span id="more-3041"></span></p>
<p><strong>Lust ist keine Frage des Alters</strong></p>
<p>In besonderem Maße gilt dies für all diejenigen, die sich eigentlich noch jung wie eh und je fühlen und dennoch rein rechnerisch ihre Lebensmitte überschritten haben. Fakt ist: Eine erfüllte Partnerschaft, zu der meist auch die Befriedigung sexueller Bedürfnisse gehört, geht nicht einfach zu Ende, wenn die Kinder großgezogen sind. Doch sie verändert sich &#8211; körperlich und auch seelisch.</p>
<p><strong>Veränderung statt Verlust </strong></p>
<p>Wer es schafft, nicht den alten Zeiten nachzutrauern, sondern Veränderungen am eigenen Körper und dem des Partners neugierig zu entdecken sowie schätzen zu lernen, wird es schaffen, sexuelle Lust auch jenseits der 50 zu erleben. Nur selten übrigens liegen Libidostörungen in diesem Alter körperliche Ursachen zugrunde. Meist ist es der Kopf, der nicht recht mitspielen möchte. Anstatt dann zum manchmal nicht ungefährlichen Potenzmittel zu greifen, bieten sich natürliche Aphrodisiaka dazu an, der Sinnlichkeit auf die Sprünge zu helfen.</p>
<p><strong>Vitalisierende Pflanzen und Pilze </strong></p>
<p>Kakao, Vanille, Granatapfel, Ingwer, ätherische Öle und anderes mehr werden zum Teil bereits seit der Antike zur sanften Steigerung der Liebeslust eingesetzt. Aus dem Reich der Vitalpilze hat sich der chinesische Raupenpilz (Cordyceps sinensis) einen besonderen Namen gemacht: Seine vitalisierende Wirkung, so die Gesellschaft für Vitalpilzkunde e.V., wurde inzwischen in diversen Studien nachgewiesen, wie auf der Internetseite <a href="http://www.vitalpilze.de">http://www.vitalpilze.de</a> nachzulesen ist. Dass der Cordyceps speziell die sexuelle Aktivität fördern kann, ist einer Durchblutungssteigerung der Beckenorgane und einer Aktivierung des Hormonsystems zu verdanken.</p>
<p><strong>Hinweis: Lustkiller Stress </strong></p>
<p>Wenn es mit dem Sex nicht mehr so klappt wie früher, denken viele zunächst an Durchblutungsstörungen und altersbedingten Leistungsabfall. Oft allerdings haben diese Probleme ihre Ursache im Kopf: Das ständige Streben nach Höchstleistungen, das den Alltag bestimmt, wirkt im Bett wie eine Blockade. Eine entspannende Massage mit duftenden Ölen, ein warmes Bad zu zweit und eine Atmosphäre, die alle Sinne anspricht, können den selbst gemachten Erwartungsdruck reduzieren und beiden Partnern zu neuen sinnlichen Erlebnissen verhelfen.</p>
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		<title>Erinnerungen an Laura Perls: Leben an der Grenze</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Jan 2011 17:50:44 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Frauen]]></category>
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		<category><![CDATA[Psychoanalyse]]></category>
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		<description><![CDATA[Wer war Lore Perls? Kennengelernt habe ich sie 1978 in einem Seminar und habe mich dann gleich für ein weiteres angemeldet. So gewann ich ihr Vertrauen, einige Seminare für sie in Düsseldorf zu organisieren, und so habe ich sie auch gleich von der praktischen Seite her kennengelernt. Ich fing an, Dinge zu lesen, die sie mir empfahl, und da sie in dieser Zeit regelmäßig in Deutschland war, um sich zu erholen, ihre Heimatstadt Pforzheim zu besuchen und in den Alpen Urlaub zu machen, hatten wir jedes Jahr Gelegenheit, uns zu sehen, und ich habe kein Jahr ausgelassen&#8230; Dr. Kristine Schneider Zugute kam mir meine Freundschaft mit Anna und Milan Sreckovic, wo sie aufs großzügigste untergebracht war und mit denen sie oft wochenlang in Köln lebte. Meine Legitimation, über sie persönlich zu berichten, bezieht sich daher auf ihre späten Lebensjahre, und all das, was ich aus früheren Zeiten über sie weiß, weiß ich durch Berichte, die sie selbst gegeben hat, aus Interviews und Berichten von Freunden. Erv Polster, bei dem ich gelernt habe, hatte mich sehr neugierig auf sie gemacht. Immer wenn er von ihr und von seinem Lernen in ihrem Institut in Cleveland sprach, bekam sein Mund so einen amüsanten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer war Lore Perls? Kennengelernt habe ich sie 1978 in einem Seminar  und habe mich dann gleich für ein weiteres angemeldet. So gewann ich ihr  Vertrauen, einige Seminare für sie in Düsseldorf zu organisieren, und  so habe ich sie auch gleich von der praktischen Seite her kennengelernt.  Ich fing an, Dinge zu lesen, die sie mir empfahl, und da sie in dieser  Zeit regelmäßig in Deutschland war, um sich zu erholen, ihre Heimatstadt  Pforzheim zu besuchen und in den Alpen Urlaub zu machen, hatten wir  jedes Jahr Gelegenheit, uns zu sehen, und ich habe kein Jahr  ausgelassen&#8230;<span id="more-2979"></span></p>
<p><em>Dr. Kristine Schneider</em></p>
<p>Zugute  kam mir meine Freundschaft mit Anna und Milan Sreckovic, wo sie aufs  großzügigste untergebracht war und mit denen sie oft wochenlang in Köln  lebte. Meine Legitimation, über sie persönlich zu berichten, bezieht  sich daher auf ihre späten Lebensjahre, und all das, was ich aus  früheren Zeiten über sie weiß, weiß ich durch Berichte, die sie selbst  gegeben hat, aus Interviews und Berichten von Freunden. Erv Polster, bei  dem ich gelernt habe, hatte mich sehr neugierig auf sie gemacht. Immer  wenn er von ihr und von seinem Lernen in ihrem Institut in Cleveland  sprach, bekam sein Mund so einen amüsanten Ausdruck. Er sprach sehr  achtungsvoll und heiter von ihr, und ich dachte mir, eine Frau, von der  solch ein Mann so nett spricht, muß ich kennenlernen. Ganz abgesehen von  ihrem Beitrag zur Gestaltpsychotherapie, der Humanisierung der Gestalt.  Das ist auch Lore Perls&#8217; Verdienst, das inzwischen bekanntgeworden ist.</p>
<p>Anderes ist weniger bekannt. &#8220;<a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3779500310">Meine Wildnis ist die Seele des  anderen</a>&#8221; ist gleichzeitig Lores Liebeserklärung an ihren guten Freund  und Schüler, Paul Goodman. Für ihn waren nämlich unsere Straßen die  &#8220;Wildnis&#8221;, und Lore Perls hat in Analogie zu seinem Denken die Seele zu  ihrer Wildnis erklärt, wo sie abenteuern und explorieren konnte, soviel  sie wollte, und ihre häuslichen Pflichten hat sie immer nebenbei  erledigt.</p>
<p>Eine ideale Kombination. Aber sie war auch widersprüchlich, denn sie  sagte: &#8220;Therapie kann man lernen, nicht lehren.&#8221; Das war ihre  Überzeugung. Trotzdem bildete sie über vier Jahrzehnte Therapeuten  heran. Gemeinsam mit ihrem Mann, Fritz Perls, entwickelte und erprobte  sie ein neues, psychodynamisches System existentieller Psychotherapie.  Gemeinsam mit ihm, und dennoch blieb sie hinter den Kulissen. In den  fünfundzwanzig Jahren ihrer Zusammenarbeit reiften Inhalt und Form der  Gestalttherapie, die sich zunächst als Revision der Freudschen  Widerstandstheorie verstand, sich mit Beginn der fünfziger Jahre  emanzipierte und unter einer Bezeichnung, die sie selber gar nicht  unterstützte &#8211; Gestalttherapie &#8211; Weltgeltung erhielt. Wieso stand sie  als Mitbegründerin der Methode so lange im Schatten ihres berühmten  Mannes und eines berühmten Freundes?</p>
<p>Mittlerweile zeichnet sich der Beitrag, den sie für die Entwicklung  geleistet hat, zusehends deutlicher ab. Und so verstehe ich auch meinen  Vortrag, denn es gibt Dinge, die sieht man nicht auf den ersten Blick.  Das war etwas Wesentliches an Lore. Erstens sah sie Dinge, die andere  auf den ersten Blick nicht sehen, und zweitens verbarg sie sich vor dem  sogenannten ersten Blick. Man mußte schon genauer hinschauen, um sie zu  entdecken. Vielleicht ist das im Zusammenhang mit Miriam Polster besser  zu verstehen, die sich in ihrem Buch &#8220;<a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3926176547">Evas Töchter, Frauen als heimliche  Heldinnen</a>&#8221; (EHP 1994) über den weiblichen Heroismus Gedanken gemacht  hat: Es gibt ihn eigentlich nicht. Die Öffentlichkeit bevorzugt  männliche Helden. Die weibliche Heldin ist auch kein Archetypus, also  gibt es keine große gesellschaftliche Empfänglichkeit für eine Frau, die  etwas Großes leistet. Und gerade die Generation von Lore Perls, das  werden wir noch an ihrem Werdegang sehen, hatte wenig, wenn überhaupt  Vorbilder dafür, in der Öffentlichkeit Leistung zu zeigen.</p>
<p>Längst hat sie von ihren Schülern und in der Öffentlichkeit den Platz  erhalten, der ihr aufgrund ihrer Verdienste zusteht, fernab aller  kleinlichen Rivalitätsüberlegungen. In der genialen Unordnung, welche  die geistige Welt von Fritz Perls kennzeichnete, wurde sie durch ihre  Stetigkeit, Klarheit und ihren Ordnungssinn zum unverzichtbaren  Gegengewicht. &#8211; Lore, die Frau von Fritz Perls? Das Bild trügt. Ihr  Selbstverständnis kam aus einer anderen Richtung. Der große Auftritt war  nie ihre Sache. Der Brillanz des Augenblicks erlag sie nicht. Man  begegnete ihr nicht erst, nachdem man heilige Hallen durchquert hatte.  Sie bevorzugte das Unauffällige, die Arbeit im Kleinen, die Erforschung  und den Aufbau des Verhaltens, Details. Ihre Arbeitsweise besaß die  Vertrautheit des Alltäglichen und bot die Sicherheit verläßlicher  Zuwendung und Freundschaft.</p>
<p>Als Fritz Perls zur Westküste ging, führte sie das New Yorker  Gestaltinstitut weiter und prägte es in ihrem Sinne. Ihre  Eigenständigkeit, sagt Jerry Kogan, ist für alle unübersehbar, die Lore  und Fritz in ihrer Arbeit erlebt haben. Lore verfügte über eine  unverwechselbare eigene Handschrift, und dazu bekannte sie sich Zeit  ihres Lebens.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>Die 1920er Jahre in Deutschland</strong></span></p>
<p>Ihre therapeutische Laufbahn begann bei der Psychoanalyse. Den  Anstoß, sich damit zu befassen, erhielt sie aus Gesprächen, die Fritz  mit einem Freund führte, der sich wie er in einer Lehranalyse befand.  Die Fachsimpeleien der beiden weckten in ihr den Wunsch, mehr davon zu  verstehen. Mit einundzwanzig Jahren war sie Fritz in einer Vorlesung von  Professor Gelb an der Frankfurter Universität begegnet. Schlagartig  erlag sie der Faszination, die er auf Menschen ausübte, die näher mit  ihm in Berührung kamen. Die lerneifrige Studentin aus der Kleinstadt  Pforzheim, Tochter begüterter und hochgebildeter jüdischer Eltern,  verliebte sich in den Mann von Welt. Das Jurastudium, das sie auf  Anraten einer gestandenen Frauenrechtlerin aufgenommen hatte, gab sie  auf, als sie entdeckte, daß sie sich eigentlich nur für die  psychologischen Aspekte der Juristerei interessierte, und wendete sich  dem Studium der Psychologie zu.</p>
<p>Männer mit legendärem Ruf lehrten zu jener Zeit in Frankfurt; Gelb,  Goldstein, Wertheimer, beschäftigt mit der aufblühenden Gestalttheorie,  Martin Buber und Paul Tillich, bei denen sie Existenzphilosophie hörte.  Sie wußte das Glück zu schätzen, in einer geistig ungemein anregenden  Atmosphäre zu studieren. Ihr Interesse für Gestalttheorie wurde geweckt.  <a href="http://www.pharmacon.net/2009/08/max-wertheimer/">Max Wertheimer</a>, dessen Lebenseinstellung mehr die eines Künstlers als eines  trockenen Wissenschaftlers war und ihrer eigenen künstlerisch gefärbten  Intellektualität entsprach, war ihr Favorit.</p>
<p>Von der Spannung, welche die Vorbereitungen zur Veröffentlichung  seines Buches, &#8220;Produktives Denken&#8221;, begleitete, ließ sie sich  einfangen. Ihre Lehrtherapeuten teilte sie mit Fritz. Erst war sie bei  Clara Happel, dann bei Karl Landauer. Aber Gestalttheorie und  Psychoanalyse galten als unverträglich. Lore geriet zwischen die Fronten  von Gestaltschule und Psychoanalyse, an denen heftige Kontroversen,  wissenschaftliche und persönliche, ausgetragen wurden. Die damals mehr  phänomenologisch ausgerichteten Psychoanalytiker hielten nicht viel vom  experimentellen Vorgehen im psychologischen Laboratorium. Wahrscheinlich  kam Lore bereits damals die in den Kontroversen behauptete  Unvereinbarkeit von Psychodynamik, Phänomenologie und Experiment  verdächtig vor.</p>
<p>Zweieinhalb Jahre später behandelte sie in Berlin die ersten eigenen  Patienten in ihrer soeben eröffneten Praxis. Als Kontrollanalytiker  wählte sie Otto Fenichel, bei dem sie etwas Entscheidendes lernte: sich  auf sich selbst zu besinnen. Fenichel erreichte das durch strikte  Zurückhaltung von Kritik und Anregung. Lore, die sich von einer  Kontrollanalyse etwas anderes versprochen hatte, meinte: &#8220;Von seinem  Buch konnte ich mehr aufnehmen als von ihm persönlich.&#8221; Seine orthodoxe  Zurückhaltung war ihr manchmal unverständlich; es gab Momente, in denen  sie dazu neigte, die Stunden für vertane Zeit und Geldverschwendung zu  halten. Aber unfreiwillig zog sie daraus den Gewinn stärkerer  Eigenständigkeit. Sie begann, ihrer eigenen Erfahrung und ihrer  persönlichen Urteilskraft mehr zu vertrauen.</p>
<p>Gestalttheorie, Psychoanalyse und Integration von Erfahrungen prägten  ihr wissenschaftliches Denken. Was sie an künstlerischer Veranlagung  mitbrachte &#8211; sie spielte seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier und  liebte den Tanz -, vervollkommnete sie zu einem therapeutischen  Verständnis von Körper und Bewegung. In dieser Hinsicht verdankt sie  Elsa Grindlers Bewegungstherapie und Alexanders Körperarbeit vieles, was  später unverzichtbarer Bestandteil der Gestalttherapie wurde. Die  Erfahrungen, die sie bei diesen großen Lehrern machte, waren von  praktischem Wert für ihren Umgang mit Patienten und führten zu der  Entdeckung, daß sich mit ihnen mehr machen läßt als zuhören und  interpretieren.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>NS-Terror und Exil</strong></span></p>
<p>Der vielversprechende Anfang in Berlin fand 1932 einen jähen Abbruch.  Lore hatte 1930 geheiratet, ihr erstes Kind bekommen und nach kurzer  Unterbrechung ihre Dissertation über visuelle Wahrnehmung bei Wertheimer  beendet. Beruflich und privat stand alles bestens. Doch die politische  Lage machte das Leben von Psychoanalytikern in Deutschland gefährlich.  Fritz stand auf der schwarzen Liste der Nazis. Das Paar zog es vor,  Deutschland rechtzeitig zu verlassen und entschied sich nach einigen  Monaten Zwischenstation in Amsterdam zur Emigration nach Südafrika. Wie  für viele andere Psychoanalytiker, die ihre Heimat verlassen mußten,  setzte sich Ernest Jones auch für sie ein. Jones kümmerte sich rührend  um alle Leute, die in Amsterdam gelandet waren, um sie in die Welt  hinaus zu verteilen. Es gab eine Art Kontingentierung, wer in welches  Land sozusagen &#8220;psychoanalytisch delegiert&#8221; wurde. Und weil die guten  Posten in Amerika, Südamerika und so weiter schon alle weg waren, blieb  Südafrika, das war gar nicht die Wahl der Perls&#8217;. Sie konnten nach  Südafrika, es war ihr Kontin(g)ent &#8211; und Lore konnte kein Wort Englisch.</p>
<p>Johannesburg wurde zur Wahlheimat der kommenden fünfzehn Jahre.  Gemeinsam eröffneten die Perls eine Praxis &#8211; Lore zunächst mit dem  besagten Handicap, kein Englisch zu sprechen &#8211; und zwei Jahre später das  Psychoanalytische Institut, an dem sie Ausbildungen durchführten. Ihr  Wunsch war ein ungestörtes Arbeitsfeld gewesen, und sie fanden, was sie  gesucht hatten, überdies Sicherheit und Freiheit. Angesichts ihrer  Unternehmungslust und der spärlichen Verbindungen mit Europa, unter  denen auch der Kontakt zur Psychoanalytischen Gesellschaft litt, fiel  ihnen das Experimentieren leicht: &#8220;Wir waren wirklich frei und konnten  machen, was wir wollten.&#8221; Ihre wissenschaftlichen Gedankengänge  resultierten in einer Theorie vom oralen Widerstand, die, als Revision  der Freudschen Auffassung gedacht, für beide unerwartet, auf dem  Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 1936 in Marienbad zum Eklat  führte. Beide hatten sich mit den Folgen herumzuschlagen, die der  Ausschluß aus der Psychoanalytischen Vereinigung ihnen aufzwang. Das  Institut mußte geschlossen werden; sie gewannen aber den Vorteil, ohne  weitere Vorschriften und Einschränkungen arbeiten zu können und  auszuprobieren, was sie für besser hielten, sowie Begründungen für das  zu suchen, was sie entdeckten. Die Ergebnisse fanden ihre ausführliche  Formulierung in dem Buch &#8220;Ego, hunger and aggression&#8221;, das sie gemeinsam  erarbeiteten. Lore führte heiße Diskussionen mit Fritz, tippte,  ermutigte und gab ihre klaren Einsichten dazu. Die Kapitel &#8220;Dummy  complex&#8221; und &#8220;Insomnia&#8221; stammen ausschließlich von ihr. Fritz, der sich  im schriftlichen Ausdruck schwertat, schätzte ihre Leichtigkeit beim  Formulieren. Im übrigen bestand sie nicht darauf, an dem literarischen  Erfolg des Buches, das 1942 erschien, teilzuhaben, den Ruhm ließ sie  Fritz.</p>
<p>Zu dieser Zeit hatte Lore längst die Couch aus ihrer Praxis verbannt.  Hinter dem Patienten sitzend, hörte sie aufmerksam zu und &#8211; strickte,  um sich vom Rauchen abzuhalten. Der Anforderung von drei Seiten &#8211;  Familie, die um zwei Kinder gewachsen war, Praxis und ein Lebenspartner  von außergewöhnlicher Lebhaftigkeit &#8211; wurde sie gerecht, denn sie war  gewohnt, daß Dinge ihr glatt von der Hand gingen, wenn sie zupackte. In  der engen Zusammenarbeit mit Fritz wurde ihr langsam klar, wie sehr sich  ihr persönlicher Arbeitsstil von seinem abhob, obwohl beide von  denselben theoretischen Begriffen ausgingen. Die letzten Jahre in  Johannesburg, als Fritz schon in New York war und sie seine Praxis  übernommen hatte, gaben ihr dann Gelegenheit, auf ihren eigenen Kurs zu  gehen, der ihrer entgegenkommenden Art, ihrer Geduld und ihrer  Fähigkeit, auf den richtigen Moment zu warten, mehr Raum gewährte.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>New York, USA</strong></span></p>
<p>Ihre Eigenständigkeit wurde ihr lieb, und sie behauptete sich, als  Fritz 1951 ihre Mitarbeit im neugegründeten Gestaltinstitut in New York  wünschte: &#8220;Das ist dein Baby, ich will damit nichts zu tun haben&#8221;,  lautete ihre Ablehnung, und sie blieb bei der Arbeit mit ihren  Patienten. Ihre Stetigkeit, die ihr im Zusammenleben mit Fritz schon oft  zugutegekommen war, bewährte sich erneut, als Fritz sich auf den Weg  zur Westküste machte, um im Esalen Institut in Big Sur zu bleiben. Ihr  Gestaltbaby saß derweilen sozusagen auf ihren Knien und verlangte, in  gewissenhafte Obhut genommen zu werden.</p>
<p>In dieser Zeit gewinnt Lore auch nach außen ihre professionelle  Identität. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte sie in engster geistiger  Verbindung mit ihrem Mann gelebt, geplant und experimentiert. Nun steht  sie auf eigenen Füßen. Die getrennte Praxis von Lore und Fritz läßt die  stilistischen Unterschiede wachsen. Fritz, beeinflußt von seinen  Theatererfahrungen, ist direktiv. Er bevorzugt die Kontrolle der  Situation und bleibt die dominante Persönlichkeit, die er auch im  Privatleben ist. Lore dagegen entfaltet ihre Permissivität, die  Vertrauen ohne Unterordnung schafft und die Integrität der  Selbstwahrnehmung des Patienten achtet. Mit erstaunlicher  Selbstdisziplin prägt sie ihre persönlichen Stärken zu einer  therapeutischen Haltung.</p>
<p><strong>Therapie versteht sie als den Weg vom Fremdsupport, der Stütze von  außen, zum Selbstsupport, der Unabhängigkeit von fremder Hilfe. Die  Aufgabe der Therapie sieht sie in der Herstellung einer existentiellen  mitmenschlichen Beziehung zwischen dem Therapeuten und seinem Patienten,  in der Nacherziehung und Umerziehung stattfindet.</strong></p>
<p>Hauptstütze dieser therapeutisch ergänzenden &#8220;Pädagogik&#8221; ist der  direkte und vorbehaltlose Kontakt zum Therapeuten, weil durch ihn der  Kontakt des Patienten zu sich selbst erleichtert wird. Selbstsupport ist  wichtig für die fortlaufende Gestaltbildung. Folgerichtig gibt Lore der  therapeutischen Situation mehr Natürlichkeit: &#8220;Ich habe fünfzehn Jahre  lang Analysen durchgeführt und weiß, was es heißt, ohne die Stütze des  Kontakts zu sein. Der Patient bleibt ohne Selbstsupport, erinnert sich  mehr und mehr, bekommt Interpretationen, die er entweder glaubt oder  nicht. Ich saß hinter dem Patienten, er blickte zur Wand. Wie sollte da  ein Dialog aufkommen?&#8221; Also setzt sie sich dem Patienten gegenüber und  wird für ihn Person. Das Kontakt/-Support-Konzept rückt ins Zentrum. Zu  seiner Orientierung darf der Patient sich auf den Raum, die Zeit und  seine Mitmenschen beziehen, das allein gibt schon Stütze. Ihm wird  wirklich zugehört, er wird wörtlich genommen, und anstatt analysiert zu  werden, erhält er Hilfen, die richtigen Ausdrücke, die passenden  Bewegungen, eine gelockerte Körperhaltung zu finden, mit der er sich  stark genug vorkommt, um die Grenzerfahrung einzugehen. Mit ernsten  Vorbehalten notiert Lore die Fixierung mancher Therapeuten in  konfrontativem Vorgehen. Für sie hat übermäßige Konfrontation  antitherapeutischen Stellenwert: &#8220;Das sind Leute, die den Zusammenbruch  suchen, nicht den kalkulierbaren Durchbruch. Einfach zu durchbrechen,  womit jemand sich schützt, ist kurzsichtig.&#8221; Folgerichtig schont sie den  Rest an Selbstsupport, den der Patient mitbringt, einschließlich seiner  Widerstände. Ihre Begründung: &#8220;Eine neue Stütze findet man nicht  sofort&#8221;, und: &#8220;Das Fehlen des wesentlichen Support führt immer in die  Angst.&#8221;</p>
<p>Ihre Art, Gestalttherapie auszuüben, beruht auf einer Reihe klarer  und einfacher Grundsätze &#8211; was nicht heißt, sie wären einfach zu finden  gewesen. Wie alles Einfache &#8211; und Wahre &#8211; forderten sie viele Jahre  disziplinierter Reflexion: nicht überfordern, an der subjektiven  Wahrnehmung des Patienten bleiben, ihn da abholen, wo er sich innerlich  befindet, ihn die eigenen Grenzen erleben und die Dynamik seiner  Grenzziehung durchsichtig werden lassen. Menschen ohne klare Grenzen  sind für Introjektion und Projektion offen und erkennen nicht mehr, wer  sie selbst sind und wer der andere ist, sie haben das Gespür für das  verloren, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist.</p>
<p>Wer mit Lore gearbeitet hat, weiß um ihre Fähigkeit, sich Kummer  wirklich angehen zu lassen, ohne ihn zu ihrem eigenen Kummer zu machen,  sich mitzufreuen und mit aufzuregen; alle konnten sie als Freundin  kennenlernen, die manchmal amüsiert, manchmal neugierig und gelegentlich  betroffen war, die jedoch genügend Distanz zum Geschehen hatte, so daß  ihre Einfälle zur Erprobung des Neuen niemals versiegten. Die  Einfachheit ihrer professionellen Grundsätze hat gelegentlich dazu  verführt, sie zur Weltanschauung und zu Patentrezepten zu versimpeln &#8211;  ein Mißverständnis, das Lore stets dazu herausforderte, die Betreffenden  mit ihrer fehlerhaften intellektuellen Verdauung zu konfrontieren.</p>
<p>Domäne ihrer therapeutischen Arbeit war die Gründlichkeit im Detail.  Fern von allem Kulthaften und Quasireligiösen, das &#8211; zu Lores Leidwesen &#8211;  oft in Verbindung mit Gestalttherapie auftritt und sogar damit  verwechselt wurde, betrieb sie eine Therapie von Eleganz, gepaart mit  Nüchternheit; eine Kleinarbeit, die als gelungene Synthese von  Phänomenologie, genauem Hinsehen, Psychodynamik, dem Erfahren der Tiefe  und dem Experiment, das in der geplanten Verhaltensvariation besteht,  anzusehen ist. Schrittweise spürte sie Blockierungen auf und brachte sie  in den Vordergrund der Awareness durch Übertreibung einer der darin  verwickelten Polaritäten, um von da aus Experimente in verschiedene  Richtungen zu entwickeln. Das Experiment befreit die Dynamik, und  umgekehrt trägt die Dynamik das Experimentieren, bis das volle  Kontakterlebnis sich einstellt.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>Ausbilderin</strong></span></p>
<p>Für die Ausbildung dreier Generationen von Gestalttherapeuten  zeichnet sie verantwortlich. Viele ihrer Schüler haben sich über die USA  hinaus einen Namen gemacht: Paul Weiss, Isadore From, Erv und Miriam  Polster, Jim Simkin, Edward Rosenfeld, Joseph Zinker und andere. In der  Festzeitschrift für Lore Perls, die das &#8220;Gestalt Journal&#8221; herausgegeben  hat, äußern sich viele, die bei ihr gelernt haben, mit einer  Herzlichkeit, die Lore verdient hat. Bei ihr fanden sie eine  durchgängige Akzeptanz, die besonders dann spürbar wurde, wenn sie sich  selbst nicht im besten Zustand befanden. &#8220;Auf einen Therapeuten muß man  sich verlassen können,&#8221; sagte Lore und meinte damit professionelle  Verläßlichkeit durch persönliche Stärke und durch Behutsamkeit.</p>
<p>1976 gab sie ihre Privatpraxis auf und widmete sich ausschließlich  der Ausbildung. Drei Monate im Jahr ging sie auf Reisen, um Einführungen  in die Gestalttherapie zu geben. In die Ausarbeitung eines Curriculums  für das New Yorker Gestaltinstitut investierte sie viel Zeit und Kraft,  um sicherzustellen, daß die Entwicklung therapeutischer Persönlichkeiten  den Vorrang vor der Beherrschung oder gar Imitation von Techniken  erlangt. <strong>Der Name Gestalttherapie sollte zu einer Garantie werden, daß  dem Patienten nichts angetan wird, was er nicht will und nicht versteht</strong>.  Ein überzeugenderes Bekenntnis zum Humanen läßt sich schwer denken.  Überzeugend auch ihr Kampf gegen die &#8220;undifferenciated acceptance&#8221;, jene  Verflachung, die gleichermaßen der Psychoanalyse widerfuhr, als sie  populär zu werden begann. Enschiedene Gegnerin von Beweihräucherung und  Schlagworten, versuchte sie der &#8220;undiscriminated greediness&#8221;, die sie in  Deutschland lange Zeit gegenüber allem, was aus den USA kam, am Werk  sah, beizukommen durch Seminare, Vorträge und erfreulicherweise auch  wieder durch Veröffentlichungen.</p>
<p>Warum tritt Lore Perls nach allem, was sie für die Entwicklung der  Gestalttherapie geleistet hat, mit solcher Verspätung in den  Vordergrund? Zwei Anhaltspunkte lassen sich anführen: Einerseits wurde  der Ansatz erst durch Fritz Perls seit 1954 an der Westküste weiteren  Kreisen bekannt. Er erhielt den Rang des Vaters der Gestalttherapie,  während Lore in New York außerhalb des Hauptstromes der  Human-Potential-Bewegung weiterarbeitete, die in Kalifornien ihren  Anfang genommen hatte. Andererseits mag die geringe Zahl ihrer  Publikationen dazu beigetragen haben. Von dem, was sie in ihren  Berufsjahren geschrieben hat, veröffentlichte sie leider nur wenig. Ihre  private Praxis und später die Betreuung der Ausbildung am Institut in  New York, dann auch am Institut in Cleveland, nahmen ihre gesamte  Leistungskraft in Anspruch. Vermutlich ließ die Nüchternheit der  Menschen an der Ostküste keine vergleichbare Bewegung zu. Heute, nachdem  sich die Begeisterungswogen allmählich glätten und die Aufmerksamkeit  mehr auf das Studium der Methode als auf die durch sie kreierbaren  Erlebnisse gerichtet ist, kann sie der fachlichen Öffentlichkeit nicht  länger entgehen.</p>
<p>Auf der Konferenz für Gestalttherapie in Boston im Mai 1980 wurde sie  als die Grand Old Lady gefeiert. Wenn ich den Auftrag gehabt hätte,  dort eine Festrede zu halten, wären vier Gesichtspunkte für mich von  zentraler Bedeutung gewesen: Lores souveräne geistige Haltung, ihr  Umgang mit der Theorie, ihr Verhältnis zur Sprache und zum Sprechen und  ihr stilles Engagement.</p>
<p>Theorie war für sie nicht mehr als eine Arbeitshypothese, die sie  beibehielt, solange sie ihr von Nutzen schien. Trotz profunder  Theoriekenntnis hat sie es immer verstanden, sich ein Feld für  schöpferische Betrachtung offenzuhalten. Theorie wurde ihr niemals zum  Korsett, dennoch besaß ihre Betrachtung stets Methode. Dem Theoriefan  begegnete sie mit dem Dichterwort Goethes: &#8220;Grau ist alle Theorie und  grün des Lebens goldner Baum.&#8221;</p>
<p>Sie meinte, auch diese Idee sollte Teil der Theorie werden. Sie hatte  sich im Verdacht, daß sie dann am besten sei, wenn sie gar nicht  merkte, daß sie theoretisierte. Sie interessierte sich weniger für die  Reflexion dessen, was sie gerade tat, sie war völlig in Anspruch  genommen, zum Beispiel vom Wertesystem eines Klienten. Das nahm sie  unter die Lupe. Und dann wurde sie vielleicht besinnlich und fragte:  &#8220;Was geschieht in Resonanz auf mein Wertesystem als Therapeutin?&#8221; So sah  sie Theorie.</p>
<p>Ein Seminarteilnehmer: &#8220;Sie spricht so von Theorie, daß ich beginne,  mich dafür zu begeistern. Nie hätte ich gedacht, daß reine Theorie  spannend sein könnte.&#8221;</p>
<p>Ihre Liebe zur Sprache brachte sie in eine enge Verbindung zum  gesprochenen Wort. Der Fokus der Gestalttherapie auf die Wortwahl des  Patienten zur Entdeckung von Sprachpathologie geht auf die Anregung von  Lore zurück. Ihren sprachlichen Schwerpunkt sah sie allerdings im  Schriftlichen. Sie sagte von sich, sie habe immer besser geschrieben als  gesprochen. Sie schrieb viel, das ist den meisten nicht bekannt; sie  hat ein Leben lang Gedichte und kleine Geschichten geschrieben, und es  existierte ein sogenanntes Köfferchen, das sie immer bei sich hatte und  nie jemandem öffnete. Dieses Köfferchen hat ihre Tochter Renate nach  Lores Tod bei Anna und Milan Sreckovic deponiert; es ist voll mit  kleinen Erzählungen. Vielleicht lernen wir sie noch einmal kennen. Lore  benutzte jedes Wort ästhetisch, und sie benutzte die Sprache nicht als  Vorteil, sondern als Ermöglichung von Ausdruck.</p>
<p>Dem Zuhörer fiel indessen die Präzision auf, mit der sie  charakteristische Ausdrücke, Sprichwörter oder treffende Metaphern fand.  Persönlich kostbar war mir, als ich Teilnehmerin ihrer Seminare war,  ihr abgerundetes Deutsch, das in der Emigration seine Frische und  Prägnanz bewahrt hatte. Sie gehörte zu den Menschen, die es verstehen,  Sprache gewaltlos zu gebrauchen und die tödliche Klarheit des Wortes zu  vermeiden, welche Lebendigkeit absorbiert. Sie beherrschte die Kunst,  Gefühle durch Besprechen nicht zu töten, sondern erst recht aufkommen zu  lassen. Selbst ihre Pausen sprachen.</p>
<p>Ihr stilles Engagement zielte auf Klärung und Abgrenzung des  Vorhandenen und des Erreichbaren, nicht auf Revolution. Unter diesem  Blickwinkel wird ihre These: &#8220;Therapie ist per se eine politische  Aktivität&#8221; verständlich: &#8220;Das ist Arbeit am Menschen, die Autonomie  wiederherstellt oder zum ersten Mal entstehen läßt.&#8221; Kritisch sah sie  die Verflachung des Gesundheitsbegriffs, der Leiden und die Nähe des  Todes ausblendet, ebenso kritisch die Stigmatisierung des psychisch  Gestörten, wenn das gesamte System der Behandlung bedarf. Sie zog  Parallelen zur Auffassung ihres Schülers und Freundes Paul Goodman, des  Wegbereiters der Gegenkultur. So wie er die Straße zu seiner Wildnis  machte, wurde Lore die Seele des anderen zu ihrer Wildnis.</p>
<p>Ihre Sorge galt dem Durcheinander im Feld der Gestalttherapie: Ein  grauer Markt zweifelhaft ausgebildeter Therapeuten benutzt  Gestaltmethoden, ohne sich im klaren zu sein, welche Wirkungen sie  auslösen können. Die Weiterentwicklung der theoretischen Grundlagen  rückt in den USA in die Nähe der Stagnation, falls die geistigen  Bindungen zur europäischen Phänomenologie nicht erneuert werden. Die  Vielfalt der persönlichen Arbeitsstile von Gestalttherapeuten, von  Happenings bis zu existentiell und technisch gut fundiertem Vorgehen,  macht eine Abstimmung der &#8220;growing edges&#8221; des Gestaltansatzes schwer.  Der Überblick droht verlorenzugehen. Mißverständnisse machen sich breit,  wenn Gestaltelemente aus dem Ansatz herausgelöst werden und, anderen  Methoden angestückt, ihren Dienst tun sollen. Lore fürchtete um den Kern  der Gestalttherapie, der vor allem die vom Existentialismus geprägte  Haltung zum Menschen ist, denn ohne diese existentielle Basis verlieren  die durchschlagenden Techniken ihren Sinn. Ihre Arbeit der letzten Jahre  war von dieser Sorge bestimmt. Ihrem Ziel, den tragfähigen Bestand zu  erhalten und zu verbreiten, hoffte sie mit ihren bewährten Waffen:  Zähigkeit, Klarheit, Geduld und Mut näherzukommen.</p>
<p>Und sie tat sehr viel, sie führte eine Unmenge von Seminaren noch in  ihrem höheren Alter durch. Sie führte sehr viele Gespräche und erklärte  sich bereit zu Interviews. Und sie ergab sich schließlich dem Drängen  der Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie (DVG), nach einer  Inkubationszeit von mütterlichen neun Monaten, die Ehrenmitgliedschaft  anzunehmen.</p>
<p>Das letzte Große, was sie leistete, ist ihr Buch &#8220;Leben an der  Grenze&#8221; (Köln 1989), das allerdings ohne Anna und Milan Sreckovic nie  erschienen wäre. Lore scheute es, so sichtbar zu werden, aber es gelang,  und so lagen noch vor ihrem Tod &#8211; sie starb am 13. Juli 1990 &#8211;  ausgewählte und von ihr redigierte Schriften vor, die ihren Anteil an  der Entwicklung und ihre Rolle in der Geschichte der Gestalttherapie  dokumentieren.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>&#8230; eine Frau  mittleren Alters &#8211; bis zum 75. Geburtstag.</strong></span></p>
<p>Ich bin jetzt selbst in einem Alter, wo man sich mit dem Alter  beschäftigt. Also dachte ich, schau mal, was Lore zum Alter zu sagen  hat. Sie bemerkte interessanterweise einmal: &#8220;Ich war immer eine Frau  mittleren Alters &#8211; bis ich fünfundsiebzig wurde, da war ich plötzlich  alt. Ich behielt nicht mehr, ich konnte nicht mehr richtig lernen, ich  konnte nichts Neues aufnehmen, und ich hatte nicht die geistige Kraft,  die ich von früher kannte. Und deswegen tue ich etwas, was mich&#8230;&#8221; &#8211;  sie nannte es: &#8220;it keeps me going&#8221; &#8211; &#8220;&#8230;was mich in Bewegung hält, ich  arbeite viel mit der Jugend; dann strömt etwas auf mich zurück.&#8221;</p>
<p>Aber eigentlich hatte sie das Thema Alter und Tod schon als junge  Frau für sich geklärt, und dazu gibt es auch eine Geschichte. Lore wurde  sich der eigenen Sterblichkeit bewußt, was, wie wir ja wissen, ein  Hauptmedikament gegen die Angst ist, die Sterblichkeit zu akzeptieren.  Sie wurde sich dessen bewußt, als sie vierundzwanzig war. Sie ging zu  der Beerdigung eines Freundes, der plötzlich gestorben war. Nur zwei  Jahre älter als sie, an irgendeiner Infektion, ein scheinbar völlig  sinnloser Tod. Zu dieser Zeit gab es kein Penicillin oder etwas  ähnliches, und es war unglaublich schockierend für sie. Als sie aber vom  Friedhof kam, sah sie alles schön und heiter, sie fühlte sich  energiegeladen und bemerkte &#8211; und dies ist ihr Zitat: &#8220;Ich konnte mir  dies nicht erklären, und ich erzählte es am folgenden Tag meinem  Analytiker. Ich sagte über die Zeit, als mich diese Erfahrung traf, wenn  wir uns der Tatsache, daß wir sterben müssen, nicht bewußt sind, würden  wir ja leben wie die Tiere. So sind die Würze und der Hang zum  Erschaffen beim menschlichen Wesen mit dem Bewußtsein verbunden, daß wir  vergänglich sind.&#8221; Sie erzählte ihm noch einiges, und darauf gab es  eine große Pause. Dann sagte der Analytiker: &#8220;Frau Perls, Ihre Analyse  ist beendet.&#8221;</p>
<p>Unabhängig vom Alter aber sind Lores Rolle als Frau und ihr  Verhältnis zur Öffentlichkeit eine besondere Geschichte &#8211; heiße Themen  des Feminismus. Die Frau in der Öffentlichkeit, der Widerstand gegen  Frauen in der Öffentlichkeit &#8211; ich denke, da ist sie in der Tradition  geblieben. Ich finde das traurig, denn so ist etwas Geniales, was sie  besaß, im Dunkel geblieben, und das finde ich schade. Es hat sie vor der  Erprobung, vor der echten Prüfung bewahrt; man mag es bedauern so wie  ich, aber für sie war es Lebensnotwendigkeit. Sie mußte in vielem  verfügbar sein, wie das nunmal Frauenlos ist: unspezifisch verfügbar  sein. Sie mußte kontinuierlich sein, wie das auch Frauenlos ist &#8211;  alleinzubleiben und die Dinge selbst zu erledigen. Sie mußte vielseitig  sein. Ein Beispiel für ihre unspektakuläre Verfügbarkeit, Kontinuität  und Selbständigkeit war, daß Fritz noch lange, wenn er zu ihr nach New  York kam, alles mitbrachte, was nicht in Ordnung war: seine  Korrespondenzen, seine Wäsche, die abgerissenen Knöpfe &#8230; &#8211; Lore machte  alles ordentlich. Und schließlich die Bescheidenheit. Soviel zum  Feminismus.</p>
<p>Zu allerletzt möchte ich etwas über ihre Versöhnungsbereitschaft  sagen. Sie hatte wirklich eine ganz besondere persönliche Geschichte mit  Fritz; und sie hatte ein unglaublich schweres, zeitgeschichtlich  bedingtes Schicksal mit ihrer Familie. Sie hat das aus Höflichkeit und  Versöhnlichkeit Deutschen gegenüber fast nie gesagt. Ihre Schwester  wurde in Theresienstadt ermordet und ihre Mutter auch. Und sie hat sich  mit Deutschland versöhnt. Ich finde, die Stadt Pforzheim hat etwas sehr  Passendes und Angemessenes gemacht: Es gibt dort einen Grabstein mit  tausenden von Namen aller ermordeten jüdischen Mitbürger der Stadt. Das  gibt es nur einmal in Deutschland. Und sie versöhnte sich damit.</p>
<p><span style="font-size: medium;"><strong>Wieder im Schwarzwald</strong></span></p>
<p>Ich bin noch im Mai ihres Todesjahres in New York gewesen und habe  oft versucht, sie anzurufen, aber niemand nahm ab; ihre Tochter konnte  ich auch nicht erreichen, und ich dachte mir, irgendetwas ist passiert.  Ich erfuhr dann später durch Milan Sreckovic, daß sie im Krankenhaus  lag, schwer krank, und sie wurde nach mehreren Wochen entlassen. Und was  tut sie? Sie kommt nach Deutschland, sie reemigriert. Sie möchte ihr  Alter im Nordschwarzwald verbringen, und sie fährt nicht allein. Die  Urne von Fritz hat sie auf dem Schoß, als sie im Flugzeug sitzt. Sie hat  nicht mehr lange hier gelebt, sie war des Lebens wirklich müde. Sie sah  nicht mehr richtig, sie hörte nicht mehr gut, und sie war viel einsam;  es waren ja eigentlich alle weggestorben. Und ihre Freunde und  Freundschaften gehörten zur nächsten oder übernächsten Generation. So  sehr wir alle gewünscht hätten, daß sie ewig lebt, sie selbst wünschte  es scheinbar nicht. So gibt es ein gemeinsames Grab für Fritz und Lore  Perls, geb. Posner, im jüdischen Teil des Friedhofs von Pforzheim.</p>
<p>Zuletzt möchte ich zitieren, was in ihrer Todesanzeige stand; es sind ihre eigenen Worte:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die unablässigsten und selbstlosesten Dienste und Opfer bleiben  nicht nur unbezahlt und unbelohnt, sondern müssen für selbstverständlich  gehalten werden. Nur begrenzte Arbeit oder begrenztes Gut kann mit  einem begrenzten Geldbetrag bezahlt werden. Nur der begrenzte Dienst  oder die begrenzte Anstrengung können mit einer Ehrung belohnt werden.  Die grenzenlose Hingabe eines Elternteils oder das lebenslange  Sich-einer-Sache-Widmen kann nicht bezahlt oder belohnt werden. Es kann  nur angenommen werden und bedarf nicht einmal der Anerkennung. Seine  Belohnung besteht in der aktuellen Handlung, in dem Gefühl, die soziale  Ausgewogenheit in einem wechselhaften Prozeß wiederherzustellen.&#8221;</p></blockquote>
<p>(Laura Perls, Psychologie des Gebens und Nehmens, in: <a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3926176113">Leben an der Grenze</a>, Köln: EHP 1989, S.51f)</p>
<p><em>Dr. Kristine Schneider (1935 &#8211; 2001): Fachpsychologin für  Klinische Psychologie und Psychotherapeutin, Mutter von vier Kindern und  fast 30 Jahre in privater Praxis in Köln tätig. Begründerin und  Leiterin des Instituts »AGA &#8211; Angewandte Gestaltanalyse«. Dozentin und  Ausbildungstherapeutin an verschiedenen Ausbildungsinstituten für  Gestalttherapie. Langjährige Lehrtätigkeit in Ericksonscher Hypnose am  Milton Erickson Institut Köln. Vortragstätigkeit, Radiobeiträge, Artikel  in Fachzeitschriften und Buchveröffentlichungen, darunter: »<a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3926176067">Grenzerlebnisse. Zur Praxis der Gestalttherapie</a>« (Edition Humanistische Psychologie).</em></p>
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