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	<title>Pharmacon Net &#187; Religion</title>
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	<description>Interaktion: Medizin und Psychologie, Pharmakologie und Pharmazie</description>
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		<title>Jüdische Patienten: Psychotherapie ist ein Maßanzug</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Dec 2011 08:05:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychotherapie]]></category>
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		<description><![CDATA[Eine orthodoxe Jüdin wird mit schwersten Depressionen und Zwangsstörungen in ein Krankenhaus eingewiesen. Der Aufnahme ging ein monatelanges Martyrium in der Familie, im Berufsleben und im Freundeskreis voraus. Die Ärzte diagnostizieren einen klassischen &#8220;Nervenzusammenbruch&#8221; und behandeln ebenso &#8220;klassisch&#8221;: viel Ruhe, Psychopharmaka, autogenes Training, schließlich die Entlassung und die Überweisung in eine ambulante psychotherapeutische Betreuung&#8230; Musik erwünscht? &#8230; aus Radio haGalil&#8230; Im Gespräch mit dem jüdischen Psychotherapeuten Nicolai Stern Von Lutz Lorenz Für den nichtjüdischen Therapeuten ist die Ursache der Erkrankung dann sehr vorschnell gefunden: die streng orthodoxe Lebensweise der Patientin, die nicht mit den alltäglichen Anforderungen einer modernen Gesellschaft einhergehen würde, seien schuld an ihrer Krankheit. &#8220;Orthodoxie als Zwangsstörung&#8221;, diagnostizierte der Mediziner &#8211; und findet sich dabei durchaus in Übereinstimmung mit Sigmund Freud, dem Vater der Psychotherapie, der jede Religiosität als Zwangsstörung ansah und auch als solche behandelt wissen wollte. Der hier geschilderte Fall steht nicht allein. Schulbuchmediziner sind mit den Anforderungen ihrer religiösen Patienten oft überfordert, das weiß auch Nicolai Stern. Der junge Mann betreibt in der Berliner Innenstadt eine psychotherapeutische Praxis und spricht mit mir über die Besonderheiten der Betreuung jüdischer Patienten. Als ehrenamtlicher psychotherapeutischer Berater in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wird Stern häufig mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine orthodoxe Jüdin wird mit schwersten Depressionen und Zwangsstörungen in ein Krankenhaus eingewiesen. Der Aufnahme ging ein monatelanges Martyrium in der Familie, im Berufsleben und im Freundeskreis voraus. Die Ärzte diagnostizieren einen klassischen &#8220;Nervenzusammenbruch&#8221; und behandeln ebenso &#8220;klassisch&#8221;: viel Ruhe, Psychopharmaka, autogenes Training, schließlich die Entlassung und die Überweisung in eine ambulante psychotherapeutische Betreuung&#8230;<span id="more-3678"></span></p>
<p>Musik erwünscht? &#8230; <a href="http://www.hagalil.com/sound/mp/nov-2011.mp3" target="_blank">aus Radio haGalil</a>&#8230;</p>
<h2 dir="LTR">Im Gespräch mit dem jüdischen Psychotherapeuten Nicolai Stern</h2>
<p><em>Von Lutz Lorenz</em></p>
<p dir="LTR">Für den nichtjüdischen Therapeuten ist die Ursache der Erkrankung dann sehr vorschnell gefunden: die streng orthodoxe Lebensweise der Patientin, die nicht mit den alltäglichen Anforderungen einer modernen Gesellschaft einhergehen würde, seien schuld an ihrer Krankheit. &#8220;Orthodoxie als Zwangsstörung&#8221;, diagnostizierte der Mediziner &#8211; und findet sich dabei durchaus in Übereinstimmung mit Sigmund Freud, dem Vater der Psychotherapie, der jede Religiosität als Zwangsstörung ansah und auch als solche behandelt wissen wollte.</p>
<p dir="LTR">Der hier geschilderte Fall steht nicht allein. Schulbuchmediziner sind mit den Anforderungen ihrer religiösen Patienten oft überfordert, das weiß auch Nicolai Stern. Der junge Mann betreibt in der Berliner Innenstadt eine psychotherapeutische Praxis und spricht mit mir über die Besonderheiten der Betreuung jüdischer Patienten. Als ehrenamtlicher psychotherapeutischer Berater in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wird Stern häufig mit solchen Problemfällen betraut.</p>
<p>Nach der Ausbildung trat Stern eine Stelle als Psychologe im &#8220;Auguste Viktoria Krankenhaus&#8221; an und wurde zu Beginn seiner Tätigkeit mehr von muslimischen Patienten konsultiert. &#8220;Da habe ich so eine Art &#8220;positiven Antisemitismus&#8221; erlebt&#8221;, erinnert sich Stern. Auch für Muslime war ein Mediziner, der sich ganz offen zu seiner Religion bekennt, lieber als ein Atheist: Stern trägt seinen Davidstern, für jeden sichtbar, als Kette um den Hals. Später wurde er verstärkt bei der Behandlung zugewanderter russisch-jüdischer Patienten hinzugezogen. Stern hatte zu psychologischen Aspekten der russischjüdischen Zuwanderung seine Diplomarbeit geschrieben, die sich mit der späteren Stressverarbeitung auf Grund des Zusammenfalls von Pubertät und Emigration befasst. Somit war Stern der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Seine Kollegen bemerkten schnell, wie sehr sich die Patienten bei Stern aufgehoben und zunehmend wohler fühlten, so wurde bald die Mitbehandlung der jüdischen Patienten durch Nicolai Stern fast selbstverständlich. Auch nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wollten diese Patienten weiter von ihm betreut werden, in der Synagoge sprach sich seine Tätigkeit schnell herum.</p>
<p>Nicolai Stern widmete sich nun zunehmend diesem Aufgabenbereich, las sich verstärkt in die denkbaren Problematiken jüdischer Patienten ein, beschäftigt sich seitdem intensiv und auch in seiner Praxis schwerpunktmäßig mit transgenerationalen Problemen. Zu deren Lösung hat er sich explizit ausbilden lassen und kann nun vielfältige Rückschlüsse ziehen, Verständnis entwickeln und seinen Patienten Lösungswege aus ihren persönlichen Krisensituationen anbieten.</p>
<h3 dir="LTR">Spezielle Symptome</h3>
<p dir="LTR">Ich möchte von Nicolai Stern wissen, welche besonderen Krankheitsbilder ihm in seiner Praxis vorgetragen werden. Er spricht von Depressionen, Angststörungen, etwa um den Arbeitsplatz, Mobbing. Häufig sei auch eine Mehrfachstörung zu beobachten, so Stern, etwa Depressionen plus Angst oder auch Autoaggressivität plus einer Suchtproblematik. Das alles ist für mich als Laien noch keine Besonderheit &#8211; und ich frage nach: Stern erklärt mir, dass insbesondere bei jungen Leuten emotionale frühe Störungen im Kindesalter, so genannte &#8220;Strukturstörungen&#8221;, aus der Zeitgleichheit von Heranwachsen und Emigration entstehen würden. In einer Phase, in der sich erste wirkliche soziale Kontakte entwickeln, wird der junge Mensch aus eben diesem sozialen Umfeld herausgerissen: er wechselt nicht nur die Stadt, was alleine schon die Trennung von Freunden und Familie bedeute, er wechselt zugleich die Sprache, die Kultur, nicht selten sogar das Gesellschaftssystem.</p>
<p>In der Aufnahmegesellschaft Deutschland angelangt, kommt dann eine weitere Spezifik hinzu: Nicht selten leben sich Heranwachsende zwar wesentlich besser in der neuen Heimat ein, sprechen schneller die Sprache und kommen mit den Anforderungen der Gesellschaft gut zurecht &#8211; doch müssten sie nun oft die Rolle ihrer Eltern übernehmen, denen genau das nicht gelinge. So werden die Jugendlichen &#8220;parentifiziert&#8221; und müssen in einer Art &#8220;Rollentausch&#8221; oft die Alltagsaufgaben übernehmen, die normalerweise den Eltern zufallen: Vom Behördengang bis zum Ausfüllen von Formularen oder dem Aufbau von Kontakten zu den Nachbarn. Die Eltern, nicht selten Akademiker, haben dabei ihrerseits mit einem Verlust an Identität zu kämpfen, spätestens dann, wenn sie keine Arbeit finden, die ihren Fähigkeiten und Abschlüssen entspricht. Massiver Ansehensverlust sei die Folge. So ein &#8220;Rollentausch&#8221; führe schließlich oft zu schwer schädigenden Irritationen bei den Heranwachsenden wie den Älteren. Die Jungen merken durchaus, wie massiv die ältere Generation sich innerlich und schweigend gegen die &#8220;Führungsrolle&#8221; ihrer Kinder auflehnt, auch wenn sie das hinnehmen müssen. Kommt dann noch manifester oder auch &#8220;nur&#8221; gefühlter Antisemitismus hinzu, seien oft Bindungsstörungen zwischen den Generationen und das Zerstören der traditionellen Familienstrukturen die Folge.</p>
<p>Auch in der Generation der Senioren sind spezielle psychische Störungen zu diagnostizieren, so Stern, die er als &#8220;posttraumatische Belastungsstörungen&#8221; bezeichnet. &#8220;Diese Menschen haben zum ersten Mal Zeit, über sich nachzudenken, ob nun über die Geschehnisse während der Schoah, die Zeit der Unterdrückung des Judentums in den sozialistischen Ländern der Nachkriegszeit oder die Erinnerungen an die immerwährenden Kriege und Bürgerkriege in Israel &#8211; je nachdem, woher sie nach Deutschland gekommen sind. Für sie wäre es wichtig ihre Geschichte erzählen zu können &#8211; doch die diesbezüglichen Blockaden sind nicht erst hier und heute ein Problem: Die Angst davor, sich zu erinnern, sich und anderen erklären zu müssen, warum Dies oder Jenes so oder so gemacht wurde, die Scham, überlebt zu haben &#8211; ob nun den Holocaust, ein Lager, wo auch immer, einen Krieg vielleicht &#8211; das alles beim Erinnern und Erzählen noch einmal vor seinem &#8220;geistigen Auge&#8221; ablaufen lassen zu müssen, sei für viele aus der so genannten Ersten und Zweiten Generation noch immer nicht möglich, trotz der Liebe, der Geborgenheit aber eben auch wegen der ungestillten und unnachgiebigen Neugier der Jungen.</p>
<h3 dir="LTR">&#8220;Wenn ich tot bin&#8230;&#8221;</h3>
<p>Ich erinnere mich an eine eigene Begegnung mit einer Jüdin, die einer bedeutenden deutsch-jüdischen Industriellenfamilie angehörte und als Kind mit ihren Elten: noch rechtzeitig vor dem Naziterror in die USA emigrieren konnte. Fast 90-jährig besuchte sie mit ihren Enkeln Berlin und ich hatte die einmalige Chance, die Familie drei Tage durch die Stadt begleiten zu dürfen. Zum Abschied erklärte mir die mir die stolze alte Dame, die in diesen Tagen ihren Enkeln und mir ununterbrochen von &#8220;damals&#8221; erzählt und viele Orte und Erinnerungen wiedergefunden hatte, sie müsse mir leider rigoros verbieten, ihre Geschichte zu veröffentlichen, so lange sie selbst noch lebe. Sie würde es nicht ertragen, dass vielleicht jemand von &#8220;damals&#8221; sie lesen, sich darin wieder finden oder die Nachkommen dies könnten. &#8220;Ich sage nicht &#8220;auf Wiedersehen&#8221;, denn das wird es zwischen uns nicht mehr geben, junger Mann. Aber meine Enkel werden Sie anrufen, wenn ich tot bin &#8211; und dann machen Sie mit der Geschichte was Sie !&#8221; Bis heute liegen die Aufzeichnungen in meinem Schreibtisch.</p>
<p dir="LTR">Insbesondere das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, belaste stark:<br />
weder ins alte Russland, noch nach Israel, wohin der Weg vieler zuerst geführt habe, noch hier in Deutschland.</p>
<p>Insbesondere die postsowjetischen Zuwanderer, die, trotz Verfolgung ihrer Religion, in einem hohen Maße gesellschaftlich und beruflich anerkannt waren und über einen relativen Wohlstand, mit Datscha und großem Auto verfügten, sehen sich nun in Deutschland oft an der Grenze der Grundsicherung lebend und haben Angst, zu verarmen.</p>
<p dir="LTR">Doch auch millionenschwere Zuwanderer aus den USA und Südamerika mit &#8220;Verarmungswahn&#8221; zählen zu Sterns Patienten: Er berichtet mir von einer mehrfachen Millionärin, die nach jeder Konsultation das Toilettenpapier aus der Patiententoilette und die Pfandflasche vom Tisch &#8220;mitgehen&#8221; lassen wollte.</p>
<h3 dir="LTR">Allgemeines und Spezielles</h3>
<p dir="LTR">Stern sieht sich tagtäglich den klassischen Krankheitsbildern seines Berufes gegenüber, die von speziellen jüdischen Problemen noch wesentlich verstärkt werden. Insbesondere das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, belaste stark: weder ins alte Russland, noch nach Israel, wohin der Weg vieler zuerst geführt habe, noch hier in Deutschland.</p>
<p>Dieses Gefühl lasse sich jedoch nicht nur bei Einwanderern beobachten. Auch &#8220;Alteingesessene&#8221; würden oft von einem Gefühl der Fremdheit berichten, einem &#8220;Trauma der De-klassierung&#8221;, beides in der Familiengeschichte und der Geschichte der Juden in Deutschland ganz allgemein begründet. Oft bringe dann ein winziger Tropfen, der von deutschen Patienten oft noch ganz gut &#8220;weggesteckt&#8221; werden könne, das &#8220;Faß zum Überlaufen&#8221; und führe zu schweren psychischen Schäden.</p>
<p dir="LTR">Eine besondere Belastung sieht Stern auch in der kulturspezifisch jüdischen Erinnerungskultur. Kaum eine christliche Familie werde sich an der Inquisition des Mittelalters orientieren, doch berichtet er mir von einer Patientin, in deren Familie immer wieder von der Verbrennung einer namentlich sogar bekannten Vorfahrin als Hexe vor mehreren hundert Jahren erzählt wurde. Im Kopf seiner Patientin führe sich diese Hexenverbrennung mit den Pogromen vieler späterer Jahrhunderte bis zum Holocaust weiter, &#8220;und jetzt bin ich die einzige Überlebende&#8221;, resümiert die Dame ihre Familiengeschichte, die mit ihrem Tod, ausgerechnet in Deutschland, nun bald enden werde.</p>
<p dir="LTR">Stern sieht bei vielen seiner Patienten ein &#8220;Konglomerat aus Angst&#8221;, das mit einem übergroßen Assimilationswunsch einhergehe, zugleich wiederum mit der Angst verbunden, dass eine Assimilation den deutschen Juden in der Nazizeit auch nicht geholfen habe. Solche Gedankengänge würden nicht selten zu &#8220;jüdischem Selbsthass&#8221; fuhren und damit dem Wunsch, mit &#8220;den Juden&#8221; nichts zu tun haben zu wollen. Wenn man das dann aber &#8220;müsse&#8221;, eben weil die Gemeinden Sozialleistungen und andere Betreuungen anbieten, die die deutsche Aufnahmegesellschaft nicht erbringen kann und auch nicht erbringen will, schließe sich ein Teufelskreis, aus dem viele nicht mehr selbst herausfänden, mehr noch, auch andere Familienmitglieder mit hineinzögen.</p>
<p>Die Verzweiflung ist oft groß &#8211; und es scheint nur zu einfach, das eigene Versagen mit einer solchen Verzweiflung zu begründen und auf andere abzuwälzen: &#8220;die Deutschen&#8221;, die deutsche Gesellschaft, die deutsche Geschichte. Auch solche Patienten sitzen bei Stern. &#8220;Das hat mit &#8220;den Deutschen&#8221; nichts zu tun&#8221;, erklärt er ihnen immer wieder. In Selbstmitleid zu zerfließen, Sozialbetrug zu begehen und mit der &#8220;Schuld&#8221; der Deutschen zu begründen, ist nicht die Lösung. &#8220;Als jüdischer Therapeut kann ich meinen jüdischen Patienten das auch so deutlich sagen&#8221;, weiß Stern und berichtet mir von nichtjüdischen Kollegen, die dann schon mal als Nazi bezeichnet werden.</p>
<h3 dir="LTR">Erste Schritte</h3>
<p>Nur zwei Prozent aller psychisch Kranken oder Menschen, die an sich selbst merken, &#8220;dass etwas nicht stimmt&#8221;, gingen überhaupt zum Psychotherapeuten. &#8220;Der erste Schritt ist der schwerste&#8221;, weiß Stern und wirbt um Vertrauen in seine speziellen Fähigkeiten als Diplompsychologe, verbunden mit seiner tiefen eigenen Verwurzelung in das Judentum. &#8220;Psychotherapie ist ein Maßanzug! Niemand wird von mir null-acht-fünfzehn behandelt&#8221;, versichert er mir.</p>
<p dir="LTR">Derzeit kämpft Stern für eine &#8220;Sonderbedarfszulasssung&#8221; für seine Praxis, denn der &#8220;Zulassungsausschuss für Ärzte und Psychotherapeuten der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin&#8221; ist leider noch nicht so weit, die Spezifik jüdischer Patienten anzuerkennen. Der Ausschuss hält diese Patienten nicht &#8220;für eine besondere Patientengruppe&#8221;, wohl aber der &#8220;Landesverband der Jüdischen Ärzte und Psychologen&#8221; und die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die beide Nicolai Stern bei seiner Antragstellung nach Kräften unterstützen. &#8220;Nach unseren Erfahrungen kam es immer wieder zu Fehllokationen bei wenig in diesen Thematiken erfahrenen Psychotherapeuten, wodurch es zu Nichtbehandlungen, Therapieabbrüchen und wirkungslosen Therapien kam. Für diese Patienten [...] ist es wichtig, dass es einen garantiert diskriminierungsfreien Raum im therapeutischen Setting gibt, einen vertrauensvollen und haltgebenden Raum für die psychische Bearbeitung und Nachreifung&#8221;, argumentiert der Verband für die Sonderbedarfszulassung Sterns.</p>
<p dir="LTR">So ist eine Behandlung mit einer normalen Überweisung vom Hausarzt oder auf Krankenschein bei Nicolai Stern noch nicht möglich. Dennoch kann und darf er Patienten betreuen und behandeln. Dazu sind jedoch eine &#8220;Notwendigkeitsbescheinigung&#8221; des behandelnden Arztes erforderlich und ein &#8220;Antrag auf außervertragliche Psychotherapie&#8221; bei der Krankenkasse zu stellen. &#8220;Die Krankenkassen würdigen diese besondere Betreuung schon&#8221;, erklärt Stern dazu. Bisher sei keiner dieser Anträge abgelehnt worden und damit eine Behandlung durch ihn gesichert. &#8220;Die Kassen folgen meiner Argumentation, dass meine Patienten nicht länger nur als &#8220;deutsche&#8221; Patienten behandelt werden müssen, sondern als &#8220;deutsch-jüdische&#8221;.&#8221; Auch das habe etwas mit ihrer Anerkennung durch die Aufnahmegesellschaft zu tun und tue ihnen gut für ihre Identitätsfindung. Beides seien wichtige Grundlagen dafür, zu jenen zwei Prozent gehören zu wollen und zu können, die ihr Schicksal in die Hand nehmen. &#8220;Ich freue mich über jeden, der den Wunsch hat, an seinen Problemen zu arbeiten &#8211; ich freue mich aber noch mehr über jeden, der irgendwann nicht mehr zu mir kommen muss!&#8221;</p>
<blockquote>
<p dir="LTR">Liebe Leserinnen und Leser,<br />
für Fragen und Probleme können Sie sich an Dipl. Psych. Nicolai Stern auch über Ihre &#8220;Jüdische Zeitung&#8221; wenden: Schreiben Sie uns dazu in einem verschlossenen Umschlag (nicht als Postkarte). Nicolai Stern wird ihre Frage dann anonym in einer eigenen Rubrik beantworten, die wir bei Bedarf ab Januar 2012 in loser Folge veröffentlichen werden.</p>
<p>Jüdische Zeitung &#8220;Fragen an Nicolai Stern&#8221; Großbeerenstr. 186-192 12277 Berlin</p>
<p dir="LTR">Diplom-Psychologe Nicolai Stern<br />
Praxis am Theodor-Heuss-Platz • Berlin-Charlottenburg<br />
Telefon für Terminabsprachen und Informationen: (030) 22 39 31 74</p>
</blockquote>
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		<title>Was den Menschen antreibt: Psychoanalyse als Theorie und Praxis von Beziehung</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Feb 2011 10:42:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Erich Fromm war der erste Psychoanalytiker, der den Menschen als Beziehungswesen ernst nahm. Lange vor der Bindungsforschung und der Etablierung der intersubjektiven Psychoanalyse sah er das Bezogensein des Menschen auf andere Menschen, auf die Wirklichkeit und auf sich selbst als das Kernproblem psychischer Strukturbildung an&#8230; Entsprechend orientieren sich seine psychoanalytische Theoriebildung und therapeutischen Techniken in erster Linie an solchen individuellen und gesellschaftlichen Erfahrungen, deren unbewusste Wirkungen, Behinderungen und Konflikte in der therapeutischen Beziehung aufgedeckt werden sollen. Der im Psychosozial Verlag vorgelegte Band “Was den Menschen antreibt: Psychoanalyse als Theorie und Praxis von Beziehung” versammelt die wichtigsten Beiträge Fromms zu seiner psychoanalytischen Theorie und Praxis, unter anderem seine kritische Auseinandersetzung mit Freud. Erich Fromm (1900-1980) war Soziologe, Psychoanalytiker und langjähriger Leiter der sozialpsychoanalytischen Abteilung des bekannten Frankfurter Instituts für Sozialforschung unter Max Horkheimer. Seine konstruktiven Beiträge u.a. zur Weiterentwicklung der Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik machten ihn zu einem der einflussreichsten Denker des vergangenen Jahrhunderts. Herausgegeben wurde das Buch von&#160;Rainer Funk. Er war Erich Fromms letzter Assistent und verwaltet seine Rechte. Funk veröffentlichte zahlreiche Schriften von und über Fromm und ist Psychoanalytiker in Tübingen. Aus der Einleitung des Herausgebers&#8230;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Erich Fromm war der erste Psychoanalytiker, der den Menschen als Beziehungswesen ernst nahm. Lange vor der Bindungsforschung und der Etablierung der intersubjektiven Psychoanalyse sah er das Bezogensein des Menschen auf andere Menschen, auf die Wirklichkeit und auf sich selbst als das Kernproblem psychischer Strukturbildung an&#8230;<span id="more-3076"></span></p>
<p>Entsprechend orientieren sich seine psychoanalytische Theoriebildung und therapeutischen Techniken in erster Linie an solchen individuellen und gesellschaftlichen Erfahrungen, deren unbewusste Wirkungen, Behinderungen und Konflikte in der therapeutischen Beziehung aufgedeckt werden sollen. Der im Psychosozial Verlag vorgelegte Band “<a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3837921158">Was den Menschen antreibt: Psychoanalyse als Theorie und Praxis von Beziehung</a>” versammelt die wichtigsten Beiträge Fromms zu seiner psychoanalytischen Theorie und Praxis, unter anderem seine kritische Auseinandersetzung mit Freud.</p>
<p><strong>Erich Fromm</strong> (1900-1980) war Soziologe, Psychoanalytiker und langjähriger Leiter der sozialpsychoanalytischen Abteilung des bekannten Frankfurter Instituts für Sozialforschung unter Max Horkheimer.<br />
Seine konstruktiven Beiträge u.a. zur Weiterentwicklung der Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik machten ihn zu einem der einflussreichsten Denker des vergangenen Jahrhunderts.</p>
<p>Herausgegeben wurde das Buch von&nbsp;<strong>Rainer Funk. </strong>Er war Erich Fromms letzter Assistent und verwaltet seine Rechte. Funk veröffentlichte zahlreiche Schriften von und über Fromm und ist Psychoanalytiker in Tübingen.</p>
<p>Aus der <a target="" title="" href="http://www.pharmacon.net/2011/02/fromm-3/">Einleitung des Herausgebers</a>&#8230;</p>
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		<title>Iwan Bloch: Ein Beitrag zur Psychologie der russischen Revolution</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Dec 2010 07:48:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Sexualmedizin]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Verfasser nachfolgender Aufzeichnungen, der russische Anarchist N. K., wurde in den ersten Monaten 1906 in Warschau verhaftet. Er sollte — wie jeder, der sich um diese Zeit dort als dieser Partei angehörig ent­puppte — sofort, ohne Urteil, kriegsrechtlich erschossen werden&#8230; Aus Iwan Blochs &#8220;Ausschweifungen im Sexualleben&#8221; Anhang zum Kapitel 1 (Sadismus, Flagellantismus und Masochismus) Sein Verhalten bei der Füsilierung seiner vor ihm ver­hafteten Genossen sowie im Verhör wies jedoch auf ein so hochgradiges Absurdum seiner seelischen Individualität hin, dass der Oberst — dem der Richterspruch oblag — einen Psychopathen in ihm vermutete und ihn bis zur Feststellung dessen in der Zitadelle internierte. — Hierselbst verfasste K. seine Aufzeichnungen, die im nachstehenden wortgetreu und ohne Kommentar wie­dergegeben sind. Entwicklungsgeschichte eines algolagnistischen Revolutionärs I. Meine Eltern waren entgegengesetzte Elemente: Der Vater: Stark, grob, brutal, egoistisch; materiell bis zum Exzess; — die Mutter: Leidend, zart, gefühlvoll, äthe­risch. Aus einer solchen Kreuzung musste ein masochistischer Charakter entstehen. Mein Vater erzog mich mit Gebrüll, Prügel und Schrecken; meine Mutter entgalt mir das alles wieder mit Streicheln, Küssen und Weinen. — Ich zitterte vor geheimer Angst und frohlockte innerlich zugleich, wenn mich mein Vater übers Knie legte. Denn kaum war die Exekution vorbei, so rannte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Verfasser nachfolgender Aufzeichnungen, der russische Anarchist  N.  K., wurde in den ersten Monaten 1906 in Warschau verhaftet. Er sollte  —  wie jeder, der sich um diese Zeit dort als dieser Partei angehörig   ent­puppte — sofort, ohne Urteil, kriegsrechtlich erschossen werden&#8230;<span id="more-2729"></span></p>
<p>Aus Iwan Blochs &#8220;<a href="http://www.pharmacon.net/2010/12/bloch/">Ausschweifungen im Sexualleben</a>&#8221;<br />
Anhang zum Kapitel 1 (<a href="http://www.pharmacon.net/2010/12/bloch-1/">Sadismus, Flagellantismus und Masochismus</a>)</p>
<p>Sein Verhalten bei der Füsilierung seiner vor ihm ver­hafteten  Genossen sowie im Verhör wies jedoch auf ein so hochgradiges Absurdum  seiner seelischen Individualität hin, dass der Oberst — dem der  Richterspruch oblag — einen Psychopathen in ihm vermutete und ihn bis  zur Feststellung dessen in der Zitadelle internierte. — Hierselbst  verfasste K. seine Aufzeichnungen, die im nachstehenden wortgetreu und  ohne Kommentar wie­dergegeben sind.</p>
<p><strong>Entwicklungsgeschichte eines algolagnistischen Revolutionärs</strong></p>
<p>I.</p>
<p>Meine Eltern waren entgegengesetzte Elemente: Der Vater: Stark, grob,  brutal, egoistisch; materiell bis zum Exzess; — die Mutter: Leidend,  zart, gefühlvoll, äthe­risch. Aus einer solchen Kreuzung musste ein  masochistischer Charakter entstehen.</p>
<p>Mein Vater erzog mich mit Gebrüll, Prügel und Schrecken; meine Mutter  entgalt mir das alles wieder mit Streicheln, Küssen und Weinen. — Ich  zitterte vor geheimer Angst und frohlockte innerlich zugleich, wenn mich  mein Vater übers Knie legte. Denn kaum war die Exekution vorbei, so  rannte er, irgend jemanden — einen Knecht, eine Magd, einen Diener usw. —  zu ohr­feigen. Ich lief mit brennendem Hintern zu meiner Mut­ter. Da  wurden zuerst die Striemen inspiziert und dann geweint, umarmt, geküsst —  und zum Schluss gelacht. — Das wiederholte sich in unregelmässigen  Intervallen.</p>
<p>In diese Kinderjahre fällt auch schon meine erste Er­kenntnis des  masochistischen Prinzips im Leben. Die­selbe gründete sich auf folgende  Beobachtungen:</p>
<p>Alle meine Gespielen und Gespielinnen hatten die Sucht, sich  gegenseitig Possen zu spielen; einander bei den Eltern zu verklatschen  und zu verleumden; in jeder Weise zu quälen — um dann durch doppelte  Liebe alles wiedergutzumachen. Andererseits bemerkte ich, dass kein Kind  ein anderes liebte, von dem es nicht gequält wurde. Solche standen sich  gleichgültig gegenüber.</p>
<p>In dieser gegenseitigen Qual und dem Gequältwerden musste also von  Natur aus ein gewisser Reiz, eine Lust liegen. Diese war das:  Sichvertiefen, Sichhineindenken, Mitfühlen des Schmerzes anderer. Das  ist kein Sadismus — den gibt&#8217;s überhaupt nicht —, sondern nur verfeinerter  Masochismus; denn man bereitet Schmerzen, um sie mitfühlen, also selbst  empfinden zu können.</p>
<p>Ich hatte es besonders auf die Mädchen abgesehen, vernichtete ihr  Spielzeug, zerriss ihre Puppen, be­schmutzte ihre Kleider usf. Wenn sie  dann so recht bitterlich weinten, kämpfte und kämpfte ich mit den  Tränen, bis sie endlich doch nicht mehr zurückzuhalten waren. Dann  schlich ich hin, umarmte, streichelte und küsste die Zürnende und weinte  mit ihr. Welchen Schmerz und welche Lust empfand ich, wenn sie mich  wegstiess, mich schlug und mir ins Gesicht spie!! Ich brachte ihr wieder  schöneres Spielzeug und war so glücklich, wenn sich ihr Weinen wieder  in Lachen ver­wandelte!!</p>
<p>Wie oft verleumdete ich andere Kinder bei ihren El­tern, um den  seelischen Schmerz einer unverdienten Züchtigung mitempfinden zu  können!! Doch bildete ich keine Ausnahme; die meisten meiner Gespielen  waren auch so. Ich erinnere mich, dass ein elfjähriges Mädchen einen  zwölfjährigen Jungen verleumdete: er hätte sie am Schamteil berührt,  während sie im Freien schlief! Der glückliche, arme Junge wurde in der  Schule und zu Hause schrecklich geschlagen. Alle Kinder hetzten, höhnten  und flohen ihn wie die Pest. — Er wurde ganz menschenscheu!</p>
<p>Was erlebte ich da einmal?</p>
<p>Mürrisch und verdrossen lag er unter einem Baum. Das obenerwähnte  Mädchen schlich sachte auf ihn zu, blieb bei ihm stehen und rief bittend  seinen Namen. Wild fuhr er auf und wollte die Flucht ergreifen. Sie  aber umklammerte seine Hand, fiel auf die Knie und bat ihn um Vergebung.  — Es nützte nichts, dass er sie be­schimpfte, sie schlug und mit den  Füssen trat. Sie um­schlang ihn, weinte so herzzerbrechend und  schmeichelte ihm so lange, bis er sich neben sie setzte und sich  lieb­kosen liess. So sassen sie lange und weinten und lachten, und  weinten.</p>
<p>Plötzlich ergriff sie seine Hand und presste sie heftig zwischen ihre Schenkel. Dieser Kontakt bildete das Schlussglied einer langen logischen Kette.</p>
<p>Das waren die Fakta, welche mich zuerst instinktiv fühlen liessen,  dass — wie jedes grundlegende Ding, alles was mit der Vorsilbe „Ur&#8221;  beginnt — Urkraft, Urstoff, Urtrieb usw. — die Vereinigung zweier  Extreme dar­stellt: der Urtrieb „Liebe&#8221; ebenfalls erst die  Verschmel­zung zweier Entgegengesetzter sein kann. Letztere sind hier  Lust und Schmerz, wie sie sich bei der Elektrizität positive und  negative Elektrizität, beim Magnetismus positiver und negativer  Magnetismus, beim Atom posi­tives und negatives Ion, beim Geschlecht  Mann und Weib usw. nennen.</p>
<p>Meine Gymnasial- und Universitätsjähre verbrachte ich in Petersburg.</p>
<p>II.</p>
<p>Mit Ungestüm warf ich mich der rein physischen „Liebe&#8221; (?), der  Orgie, in all ihren Abarten in die Arme. Den körperlich-geschlechtlichen  Masochismus mit sei­nen raffinierten Sinnesreizen durchkostete ich bis  zur Neige, konnte mir aber nie erklären, dass die Menschheit mit einer  so rohen Definition des Begriffes „Masochis­mus&#8221; sich zufriedengab. Der  geschlechtliche Masochismus ist zwar der „in die Augen springendste&#8221;.  Das ist aber bei der geschlechtlichen Liebe auch der Fall; und trotzdem  wird man nicht behaupten: Liebe ist nur Ge­schlechtstrieb.</p>
<p>Ich schritt über diesen körperlichen Masochismus hin­weg; er war für  mich nur eine notwendige Evolutions­phase. Es begann der seelische sich  meiner zu bemäch­tigen. Um diese Zeit lernte ich ein Mädchen lieben, von  wunderbarem Charakter. Sie liebte mich ebenfalls wahnsinnig.</p>
<p>Wäre ich Bettler und Strolch gewesen — sie würde mit mir auf der  Landstrasse herumgezogen sein. — Sie hätte mich zur Zwangsarbeit nach  Kara, Kamtschatka und Sa­chalin begleitet und für mich ebenso das  Schafott bestie­gen, wäre, um mich zu erhalten, sogar Prostituierte  ge­worden. Es war eine Seligkeit, sie zu lieben und so geliebt zu  werden.</p>
<p>War es zu verwundern, dass konform mit dieser un­endlichen Liebe die  begleitenden Leiden auch ins Endlose gehen und schliesslich zur  Katastrophe führen mussten?!</p>
<p>Jede Nacht schliefen wir zusammen, obwohl wir monatelang nicht  geschlechtlich verkehrten. Wir hielten uns nur eng umschlungen und  schliefen so sanft!!</p>
<p>Uns auch nur auf Stunden zu trennen, war qualvoll. Wenn ich allein  fortging, musste ich genau die Zeit an­geben, wann ich wiederkomme.  Blieb ich eine Viertel­stunde länger fort, so malte sich Mascha schon  aus, dass ich vom Tram überfahren wurde, einen Blutsturz be­kommen habe,  plötzlich wahnsinnig geworden und in die Newa gesprungen oder mir sonst  irgend etwas pas­siert sei. Dann stand sie beständig am Fenster, die  Strasse zu inspizieren. Ging jemand im Hausflur, lief sie schnell,  nachzusehen. War ich es nicht, dann erfasste sie eine schreckliche  Bangigkeit. Kam ich endlich, dann war­tete sie schon in der Türe meiner,  unter Tränen lächelnd. Dann gab&#8217;s Umarmungen und Küsse, als wenn ich  eben von einer Nordpolfahrt zurückgekehrt wäre; aber auch Vorwürfe, wie:  „Du liebst mich gar nicht, sonst könntest du mich nicht so quälen! (?)  Du weisst, wie ich unruhig bin um dich!&#8221;</p>
<p>Allmählich erst begann ich diesen Zustand zu verste­hen, als unabwendbare Konsequenz des masochistischen Prinzips in der Liebe.</p>
<p>Diese Seelen-Marter, die sich die Liebenden bereiten in der  beständigen Furcht, den Geliebten zu verlieren oder seiner Liebe  verlustig zu gehen, ist innig mit der Liebe selbst verknüpft. Ohne diese  Angst wäre Liebe überhaupt undenkbar. Wer liebt, muss sich beständig  mit dieser Angst quälen, und je stärker man liebt, desto stärker wird  auch diese Qual sein. Wenn die letztere durch den andern Beteiligten  noch verstärkt wird, so steigert das wieder unsere Liebe.</p>
<p>Diese Notwendigkeit fühlten wir auch und entschlos­sen uns, unverehelicht ein Kind zu zeugen. Was dieser Schritt für uns — als Sprösslinge vorneh­mer Häuser — bedeutete, lässt sich leicht abschätzen! Aber mutig wollten wir der ganzen Gesellschaft trot­zen, um durch die damit verbundenen Leiden die Liebe zu heiligen!</p>
<p>III.</p>
<p>Kaum ward Mascha schwanger, so fühlte ich einen unwiderstehlichen  Zwang, unsere beiderseitige Qual zu steigern! Zu steigern!! Zu  steigern!!! Denn unsere Liebe schien mir noch nicht gross genug, noch  nicht würdig, nicht heilig genug, um in einem neuen Lebewesen uns selbst  zu kristallisieren!</p>
<p>Dieser eine Gedanke folterte mich unausgesetzt. Vergebens suchte ich  mir einzureden, dass unsere Liebe die alltägliche doch millionenfach  überrage; dass sie überhaupt ihresgleichen nicht habe! Immer wieder flüsterte mein Gewissen mir zu: „Wie kannst du an dich nur den  Massstab gewöhnlicher Menschen, wenn sie auch die hervorragendsten  Charaktere sind, legen?! Du bist doch der bewusste Masochist! Dem müssen  doch deine Ideale angepasst sein! Ist es etwas Aussergewöhn­liches, ein  uneheliches Kind zu haben?! Ihr müsst also eure Leiden verschärfen!  Verschärfen!!&#8221;</p>
<p>(Er schildert nun, wie er seine Geliebte auf alle mög­lichen Weisen quält.)</p>
<p>Mascha wurde durch meine Schikanen schliesslich so wie ich. &#8211; Nun begann sie wirklich, alles verschärfte sich: &#8220;Du bist schuld! Du machst mich noch ganz verrückt!!&#8221; Wegen der harmlosesten Dinge gerieten wir in Wut, gegenseitig  immer mehr reizend und ver­mehrt &#8211; zwanzigmal des Tages standen wir uns  gegen­über mit bebendem Oberkörper vor Zorn zitternd, mit von Wut  verzerrtem Munde, funkelnden Augen und Fingern wie  sprungbereite Tiger. Manchmal schlug sie mich ins Gesicht oder spie nach mir. Dann baten wir einander um Verzeihung. Stellten mit Gewissensbissen die Frage: „Wer ist schuld?&#8221;. Da brach der Schmerz  hervor: &#8220;Aus, aus, für immer! Was hab&#8217; ich getan!?! Was hab&#8217; ich dir angetan? Es kann nicht sein! Es kann nicht sein!! Ich werde auf den Knien um  Vergebung flehen! Und wenn sie mir  Ketten an den Hals legt. Gift! Wie unendlich ist der Schmerz. So begann ich mit nervöser Hast zu überlegen. Wo wird sie sein? Bei Katja?! Auf! Zu ihr! „War Mascha hier?&#8221;<br />
&#8220;Ja &#8211; nicht lange ist sie weg!&#8221;<br />
„Sagte sie nicht, wo sie zu treffen ist?</p>
<p>„Nein! — Habt ihr euch wieder gezankt?&#8221;<br />
„Hm! — Bisschen — aber schuld bin ich! — Ich muss sie treffen! —Adieu!&#8221;</p>
<p>Bei A und B und C und D war sie nicht. Sollte sie viel­leicht gar in ihrem Schmerz&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- ?! Nein, nein! Nur das nicht! Nur das nicht!!</p>
<p>So hämmert es fort in den Schläfen, während man treppauf, treppab springt! Sechs Uhr! Jetzt geht sie am Newsky-Prospekt spazieren!!</p>
<p>Endlich hier! Rasch vorwärts und nicht verpasst! Ist sie das? Nein!<br />
Aber dort? Auch nicht! Das ist sie jetzt?!<br />
Nein — doch — nein — ja doch,  ja!&#8212;&#8211; Jetzt etwas langsamer. &#8212;&#8212;&#8211; Nun sieht sie mich. — Sie  macht eine Wendung, auf die andere Seite zu gehen. Sie überlegt sich&#8217;s  und bleibt auf dieser. „Gehst du schon lange spazieren?&#8221;<br />
Mascha liegt in  meinen Armen.<br />
Wir weinen und lachen, weinen und lachen.<br />
&#8212;&#8212;&#8211; Nie,  nie, nie wieder!!</p>
<p>Vergib, vergib!!<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Wir umschlingen, pressen und  küssen uns, als ob es gälte, ineinander aufzugehen.<br />
Wir beschimpfen uns,  zausen uns an den Haaren und ohrfeigen einander wollüstig. Dann reiben  wir Wange an Wange und flüstern uns die verrücktesten Kosenamen zu. O  Paradies der Liebe!! Warum haderte ich mit mei­nem Schicksal, dass es  mir so unerhörte Qualen aufer­legte?! — Nur sie allein können eine  Seligkeit wie diese gebären!!</p>
<p>O Schicksal! Mehr, mehr, noch mehr Marter! — Damit meine Liebe wachse!</p>
<p>IV.</p>
<p>Unser Zusammenleben wurde immer unerträglicher. Und doch konnten wir  auch nicht eine Stunde ohne ein­ander aushalten. Ein furchtbares  Verhängnis kettete uns zusammen und warf uns in den Strudel dieses  zwitter­haften, in seiner elementaren Gewalt unüberwindlichen Triebes.  Sich demselben zu entreissen, das verhinderten die gemeinsamen Fesseln.</p>
<p>Immer furchtbarer, immer wahnwitziger gestalteten sich unsere  Auftritte und die sie von Zeit zu Zeit unter­brechenden  Liebes-Eruptionen.</p>
<p>(Nach immer qualvoller werdenden gegenseitigen seelischen Foltern bittet K. seine Geliebte &#8211; das Kind abzutreiben!) .</p>
<p>Sie weinte still. &#8211; Dann küsste sie mich &#8211; und ging. &#8211; Der Schlüssel knarrte im Schloss.</p>
<p>„Masdia! Mascha! Um Gottes willen! Mascha! Was willst du tun?!?</p>
<p>Ich rüttelte an der Tür wie wahnsinnig; &#8230; &#8230; Sie gab nicht nach. &#8211; Ich riss das Fenster auf. &#8211; - „Hilfe! Hilfe!&#8221;<br />
Die Tür wird erbrochen. &#8211; Fort zu Maschas Tür! &#8211; Rasch ist sie gesprengt.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; Sie liegt da.<br />
&#8212;&#8212;&#8212; Tot.<br />
- Gift!</p>
<p>V.</p>
<p>Endlich &#8211; nach Wochen &#8211; war ich etwas ruhiger und konnte einige  Gedanken fassen. Ich war so entkräftet, dass ich mich nur mit fremder  Hilfe vom Bett aufs Sofa oder zurück schleppen konnte. Man hatte gefürchtet dass ich&#8217;s nicht überstehen würde. &#8211; Wochenlang die  erschütterndsten übermenschlichen Leiden erdulden zwischen Tod und  Wahnsinn schweben!</p>
<p>Aber auch übermenschliche Liebe war mir zuteil geworden! Das Bild war mir entschleiert! Ich hatte die Liebe gekostet bis zum letzten Tropfen! — Aber nur der wird  dessen teilhaftig, der zuerst den Becher des Leidens zur Neige  getrunken! — Beides geht über die Kraft! &#8212; Oh, kurzsichtige Welt, die du den Mord Maschas: „Sadismus&#8221; nennen  wirst!<br />
— Haben denn ihre Leiden mir nicht doppelt so tief ins Herz  geschnitten?! Hat sich nicht meine Seele gekrampft bei ihrer Qual?! —  Ich woll­te ja nur mich quälen! — Bin ich schuld, dass das nur möglich  ist durch ihr Martyrium? — Hat sie nicht auch alle meine überirdischen  Seligkeiten geteilt?! — Wer diese gekostet: der gibt sie nicht — und  wenn er den dop­pelten Preis an Leiden zahlen muss!!</p>
<p>Ist das nicht „Masochismus&#8221; ?!</p>
<p>Habt ihr, dir ihr über mich urteilen wollt, das kennen­gelernt? Nein!  Wer will sich dann zum Richter über etwas auf werfen, das er nicht  kennt?!</p>
<p>O rohe Psychologie, die da lehrt: aus einem un­menschlichen Triebe —  „aus Grausamkeit&#8221; — begingen wir „Verbrechen&#8221; am Nächsten. Nur aus einem  rein menschlichen Triebe — „aus Liebe&#8221; — begehen wir das am Nächsten,  was ihr „Verbrechen&#8221; nennt: damit er jenes unnennbaren Glückes teilhabe,  das wir fühlen. Uns bewegen somit reine ethische Momente.</p>
<p>Glaubt ihr, nur wir sind Masochisten? Oder glaubt ihr, nur jene sind  es, die sich von der Dirne treten, ohrfeigen, geisseln, beschmutzen und  in den Mund spucken lassen?! O ihr Idioten! Ich sage euch: Alle Liebe  ist masochi-stisch, und alles, was zu ihr führt, mit ihr verbunden ist,  oder daraus resultiert, trägt den Stempel „Lust und Leid&#8221;!</p>
<p>Die Natur fehlt nie. Wer glaubt also, dass es Laune, Zufall oder  Ironie von ihr war, als sie die Liebe mit so viel Qual verband?!</p>
<p>Wer denkt da nicht an alle die Tragödien der unglück­lichen Liebe,  mit ihren Morden und Selbstmorden; all ihrem körperlichen und seelischen  Martyrium, die uns jeder Tag bringt?!</p>
<p>Wer denkt nicht an die Trauerspiele der geschlecht­lichen Lust, die  sich uns in den Krankenhäusern dar­bieten?! All der Hunderttausende, die  der Ausschwei­fung erlegen sind, als Resultat der geschlechtlichen Lust  ?! All der Rückenmarksleidenden, Syphilitiker, Pa­ralytiker usw.?!</p>
<p>Wer erinnert sich nicht der Foltern, die die ge­schlechtlich  Perversen über sich und die Menschheit ge­bracht haben?! All der  Lustmorde! Und aller Gegenmass­regeln. Der Lustmorde, die man beging —  die Lustmorde zu verhindern! —</p>
<p>Wer gedenkt nicht der Qualen der Schwangerschaft?! Ihres Risikos auf Leben und Tod!</p>
<p>Sollten das alles Fehlgriffe der Natur sein? Nein! Nein!! Die  Begleitung der Lust durch den Schmerz muss durch irgendeinen bestimmten  Zweck begründet sein. Dieser Grund ist: Dass die Lust, ohne ihr  Gegenteil, den Schmerz, überhaupt nicht fühlbar, nicht denkbar, nicht  vorstellbar wäre: sowie uns Kälte ohne Wärme, Licht ohne Dunkel nicht  zum Bewusstsein kommen könnten. Lust würde also bei Mangel des Schmerzes  gar nicht als Lust empfunden. Ergo: Muss durch Steigerung des Schmerzes  die Lust zu höherer Geltung kommen, denn je grösser die Kontraste,  desto leichter fühlen wir sie. „Masochismus ist somit ein Naturgesetz.&#8221;  Je höher er bei einem Individuum ausgeprägt er­scheint, desto höher,  desto übermenschlicher ist das­selbe.</p>
<p>VI.</p>
<p>Durch die Erkenntnis des masochistischen Naturge­setzes geriet ich in  einen eigenartigen Zustand. Indivi­duelle Liebe und Leiden machten auf  mich keinen son­derlichen Eindruck mehr. Ich begann den Masochismus im  Leben und Wirken der Natur, in der Geschichte der Menschheit, im  sozialen Leben und in der Kultur zu beobachten.</p>
<p>Gründet sich nicht das grosse Entwicklungsprinzip der Natur darauf,  dass Existenz und Fortschritt einer Gat­tung abhängig sind von dem Druck  des umgebenden Milieus?! Je schwieriger die Existenzbedingungen, je  härter der Druck der Umgebung, je mehr Leiden eine Gattung zu erdulden  hat, um so stärker muss die Reak­tion hierauf bei derselben eintreten;  um so stärker wer­den ihre Kräfte und Fähigkeiten angespannt und müs­sen  rückwirkend die Gattung auf eine höhere Stufe erheben!</p>
<p>„Das Leiden also ist das treibende Moment in der Natur. Dieselbe ist somit — masochistisch.&#8221;</p>
<p>Auch innerhalb der Gattung selbst gilt dieses Gesetz. Haben sich  nicht in der Gattung „Mensch&#8221; gerade jene Varietäten am höchsten  entwickelt, die das härteste Milieu zu bewältigen hatten?! Die von der  Natur am schwersten mit Nahrungssorgen geplagt wurden?! Die am meisten  litten ?!</p>
<p>Ist nicht die Existenz der Lebewesen abhängig vom „Kampf ums Dasein&#8221;,  von der gegenseitigen Bekämp­fung der Arten, gegenseitiger  Vernichtung?!</p>
<p>Es ist ein charakteristisches Zeichen für die mensch­liche Natur,  dass alle Religionen, die sie sich schuf, von dem Leitsatz erfüllt sind:  „Nur durch Leiden kannst du selig werden!&#8221;</p>
<p>Ist es nicht erst recht Masochismus, wenn sich die Menschheit durch  die moderne Wissenschaft auch noch der Hoffnung aufs Jenseits, auf  Ewigkeit und Seligkeit beraubt und nichts an seine Stelle setzt?!</p>
<p>Betrachtet die Weltgeschichte!</p>
<p>War nicht die Geburt jeder grossen Idee mit furcht­baren Wehen — mit  dem Wirken von Feuer und Schwert, Blut und Tod — verknüpft?!</p>
<p>Hat nicht die Menschheit ihre grössten Wohltäter ans Kreuz  geschlagen?! Ihnen mit Galgen, Folterkammer, Rad, Scheiterhaufen, Zucht-  und Irrenhaus gedankt?!</p>
<p>Und alles aus Menschenliebe!</p>
<p>Alle die Christen- und Judenverfolgungen, Inquisi­tion,  Ketzerverbrennungen, Hexen- und andere Pro­zesse, die Religionskriege  aller Zeiten waren Ausflüsse der — Menschenliebe. Sie bezweckten: die  Menschheit vor dem Raube ihrer Seligkeit, durch die Irrlehren, zu  bewahren!</p>
<p>Die Menschenliebe gebar die Neros, Torquemadas, grausamen Iwans und Schdanows!</p>
<p>Warum plagten diese die Menschen? — Um deren Qualen sich  vergegenwärtigen, sie mitfühlen, mitemp­finden zu können. Um im Geiste  selbst diese Martern durchzumachen; also sich zu quälen durch das  Hinein­versetzen, in die Schmerzen anderer. — „Somit ist Sadis­mus in  seinen Motiven nichts als — Masochismus.&#8221;</p>
<p>Die Menschenliebe errichtete das Kreuz Christi, ent­zündete die  Scheiterhaufen des Huss, Bruno, Galilei, folterte Thomas Münzer,  erdolchte Marat, enthauptete Hebert und zimmerte die Galgen von Arad,  Petersburg, Chikago usf.</p>
<p>Die Menschenliebe baute die Bastille, den Tower, den Spielberg,  Blackwells-Island und die Schlüsselburg, baute die Folterkammern der  Inquisition, der mittel­alterlichen Rechtspflege und jene von Montjuich,  Alcalla del valle, Borissoglebsk u. a. m.!!</p>
<p>Merkwürdig! Dass eure „Menschenliebe&#8221; der grau­samste Folterknecht,  unerbittlichste Henker, blutdür­stigste Menschenschlächter und grösste  Verbrecher war! Erseht ihr nicht darinnen das weise Walten des  masochistischen Prinzips?&#8217; Dass nur die Verfolgungen es waren, welche  diese Ideen verbreiteten?! Jeder Fort­schritt, den die Menschheit in der  Kultur machte, musste mit unerhörten Opfern bezahlt werden. Die  über­menschlichsten Leiden von Millionen Sklaven schufen die Kultur des  Altertums, der Phönizier, Babylonier, Perser, Assyrier, Griechen und  Römer! (Zu dieser sooft bestrittenen Tatsache siehe Mommsen: „Gegenüber  dem Leiden der Sklaven im Altertum sind alle Neger­leiden nur ein  Tropfen&#8221;). Die indische Kultur ist das Produkt der entsetzlichsten  Ausbeutung und Unterdrückung der niederen Kasten durch die höheren.</p>
<p>Der Boden der Südstaaten Amerikas wurde kultiviert — indem man ihn mit Schweiss, Blut und Knochen der Negersklaven düngte.</p>
<p>Den Boden Europas machten wiederum die Leiden der Sklaven und Leibeigenen urbar usf.</p>
<p>In den entsetzlichsten Geburtswehen musste sich die Menschheit — in  den Sklavenaufständen, Bauernkriegen und Revolutionen des 18., 19. und  20. Jahrhunderts — krümmen, um die Fruchthülle des Feudalsystems zu  sprengen: damit der Kapitalismus geboren werde.</p>
<p>Diese neueste Kultur fusst wiederum auf der furcht­baren Ausbeutung,  Unterdrückung und Verelendung der Millionen und Millionen von  Proletariern.</p>
<p>Welche Verwüstungen in der Menschheit richten nicht die  Kulturerrungenschaften der Technik an! — Jede Er­findung und Entdeckung  fordert ihre Opfer! —</p>
<p>Wie oft werden Chemiker bei der Schaffung neuer Präparate durch deren  Explosion zerschmettert oder durch Entwicklung giftiger Dämpfe getötet!</p>
<p>Zählt die Ingenieure, die Opfer ihres Berufes wurden, oder die  Bakteriologen, die sich beim Studium durch In­fizierung Siechtum und Tod  holen!</p>
<p>Zählt alle die Opfer der Berufskrankheiten, der Tu­berkulose,  Phosphornekrose, Blei- und Quecksilberver­giftung usw.! — Zählt alle  jene, die vom Gerüst stürzen, als Seeleute ertrinken, als Eisenbahner  überfahren, in den Fabriken von den Maschinen zerrissen werden und in  den Bergwerken durch Einsturz, schlagende Wetter u. a. umkommen!</p>
<p>Gedenket an Hunger und Elend von Witwen und Waisen dieser Opfer der  Technik und Wissenschaft, an die Arbeitslosigkeit und andere soziale  Schäden des Ka­pitalismus!</p>
<p>Die Rebellion der Opfer dieses Systems zeitigt wieder den  „Klassenkampf&#8221; mit neuen Qualen, neuen Leiden! — Um die Menschheit  endlich durch Schaffung einer Zu­kunftsgesellschaft endgültig vom Leiden  zu befreien?? — Man glaubt es! Aber das ist Unsinn! Die Leiden nehmen  nur eine andere Form an — und steigern sich!! —</p>
<p>Glaubt ihr denn, alle bisherige Qual der Menschheit sei nur Zufall, nicht Vorsehung gewesen?!</p>
<p>O nein! Die Leiden waren nur der Stimulus, welcher die Menschheit  vorwärts trieb, zu neuem Schaffen, grö­sserem Fortschritt, um den Leiden  zu entfliehen! — Der Fortschritt brachte neue Leiden usf.</p>
<p>„Das Leiden ist also der Kulturfaktor der Menschheit! — Sie von Leiden befreien, heisst: sie der Kultur berau­ben wollen.&#8221;</p>
<p>Kann man sich denn ein Leben vollkommener Befrie­digung vorstellen?</p>
<p>Nein! Ohne Qual müssten die Bedürfnisse erschlaffen, welche allein  den Anreiz zum Fortschritt bilden! — Ohne Qual gibt es auch keine  Genüsse. Denn alles kommt uns erst durch sein Gegenteil zum Bewusstsein.</p>
<p>„Uns von Qual befreien, heisst: uns die Genüsse rau-\)2n. — Dann aber — haben wir kein Interesse mehr zu leben!&#8221;</p>
<p>„Kultur ist somit Vereinigung, Zwittergebilde, von Lust und Schmerz,  also: Masochismus!! — Der Fortschritt der Menschheit ist nur möglich  durch das masochistische Kulturprinzip.&#8221;</p>
<p>Oh grausam-süsse Philosophie Golgatha all Ewig bleibst du das Uoira und Kismet der Menschheit.</p>
<p>VII.</p>
<p>„Immer mehr, immer Bessere eurer Art sollen zugrunde gehen, denn ihr  sollt es immer schlimmer haben. So allein &#8211; so allein wächst der Mensch  in die Höhe -.&#8221;</p>
<p><em>(Nietzsche: „Zarathustra&#8221;, II, p. 126.)</em></p>
<p>Herrlicher Nietzsche!</p>
<p>Jetzt erst erfasse ich deinen „Übermenschen&#8221;! &#8211; Nun teile ich deinen Hass des Alltäglichen und Mittelmässigen!</p>
<p>Hinweg mit der spiessbürgerlichen Feigheit: „Nur ja nicht über die Schnur hauen! &#8211; Alles mit Mass und Ziel! &#8211; Ja nicht übertreiben und ins Extrem verfallen&#8221;.<br />
Nein! &#8211; Nur mutig hinein ins Extreme!</p>
<p>- Nur Faul­heit, Bequemlichkeit  und Feigheit scheut sich gelegent­licher einem Dampfbad mit  darauffolgender kalter Dusche!</p>
<p>Wie aber der Körper durch dieses „laisser faire et laisser passer&#8221;  verweichlicht, widerstandsunfähig wird, Stoffe ansammelt, die  überflüssig und darum schädlich sind, so muss auch die Menschheit, welche  dieser Devise folgt, durch die Spiessbürgerkrankheit, genannt  „Mittel­mässigkeit&#8221;, zugrunde gehen.</p>
<p>Nur hinein mit der Menschheit ins Dampfbad &#8211; und dann unter die kalte  Dusche! Damit sie gestählt, verjüngt und gekräftigt werde! — Sich der  überflüssigen Stoffe entledige!</p>
<p>„Macht es den Menschen nur immer schlimmer und härter! Dann wird schon die Reaktion eintreten und sie vorwärts treiben!&#8221;</p>
<p>Nach dieser Devise begann ich von nun ab zu han­deln.<br />
— <strong>Den Schmerz verstärken, damit die Lust grösser sei!</strong></p>
<p>Eine unendliche Liebe zur Menschheit ergriff mich, seitdem ich ihre  Bestimmung erkannte, die mit meiner Individualität so seltsam  harmonierte. — Ich wurde gleichsam die Menschheit selber; fühlte den  Herzschlag von Millionen in mir. Die widerstrebendsten Gefühle  vereinigten sich in meiner Person. Ich fühlte ebenso als Kapitalist, wie  als Proletarier; als orthodoxer Christ und Katholik ebenso, wie als  Jude oder Atheist; als Mann und Weib zugleich.</p>
<p>Alle Leiden und Freuden der Menschheit empfand ich in mir und vertiefte mich in dieselben.</p>
<p>Einmal noch wollte ich sie alle im Geiste durchkosten. — Ich  studierte die Weltgeschichte; aber mit welchem Empfinden! — Ich blieb  nicht bei den Tatsachen stehen, sondern versetzte mich in die Personen  der Handelnden; vergegenwärtigte mir all das Massenelend und die  Mas­senpsychosen.</p>
<p>Welch manikalischen Schmerz bereitete mir das alles! Wie begann ich die herrliche Menschheit zu lieben, die all das erduldet!!</p>
<p>Nun war der Augenblick gekommen! Jetzt nur rasch mitten hinein in die  Extreme des Lebens! — Untertau­chen in all den Leiden der Millionen und  sie verzehn-, verhundert-, vertausendfachen! Das Wollustgefühl trinken,  mit dem sie sich im Paroxysmus der Raserei zer­fleischen, und dann — so  recht Mensch sein!!</p>
<p>VIII.</p>
<p>Von nun ab warf ich mich mit Ungestüm der anarchi­stischen Bewegung  extremster Richtung in die Arme. Mein ganzes Vermögen opferte ich zur  Unterstützung von Zeitungen, Herausgabe von Broschüren, zum Unter­halt  der Agitatoren und dergl.</p>
<p>Zu gleicher Zeit blieb ich aber in Fühlung mit den „oberen  Zehntausend&#8221;. Sämtliche in Betracht kommen­den Staaten Europas und  Amerikas durchreiste ich, überall Verbindungen anknüpfend, überall unter  den empfänglicheren Elementen der Bewegung meine radi­kalsten Tendenzen  entwickelnd — meistens mit Erfolg.</p>
<p>(Schildert nun ausführlich seine propagandistische, destruktive Tätigkeit, besonders in Spanien.)</p>
<p>IX.</p>
<p>Indessen begann sich in meiner östlichen Heimat im­mer mehr die  revolutionäre Strömung zu entfalten; auch der Anarchismus gewann an  Boden. — Ich fühlte, dass dort sich das geeignete Feld für meine weitere  Tätigkeit befinde. Meinen weiteren Aufenthalt nahm ich nun teils in Paris, teils in Genf  und Zürich, um von hier aus die Be­wegung meiner Richtung in Fluss  bringen zu können.</p>
<p>Unter meinen Landsleuten gewann ich sehr bald An­hänger, denen nichts zu phantastisch, nichts zu radikal erschien. Alsbald waren wir im Besitz einer kleinen Druckerei, mit Hilfe deren wir Flugblätter, Brosdiüren und Zeitun­gen herstellten. Diese hatten meist den Inhalt: die Arbeiterschaft möge sich nicht auf  politische Forderungen, wie „allge­meines Wahlrecht&#8221;, „persönliche  Freiheit&#8221; und dergl., verlegen. Denn, wenn das alles vorhanden ist,  bleibt trotzdem noch die soziale Bedrückung, die Ausbeutung; diese ist  die fühlbarste und aus ihr resultiert jede andere. Die Arbeiterschaft  solle vielmehr die „soziale Revolution&#8221; machen, die „Expropriation der  Expropriateure&#8221; vornehmen.</p>
<p>In den Zeitungen und Broschüren wurde in wissen­schaftlicher Weise  die Berechtigung aller Formen der individuellen Expropriation — als  Raub, Diebstahl, Erpressung usw. — nachgewiesen; ebenso die  Notwen­digkeit des sozialen und ökonomischen Terrors: im Angriff aufs  Eigentum; Zerstörung der — sich in Privat ­oder staatlichen Händen  befindlichen — sozialen Güter, um leichter von ihnen Besitz ergreifen zu  können.</p>
<p>Als der russisch-japanische Krieg ausbrach, fühlten wir alle, dass  nun bald die Zeit grösserer Aktionen kom­men werde. — Die Mehrzahl von  uns übersiedelte nach Polen, Litauen und Bessarabien. Nur wenige blieben  in der Schweiz, Paris und London, um von hier aus die Verbindungen  aufrechtzuerhalten.</p>
<p>X.</p>
<p>Für mich begann nun wieder die Zeit schrecklicher Leiden. — Mit  wahnsinniger Hast stürzte ich mich auf jede Nachricht vom  Kriegsschauplatz. Gierig verschlang ich die Berichte von den  furchtbaren, wochenlangen Schlachten; von den entsetzlichen Stürmen auf  Port Arthur. Alle die grausigen Einzelheiten sah ich deutlich vor meinen  Augen.</p>
<p>Alle die furchtbaren Qualen der Massen mache ich im Geiste mit.  Vergegenwärtige mir, wie sie tagelang im Kampf stehen; vor Hunger, Durst  und Müdigkeit das Bewusstsein verloren haben und nur mehr automatisch  kämpfen. Schliesslich haben sie darauf vergessen, Nah­rung zu sich zu  nehmen, zu trinken und zu ruhen! — Es fällt ihnen gar nicht ein, dass  sie sich von Hungers- und Durstes-Qualen befreien, ihr Leben retten  könnten, in­dem sie etwas geniessen. — So wüten sie fort bis zum  Umfallen.</p>
<p>Ich war zu nichts anderem mehr fähig, als mit brum­mendem Kopf,  fieberhaft klopfenden Schläfen Kriegs­berichte zu studieren. Tag und  Nacht standen diese Bil­der vor mir. — Oh, könnte ich mitten drinnen  stehen in dieser Hölle! — Wie liebte ich diese Völker, die zu so etwas  Grandiosem fähig waren! Mir war, ihnen zuzu­rufen: „Seid umschlungen,  Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!&#8221; — Ja, das sind die wahren  Kultur-Nationen! Welchen Fortschritt mussten diese horrenden Lei­den  gebären! Welche Zukunft für die Menschheit!! Welche bevorstehenden  Freuden.</p>
<p>XI.</p>
<p>Inzwischen war mein gesamtes Vermögen für die revolutionäre Bewegung  geopfert. Das wenige Geld, das uns noch möglich war, hier und da  aufzutreiben, brauchte man höchst notwendig für Parteizwecke. So  durch­lebte ich das entsetzlichste Elend.<br />
— Bald war ich in Warschau,  bald in Lodz, Bialystok, Kiew oder Odessa.<br />
— Unsere meisten Anhänger  hatten wir in den armen Judenvierteln dieser Städte.</p>
<p>— Mein Erwerb bestand aus Gelegenheitsarbeit und Gelegenheitsdiebstahl.  Wenn in diesen Branchen nichts los war, so zog ich mit noch einigen  meiner Gattung von einem unserer Anhänger zum andern. — Die Leute  teilten das wenige, das sie hatten, mit uns.</p>
<p>Eine Wollust war es mir, jetzt unterzutauchen in den äussersten  Grenzen des Elendes, die man erreichen kann. Eine ungeheure Überwindung  gehörte dazu, in diesem Milieu leben zu können. Welche herrlichen Qualen  durchlitt ich, bis ich den Ekel und den Abscheu über­wunden hatte, den  mir diese ganze Umgebung einflösste. Furchtbarer Schmutz starrte mir  überall entgegen.</p>
<p>Trotz all dem Schmutz und Elend, in welchem ich dieses Volk  schmachten sah — oder gerade deswegen —, begann ich es zu lieben, wie  noch kein anderes. — Wenn sie erzählten von den furchtbaren  Verfolgungen, die ihr Volk erduldet hatte wie kein zweites, dann  bemäch­tigte sich meiner eine unnennbare Sehnsucht, einer der Ihren zu  sein. Dann bewunderte ich ihre ungeheure Kraft, mit der sie, trotz allen  Verfolgungen, in dem furchtbarsten Elend, das ich um mich sah, noch die  glü­hendsten Revolutionäre sein konnten.</p>
<p>XII.</p>
<p>Überall war jetzt die Revolution mächtig im Fluss. Wir entwickelten  eine fieberhafte Tätigkeit an allen Orten. — Vorerst hatten wir noch  keinen grossen Einfluss, aber unsere Emissäre griffen überall tatkräftig  ein, um die Bewegung aus einer politischen zu einer sozialen oder  wenigstens ökonomischen zu machen.</p>
<p>Zu diesem Zwecke hatten wir uns in Warschau eine Geheimdruckerei  verschafft, mit der wir die nötigen Flugblätter verfertigten.  Geschrieben wurden selbe von einem Studenten, der in diesem Fach ein  Genie war. Keiner verstand es so wie er, an die Instinkte der Masse zu  appellieren. Die Wucht seines Stils war unübertreff­lich. — Er fasste  die Tatsachen zusammen, beleuchtete sie von der ihm passenden Seite und  zog dann seine Schlüsse daraus, die in ihrer einfachen, packenden Logik  verblüff­ten. Dann verwendete er das, um den Fanatismus zu entflammen,  erinnerte daran, wie dort und dort und dort so viele Opfer für dieselbe  Idee gebracht wurden; wie man dort und anderswo auf den Barrikaden dafür  gestorben und lieber im Kerker verfault sei, als von den gerechten  Forderungen abgelassen habe. In dieser Art fand er immer Anklang bei der  Menge.</p>
<p>Sehr wirkungsvoll war es auch, die Leute an all die kleinlichen  Schikanen zu erinnern, denen jeder von ihnen seitens der Fabrikanten  oder Vorgesetzten ausge­setzt war; darauf hinzuweisen, wie sie, die  alles erzeug­ten, eigentlich gar nicht als Menschen, viel weniger noch  als gleichberechtigt anerkannt wurden.—Dieser Hinweis versetzte die  Proletarier am ehesten noch in Raserei, und an einigen Orten, so in Lagonsk, Tiflis und Baku, gelang es uns damit,  die Bewegung aufs ökonomische Gebiet zu leiten. Es war ein grosser  Vorteil, dass wir überall Ver­bindungen hatten und schnell  benachrichtigt wurden, wenn sich&#8217;s zu regen begann, so dass rasch einer  von uns hinreisen konnte.</p>
<p>In Tiflis ging die Sache nicht nach meinem Wunsch; hier waren die  Leute allzu praktisch. — Sie begannen weder zu streiken noch zu  demolieren oder gegen das Militär zu kämpfen. — Nein. — Sie sagten  einfach: soviel Lohn wollen wir; dann arbeiten wir nur noch solange; und  keine Ware darf im Preis gesteigert werden. — Jeden, der sich nicht  fügen will, werden wir erschiessen.</p>
<p>Sämtliche Einwohner fügten sich. — Nach kurzer Zeit ging allerdings alles wieder verloren.</p>
<p>Mehr Freude bereitete mir Baku. — Hier stellten die Petroleumbohrer  ihre Forderungen, und als dieselben binnen zwei Tagen nicht bewilligt  waren, steckten sie 140 Bohrtürme in Brand. — Dann erfüllten die  Unternehmer zu meinem grossen Ärger alles, was verlangt wurde. Ich hatte  mich schon so unmenschlich gefreut, baldigst mein Lebensideal erfüllt  zu sehen. — Indes — es sollte sich früher eine solche Situation bieten,  als ich dachte.</p>
<p>Schon lange war der Religions- und Rassenhass zwi­schen Armeniern und  Tataren aufs äusserste gestiegen. In ganz Kaukasien brodelte es, wie in  einem Hexenkes­sel. — Selbstverständlich blieb ich nun in Baku, der  Dinge gewärtig, die da kommen würden.</p>
<p>Die ganze Bevölkerung war aufs äusserste gespannt; alles schwebte in  peinlicher Ungewissheit: wird der Tanz losgehen oder nicht? — Ich  fühlte, man braucht nur ein Sandkorn ins Rollen zu bringen, und im Nu  wird es zur Lawine anwachsen! — Ein furchtbare Aufregung ergriff mich;  diese seelische Spannung war unerträglich. — Von Minute zu Minute stieg  eine entsetzliche Angst vor dem Unbestimmten in mir auf, und doch  brannte das hölli­sche Verlangen in mir: jetzt, in diesem Augenblick  möchte es schon losgehen, damit endlich meine nerven­zerrüttende  Erwartung ausgelöst würde.</p>
<p>Da kam mir eine dämonische Idee: Man braucht ja nur irgendwelche  geeigneten Gerüchte in Umlauf zu setzen — und der Sturm brach los.</p>
<p>Innerlich erschauerte ich vor den grässlichen Folgen, und doch trieb  etwas in mir mit unwiderstehlicher Ge­walt: endlich auf den Kontakt zu  drücken und den Strom zu schliessen, der die Explosion zur Folge haben  musste — „Es ist ja nur eine Art wohltätiger Geburtshilfe&#8221; — flüsterte  etwas in mir. — „Kommen muss es auf jeden Fall! Je früher das Gewitter  vorüberzieht, desto besser ist es!&#8221;</p>
<p>So hatte sich meiner ein Widerstreit der Empfindun­gen bemächtigt,  der mich unzurechnungsfähig machte. Zwischen den zwei Naturen in mir,  die meinen Maso­chismus bildeten, wurde ich von augenblicklichen  Ge­fühlen hin und her geschleudert wie ein Spielball. Ein einziges Wort  von anderer Seite hätte eine solche Sugge­stion in mir bewirkt, dass ich  blindlings alles Verlangte gemacht hätte.</p>
<p>Meine Verfassung glich der jener Leute, von denen Blanqui sagt: Paris  birgt fortwährend ihrer 50.000, welche bereit sind, auf einen Wink der  Hand für irgend etwas Blut zu verspritzen; — gleichviel, ob für die  Frei­heit oder für die Reaktion — hätte er hinzusetzen sollen.</p>
<p>Diese „Stürzt-alles-um-Stimmung&#8221; — die mir solange ein  psychologisches Rätsel war, konnte ich nun an mei­ner eigenen Person als  Folge erhöhter, masochistischer Veranlagung studieren. — Dem ganzen  zwitterhaften Zustand lag nichts als die Liebe zur Menschheit zu­grunde.  — Eine alltägliche Menschheit bietet uns keine Sensationen. — Lieben  können wir nur, was uns Ausser­gewöhnliches bietet. — So haben wir das  Streben, die Menschheit in Jammer und Not zu sehen — um sie heisser zu  lieben; zu lieben deshalb, weil uns ihr Elend ungeheuren Schmerz  bereitet.</p>
<p>Tagelang irrte ich umher, mit mir selbst einen furcht­baren  seelischen Kampf ausfechtend. — Ich fühlte, es gibt keinen Ausweg, als  entweder die Katastrophe her­beizuführen oder Selbstmord. Länger zu  warten, das ging über meine Kräfte. Ein Zufall sollte entscheiden. —</p>
<p>Eine Art Traumzustand hatte meinen Organismus ergriffen. Ich wusste  nicht recht: ist alles um mich herum Wirklichkeit oder nur Traum?! — Ja,  ich zweifelte sogar an meiner Existenz! — In keinem Augenblick wusste  ich, wo ich eben sei, wie ich dahin gekommen, was ich vor­dem gemacht,  noch warum ich eigentlich — bin. — Ich erinnere mich nur noch, plötzlich  mit einem mir gänzlich unbekannten Herrn in tiefem Gespräch auf der  Gasse promeniert zu sein. — Unsere Unterhaltung drehte sich darum: was  sein wird? — Beide waren wir zurückhal­tend, lauernd. Jeder schien das  Gefühl zu haben: „Er durchschaut mich, ich darf mich nicht verraten! —  Viel­leicht gelingt es mir, aus ihm etwas herauszubringen!&#8221; —  —&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; So sprachen wir mit äusserster Vorsicht um das, was jeder in der Seele des andern las, herum.</p>
<p>Die Vorübergehenden gafften uns an; wahrschein­lich waren wir etwas  laut geworden. Wie mir schien, ging jemand hinter uns, um unser Gespräch  zu belau­schen. Wir blieben stehen, damit derselbe gezwungen wäre,  vorbeizugehen. Es war ein frecher Bursche in den Flegeljahren; er blieb —  die Hände in den Hosentaschen — einige Schritte abseits stehen und hörte uns mit Interesse zu. Mein  Begleiter wurde ebenso verlegen wie ich, und wir begannen beide zu  stottern. Im Moment hatte sich um uns eine Schar Neugieriger gesammelt,  die hofften, etwas Interessantes zu hören. Immer mehr verwirrten wir  uns; mir schwindelte, und ich begann wieder irgend etwas zu reden. Es  musste ein Unsinn sein, denn mein Gegenüber sah mich halb erstaunt und  halb erschreckt an, und einige Leute in der Menge begannen zu kichern.  Das machte mich noch kopfloser, und ich begann ärgerlich zu werden.  Plötzlich schrie ich ihn unvermittelt an: „Ein furchtbares Unglück wird  das zur Folge haben. — Man hat den Tataren Füsse und Hände abgehauen,  und sie werden nun die ganze Stadt massakrieren!&#8221; Alles begann  durcheinander zu sprechen: Füsse und Hände abgehauen !&#8221; Der Kontakt war  gedrückt. Ich weiss nicht, wie ich nach Hause kam. — Meine Wirtin raunte  mir eine Neuigkeit zu: „Die Tataren werden die Stadt einäschern und  alle Armenier ermorden; man hat einigen von ihnen Füsse und Hände  abgehauen, die Nasen abgeschnitten, Augen ausgestochen, siedendes Öl in  die Ohren gegossen ! Alles flüchtet oder verbarrikadiert sich!&#8221;</p>
<p>XIII.</p>
<p>Den Anfang des Dramas sah ich nicht; denn gleich nach meinem  Nachhausekommen verfiel ich in einen mehr als fünfzigstündigen  totenähnlichen Schlaf. Kein Körper hätte noch weiter sich aufrecht  halten können nach einem solchen seelischen Sturm. — Als ich er­wachte,  war ich so schwach, dass ich nur mit Mühe einige Schritte machen konnte;  der ganze Körper zitterte un­aufhörlich. — Ich hatte absolut kein  anderes Verlangen als nach Ruhe. —</p>
<p>Nachdem ich etwas zu mir genommen, schlief ich wie­der ein bis zum nächsten Morgen.</p>
<p>Nun fühlte ich mich wieder ziemlich gekräftigt, ob­wohl Arme und  Beine noch sehr zitterten. Meine Wir­tin — eine schon lange hier  niedergelassene Deutsche — erzählte mir von den Greueltaten der Tataren.  Als ich ausging, war die Stadt wie ausgestorben. Auf der Strasse lagen  noch immer schrecklich verstümmelte Lei­chen herum; die Läden waren  geschlossen; hier und da ein Haus demoliert. Soviel ich vernahm, hatten  die Ta­taren in Tiflis noch ärger gehaust. — Hier in Baku hatten sie die  Bohrtürme der Armenier in Brand gesteckt; durch diese waren sämtliche  andern ebenfalls in Brand geraten, so dass die ganze Petroleumindustrie  ruiniert, Zehntausende arbeitslos waren.</p>
<p>All das machte jedoch keinen Eindruck mehr auf mich; eine furchtbare  Schlaffheit und Apathie hatte sich meiner bemächtigt; ich fühlte weder  Schmerz noch Lust, noch Mitleiden bei alledem. Es war die Reaktion auf  die vorherige Nervenüberspannung. Mich litt es nicht mehr hier, und ich  beschloss nach Kiew und später nach Warschau oder Lodz zurück­zukehren.</p>
<p>XIV.</p>
<p>Nach kurzem Aufenthalt in Rostow am Don langte ich in Kiew an und  wurde mit vielen Freuden emp­fangen. Man hatte schon geglaubt, dass ich  bei den Metzeleien ums Leben gekommen sei.</p>
<p>Unsere Erfolge in Tiflis und Baku auf wirtschaft­lichem Gebiet durch  den ökonomischen Terror, nützten sie jetzt bei jeder Gelegenheit aus;  bedauerten nur, dass durch die Rassenkämpfe alles wieder zerstört worden  war.</p>
<p>Während meiner Abwesenheit hatte sich hier überall sehr viel  verändert. In Odessa, Kiew, Warschau, Lodz und Bialystok hatte man  gelungene „Expropriationen&#8221; gemacht. — Diese „neue Taktik&#8221; hatte nicht  nur fast ausnahmslos „durchschlagenden&#8221; Erfolg errungen, son­dern uns  auch die Sympathien jener zugewendet, die bis jetzt unseren Einfluss auf  die Revolution nicht so sehr ernst genommen hatten.</p>
<p>Diese „Expropriationen&#8221; wurden auf verschiedene Art vorgenommen. Z.  B. wurde durch einen unserer Genossen, der Postbeamter war,  ausgekundschaftet, wann in der Umgebung an einsamer Stelle die  Post­kutsche einen grösseren Betrag mitführte. Diese wurde dann  überfallen und ausgeplündert.</p>
<p>Oder wurde ausspioniert, wann in einem grösseren Geschäftshaus,  respektive einer Bank, grössere Geld­summen in bar vorhanden waren, und  um welche Zeit der geringste Geschäftsverkehr herrscht. — Bis an die  Zähne bewaffnet drang man dann ein, erpresste die Herausgabe des Geldes  und hinterliess eine Quittung mit dem gefürchteten Stempel der  betreffenden Or­ganisation. Auch kam es vor — wie in Odessa — dass in  ein Geschäftslokal vorne eine Bombe geschleudert wurde. Alles lief nach  vorne, zu sehen, was geschehen sei. Einstweilen drang eine andere  Abteilung von hin­ten ein und plünderte die Kasse.</p>
<p>Welche Summe von Intelligenz, Energie, Ausdauer und Kenntnissen  verwendet werden musste, um ein sol­ches Unternehmen zu ermöglichen, wie  wochenlang be­obachtet, Pläne ent- und verworfen, oft im letzten  Mo­ment geändert oder fallengelassen werden mussten, da­von kann sich  jeder — oder auch niemand — eine Vor­stellung machen.</p>
<p>Jedoch werde ich auf eine detaillierte Schilderung die­ser Vorgänge  nicht eingehen, weil meine Aufzeichnun­gen nicht die Bestimmung einer  Schilderung der Re­volution oder deren Teilnehmer haben, sondern einzig  und allein die Motive meines Handelns darlegen sollen. So schildere ich  das Milieu nur insoweit, als es zur Er­läuterung dieser Motive nötig  ist.</p>
<p>Die „Expropriationen&#8221; waren übrigens kein Spezifikum der  Anarchisten, sondern wurden auch von allen anderen terroristischen  Parteien vorgenommen.</p>
<p>Wer aber glaubt, die Revolutionäre hätten das Geld für persönliche  Bedürfnisse verwandt, der täuscht sich gewaltig. Nach wie vor blieben  sie in ihren elenden Lö­chern, assen faule Heringe und gingen roboten,  um die Verbindung mit den Arbeitern und deren Vertrauen nicht zu  verlieren. Das Geld verwendete man nur zu revolutionären Zwecken. Für  Bewaffnung, Drucksachen, Einrichtung von Bombenlaboratorien, Reisekosten  für die Schmuggler und Propagandisten, zur Bestechung, sowie für  Unterstützung Verhafteter und deren — als auch der Getöteten oder  Verwundeten — Familien.</p>
<p>XV.</p>
<p>Bald nach meiner Zurückkunft aus Baku war ich nach Warschau  übergesiedelt, um den ersten Mai 1905 — der hier nach europäischem Datum  gefeiert wurde — mit­machen zu können.</p>
<p>Der Krieg, die unaufhörlichen Massenstreiks und Unruhen hatten  überall entsetzliches Elend im Gefolge, das durch die hereingebrochene  Krise, den Stillstand aller Industriezweige noch gesteigert wurde.</p>
<p>All den Jammer, von dem ich immer geträumt hatte, sah ich nun  unaufhörlich um mich. Man hätte glauben sollen, dass endlich meine  Wünsche ihre Befriedigung gefunden hätten! Doch dem war nicht so. Im  gleichen Masse, als die Not um mich herum wuchs, stumpfte sich auch mein  Empfinden für dieselbe ab; ich gewöhnte mich an ihren Anblick;  betrachtete sie als etwas All­tägliches, Selbstverständliches. Etwas  mehr liebte und verehrte ich die Menschheit um dieser Leiden willen  allerdings; aber als etwas „über die Kraft&#8221;, etwas „Übermenschliches&#8221;,  was zu meiner vollkommenen Be­friedigung nötig gewesen wäre — empfand  ich dieselben nicht. Vielleicht wäre mir dieses übermenschliche Ge­fühl  in Baku zuteil geworden, wenn mein Körper nicht im entscheidenden  Augenblick zusammengebrochen wäre. Oder war das vielleicht eine  Vorsehung der Na­tur? Hatte sie dem Individuum diese Grenze gesteckt, um  zu verhindern, dass es sich übers Menschliche erhebe?</p>
<p>„War mein damaliger Zustand vielleicht so etwas wie ,Ohnmacht der  Seele&#8217;, der eintritt, wenn die Qualen derselben beginnen, ins  Übermenschliche hinüberzu­gehen; ebenso, wie die körperliche Ohnmacht  uns be­fällt, wenn die körperlichen Schmerzen das Mensch­liche  übersteigen?!&#8221;</p>
<p>Diese Frage begann mich nun zu beschäftigen. Ich musste mir durch ein  Experiment Gewissheit verschaffen, und wenn die halbe Menschheit als  Versuchskaninchen enden musste!</p>
<p>Mit Ungeduld wartete ich auf den ersten Mai. — Viel­leicht bringt er  mir des Rätsels Lösung! — Die Arbeiter waren noch unentschlossen:  sollten sie demonstrieren oder nicht. — Ich begann für die Demonstration  Stim­mung zu machen; warum, das lässt sich leicht erraten. —</p>
<p>Es war wohl eine der grössten Demonstrationen, die Warschau je  gesehen. In den engen Gassen staute sich eine unabsehbare Menge.  Plötzlich drang von allen Sei­ten das Militär auf die Demonstranten ein.  — Eine furchtbare Panik — wie ich sie noch nie gesehen — er­fasste  diese. An Widerstand war nicht zu denken. Rette sich wer kann!</p>
<p>In wahnsinniger Todesangst begann alles zu schreien und in die Häuser  zu flüchten. — Bei den Haustoren ent­stand ein furchtbares Gedränge.  Viele wurden erdrückt; die Stürzenden von den Nachfolgenden zu Brei  getreten. Im Parterre wurden die Fenster eingeschlagen, und man kroch  durch dieselben in die Wohnungen. Dazwischen wüteten die Kosaken mit  Säbeln und Nagaiken. Ohren­betäubendes Angstgeschrei, das Stöhnen der  Verwun­deten vermischte sich mit dem bestialischen Schrei der Kosaken zu  einem nerven-zerreissenden Höllenkonzert. Dazu die unnatürlich  erweiterten Pupillen, weit auf­gerissenen Augen und angst-verzerrten  Gesichter der Flüchtenden.</p>
<p>Dieselbe Aufregung hatte sich auch meiner bemäch­tigt; mit wild  pochendem Herzen und einem unerträg­lich beängstigenden  zusammenziehenden Gefühl in der Kreuzgegend, das den ganzen Organismus  in eine Art Angst-Ekstase versetzte, begann ich zu hoffen.</p>
<p>Es wollte nicht kommen.</p>
<p>XVI.</p>
<p>In Odessa, das erschöpft war durch unaufhörliche Kämpfe und Streiks,  fühlte man das Erstarken der Re­aktion und befürchtete einen „Pogrom&#8221;  (Judenverfol­gung). Die Reaktion bediente sich als Werkzeug in die­sen  „Pogromen&#8221; immer des Lumpenproletariats.</p>
<p>Da die tüchtigsten unter den Odessaer Genossen selber Juden waren und  somit keinen Einfluss auf das Lumpenproletariat haben konnten, drang  man in mich, nach Odessa zu fahren und als NichtJude auf dasselbe  einzuwirken, um den Pogrom zu verhindern. Es ging nicht an, sich davon  zu entbinden, obwohl ich im ge­heimen mich der Pogrome freute.</p>
<p>In Kiew, wo ich etwas zu besorgen hatte, traf ich per Zufall einen  Bekannten aus meiner besseren Vergangenheit. Derselbe wusste nichts von  meiner revolutionären Laufbahn. Er seinerseits war ein Erz-Antisemit.  Durch die Unruhen war sein Geschäft total zurückgegangen. Die ganze  Revolution bezeichnete er als eine Juden­mache und schimpfte auf die  Regierung, die sich der­selben gegenüber — seiner Meinung nach — der  Schwäche schuldig machte.</p>
<p>„Aber&#8221;, fuhr er fort, indem er mir mit den Augen zuzwinkerte, wenn  die Regierung nichts tut, werden wir uns schon selbst zu helfen wissen!&#8221;  Ich schien ganz seiner Meinung zu sein, und er teilte mir verstohlen  mit, dass schon ein geheimes Komitee in Odessa existiere, das die  „Sache&#8221; in die Hand nehmen will. Er wäre auch Mitglied. Es sei schon  sehr viel Geld gesammelt, um gewisse Leute zu bezahlen, die die ganze  Hetze arran­gieren sollten. Wenn ich mitmachen wolle, so könne ich bei  ihm zu Gast sein, und er werde mich ins Komitee einführen. Ich willigte  ein.</p>
<p>Am nächsten Tage wurde ich tatsächlich ins „Komi­tee&#8221; eingeführt. Wer  die Herren desselben waren, er­fuhr ich nicht genau. Eines hatten sie  alle gemeinsam: eine furchtbare Indolenz. — Alles war schon vorbereitet.  Man wollte patriotische Kundgebungen veranstalten und dann  Proklamationen unter das Volk werfen, des Inhalts: die Juden hätten sich  mit den Japanern zur Ver­nichtung des heiligen Russland verschworen;  die Revo­lution wurde von ihnen begonnen, damit Väterchens Heer auf zwei  Seiten kämpfen müsse. An dem ganzen jetzigen Elend seien also nur die  Juden schuld, usw. — Für Leute, die den Rummel arrangieren wollten, war  gesorgt. Nur die Proklamation war noch zu verfassen. Mein Bekannter  begann nun, mein schriftstellerisches Genie zu preisen, und man drang in  mich, sofort mit der Abfassung einer solchen Flugschrift zu beginnen.  Der Vorschlag kam mir gelegen; ich brauche nicht zu sagen, warum. Mit  ganzem Feuer legte ich mich ins Zeug, und die Proklamation wurde ein  Meisterstück in Demagogie und im „Appell an das Tier im Menschen&#8221;, wie  das gewöhnlich genannt wird.</p>
<p>Die Verbreitung dieses „Kulturdokuments&#8221;, wie es von revolutionärer  Seite genannt wurde, fand anlässlich der geplanten Kundgebung statt. Der  Tag verlief ohne Ausschreitungen, obwohl man das anziehende Gewitter  sozusagen in der Luft liegen fühlte. Erst gegen Abend wurden hier und da  einige Juden geprügelt.</p>
<p>Am zweiten Tage veranstalteten unsere Leute wieder eine Kundgebung.  Von anderer Seite versuchte man eine Gegendemonstration, und es kam zu  Zusammen­stössen. Die schwarzen Banden (das Lumpenproletariat), welche  „im Namen des Patriotismus&#8221; kämpften, zer­streuten die  Gegendemonstranten und begannen in der Judenstadt zu demolieren und zu  plündern.</p>
<p>Das Klirren der Scheiben und Krachen der zerbroche­nen Auslagen und  Möbel schien die Menge immer mehr zu fanatisieren; sie musste dabei eine  gewisse Wollust empfinden. Endlich fand man auch Juden, die sich  ver­steckt hatten. Ein schreckliches Zetergeschrei erhob sich. Man  stiess sie auf die Strasse. Hier schlug man mit allem möglichen,  Knütteln, Beilen, Messern, auf sie los, bis sie völlig unkenntlich  waren. Immer mehr von ihnen fand man. Die meisten begannen auf den Knien  um ihr Leben zu flehen; es war ein scheusslicher Anblick, wie sie, bis  zur Unkenntlichkeit zerschlagen, noch immer um Gnade wimmerten. Nun  schien der Pöbel erst Blut zu riechen und seine ganze wahre  Menschennatur zu entfalten. Jeder begann nach seiner individuellen  Phantasie zu morden. Hier schnitt man einer stillenden Mutter die Brust  ab; dort riss man einigen Mädchen die Kleider ab und peitschte sie durch  die Strassen; da zog man eine Jüdin nackt aus, fesselte sie, band sie  mit den Haaren an die Achse einer Droschke — und fort ging&#8217;s im Ga­lopp,  sie zu Tode zu schleifen. Hinterher liefen Gassen­jungen, auf sie  losschlagend. — Doch wozu diese Szenen schildern, bei denen sich das  Herz vor Weh im Leibe krampft und man zugleich laut aufjauchzen wollte! —</p>
<p>Hier sah ich wiederum die 50 000 Blanquis in ihrem Milieu. Ein Wink  der Hand hatte alle diese veranlasst —obwohl sicher 99% davon keine  Judenfeinde waren—, sich in den höllischsten antisemitischen Exzessen zu  wälzen. Würde es die Polizei erlauben — so wie sie die Pogrome duldet  —, so würden sie auf denselben Wink der Hand über irgendeine andere  Menschengattung, z. B. die Kapitalisten, herfallen.</p>
<p>Welcher psychologische Faktor trieb sie dazu? — Etwa bloss Hang zur  Grausamkeit? — Nein! — Diese für sich allein betrachtet, ohne edlere  Motive, ist unmenschlich, mit der menschlichen Natur unvereinbar, und  der Mensch kann sich nicht seiner Natur entledigen. Es mussten also  andere menschlich-begreiflichere Motive derselben zugrunde liegen.</p>
<p>Aber seht nur alle diese Schlächter einmal an! Be­trachtet ihre  Physiognomien! — Kein Zug von Grau­samkeit; nur Leiden, unerhörtes  Leiden spiegelt sich auf denselben wider! — Die Todesangst und der  Schmerz ihrer Opfer bereiteten ihnen unerhörte Qualen!—Glaubt ihr nicht,  dass diese Leute dann nach Hause gehen und sich im Seelenschmerz winden  werden?! — Beständig werden sie den letzten, brechenden Blick ihrer  Opfer klagend und vorwurfsvoll auf sich gerichtet fühlen! — Welchen  Hass, welche Verachtung werden sie gegen das Tier in sich immerwährend  herumtragen! — Sie werden das Verlangen haben, sich ins Gesicht zu  speien, sich zu schlagen und zu erwürgen! — Vor jedem, dem sie  be­gegnen, werden sie den Blick senken: „Er weiss, dass ich unter  grausamen Foltern Leute gemordet habe, gegen die kein Hass in meinem  Herzen war! Gemordet nur des­halb, weil ich das instinktive Verlangen  nach Seelen­martern in mir hatte! Weil durch die plötzlich mich  über­rumpelnde Situation der eine Pol meiner zwitterhaften Natur  ausgelöst wurde&#8221;.</p>
<p>„Sie sind Masochisten; nur wissen sie es nicht!&#8221; Eine Verachtung  meiner selbst erfasste mich plötzlich inmitten dieser satanischen  Leidensorgie solcher unbe­wusster, instinktiver Masochisten. Die  Erinnerung, dass alle diese Leute sich nur von einem blinden, tierischen  Trieb hinreissen liessen und morgen vor ihrem Gott auf den Knien  herumrutschen und um Verzeihung flehen werden, flösste mir Ekel ein. Ich  begann, diese stupide Masse zu hassen; ich wollte sie sehen, wie sie  sich im Staube krümmt und um Gnade heulen wird.</p>
<p>Zu diesem Zweck brauchte man nur den „Selbst­schutz&#8221; (eine Verbindung  zur Verhinderung von Juden­verfolgungen) zu organisieren. Um dies zu  bewerk­stelligen, suchte ich in die Judenstadt zu kommen. Durch einige  Seitengässchen gelang es mir. Kaum war ich ein­gedrungen, kamen mir auch  schon Haufen von „Selbst-schützlern&#8221; entgegen. Endlich stiess ich auf  einige Ge­nossen darunter und schloss mich ihnen an.</p>
<p>Ein erbitterter Kampf begann nun zu wüten. — Als die schwarzen Banden  so energisch angegriffen wurden, war es mit ihrem ganzen Heldentum  vorbei; sie flüch­teten. In diesem Augenblick schritt das Militär ein;  nicht, wie man meinen sollte, gegen die schwarze Bande — sondern gegen die Selbstschützler.</p>
<p>Mein nach vorn gestreckter Arm wurde von einer Gewehrkugel in  eigentümlicher Weise der Länge nach durchschossen. Ich sank um, erholte  mich aber bald und konnte flüchten.</p>
<p>Jenes unaussprechliche Gefühl vollkommener Befrie­digung durch  Leiden, nach welchem ich immerfort suchte — das ich sozusagen in mir  schlummern fühlte —, war mir wieder nicht zuteil geworden. Unausgesetzt  hatte ich den Eindruck, dass mir etwas mangle, dass ich irgend etwas in  mir zu wecken habe, was bis dato nur so ganz verschwommen in meinem  Bewusstsein existierte.</p>
<p>— Zugleich flüsterte mir eine Stimme zu, dass ich das Übermenschliche  verlange; die Erreichung desselben muss logischerweise meine nur  menschlichen Kräfte übersteigen und die Vernichtung nach sich ziehen.</p>
<p>Tag und Nacht plagten mich diese Gedanken: „Er­reichen musst du diese  Erkenntnis — und wenn du dar­unter zugrunde gehst! — Wenn aber im  letzten Augen­blick — wie in Baku — das weitere Unvermögen, die  ,seelische Ohnmacht&#8217; eintritt?!&#8221;</p>
<p>Das eine wusste ich: „Wenn du es erreichst, so nur durch dich selber; alle anderen werden vor dir zusam­menbrechen!&#8221;</p>
<p>XVII.</p>
<p>Für die weitere Entwicklung der revolutionären Dinge hatte ich kein  Interesse mehr, seitdem sie mir für meine Zwecke nicht mehr dienlich  waren.</p>
<p>Die neuen Fragen, die auftauchten — so die Propa­ganda unter dem  Lumpenproletariat —, liessen mich kalt. — In den Pogromen hatte man  gesehen, welche unge­weckte — angeblich revolutionäre, in Wirklichkeit  ma-sochistische — Kraft im Lumpenproletariat schlummere. Dass dieselbe  sich im Dienste der Reaktion verwenden liess, schrieb man dem Umstand  zu, dass alle diese Diebe, Einbrecher und Prostituierten einzig und  allein mit der Arbeiterklasse in Berührung kamen. Da sie aber von dieser  nichts als Verachtung ernteten, kehrte sich ihr Empfinden gegen  dieselbe.</p>
<p>Diesem Übelstande wollte man dadurch begegnen, indem man sozusagen  unter die Verbrecher ging, sowie man in den früheren Jahren unters Volk  gegangen war. Man suchte das Lumpenproletariat zu organisieren, um seine  Sympathien zu gewinnen.</p>
<p>Teilweise gelang das, obwohl es sehr viel Korruption mit sich  brachte. So kam es vor, dass die Verbrecher sich das zunutze machten und  im Namen des Anarchismus ihr Metier zu betreiben begannen. Sie  statteten z. B. in Warschau einem immens reichen jüdischen Bankier,  des­sen Vater kürzlich gestorben war, einen Besuch ab und erpressten  unter dem Deckmantel des Anarchismus von ihm 10 ooo Rubel mit der  Drohung, dass sie — falls er sich weigere, das Geld zu geben — die  Leiche seines Vaters ausgraben und in ungeheiligtem Boden verschar­ren  würden. Wer bedenkt, dass das entsetzlichste für einen orthodoxen Juden  ist, in ungeheiligter Erde zu ruhen, der wird begreifen, dass der  Bankier das Geld gab, dieses Vorgehen aber überall tief ste Empörung  her­vorrief und man Anarchisten und gemeine Verbrecher zu identifizieren  begann.</p>
<p>Nun hatten die Anarchisten nicht nur die Verfolgung der Regierung,  sondern auch der anderen revolutionären Parteien und der  Lumpenproletarier zu erdulden. Der letzteren deshalb, weil sie sich  weigerten, für gewisse Vergehen — die zum persönlichen Vorteil, nicht  für revolutionäre Zwecke vorgenommen wurden — ihren Namen herzugeben.</p>
<p>Diese Hetzjagd von drei Seiten sollte bald das Debakel bringen.</p>
<p>Während dieser Zeit grübelte ich fortwährend an dem Problem: „Wird  sich das traumhafte Gebilde in dir realisieren lassen? — Wird es dein  Untergang sein? — Oder wird es deine Kraft übersteigen und wieder jene  ,seelische Ohnmacht&#8217; eintreten?&#8221;</p>
<p>Durch ein Experiment wäre es festzulegen! — Wenn man Pestbazillen  säen würde! — Wenn ganze Städte dem Hauch derselben erliegen! — Wenn die  Todesangst auch die Scharen jener ergreifen wird, die in ihrer  Feig­heit bei jedem Streik, jeder Demonstration, jedem Bar­rikadenkampf  sich hinter dem Ofen oder unterm Bett verkriechen! — Wenn diese  Todesangst ganzer Städte, ganzer Länder sich zu einer jener  Massenpsychosen steigern wird wie im Mittelalter! — Wenn man in der  Verzweiflung nach den Urhebern suchen und sich gegen seitig zerfleischen  wird! — Wird dann meine Erlösung kommen? — Wird mir eine Antwort  werden?</p>
<p>Ich schaudere vor den Leiden, die mir das bringen würden! Ich fühle,  dass ich dem nicht gewachsen bin! — Ich leide auf anderer Seite  unaussprechlich: weil ich keine Antwort, keine Erkenntnis, keine  Befriedigung habe! — Ich will — und kann nicht. — Noch länger dieser  Zwitterzustand: ist Tod oder Wahnsinn! — Was tun? — Wie sich aus diesem  schrecklichen Dilemma befreien?</p>
<p>Oh, warum bin ich nicht wie andere?! — Warum kann ich nicht einfach  hinnehmen, wie es ist?! — Warum muss­te ich zu erkennen — beginnen, um  dann der Unergründ­lichkeit bewusst zu werden?! — Warum quälte ich mich,</p>
<p>den Berg zu erklimmen&#8212;&#8212;&#8212;- um vor einem bodenlosen Abgrund zu stehen?! — Vor einem Abgrund, dessen geheimnisvolle Tiefe  sich mir nur offenbart — wenn ich mich kopfüber hineinstürze!!</p>
<p>Was tun? — Was tun?! — Soll ich — oder nicht?? — Ich will! — Ich muss!!</p>
<p>Als ich wollte — wurde ich verhaftet! — Zufall — oder Vorsehung??!</p>
<p>Oh, Schicksal, Schicksal! Das ist zuviel des Leidens! — Oh, Menschen,  Menschen! — Was habt ihr getan! — Ein einziger wollte sehen! — Ein  einziger wollte den Schleier von dem Bilde reissen — und ihr habt es  verhindert! —</p>
<p>Ewig werdet ihr Finsternis um euch haben!!&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Warum</p>
<p>wollt ihr aber mir, mir das Licht nicht gönnen?!</p>
<p>So dankt ihr mir, der die Menschheit geliebt: wie kein anderer!</p>
<p>Ja! Das ist wieder die grausame, unerbittliche Philosophie Golgathas: „Wer lieben will — muss leiden!!&#8221;</p>
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		<title>Iwan Bloch: Sadismus, Masochismus und die Verschiedenheit der männ­lichen und weiblichen Natur</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 14:57:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine allgemeine Ursache der Algolagnie, der aktiven sowohl als auch besonders der passiven liegt in dem verschiedenen sexuellen Verhalten von Mann und Weib, das wieder auf der Verschiedenheit der männ­lichen und weiblichen Natur beruht. Die der stürmisch begehrenden Aktivität des Mannes entgegengesetzte ruhige Passivität des Weibes, die man treffend mit einem Magneten verglichen hat, der bei aller schein­baren Unbeweglichkeit doch das Eisen (den Mann) un­widerstehlich anzieht und festhält, gewissermassen zu seinem Sklaven macht, diese Passivität begründet die unverkennbare Überlegenheit des Weibes in der rein sinnlichen Liebe&#8230;Iwan Bloch, Kap. 2.b. Die physische Natur allein verleiht ihr ein Übergewicht über den Mann, selbst dort, wo sie äusserlich geknechtet erscheint. So ist offiziell bei den Indianern Zentral-Brasiliens der Mann Herr und Ge­bieter der Frau — und tut, was sie will. Und so ist es auch unter der höchsten Kultur geblieben, wo rein sinn­liche Beziehungen allein in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib massgebend sind. Der echte — es gibt auch scheinbare — „Pantoffelheld&#8221; unserer euro­päischen Kultur ist derjenige Mann, der von Anfang an durch sein übermässiges geschlechtliches Bedürfnis un­ter die Herrschaft seiner Frau gerät, durch dieses Be­dürfnis fortdauernd in Abhängigkeit von ihr erhalten wird, welche sich dann erst sekundär auf andere Ver­hältnisse erstreckt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine allgemeine Ursache der Algolagnie, der aktiven sowohl als auch besonders der passiven liegt in dem verschiedenen sexuellen Verhalten von Mann und Weib, das wieder auf der Verschiedenheit der männ­lichen und weiblichen Natur beruht. Die der stürmisch begehrenden Aktivität des Mannes entgegengesetzte ruhige Passivität des Weibes, die man treffend mit einem Magneten verglichen hat, der bei aller schein­baren Unbeweglichkeit doch das Eisen (den Mann) un­widerstehlich anzieht und festhält, gewissermassen zu seinem Sklaven macht, diese Passivität begründet die unverkennbare Überlegenheit des Weibes in der rein sinnlichen Liebe&#8230;<span id="more-2712"></span><em>Iwan Bloch, Kap. 2.b.</em></p>
<p>Die physische Natur allein verleiht ihr ein Übergewicht über den Mann, selbst dort, wo sie äusserlich geknechtet erscheint. So ist offiziell bei den Indianern Zentral-Brasiliens der Mann Herr und Ge­bieter der Frau — und tut, was sie will. Und so ist es auch unter der höchsten Kultur geblieben, wo rein sinn­liche Beziehungen allein in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib massgebend sind. Der echte — es gibt auch scheinbare — „Pantoffelheld&#8221; unserer euro­päischen Kultur ist derjenige Mann, der von Anfang an durch sein übermässiges geschlechtliches Bedürfnis un­ter die Herrschaft seiner Frau gerät, durch dieses Be­dürfnis fortdauernd in Abhängigkeit von ihr erhalten wird, welche sich dann erst sekundär auf andere Ver­hältnisse erstreckt. Dies ist das psychologische Geheim­nis des Pantoffelheldentums, ebenso auch der „Mä­tressen-Herrschaft&#8221;, die zuerst nur auf die rein geschlechtlichen Beziehungen zwischen König oder Fürst einerseits und der Mätresse andererseits sich gründet, später aber auch nach der politischen Seite sich betätigt.</p>
<p>Je grösser die sexuelle Passivität und Kälte des Weibes, desto leichter gewinnt es die Herrschaft über den Mann. Ein probates Mittel hierzu ist die „Koketterie&#8221;, die man auch als die Bemühung der Weiber, die Männer an sich zu fesseln und unter ihre Herrschaft zu bringen, de­finieren kann, und von der der angelsächsische „Flirt&#8221; nur eine leichtere Nuance ist, mehr geistig-ästhetische Koketterie, während die echte Kokette sich rein sinn­licher Mittel bedient und allein auf das Geschlecht spe­kuliert, und zwar ohne Rücksicht auf die geistigen Eigenschaften. „Ein wirklich gefallsüchtiges Weib hört die fadeste Schmeichelei des Geringsten mit Freuden an, gibt sich die Mühe, die Begierde des Verachtetsten zu reizen, auch wenn sie täglich von lechzenden Bewun­derern umschwärmt wird&#8221;&#8230; Joseph Peladan erzählt in einem seiner Romane, wie eine vornehme Mondäne beim Einsteigen in einen Wagen einem armen Manne absichtlich ihre Waden zeigt, obgleich sie fortwährend mit den Herren ihres Standes in gewagtester Weise ko­kettierte. Das Weib trachtet eben instinktiv nach Un­terwerfung des Mannes und die wollüstige Reizung dient ihm als das beste und erprobteste Mittel zu die­sem Zwecke. Insofern der Mann ein „Sklave&#8221; und „Opfer&#8221; seiner Sinnlichkeit wird, bekundet er seine masochistische Disposition, insofern er aber sich durch seine Kraft und Intelligenz über diese „Geschlechts­hörigkeit&#8221; erhebt und nunmehr die natürliche Aktivität und Energie auch in den geschlechtlichen Beziehungen zu dem ganz in die Passivität zurückgesunkenen Weibe rücksichtslos und brutal betätigt, wiegt bei ihm das sa­distische Element vor. Hieraus ersieht man schon, wes­halb Sadismus und Masochismus sehr oft bei derselben Person auftreten können, sie sind nur die aktive und passive Form der beiden zugrunde liegenden Algolagnie, die das eigentliche Wesen dieser Erscheinungen aus­macht.</p>
<p>Wenn wir im folgenden in Kürze die einzelnen Er­scheinungsformen und Typen des Sadismus bzw. Ma­sochismus schildern, so geschieht das also stets unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die meisten Typen keine reinen Formen von Sadismus oder Ma­sochismus sind, sondern eine Mischung von beiden. Das gilt vor allem von der am weitesten verbreiteten algolagnistischen Perversion, der sogenannten Flagellomanie (sexuelle Flagellationssucht oder Flagellantis­mus), d. h. dem Geisseln und Peitschen oder Gegeisselt­werden und Gepeitschtwerden zum Zwecke der ge­schlechtlichen Erregung. Die ausführlichste kritische Darstellung des sexuellen Flagellantismus in physiolo­gisch-psychologischer und literar- und kulturhistorischer Beziehung findet sich im zweiten Bande meines Werkes über das „Geschlechtsleben in England&#8221;. Hier ist ziem­lich vollständig das gesamte einschlägige ältere und neuere Material gesammelt.</p>
<p>Die Flagellation ist deshalb der hauptsächliche Mo­dus der Betätigung sadistischer Neigungen geworden, weil gerade bei ihr sich alle physiologischen sadistischen Begleiterscheinungen des geschlechtlichen Verkehrs vereinigen und stärker potenziert zutage treten. Sie ist eine Nachahmung und bewusste Synthese dieser sa­distischen Begleiterscheinungen und in dieser Form bereits bei Tieren zu beobachten. Bei bestimmten Salamandern kann man eine typische mit dem Schwanze ausgeführte Flagellation vor dem Koitus beobachten. Der wollüstige Genuss bei der Fla­gellation ist ein verschiedener, je nachdem es sich um die aktive oder passive Flagellation handelt. Das Werk der letzteren besteht darin, dass heftige Reibungen und Schläge, besonders in der Genitalgegend, speziell auf das Gesäss, einen durch die schmerzhaften Sensationen eigentümlich gesteigerten wollüstigen Reiz hervorrufen. Die Massage und Friktion der Haut hat diese Wirkung, besonders nach warmen Bädern was seit alters im Orient bekannt ist und in den tür­kischen Bädern geübt wird. Speziell die Reibung des Gesässes ruft eine rein physische, reflektorische Er­regung des spinalen und sympathischen Ejakulationszentrums hervor, noch schneller bewirkt dies das Geisseln, schmerzhafte Empfindungen sollen dabei schliesslich in reine Wollustgefühle übergehen aller­dings muss die Phantasie da wohl sehr nachhelfen und das masochistische Element tritt bei dem die Geisselung Erduldenden entschieden in den Vordergrund.</p>
<p>Der verstärkte Blutfluss zu den Geschlechtsteilen trägt freilich auch zur Hervor­rufung und Verstärkung des Wollustgefühles bei, gleichzeitig wird durch ihn die Erektion des Gliedes herbeigeführt, daher die schon von Petronius an einer berühmten Stelle des „Satyrikon&#8221; beschriebene sehr alte Benutzung der Flagellation zur Beseitigung von Impotenz. Für den aktiven Flagellanten ist die wollüstige Reizung wesentlich sadistischer Natur, der Anblick der unter der Flagellation zuckenden, sich rötenden oder gar blutenden Teile, das Schreien des Flagellierten, die ero­tische Wirkung der kallipygischen Reize spielen hier die Hauptrolle.</p>
<p>Die Neigung zur Flagellation, zur passiven und ak­tiven, lässt sich meist auf okkassionelle Veranlassungen zurückführen, so durch den zufälligen Anblick von Prü­gelszenen, während der Zuschauer gerade im Zustande sexueller Erregung sich befindet, durch die offizielle und rituelle Ausübung der Prügelstrafe in Schulen, Gefäng­nissen, Klöstern usw., durch das Prügeln und Schlagen bei Gesellschaftsspielen. Besonders gefährlich ist das Prügeln von Kindern, deren Geschlechtstrieb durch Schläge auf das Gesäss nur allzu häufig geweckt und dann mit dem Prügeln unbewusst in einen dauernden Kausalzusammenhang gebracht wird, woraus dann schliesslich eine sexuelle Perversion, eben die „Flagellomanie&#8221; hervorgeht. Bekannt ist Rousseaus diesen Zu­sammenhang schildernde Erzählung aus den „Confessions&#8221;. Ich teile hier folgende Darstellung eines Patien­ten über die ähnliche Entstehung seiner Neigung zur Flagellation mit:</p>
<blockquote><p>So ist bei mir leider seit frühester Jugend ein ähn­licher Flagellantismus, wie Sie ihn schildern, geweckt worden. Dieser wurde zuerst dadurch ausgebildet, dass meine Eltern den Dienstmädchen ein weitgehen­des Züchtigungsrecht einräumten. So erhielt ich noch in meinem 14. Jahre von diesen mit voller Einwilligung meines Vaters Schläge; und zwar wurden die­selben, da mein Vater jede andere Züchtigung als gesundheitsschädlich streng verboten hatte, stets auf das Gesäss verabfolgt und waren immer mit der Ent­blössung desselben verbunden. Ja, ich erinnere mich noch lebhaft, dass mich im oben genannten Alter ein Dienstmädchen, das kaum zwei Jahre älter war als ich, mit besonderem Eifer die Rute fühlen liess. Eben­sogut weiss ich aber auch, dass ich bereits in meinem neunten Jahre, als ich auf Sexta kam, infolge des aus­giebigen Gebrauchs, den gewöhnlich die Mädchen von ihrer Befugnis machten, mir nichts mehr aus den Schlägen machte, vielmehr schon von da ab, oft ab­sichtlich, eine Züchtigung durch die Dienstmädchen herbeiführte, was ja nicht schwer war. Und von mei­nem 14. Jahre ab gab ich dann persönlich den Mäd­chen die Erlaubnis, die Züchtigungen in obiger Weise ohne Wissen meiner Eltern fortzusetzen, und wurde stets durch eine solche geschlechtlich erregt. Eben eine solche Erregung hatte ich auch durch den blossen Anblick der Züchtigungen meiner etwas jüngeren beiden Schwestern, welche sogar bis in ihr 15. Jahr noch die Rute bekamen. Dies hatte nun bei meinen Schwestern die Folge, dass sie zwar nicht späterhin noch eine Fortsetzung dieser ihnen stets unangeneh­men Prozedur begehrten, dagegen immer gerne der Vornahme einer solchen bei mir zusahen. Ja, mein Lustgefühl wurde sogar durch ihre Gegenwart noch gesteigert. Auch bereitete es mir namentlich in spä­teren Jahren stets einen höheren Genuss, wenn das Dienstmädchen mir in Gegenwart von ihren Freundinnen Schläge gab, oder gar eine von diesen mich ihre Hand fühlen liess. Ich hatte nämlich am liebsten das Draufschlagen mit der blossen Hand, wenn ich mir auch mitunter grausame Züchtigungen mit dem Stock und der Hundepeitsche auf ihren besonderen Wunsch gefallen liess.</p></blockquote>
<p>In einem zweiten Falle meiner Beobachtung, der einen 28jährigen Juristen betrifft, war der ursächliche Zusammenhang für das Auftreten der Flagellomanie ein etwas anderer, mehr indirekter.</p>
<blockquote><p>Mit 11 oder 12 Jahren lag er einmal auf einer Hundehütte und masturbierte, wobei er sich die Füsse festband, um in der sexuellen Erregung nicht her­unterzurutschen. Seitdem hatte er stets das Bedürf­nis, sich fesseln zu lassen, was er durch Knabenspiele (Räuber und Gendarm) zu erlangen suchte, wobei er stets angenehme geschlechtliche Gefühle hatte, die durch onanistische Friktionen noch verstärkt wurden. Im Alter von 15 Jahren trat dann im Zusammen­hange hiermit das Bedürfnis nach Prügeln während der Fesselung ein. Der Patient hat zwar eine Ab­neigung gegen den normalen Koitus und gegen die weiblichen Genitalien, begehrt aber die Flagellation nur von einem Weibe. Ein zweimaliger Versuch zum normalen Geschlechtsverkehr misslang. Patient brachte auch einem Dienstmädchen die Neigung zur passiven und aktiven Flagellation bei, und diese war nach anfänglichem Widerstreben schon nach einem halben Jahre eine passionierte Flagellantin. — Der Patient ist sonst durchaus gesund, hat auch als Ein­jähriger bei der Kavallerie gedient.</p></blockquote>
<p>Was die Entstehung des leider sehr verbreiteten „Er­zieher-Sadismus&#8221; betrifft, wofür der allbekannte Fall des Lehrers Dippold ja ein so erschreckendes Beispiel lieferte, so kann der Lehrer oder Erzieher im Anfange seiner Tätigkeit noch durchaus frei von irgendwelchen flagellantistischen Neigungen sein. Diese stellen sich vielmehr erst im Laufe der gewohnheitsmässigen Aus­übung der körperlichen Züchtigungen ein, so dass diese allmählich dem Betreffenden einen sexuellen Genuss be­reiten. Solange sich diese Züchtigungen in normalen Grenzen halten und nur gelegentlich vorgenommen werden, handelt es sich um eine Neigung und Aber­ration der geschlechtlichen Befriedigung, die bei zahl­reichen gesunden Individuen vorkommt, auch wenn sie nicht Lehrer und Erzieher sind und meist im Bordell oder bei „Masseusen&#8221; Gelegenheit zur Betätigung su­chen und finden. In den Fällen aber, wo eine syste­matische Flagellomanie sich ausbildet und der Betref­fende nicht mehr prügelt, sondern misshandelt und fol­tert und zwar gewohnheitsmässig und mit bestialischer Grausamkeit, wie im Falle Dippold, da dürfte es sich doch wohl stets um einen auf dem Boden einer krank­haften Veranlagung entwickelten Sadismus handeln. Derart scheinen die folgenden Fälle zu sein:</p>
<p>1.<br />
Ein Fall, welcher an Dippold erinnert, kam vor der Strafkammer II in Hamburg zur Verhandlung. Angeklagt war ein den gebildeten Ständen angehöriger Mann, welcher Universitäten besucht hat, Re­serveoffizier geworden ist und noch mehrere andere Stellungen, zuletzt diejenige des Redakteurs eines Fachblattes, bekleidet hat, welches von einer Annoncenexpedition herausgegeben wird. Der An­geklagte wohnte in Berlin. Dort trat er in ein intimes Verhältnis zu einer Frau, die er veranlasste, ihm ihren Knaben zur Erziehung zu übergeben. Nachdem er im Juli nach Hamburg übergesiedelt war, veranlasste er Anfang Januar die Frau, ihren Knaben zum Zweck der Fortsetzung der Erziehung nach Hamburg zu senden. Hier gab er den Knaben in eine Pension, mietete aber, „um beim Unterricht nicht gestört zu werden&#8221;, noch ein besonderes Zimmer in der Nähe der Pension. Beim Mieten fragte er die Wirtin, ob auch Portieren und Vorhänge zum Verhängen der Fenster vorhanden seien. Gleich am ersten Tage des Besuchs des Zimmers bemerkte die Vermieterin, dass der Angeklagte den Knaben züchtigte, und da sie dies in ihrer Wohnung nicht dulden wollte, erstattete sie Anzeige bei der Polizei. Letztere fand aber keinen Grund zum Einschreiten. Nach einiger Zeit erfuhr die Frau bei Befragung des Knaben indessen merk­würdige Dinge, namentlich auch über die „Erzie­hungsmethode&#8221;, welche der Angeklagte in Berlin be­trieben hatte und erstattete sie abermals Anzeige, worauf der Angeklagte verhaftet wurde. Der Ange­klagte gab zu, den Knaben heftig mit dem Rohrstock gezüchtigt zu haben, doch sei dies nur aus erziehe­rischen Gründen geschehen, da der Knabe einen schlechten Charakter habe. Demgegenüber gaben so­wohl seine Berliner als die Hamburger Lehrer und die Inhaberin der Pension, in welcher der Knabe wohnte, demselben ein sehr gutes Zeugnis. Mit Rücksicht auf die Art und Weise der vorgenommenen Züchtigungen, welche in der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Verhandlung ein­gehend erörtert wurde, war es dem Gericht nicht zweifelhaft, dass der Angeklagte die Züchtigungen nicht im erzieherischen Interesse, sondern aus per­versen Neigungen vorgenommen hatte, und verur­teilte es ihn wegen Sittenvergehens zu einer Ge­fängnisstrafe von einem Jahre und zwei Jahren Ehr­verlust. Bemerkenswert ist, dass der Angeklagte in der letzten Zeit der Tat mit einer jungen Frau in glücklichster Ehe lebte.</p>
<p>2.<br />
Dippolds Nachfolger. Folgende seltsame Ge­schichte: Ein hiesiger Möbelpolierer machte sich an Knaben, die er auf der Strasse sah, heran, gab ihnen irgendeinen Auftrag und richtete es so ein, dass sie schliesslich zu ihm auf sein Zimmer kommen mussten. Hier gab er sich dann für einen Kriminalbeamten aus, zeigte den Jungen eine Marke, die sie für einen Aus­weis hielten, und hielt ihnen eine scharfe Straf­predigt. „Zu seinem Bedauern&#8221; teilte ihnen der Kri­minalbeamte schliesslich mit, dass er ihre Eltern we­gen der vielen Unarten und bösen Streiche der Jun­gen in eine Geldstrafe nehmen müsste, wenn die Übeltäter es nicht vorzögen, sich auf der Stelle kör­perlich züchtigen zu lassen. Der „Beamte&#8221; hatte leichte Mühe, seine Opfer zur Entgegennahme der Züchtigung zu bewegen. Nachdem er sie dann über das Knie gelegt und mit einem Stock bearbeitet hatte, sah er nach, ob die Schläge auch etwa zu deutliche Spuren hinterlassen hätten, und schickte nun die Jungen mit einigen Ermahnungen nach Hause. Die Gezüchtigten hüteten sich zwar, ihren Eltern zu er­zählen, was mit ihnen vorgegangen war, aber es kam doch an den Tag, und der neue Dippold, der nach einem Verhör auf freiem Fusse belassen wurde, wird sich nun wegen der Misshandlungen und wegen An­massung eines Amtes zu verantworten haben. Bisher kommen zwei Fälle in Betracht, wahrscheinlich aber dürften es noch mehr sein. Der 25 Jahre alte junge Mann macht mit seiner kleinen und schmächtigen Gestalt und einem blonden Schnurrbärtchen den Ein­druck eines Achtzehnjährigen.</p>
<p>Häufig wird die Neigung zur Flagellation erst in den Bordellen künstlich gezüchtet. Hogarth hat mit Recht in seinem „Weg einer Buhlerin&#8221; die Rute als notwendiges Requisit des Bordellinterieurs angebracht, und nur sel­ten fehlt dieses einfache Flagellationsinstrument in der Wohnung einer Prostituierten. Freilich hat es nur Eng­land, das klassische Land der Flagellomanie zu eigent­lichen „Flagellationsbordellen&#8221; gebracht, z. B. in dem berüchtigten Institut der Theresa Berkley, der Erfinde­rin eines besonderen Apparates zum Auspeitschen der Männer, des sogenannten „Berkley-Pferdes&#8221;. Es scheint, dass in England besonders das weibliche Ge­schlecht Geschmack an der aktiven (und auch passiven) Flagellation findet, wie denn auch ein deutscher Autor dem Weibe eine grössere Neigung zur Flagellomanie indiziert. Diese Neigung wird durch gewisse männ­liche Flagellanten gefördert, die in der Flagellation von Weibern Befriedigung finden. Guenole berichtet sogar von geheimen Stätten in Paris, wo junge Frauen und kleine Mädchen sich zu einer Art „Schule&#8221; versammeln, in der männliche Sadisten mit der Rute den „Unter­richt&#8221; erteilen!</p>
<p>Im Zusammenhang mit der Flagellation steht die eigentümliche Neigung zum Fesseln, zum Wehrlos­machen der zu flagellierenden Individuen, wofür es so­gar besondere Apparate nach Art des im 18. Jahrhun­dert vom Herzog von Fronsac erfundenen „Fessel­stuhles &#8221; gibt. Hierher gehört auch der Zwang, enge Schuhe und Handschuhe, und besonders enge Korsetts zu tragen, die sogenannte „Korsettdisziplin&#8221;, wobei die oder auch der Betreffende in ein ganz enges Korsett ein­gezwängt wird, was besonders in England mit der sexuellen Flagellation verbunden wird.</p>
<p>Ist die Flagellomanie nur in relativ seltenen Fällen ein die Zurechnungsfähigkeit gänzlich ausschliessender krankhafter Zustand, so ist letzterer in der Mehrzahl der Fälle bei den Formen von Sadismus vorhanden, die wir nunmehr besprechen. Dazu gehören:</p>
<p><strong>1. Sadistische Körperverletzungen und Lustmorde.</strong></p>
<p>Haupttypen dieser Kategorie sind die „Mädchen­stecher&#8221; und Lustmörder, die nur zum Zwecke der sexuellen Erregung bzw. bereits unter dem Einfluss der­selben, Frauen mehr oder minder schwere Verletzungen mit dem Messer oder anderen Mordinstrumenten bei­bringen. Die Absicht der Tötung besteht dabei wohl nur in den seltensten Fällen. Der „Lustmord&#8221; ist meist nur ein Mord im Anschluss an einen mit Gewalt er­zwungenen Geschlechtsakt (aus Furcht vor Entdeckung usw.), der mit diesem letzteren selbst nichts zu tun hat, oder erscheint auch nur als Lustmord, wenn der Tod ge­gen die Absicht des Attentäters infolge einer sadistischen Körperverletzung eingetreten ist. Die Tötung aus rein geschlechtlichen Motiven, als Akzessorium oder Surrogat des Geschlechtsaktes ist ein sehr seltenes Vorkommnis, wie die Fälle des Andreas Bickel, des Menesclou, Alton, Gruyo, Verzeni, „Jack the Ripper&#8221;, des Frauenmörders von Whitechapel. Viele „Mordepide­mien&#8221; (manie homicide), wie sie in Schweden im An­schluss an die vielfachen Morde des unbegreiflicher­weise dafür hingerichteten, zweifellos geisteskranken Nordlund auftraten, hängen gewiss mit sexuellen Din­gen zusammen. Die beiden folgenden Fälle aus Deutsch­land betreffen typische „Mädchenstecher&#8221;.</p>
<p>Nach Art des Whitechapler Frauenmörders machte ein unheimlicher Verbrecher seit Wochen den in der Richtung nach dem Vororte Mundenheim gelegenen Stadtteil unsicher. Nicht weniger als elf Mädchen wurden nach Eintritt der Dunkelheit durch Stiche in den Unterleib mehr oder weniger schwer verletzt. Heute nacht gelang es der Polizei, den Täter festzu­nehmen. Es ist der 28jährige Viehtreiber Wilhelm Damian. Er war schon vor fünf Jahren unter dem Verdacht, an einem Dienstmädchen einen Lustmord verübt zu haben, in Untersuchungshaft genommen, aber mangels genügender Beweismittel wieder frei­gelassen worden. Jetzt wird auch der Verdacht rege, dass Damian ausserdem einen vor zwei Jahren bei Mundenheim an einem siebenjährigen Mädchen be­gangenen Lustmord auf dem Gewissen habe, da die näheren Umstände die Täterschaft eines Schlächters voraussetzen, was bei ihm zutrifft.</p>
<p>Es ist noch immer nicht gelungen, des Messerhelden habhaft zu werden, der bereits seit acht Tagen sein Wesen in den verschiedensten Stadtteilen treibt. Wenn er anfangs sich ausschliesslich auf die nörd­lichen Quartiere beschränkt und dort nur Frauen und Mädchen verwundet hatte, so ist er in den letzten Ta­gen nicht nur im Mittelpunkt, sondern auch ganz im Süden der Stadt aufgetaucht, wo vorgestern abend noch ein Mädchen durch zwei Stiche am Hals und in der Hüfte verwundet worden ist. Inzwischen ist auch ein Mann, wie es scheint von demselben Täter, an­gestochen, aber nicht verletzt worden. Und dies hat sich ereignet in einer der belebtesten Strassen der Stadt, so dass das Entkommen des Täters geradezu rätselhaft ist.</p>
<p>Auch andere eigenartige sadistische Verletzungen kommen vor. So wurde von der Breslauer Strafkammer ein 22jähriger Buchdrucker verurteilt, weil er in dreizehn Fällen junge Damen mit Schwefelsäure begossen hatte! Auch hier hat es sich wahrscheinlich um sadistische Nei­gungen gehandelt. Ob ein Ende Oktober in Berlin beob­achteter Fall, in dem ein junges Mädchen einem anderen Mädchen vom Zahnarzt (!) zwei Zähne ohne Grund ausziehen liess (nach vorheriger Betäubung), sadistischer Natur ist, ist noch nicht festgestellt. Dagegen handelt es sich um zweifellosen Sadismus in jenen Fällen, wo Männer oder Frauen dem Liebespartner kleinere Ver­letzungen beibringen, um dann das Blut zu sehen bzw. auszusaugen, wobei sie sexuelle Befriedigung haben („sexueller Vampyrismus&#8221;). Auch manche Giftmorde, die mit Vorliebe von Frauen begangen werden, ent­springen sadistischen Neigungen. Wenigstens waren die meisten professionellen Giftmischerinnen, wie die Jegado, Brinvilliers, die Ursinus, die berüchtigte Bremer Giftmischerin Gottfried u. a. geschlechtlich sehr stark erregbare bzw. ausschweifende Frauen, so dass hier wohl Wollust und Mordlust in einem ursächlichen Zu­sammenhang stehen.</p>
<p><strong>2. Beeinträchtigung und Schädigung fremden Eigen­tums aus sadistischen Motiven.</strong></p>
<p>Hierzu gehören alle sadistischen Beschädigungen nicht der Person selbst, sondern des ihr gehörigen Eigentums, z. B. das Be­giessen der Kleidung mit Vitriol, wofür der folgende Fall ein Beispiel ist.</p>
<p>Mit Vitriol macht ein unbekannter Mann den Süd­osten Berlins unsicher. Der gefährliche Bursche hat es hauptsächlich auf helle Damenkleidung abgesehen. Gestern abend vernichtete er einer jungen Dame, welche die Hermannstrasse passierte, ihr helles neues Kleid fast vollständig. Der Täter, der sich an­scheinend nur ein Vergnügen macht, die Bekleidung von Damen zu beschädigen, ist von mittlerer Figur, etwa 35 Jahre alt, hat blondes Haar und trägt einen modefarbenen Überzieher.</p>
<p>Ferner gehört hierher die Brandstiftung aus sexuellen Motiven, die man früher aus einer Art von „Feuergier&#8221; ableitete, die aber wohl, wenn sexuelle Motive mit­spielen, rein sadistischer Natur ist. Ebenso ist die sexuelle Kleptomanie, der Diebstahl aus sexuellen Mo­tiven zu beurteilen. Schon Lichtenberg kannte ihn, da er sagt, dass „der Geschlechtstrieb so häufig zu Die­bereien verleitet&#8221;, und dem in England gemachten Vor­schlag, die Diebe zu — kastrieren, Beifall zollt. Die organische Bedingtheit der heute besonders in den gro­ssen Warenhäusern beobachteten Kleptomanie ist sehr häufig eine sexuelle (Pubertät, Klimakterium, Men­struationsanomalien usw.). Fälle solcher Art haben Worbe, Gönner, Schmidtlein, Unzer, Häussler, Lombroso und Verrero mitgeteilt. Jedenfalls ist der Verdacht einer sexuell-sadistischen Grundlage der Kleptomanie stets gerechtfertigt, wenn reiche Damen wiederholt ganz unbrauchbare und geringwertige Gegenstände entwenden.</p>
<p>Ausser diesen beiden Kategorien von Sadismus, die zum grossen Teil auf krankhaften Zuständen beruhen, gibt es nun noch symbolische Formen des Sadismus, wo dieser mehr in der Vorstellung als in der Wirklichkeit sich betätigte und in allen möglichen Phantasien der Schmerzzufügung und Demütigung schwelgt. Dieser abgeschwächte Sadismus steht wieder in einem gewis­sen Zusammenhange mit dem physiologischen Sadis­mus. So ist der sogenannte „<strong>Wortsadismus</strong>&#8221; weiter nichts als eine Steigerung und drastische Betonung der physiologischen Wollustlaute und Schreie in coitu, de­ren Wirkung im Wortsadismus durch die Akzentuierung des Tierischen, Brutalen, Rohen und Obszönen erhöht wird und stärkeren sexuellen Reiz hat. Der Wort­sadismus ist nicht etwa ein besonders ausgeklügeltes Raffinement moderner Wüstlinge, sondern eine folklo­ristische und ethnologische Erscheinung, eine ausser­ordentlich verbreitete Ausdrucksform der primitiven sadistischen Instinkte des Genus Homo. In der Volks­sprache aller Länder verbinden sich das Schimpfwort und der Fluch überaus häufig mit geschlechtlichen Dingen bzw. werden geschlechtlich nuanciert. Die Naivität dieser tausendfach variierten geschlechtlichen Zynismen und Flüche bezeugt ihren Ursprung aus rein instink­tiven Quellen der Volksseele, wie das schon die Ge­brüder Grimm erkannt haben, die dem obszönen Wort­schatz des deutschen Volkes in ihrem berühmten Wör­terbuch sorgfältige kritische Untersuchungen gewidmet haben. Reiches Material für das Studium der Quellen des Wortsadismus bieten die Vocabularia erotica von Hesychios bis auf die Neuzeit, ebenso die lokalen und provinziellen Rätsel- und Sprichwörtersammlungen. Ein typisch ausgebildeter Wortsadismus findet sich bei den Indern, besonders den Frauen, mit Recht leitet ihn der indische Erotiker Vütsyäyana aus den verschiedenen Lauten ab, die auch im normalen Beischlaf ausgestossen werden. In europäischen Bordellen sind die Wort­sadisten und Wortmasochisten wohlbekannte Erschei­nungen, Männer, die durch das Aussprechen möglichst roher, gemeiner, obszöner Worte, Flüche und Be­schimpfungen, sei es, dass sie selbst dies tun (Wort­sadismus) oder anhören (Wortmasochisten) einen ge­schlechtlichen Genuss finden. In einem erotischen Ro­man heisst es: „Denn wir müssen uns mit Worten sa­gen — das! Seufzer sind Lügen! Stöhnen ist nichts — Worte sind alles!&#8221;<br />
Zu diesen Wortsadisten gehören auch die von A. Eulenburg (Sexuale Neuropathie, S. 104) als „verbale Exhibitionisten&#8221; geschilderten In­dividuen, die sich gern vor anderen in lasziven Gesprä­chen ergehen bzw. Frauen schmutzige Worte ins Ohr flüstern. Viele Männer suchen bei Dirnen nicht Ge­schlechtsverkehr, sondern nur die Gelegenheit zu sol eher mehr als freien Unterhaltung. Der folgende noch durch bisexuelle bzw. masochistische Züge komplizierte Fall ist hierfür charakteristisch.</p>
<p>Ein Grosskaufmann in mittleren Jahren stattet von Zeit zu Zeit einer Kokette einen Besuch ab, zieht sich dann die Samtkleider des Mädchens an, während sie Herrenkleidung anlegen muss. Dann gehen sie Arm in Arm in dunkeln, wenig belebten Strassen spazieren und führen eine äusserst obszöne, zynische Unterhal­tung. Dies allein genügt ihm zur sexuellen Befriedi­gung. Während der ganzen Zeit rührt er das Mädchen nicht an.</p>
<p>Übrigens können diese sexuellen Zynismen und Be­schimpfungen auch brieflich mitgeteilt werden. Dann hätten wir eine Art von „Schriftsadismus&#8221; und „Schriftmasochismus&#8221;. Besonders der erstere wird in den Krei­sen der „Masseusen&#8221; und „strengen Erzieherinnen&#8221; gegenüber ihrer masochistischen Klientel oft angewen­det, während die Antworten der zweiten Gattung an­gehören.</p>
<p>Eine merkwürdige symbolische Form von Sadismus bzw. Masochismus stellt das Einölen und Einseifen zum Zwecke der geschlechtlichen Befriedigung dar. Beson­ders das Einseifen ist eine in der Bordellpraxis sehr be­kannte Erscheinung. Entweder findet der betreffende Mann im Einseifen der Dirne einen sexuellen Genuss oder er lässt sich selbst von ihr zum Zwecke geschlecht­licher Erregung einseifen. Als ich vor einiger Zeit in einem Zivilprozess, wo ein Mann der ersteren Hand­lung beschuldigt wurde, auf analoge Vorkommnisse in Bordellen bzw. bei Prostituierten hinwies, bestritt ein anderer Arzt dieses „Einseifen&#8221; zum Zwecke geschlecht­licher Erregung als ihm „unbekannt&#8221;. Es ist aber eine sehr bekannte Erscheinung, deren Existenz mir auch von Berliner und namentlich Hamburger Kollegen bestätigt wurde. Nach ihrer ganzen Art ist sie sadistischer bzw. masochistischer Natur. Ob dabei eine „Besudelung&#8221; vorkommt, wie in jenem von Krafft-Ebing berichteten Falle, wo ein Mann seine Geliebte mit Kohle schwärzt, ist dabei gleichgültig. Der larvierte Sadismus steckt in dem Akte der Manipulation des Einölens bzw. Einseifens selbst.</p>
<p>Als eine letzte Form des symbolischen Sadismus kann die Gotteslästerung aus sexuellen Motiven betrachtet werden, der sogenannte „Satanismus&#8221;, der besonders im Mittelalter eine grosse Rolle spielte und in der „Satansmesse&#8221; einen eigenen Kult fand, wo die religiöse Messe durch geschlechtliche Handlungen profaniert und aufs äusserste beschimpft wurde. Nach Schwäble sollen diese obszönen Messen wieder an zwei Orten in Paris gefeiert werden. Er schildert ausführlich eine solche Satansmesse in einem Hause der Rue de Vaugirard.</p>
<p>Die passive Algolagnie, der Masochismus, die Sucht, Schmerzen und Demütigungen und Erniedrigungen aller Art zum Zwecke der geschlechtlichen Erregung zu er­dulden, ist heute vielleicht noch mehr verbreitet als sein Widerspiel, der Sadismus. Die im Konventionalismus der Zeit liegende Ursache habe ich schon öfter hervor­gehoben. Hierfür spricht auch die merkwürdige Tat­sache, dass gerade Juristen, hohe Staatsbeamten und Richter ein unverhältnismässig grosses Kontingent zur masochistischen Klientel stellen, also Leute, denen in ihrer Lebensstellung eine gewisse Machtbefugnis eingeräumt ist, denen der Beruf eine strenge Amtsmiene aufzwingt. Gerade diese empfinden vielleicht die Betätigung masochistischer Neigungen als eine Art Befreiung vom konventionellen Druck und der Maske des Berufs. Der Zusammenhang zwischen Liebe, Wollust und Schmerzerduldung ist bereits beleuchtet worden. Beim Masochismus kommt noch das wichtige Moment der Demütigung, der völligen Hingebung mit Leib und Seele, der Opferung hinzu. Sehr schön schildert die Vereinigung dieser Empfindungen und ihre wollüstige Be­tonung Alfred de Musset:</p>
<blockquote><p>„Meine Leidenschaft für meine Geliebte war ge­radezu unbändig gewesen, und mein ganzes Leben hatte davon etwas Mönchisch-Wildes bekommen. Ich will nur ein Beispiel dafür anführen: Sie hatte mir ihr Miniaturbildnis in einem Medaillon gegeben; ich trug es auf dem Herzen — das tun viele Männer. Aber als ich eines Tages bei einem Trödler eine eiserne Geissel fand, an deren Ende ein mit Stacheln besetztes Plättchen angebracht war, da liess ich das Medaillon an dem Plättchen befestigen und trug es so. Die Stacheln, die bei jeder Bewegung mir in die Brust ein­drangen, verursachten mir eine so eigentümliche Wonne, dass ich zuweilen meine Hand darauf presste, um sie tiefer eindringen zu fühlen. Ich weiss wohl, so etwas ist Torheit; aber die Liebe macht noch ganz andere Torheiten&#8221;&#8230;</p></blockquote>
<p>Der physische Schmerz spielt beim Masochismus eine grosse Rolle. Die „Herrinnen&#8221; verfügen über ein reich­haltiges Instrumentarium zur Hervorrufung desselben, denn die Masochisten haben oft die seltsamsten Gelüste bezüglich der Art und Methodik der Schmerzzufügung. Einzig dastehend in ihrer Art sind wohl die beiden fol­genden authentischen Fälle, die mir vom Kollegen Dr. D. in Hamburg freundlichst mitgeteilt wurden:</p>
<p>1. Ein reicher Hamburger Kaufmann, der unter dem Namen „Nagelwilhelm&#8221; bei den Prostituierten be­kannt ist, verkehrte sexuell nur mit einigen Prosti­tuierten, die sich die Nägel ganz spitz wachsen liessen. Sie mussten ihn dann an der Raphe scroti und am Membrum so lange kratzen, bis das Blut in Strömen herablief. Eines Tages erschien er beim Arzt mit einem furchtbaren Oedema scroti et penis.</p>
<p>2. Ein anderer Mann liess sich mit dicken, sogenann­ten Packnadeln den Hodensack auf dem Polster des Sofas annähen, verharrte eine Zeitlang in dieser „fes­selnden&#8221; Situation, worauf der Knoten wieder ge­löst wurde.</p>
<p>Alle möglichen schneidenden und stechenden Instru­mente und brennenden Gegenstände dienen zur Befrie­digung der Schmerzlüsternheit der Masochisten. Diese lassen sich kratzen, beissen, zwicken, brennen, Haare ausreissen, mit Füssen treten, mit Ruten oder Ochsen­ziemern peitschen und auf alle mögliche Weise in be­sonderen „Folterkammern&#8221; und „Hinrichtungszimmern&#8221; „peinlich befragen&#8221;. Eine solche veritable Folter­kammer bei einer Hamburger Prostituierten hat Staats­anwalt Dr. Ertel beschrieben. Das in der Wohnung der betreffenden Dirne aufgenommene Protokoll des Unter­suchungsrichters hierüber lautet:</p>
<p>„Seitwärts hinter dem Badezimmer ist die Eingangstür zu dem sogenannten schwarzen Zimmer.<br />
Die sämtlichen Wände dieses einfenstrigen Zim­mers waren mit einem völlig schwarzen kalikoartigen Stoff überzogen, ebenso die Gipsdecke, von deren Mitte aus einer schwarzen Rosette ein Flaschenzug hing, bestehend aus den üblichen Rollen und Schei­ben, in diesem Falle von Metall, und einer starken, gedrehten Schnur.In der dunklen Ecke zwischen dem Fenster und der Wand stand ein eigentümliches, aus grob gehobelten Bohlen zusammengeschlagenes Gerüst, bestehend aus zwei nebeneinander gestellten gleichen Teilen. Mit der Rückseite war dies Gerüst an die neben dem Fenster befindliche Wand gelehnt.<br />
Der Zweck dieses Gerüstes war nicht ohne weiteres erkennbar. Von der Seite aus gesehen war die Gestalt dieses Holzgestelles etwa diejenige eines Gerüstes eines schweren, unbeholfen gearbeiteten Lehnsessels. Der obere Teil der Lehne befand sich etwa in Schul­terhöhe. An dem Gerüst am oberen Rand befanden sich fünf ziemlich starke eiserne Ringe eingeschroben. Das Gerüst hat Rollen unter den Fussbrettern und lässt sich fortschieben.<br />
An der Wand hing an einem Nagel ein mit Schnal­len versehener Ledergurt, an welchem ein grosser Prügelhaken war, ferner ein fast fingerdickes, am Ende in eine Schlinge auslaufendes Tau; weiter zwei Hundehalsbänder, ein Teil des Stockdegens — Griff mit kantiger, spitzer Stahlklinge —, dem Anschein nach aus einem hierzu eingerichteten Damensonnen­schirm oder Spazierstock stammend, wie an dem Griff zu erkennen war, ein etwa 50 cm langes Bambus­stäbchen, zwei Lederriemen, mehrere längere Schnüre und Taue und ein Paar schwere eiserne Handfesseln mit Schrauben und Schlüssel zum Fesseln sowie eine Laterna magica.<br />
Das von der Wand des schwarzen Zimmers nach dem Badezimmer führende  Milchglasfenster war durch besondere Vorhänge verhüllt. Die innere Seite  der Zimmertür war gleichfalls schwarz überzogen.</p>
<p>Bezüglich dieses schwarzen Zimmers hat die A. an­gegeben:<br />
Z. verlangte, dass ein Zimmer als „Zimmer des Ge­richts&#8221; ganz schwarz drapiert würde. Er schickte mir Flaschenzüge aus Köln, an denen er in die Höhe ge­zogen und aufgehängt werden wollte. Das regte ihn auf, er wurde ganz blau aussehend und „wurde dabei fertig&#8221;. Ich habe dabei Angst gehabt, dass er sterben könnte, und es nur einmal geschehen lassen.</p>
<p>Auf dem Gestell im schwarzen Zimmer wurde Z. festgeschnallt und festgebunden, wobei er die Illusion zu haben glaubte, dass er auf dem Schafott sei.&#8221;</p>
<p>Eine ausgebreitete masochistische Prostitution in allen Grossstädten dient den Gelüsten der männlichen und nicht selten auch weiblichen Masochisten. Diese Prieste­rinnen der Venus flagellatrix verbergen sich gewöhnlich hinter der Deckfirma einer „Masseuse&#8221;, einer „Erziehe­rin&#8221; oder „Gouvernante&#8221; mit dem vielsagenden Bei­wort „streng&#8221; oder „energisch&#8221;, auch „VJanda&#8221; ist ein beliebter Deckname, dem der masochistische Spitzname „Severin&#8221; (nach den Hauptpersonen in Sacher-Masochs „Venus im Pelz&#8221;) entspricht. Diese Weiber, die „Herrinnen&#8221;, behandeln nun ihre masochistische Klientel vollkommen als „Sklaven&#8221; oder „Hunde&#8221; und erhalten diese Fiktion nicht bloss bei sich, sondern auch in den Korrespondenzen — die Masochisten sind alle leidenschaftliche Korrespondenten — auf­recht. Auch das Verhältnis der „Dame&#8221; zu ihrem „Sklaven&#8221; ist sehr beliebt (sogenannter „Pagismus&#8221;). Die Art des Verhältnisses macht der folgende Originalbrief eines solchen Masochisten klar:</p>
<p>Gnädigste Dame! Vorerst bitte ich gehorsamst um Verzeihung, dass ich es wage, an Sie, hochverehrte Dame, zu schreiben. Ich sah letzthin eine Dame von herrlicher Figur und mit üppigen Hüften in Ihr Haus gehen und vermute, dass Sie diese Dame waren. Wenn Sie gnädigste Dame einen Diener und Sklaven wollen, der allen Ihren Befehlen blind gehorcht und Ihnen auf Kommando als willenloser Sklave die niedrigsten und schmutzigsten Dienste leistet, so wäre ich glück­lich, wenn Sie die Gnade hätten, mich dazu zu machen, und ich Sie von Zeit zu Zeit besuchen dürfte, um Ihnen, meiner strengen Herrin und Gebieterin, zu dienen. Wenn ich Ihnen einmal nicht gehorchen sollte, so können Sie mich aufs grausamste misshandeln und züchtigen.</p>
<p>Wollen Sie, gnädigste Dame, sich herablassen, mir, Ihrem niedrigsten Diener, zu antworten und sich bei­liegenden Kuverts zu bedienen, ob Sie des Abends Spazierengehen und wie und wo, in welchem Cafe vielleicht Sie den Abend verbringen und ob Sie meine strenge Herrin sein wollen und ich Ihr Sklave sein darf. Vielleicht könnten Sie, hochverehrte Dame, Freitag abend 8 Uhr an der Normaluhr am Oranienburger Tor sein, mit einer Rose in der Hand. Voll Unterwür­figkeit und Demut Ihrer strengen Befehle harrend und Ihnen die angebeteten Füsse und Hände sklavisch küssend, Ihr gehorsamster Diener und willenloser, niedrigster Knecht.</p>
<p>Solch ein Sklave schwelgt nun geradezu mit Wollust in den niedrigsten Dienstleistungen, in den ekelhaf­testen Erniedrigungen, die durch die Namen „Kopro&#8221;-und „Urolagnie&#8221; zur Genüge angedeutet werden. Mir liegen eine Reihe von diese Dinge mit allen Einzel­heiten schildernden Briefen von Masochisten vor, sogar in poetischer Form (!), die sich wegen ihres scheusslichen Inhaltes nicht wiedergeben lassen. Eine genügende Vor­stellung von diesem „Sklaventum&#8221; des Masochisten gibt der erwähnte Bericht des Staatsanwalts Dr. Ertel, in dem die „Herrin&#8221; u. a. erzählt:</p>
<blockquote><p>„Wenn ich meine Mahlzeiten einnahm, lag er ent­weder unter meinem Tisch oder in einer Ecke im Zim­mer, ich warf ihm Knochen zu und setzte ihm auch den Rest meiner Speisen vor. Er bellte manchmal wie ein Hund, hatte auch meistens ein Hundehalsband um mit einer Kette daran. Er hatte sich den Namen Nero gegeben, so nannte ich ihn. Wenn jemand ohne Erlaubnis zu mir kommen wollte, so biss er ihn in die Beine, das war die Vorstufe zum Sklaven. Er scheuerte bei mir die Zimmer auf, schälte Kartoffeln, machte einen Braten sowie sonstige Hausarbeiten. Er wollte auch mein Pferd sein, ich sollte auf ihm reiten, er trug mich so aus einem Zimmer ins andere. Wenn er sich gegen etwas sträubte, sollte ich die Peitsche anwenden. Er erzählte mir, er hätte früher mit einem Damen­komiker erst korrespondiert, dann verkehrt, er ist ihn aber bald über geworden und verschwand dann auf längere Zeit, um ihn loszuwerden, und der kam in­zwischen nach auswärts. Er sagte mir auch, er verab­redet sich mit den Frauenzimmern im Schaarhof (eine Strasse in Hamburg, in der die von den untersten Schichten der Bevölkerung aufgesuchten Dirnen zu wohnen pflegen), diese haben gerade am Sonnabend viel Verkehr, wenn die Arbeiter Geld bekommen haben, die Frauenzimmer annoncieren dann „Spitz­bart komme, alles bereit&#8221;. Er lässt sich auch Briefe senden unter der Chiffre „J. R. 18, Hauptpostl., Stephanplatz&#8221;.</p>
<p>Manchmal musste ich ihn in einen Kleiderschrank einsperren, dabei eine Kette am Hals und so kurz, dass er sich nicht rühren konnte, die Schranktür dabei geschlossen.</p>
<p>In meiner Wohnung musste ich ihm Sklavenklei­dung geben zum Tragen, damit er sich ganz als Sklave fühlte. Ich hatte ihm sein ganzes Geld abgenommen, seine sämtlichen Schlüssel von seiner Wohnung, Kon­tor, und vom Geldschrank und liess ihn nach einer Nacht und zwei Tagen wieder gehen. Z. tut das nur zeitweilig, dass er aus sich herausgeht, er ist manchmal sehr vernünftig. Es verkehrt kein anständiger Mensch mit ihm, sein Umgang, wobei er sich am wohlsten fühlt, sind Huren und sonst obskures Gesindel, das hat mir Z. selbst gesagt. Selbst die Leute, die ihn brau­chen, gehen ihm auf der Strasse aus dem Wege.</p>
<p>Er wollte noch das Frisieren und Schminken erlernen, wenn ich ihm den Befehl gäbe; geschminkte Ge­sichter reizen ihn.</p>
<p>Einmal sagte er mir, ich möchte doch noch einen Sklaven besorgen; dieses tat ich, ich habe vorher den Z. fesseln müssen an Händen und Füssen, den Kopf habe ich in Watte verhüllen müssen, um dem neuen Sklaven vorzureden, er sei so misshandelt worden und nun ins Lazarett gebracht (Mädchenzimmer); als spä­ter der eine Sklave kam, habe ich ihm alles so erklärt, wie mir Z. sagte, und führte ihn zu Z. hinein; der wunderte sich über den gefesselten Kerl, erschrak und ging bald nach Hause&#8221;.</p></blockquote>
<p>Es wäre ganz falsch, wenn man annehmen würde, dass es sich bei diesen ihre Menschenwürde aufs tiefste er­niedrigenden, sich ihrer Mannheit vollkommen ent­äussernden, bis unter das Tier sinkenden masochistischen „Sklaven&#8221; stets um effeminierte, degenerierte Schwächlinge handle. Nein, viel häufiger sind es ge­sunde, kraftstrotzende Männer, von imponierendem Aussehen und vornehmer Haltung, die sich in solchen traurigen Rollen gefallen und offenbare geschlechtliche Befriedigung durch diese gänzliche Umkehrung ihres Wesens finden. Der eben geschilderte Sklave war „von Natur gross und stattlich. Ein grosser Vollbart umrahmt seine sympathischen und energischen Gesichtszüge. Sein Auge ist klar und scharfblickend. In Handeln und Aus­sehen eine durchaus männliche Erscheinung!&#8221; In Berlin gibt es Masochisten in höchsten Staatsstellungen, nach Erscheinung und Beruf echte Herrennaturen, Übermen­schen, die nur bei ihrer „Herrin&#8221; zu Sklaven werden. Nach Sacher-Masoch sollen besonders Deutsche und Russen zum Masochismus neigen, doch ist er in Frank­reich und England ebenfalls sehr verbreitet. Zola schil­dert in „Nana&#8221; einen solchen Typus.</p>
<p>Nicht immer ist der Sklaventypus voll ausgeprägt, meist äussert sich der Masochismus in einer leichteren Form, es gibt da die verschiedenartigsten Nuancen, bis­weilen tritt sogar nur die rein seelische Beeinträchtigung und Demütigung hervor, in scheinbar läppischen Proze­duren und Praktiken (symbolischer Masochismus). Einige authentische Fälle mögen das illustrieren. Sie klingen zwar unglaublich, sind aber wahr.</p>
<p>1.<br />
Ein mit einer ebenso schönen Frau verheirateter schöner und stattlicher Offizier unterhielt einen stän­digen Verkehr mit einer — alten, robusten Wasch­frau, mit der er sich auch sexuell betätigte. Da er von diesem Weibe nicht lassen wollte, liess seine Frau sich von ihm scheiden.</p>
<p>2.<br />
Ein 5ojähriger höherer Staatsbeamter besucht ab und zu eine Prostituierte, zieht deren Kleider an, mit Korsett und Strümpfen, während sie Herrenkleider anlegt. Dann spielen sie zwei Stunden Karten. Um 11 Uhr legt er sich angezogen in ihr Bett, während sie nackt auf dem Kanapee liegen muss. Weiter geschieht ihr nichts. Er macht nicht den geringsten Versuch, sie zu berühren, und geht nach einiger Zeit fort, nachdem er ihr 50 Mark gezahlt hat.</p>
<p>3.<br />
Ein verstorbener aktiver Staatsminister (!) besuchte ebenfalls öfter eine Kokotte, die sich auf ihn setzen musste, und dann in corpus totum uriniert. Das genügte vollständig, um ihn geschlechtlich zu befriedigen (Urolagnie).</p>
<p>4.<br />
Ein Techniker trifft eine (vorher bereits instru­ierte) Prostituierte auf der Strasse und fragt sie, ob er für 20 Mark mitkommen dürfe. In der Wohnung der Dirne angelangt, erklärt er plötzlich weinerlich, er habe nur 5 Mark bei sich. Die Dirne überschüttet ihn mit Schimpfworten, nimmt ihm erst die 5 Mark ab und durchsucht dann sorgfältig seine Kleidung, bis sie dann irgendwo eingenäht einen — Hundertmark­schein findet! Der Moment dieser Entdeckung ist zugleich derjenige des sexuellen Orgasmus des Mannes. Auf sein Flehen und Winseln, ihm doch wenigstens die Hälfte zurückzugeben, bekommt er nur höhnische Antworten und neue Schelte. Schliesslich drückt sie ihm — eine Mark in die Hand und verabschiedet ihn. Dieser Vorgang wiederholt sich regelmässig alle vier­zehn Tage, ein teurer Spass für den durchaus nicht besonders finanzkräftigen Mann. Er kann aber von dieser absonderlichen Leidenschaft, die für ihn die einzige Art der geschlechtlichen Befriedigung ist, nicht lassen.</p>
<p>Der Masochismus ist bei Männern entschieden häufiger als bei Frauen, da letztere mehr Herrinnen über ihren Geschlechtstrieb sind und sich von diesem nicht so leicht unterjochen und versklaven lassen wie die Män­ner. Der physiologische Masochismus des Weibes ist mehr seelischer Natur. Doch kann auch bei geschlechtlich sehr erregbaren Weibern eine ähnliche „Geschlechtshörigkeit&#8221; wie bei Männern vorkommen. Schon Shake­speare hat der Helena im „Sommernachtstraum&#8221;, die sich als „Hündchen&#8221; des Demetrius fühlt, deutliche masochistische Züge verliehen.</p>
<p>Masochistisch angehaucht sind auch die in Bordellen oder auf der Strasse sich prostituierenden vornehmen Weiber, wie solche d&#8217;Estoc in „Paris-Eros&#8221; schildert, als deren Prototyp die berüchtigte Messalina gelten kann, ferner die vornehmen Damen, die mit Männern aus niedrigen Ständen, mit Arbeitern, Kutschern usw., dauernde geschlechtliche Beziehungen unterhalten, ja beim Strassengesindel geschlechtliche Genüsse suchen, wofür Lombroso Beispiele gesammelt hat. Dass es auch eine passive Algolagnie bei Frauen gibt, beweist der folgende Brief einer typischen Masochistin:</p>
<blockquote><p>Sehr geehrte Frau!<br />
Ich erlaube mir die höfliche An­frage, ob Sie mich in meiner Wohnung am Kurfür­stendamm einmal wöchentlich nach Ihrer Sprech­stunde abends besuchen wollen. Ich habe den eigentümlichen Wunsch, von Zeit zu Zeit in allerstrengster und in energischster Weise auf das allerschärfste bis aufs Blut gezüchtigt zu werden. Ich bin 28 Jahre alt, verwitwet, habe eine grosse, sehr üppige Figur. Für die Züchtigung erhalten Sie 50 Mark. Soll­ten Sie auf meinen Wunsch eingehen wollen, so bitte ich Sie, mir genau zu beschreiben, wie Sie dieselbe auszuführen gedenken. Auf welchen Körperteil soll sich dieselbe erstrecken, wie soll derselbe evtl. beklei­det sein, welches Züchtigungsinstrument wollen Sie anwenden? In welcher Lage soll ich mich bei der Züch­tigung befinden. Wieviel Hiebe werden Sie das erste­mal erteilen?Meine Wollust steigert sich nach dem sechsten Rutenhieb dermassen, dass mein Körper vor Sinnlich­keit zittert. Neigen Sie auch zur Sinnlichkeit und vollführen Sie die Prügelstrafe auch aus reiner Wollust?<br />
Ihrer w. Antwort sehe ich entgegen unter Postamt, 50, A. v. S.</p></blockquote>
<p>Ob hier eine homosexuelle Nuance mit hineinspielt, lässt sich nicht entscheiden. In meinen „Beiträgen zur Aetiologie der Psychopathia sexualis&#8221; (Bd. II, S. 183) habe ich den Brief einer anderen sicher heterosexuel­len Masochistin an einen „energischen&#8221; Mann mit­geteilt&#8230;</p>
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		<title>Sadismus, Flagellantismus und Masochismus</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 09:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Auf keinem anderen Gebiet finden wir Erhabenstes und Gemeinstes, Über- und Untermenschliches so dicht beisammen und eng mitein­ander verknüpft, wie im Ge­schlechtsleben; da wo sich die feinsten und tiefsten Wurzeln unserer geistig-körperlichen Existenz grossenteils aus diesem Untergrunde entfalten. Der Mensch könnte nicht so tief, bis weit unter das Niveau der Tierheit herabsinken, wenn er nicht zuvor eine un­ermessliche Kulturhöhe im Kampfe mit der Natur und mit sich selbst eigenkräftig erstiegen hätte&#8230; (Zitat n. Albert Eulenburg) Erstes Kapitel: Sadismus, Flagellantismus und Masochismus Iwan Bloch Die Algolagnie oder Schmerzlüsternheit gehört, wenn man von ihren extremsten Äusserungen, wie dem Lust- ­oder Selbstmord aus Wollust, absieht, sicherlich zu den am meisten verbreiteten geschlechtlichen Verirrungen, ja findet sich in ihren leichtesten Formen fast bei jedem Menschen. Eine erfahrene Frau teilte Havelock Ellis mit, dass sie nur einen einzigen Mann kennengelernt habe, der keine sadistischen Gelüste gehabt habe. Umgekehrt gibt es wenig Frauen, in deren Sexualität nicht irgend­welche algolagnistischen Erscheinungen nachweisbar wären. Das ist natürlich, da wie keine andere sexuelle Aberration gerade die Algolagnie die tiefsten biologi­schen Wurzeln hat. Ihr Kern, die Lust am fremden oder eigenen Schmerz (hier Schmerz im weitesten Sinne phy­sisch und seelisch genommen), ist ein elementares Phä­nomen der Liebesbetätigung. „Liebe ist ihrer Natur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf keinem anderen Gebiet finden wir Erhabenstes und Gemeinstes, Über- und Untermenschliches so dicht beisammen und eng mitein­ander verknüpft, wie im Ge­schlechtsleben; da wo sich die feinsten und tiefsten Wurzeln unserer geistig-körperlichen Existenz grossenteils aus diesem Untergrunde entfalten. Der Mensch könnte nicht so tief, bis weit unter das Niveau der Tierheit herabsinken, wenn er nicht zuvor eine un­ermessliche Kulturhöhe im Kampfe mit der Natur und mit sich selbst eigenkräftig erstiegen hätte&#8230;<span id="more-2680"></span></p>
<p><em>(Zitat n. Albert Eulenburg)</em></p>
<p><strong>Erstes Kapitel: Sadismus, Flagellantismus und Masochismus</strong></p>
<p><em>Iwan Bloch</em></p>
<p>Die Algolagnie oder Schmerzlüsternheit gehört, wenn man von ihren extremsten Äusserungen, wie dem Lust- ­oder Selbstmord aus Wollust, absieht, sicherlich zu den am meisten verbreiteten geschlechtlichen Verirrungen, ja findet sich in ihren leichtesten Formen fast bei jedem Menschen. Eine erfahrene Frau teilte Havelock Ellis mit, dass sie nur einen einzigen Mann kennengelernt habe, der keine sadistischen Gelüste gehabt habe. Umgekehrt gibt es wenig Frauen, in deren Sexualität nicht irgend­welche algolagnistischen Erscheinungen nachweisbar wären. Das ist natürlich, da wie keine andere sexuelle Aberration gerade die Algolagnie die tiefsten biologi­schen Wurzeln hat. Ihr Kern, die Lust am fremden oder eigenen Schmerz (hier Schmerz im weitesten Sinne phy­sisch und seelisch genommen), ist ein elementares Phä­nomen der Liebesbetätigung. „Liebe ist ihrer Natur nach Schmerz&#8221;, heisst es schon im „Divan&#8221; des persischen Dichters Rümi.</p>
<p>Dass es sich hier um eine anthropologi­sche und in weiten Grenzen normale Erscheinung han­delt, ist sicher. Die Algolagnie spielt die grösste Rolle im individuellen Leben des einzelnen Menschen und im Kulturleben der ganzen Menschheit. Sie lässt uns in die verborgensten Tiefen der Menschenseele schauen und bietet uns das merkwürdige Phänomen der Verknüp­fung uralter primitiv-tierischer Instinkte mit der höchsten Geistigkeit dar. Sie erniedrigt und vertieft die Liebe und berührt die geheimsten Seiten unseres Wesens.</p>
<blockquote><p>Der Schmerz beseelt<br />
Und er entfesselt nied&#8217;re Triebe,<br />
Die sonst dem Menschenherz gefehlt&#8230;</p>
<p>Der Schmerz betäubt — er kann beglücken,<br />
Im Schmerz liegt ein geheimes Fleh&#8217;n;<br />
Er lässt mit feurigem Berücken</p></blockquote>
<p>Ein frevelhaftes Bild ersteh&#8217;n, singt Josef Lauff in seiner „Geisslerin&#8221;. Gibt es eine Lust ohne Schmerz, gibt es Liebe ohne Leid? Wer die Kultur­geschichte kennt, wird diese Frage verneinen. Der Schmerz ist ein Kulturfaktor ersten Ranges, er ist die Vorbedingung und Begleiterscheinung der Lust, der Lebensbejahung. Das ist der grosse Gedanke der Nietzsche&#8217;schen Philosophie. Der Schmerz der Liebe ist nur ein Spezialfall des grossen, unermesslichen Weltschmerzes und der Weltlust, die in den grandiosen Schilderungen eines Schopenhauer uns so tief ergreifen, und von jeher der erhabenste Gegenstand für die Betrachtungen von Philosophen und Kulturforschern gewesen sind.</p>
<p>Dass Liebeslust und Liebesschmerz, die schöpferische Kraft und die Zerstörung, ja, dass Liebe und Tod, die schon Leopardi in einem wunderbaren Gedicht als Zwil­lingsbrüder besang, nur durch einen „dünnen Schleier&#8221; (H. Ellis) geschieden sind, das hat zuerst in seinen be­rüchtigten Werken der furchtbare Marquis de Sade aus­gesprochen, dessen Bücher nur eine einzige Paraphrase des Satzes von dem Zusammenhange zwischen Schmerz und Wollust sind, und zwar besteht nach de Sade dieser Zusammenhang nicht bloss in der aktiven Algolagnie, d. h. der Schmerzzufügung, der Wollust der Grausam­keit, dem sogenannten „Sadismus&#8221;, sondern ebensosehr in der passiven Algolagnie, dem Schmerzerleiden, der Wollust des Gequältwerdens, oder dem nach dem Schriftsteller Sacher-Masoch so genannten „Masochis­mus&#8221;. De Sade, der der erste konsequente Vertreter der anthropologisch-ethnologischen Theorie der Psychopathia sexualis war, hat schon fast alle Tatsachen über die biologischen Wurzeln der Schmerzlüsternheit und über die algolagnistischen Erscheinungen in der Ethnologie und Kulturgeschichte gesammelt.</p>
<p>Die Grundlage für das Verständnis der aktiven und passiven Algolagnie bildet die Tatsache, dass es sich hier zunächst nur um eine rein biologische Erscheinung han­delt, die in jeder normalen Liebe hervortritt.<br />
Der Ge­schlechtsakt zeigt uns Schmerz und Lust in einer unlös­lichen Verknüpfung. Die Liebesumarmung ist ein „süsser Schmerz&#8221;, eine wehe Lust.</p>
<blockquote><p>Sage mir, geliebtes Mädchen, sage mir den wirren Zauber, der dein Wesen jäh verfärbet, wenn dich Amors Pfeil berührt? Wie sich deine Züge hellen, trunken deine Augen lachen, deine Lippen Küsse lechzen, deine Schönheit warm erglühet und erblüht zum siebenten Gesicht? Und vor allem sag mir, Holde, welchen Sphären jene Töne, jene Weisen wohl ent­stammen, wenn du dich dem Liebsten gibst? -schmerzerfüllte Sphärenklänge, die wie Singen wilder Schwäne mich durchschauern und befrei&#8217;n?</p>
<p>Ach, Geliebter, kann ich wissen &#8211; kann ich wissen, wenn ich fühle &#8211; fühle höchster Lüste, tiefste, ach so grausam süsse Schmerzen? Eins nur weiss ich, dass ich sterbe, wenn du liebend mich vernichtest, sterbe, um erneut zu leben — hundert heisse Tode sterbe, und dass meine Seele singet lebensschwangre Todesweisen.<br />
(G. Hirth, Wege zur Liebe).</p></blockquote>
<p>Die Natur des Wollustgefühles ist noch ziemlich dunkel, dass aber als Begleiterscheinung, wahrscheinlich sogar als ein Teil desselben schmerzhafte Empfindungen auftreten, ist sicher. Deutlicher spiegelt sich der Schmerz (aktiver und passiver) in der Liebesumarmung selbst, in Erscheinungen wie wildes Anpressen, heftige Zuckungen, Zähneknirschen, Schreien und Beissen, sowohl von seiten des Mannes als auch des Weibes.<br />
Schon Lucretius (De rerum natura, Buch IV, Vers 1054 bis 1061) hat diese normalen sadistischen und masochistischen Begleiterscheinungen des Koitus anschaulich ge­schildert. Dabei ist der Sadismus zwar vorwiegend, aber keineswegs ausschliesslich auf seiten des Mannes und umgekehrt der Masochismus nicht ausschliesslich auf seiten des Weibes. Die sadistischen „Liebesbisse&#8221; z. B. gehen sogar häufiger vom Weibe aus, besonders bei den Naturvölkern, bei den slawischen Völkern liebt der Mann mehr den „Bisskuss&#8221; während des Aktes.</p>
<blockquote><p>Es brausen mir wie Wirbelwind Im Busen namenlose Triebe: Ich möchte dich beissen, einzig Kind, Du süsse Frucht, vor Lust und Liebe singt Karl Beck in seinen „Stillen Liedern&#8221;.</p></blockquote>
<p>Wie nahe diese Phänomene mit der Vorstellung von Blut und Grausamkeit zusammenhängen, die durch die Rötung und den Blutzufluss während der geschlechtlichen Aufregung begünstigt wird, habe ich bereits in meinen „Beiträgen zur Aetiologie der Psychopathia sexualis&#8221; (II, 39—41) ausführlicher begründet. Damit hängt auch die sexuell erregende Wirkung der roten Farbe zu­sammen.</p>
<p>Es kommt bei diesen algolagnistischen Äusserungen, solange sie innerhalb der physiologischen Grenzen blei­ben, weniger der wirkliche physische Schmerz, die wirk­liche Zufügung oder Erduldung einer Grausamkeit in Betracht als die Vorstellung davon, als der seelische Schmerz, ja oft wird wirklicher Schmerz nicht als solcher, sondern nur durch die Vorstellung lustvoll empfunden. Besonders Eulenburg hat auf diese seelische Vertiefung der Algolagnie mit Recht hingewiesen. Seelenschmer­zen und Tränen geben der Liebe eine wundersame Tiefe, steigern die Leidenschaft, wie schon Goethe in seiner „Stella&#8221; das geschildert hat. Die Liebe bedarf der Unlust, um als Liebe empfunden zu werden. Warum? Weil die Unlust auch etwas Neues ist, ein Kontrast zu der Lust, deren Ewigkeit unerträglich wäre. Sehr fein heisst es in den zwar apokryphen, aber darum psychologisch nicht minder interessanten Briefen der Ninon de Lenclos:</p>
<blockquote><p>„Die Abwechslung in dem seelischen Zustand ist also wesentlich für das Glück der beiden Liebenden. Und was könnte besser als ein Getrenntsein diesen Vorteil verschaffen? Haben Sie niemals die Süssigkeit eines zärtlichen Abschieds empfunden? Die Unruhe, das Bedauern, die Tränen, die ihn begleiten, sind sie nicht etwas Kostbares für eine zarte, sensible Seele? Gewöhnliche Liebende betrachten die Trennung auf wenige Tage als ein Übel. Betrachten sie aber die Natur ihres angeblichen Schmerzes ein wenig ge nauer, so werden sie bald bemerken, dass er, anstatt einen unangenehmen Eindruck auf die Seele zu ma­chen, im Gegenteil, eine entzückende Wollust darin erweckt. Dieser Schmerz enthält einen entzückenden Reiz, und er beweist uns, dass, wie sehr auch das Herz in Mitleidenschaft gezogen wird, es immer in einer angenehmen Verfassung sich befindet, sobald es seine Empfindsamkeit ausüben kann.&#8221;</p></blockquote>
<p>Ähnlich bemerkt G. H. Schneider, dass sich in allen Liebesverhältnissen das Bedürfnis zeigt, den „Kontrast zwischen Liebesleid und Liebeswonne durch Missstim­mungen, durch vorübergehendes, gegenseitiges Quälen, durch momentane neckische Erregung der Eifersucht seitens des Weibes oder durch scherzhafte oder ernste Drohungen zum Bewusstsein zu bringen, und dieses Be­dürfnis wird schon instinktiv immer vom Menschen be­friedigt, weil er instinktiv fühlt, dass sonst die Liebe verschwindet oder verschwinden wird&#8221;. Er erklärt diese Notwendigkeit des Bedürfnisses nach Schmerz und Leid in der Liebe aus einer gewissen Abnutzung und Ermü­dung der betreffenden Nervenzentren, die zeitweilige Ruhe verlangen, und aus dem schon bei den mensch­lichen Vorfahren und den Tieren bestehenden abwech­selnden Auftreten ganz entgegengesetzter Gefühle wie Liebe und Hass, so dass auch die Erregung der die Ge­fühle der Unlust vermittelnden Zentren ein notwendiges Bedürfnis sei.</p>
<p>Nichts lässt sich in der Tat schwerer ertragen als eine Reihe von schönen Tagen, auch nicht in der Liebe. Wes­halb werden gerade die besten, unveränderlich zärt­lichen Ehemänner oder Ehefrauen so häufig betrogen?  Gewiss, weil sie oft versäumen, in die Süssigkeit der Liebe auch einmal ein wenig Bitterkeit zu mischen und den anderen Teil ab und zu die „Wonne des Leids&#8221; kosten zu lassen.</p>
<blockquote><p>Frau Venus, meine schöne Frau,<br />
Von süssem Wein und Küssen<br />
Ist meine Seele worden krank,<br />
Ich schmachte nach Bitternissen.<br />
<em>Heinrich Heine</em></p></blockquote>
<p>Der seelische Schmerz als allgemein soziologische und literarisch-philosophische Erscheinung offenbart sich im Weltschmerz und Pessimismus. Beide Empfindungswei­sen bergen hohe Lustgefühle in sich. Schopenhauer, der es doch wohl wusste, bemerkt (Werke ed. Grisebach, I, 508), dass die Erkenntnis der Leiden des Daseins, der Gram, der sich über das Ganze des Lebens verbreitet, von einer heimlichen Freude begleitet wird, welche von dem „melancholischesten&#8221; aller Völker „the joy of grief&#8221; genannt worden sei. Vortrefflich hat auch Kuno Fischer in seiner Darstellung der Schopenhauerschen Philosophie den Genuss hervorgehoben und geschildert, der in der pessimistischen Empfindungsweise liegt, und O. Zimmermann hat ein interessantes kulturpsychologi­sches Werk über die „Wonne des Leids&#8221; geschrieben.</p>
<p>Bildet die Lust am eigenen oder fremden Schmerz den Kern aller algolagnistischen Erscheinungen, so kommt der Grausamkeit als Vermittlerin dieser Schmerz­lüsternheit nur eine sekundäre Rolle zu. Der tief einge­wurzelte, schon in der Kindheit auftretende Instinkt zur Grausamkeit hängt biologisch mit der Schmerzempfin­dung zusammen. Man hat verschiedene Theorien der Grausamkeit aufgestellt. So verursacht sie nach Scho­penhauer fremde Schmerzen, um die eigene Qual zu lin­dern, wäre also nur eine Art Heilmittel eigener Schmer­zen. Einleuchtender ist die Erklärung des englischen Psychologen Bain, der die Grausamkeit aus dem Macht­bewusstsein und dem Machtgenuss ableitet, aus der Wonne, durch sie über das gepeinigte Individuum zu herrschen. Nietzsche ist der berühmteste Apostel dieser Machterweiterung, dieses Machtgenusses im „Über­menschentum&#8221; und durch die „Herrenmoral&#8221;. Er feiert förmlich die Grausamkeit als ein Förderungsmittel aller höheren Kultur.</p>
<p>„Fast alles&#8221;, sagt er, „was wir „höhere Kultur&#8221; nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit&#8230; Was die schmerzliche Wollust der Komödie ausmacht, ist Grausamkeit; was im sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar in allem Erhabenen bis hinauf zu den höchsten und zar­testen Schaudern der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von der eingemisch­ten Ingredienz der Grausamkeit. Was der Römer in der Arena, der Christ in den Entzückungen des Kreu­zes, der Spanier angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkämpfen, der Japaner von heute, der sich zur Tragödie drängt, der Pariser Vorstadtarbeiter, der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen hat, die Wag­nerianerin, welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde über sich „ergehen lässt&#8221; —, was diese alle geniessen und mit geheimnisvoller Brunst in sich hin­einzutrinken trachten, das sind die Würztränke der grossen Circe „Grausamkeit&#8221;.</p>
<p>„Man muss aber&#8221;, fährt er sehr richtig fort, „die tölpelhafte Psychologie von ehedem davonjagen, welche von der Grausamkeit nur zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leids entstände! Es gibt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am eigenen Leiden, am eignen Sich-leiden-Machen, und wo nur der Mensch zur Selbstverleugnung im religi­ösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung, wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Ent-sinnlichung, Entfleischung, Zerknirschung, zum puri­tanischen Bußkrampfe, zur Gewissensvivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell&#8217; intelletto sich über­reden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausam­keit gelockt und vorwärts gedrängt, durch jene ge­fährlichen Schauder der gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit&#8221;.</p>
<p>Mit wenigen genialen Strichen hat hier Nietzsche die hauptsächlichsten algolagnistischen Kulturphänomene gezeichnet. Die Ethnologie und die Weltgeschichte lie­fern uns in gleichem Masse zahlreiche interessante Belege für den primitiven Hang der Menschennatur zu sadisti­schen und masochistischen Äusserungen. Man muss diese über die ganze Welt verbreiteten, in den verschieden­artigsten Formen zutage tretenden Phänomene der akti­ven und passiven Algolagnie kennen, um viele Vor­kommnisse der Gegenwart zu verstehen. In meinen „Beiträgen zur Aetiologie der Psychopathia sexualis&#8221; (Bd. II, S. 43—75; S. 95—96; S. 109—113; S. 120—157; S. 228—240) habe ich diese anthropologischen und ethnologischen Daten über die allzeitliche und allörtliche Verbreitung der Algolagnie ausführlich mitgeteilt und auf das hierfür besonders beweiskräftige Auftreten von Sadismus und Masochismus als Massenerscheinung hingewiesen: bei Kriegszügen, Gladiatorenkämpfen, Menschenjagden, Tierhetzen, Stiergefechten, theatrali­schen Sensationsstücken, bei öffentlichen Hinrichtun­gen, in der Inquisition und den Hexenprozessen, in der noch heute in Nordamerika üblichen Lynchjustiz, in dem Benehmen der Volksmassen bei der früher gebräuch­lichen Strafe des Prangerstehens, besonders auch bei Revolutionen, wofür wieder aus Russland die furcht­barsten Beispiele vorliegen (vgl. auch den Anhang), in der uralten Sitte der „Raubehe&#8221;, im Kannibalismus, dem Vampyr- und Werwolfsglauben, der Sklaverei, dem Flagellantismus und den Geisslerfahrten des Mittel­alters, dem schrecklichen „Satanismus&#8221; derselben Zeit­epoche, der Gynäkokratie oder Weiberherrschaft, dem Frauendienst der Minnezeit, dem italienischen Cicisbeat und der slawischen Geschlechtssklaverei der Männer, der Askese und dem Märtyrertum, der ethnologischen Ver­breitung der scatologischen, kopro- und urolagnistischen Gebräuche usw. usw. Es genügen diese Tatsachen, um den Beweis zu erbringen, dass zu allen Zeiten und bei allen Völkern Sadismus und Masochismus in allen auch heute noch beobachteten Formen weit verbreitet waren und aus gewissen tief eingewurzelten Instinkten der Volksseele hervorgehen, deren Existenz auch heute noch überall zutage tritt.+</p>
<p>So z. B. nahm das grosse Automobil-Rennen um den Vanderbilt-Pokal, das Anfang Oktober 1906 auf Long Island stattfand, einen Verlauf, der mit seinen Begleitumständen an die scheusslichen Vorgänge bei den alten Gladiatorenspielen erinnerte. Drei Männer kamen während des Rennens auf der Stelle ums Le­ben, eine Frau und ein Knabe wurden so schwer ver­letzt, dass sie im Sterben liegen, und 20—30 Personen erlitten Gliederbrüche und andere Verletzungen. An 500 000 Menschen waren aus allen Gebieten der Ver­einigten Staaten zum Rennen zusammengeströmt. Schon vor Beginn der Fahrt war die ungeheure Menge in hysterischer Erregung. Der Automobilklub hatte sorgfältige Vorbereitungen zur Sicherung der Renn­strecke getroffen und sie auf beiden Seiten durch ein acht Fuss hohes Drahtnetz abgesperrt. Diese Schutz­wand wurde indes von der Menge niedergerissen, die sich gerade an den Stellen am weitesten nach vorwärts drängte, wo die mächtigen Rennwagen mit höchster Geschwindigkeit vorbeirasen sollten. Trotz aller Mahnungen der Polizei traten die Sensationslustigen erst zurück, als die entsetzten Fahrer mit ihren Wagen unmittelbar vor ihnen auftauchten. An einer Wen­dung des Weges hatte sich eine an tausend Personen zählende Zuschauerschar aus den besten Kreisen New Yorks versammelt. Jedesmal, wenn an dieser gefähr­lichen Stelle einer der Rennwagen verunglückte, stürmten diese Leute vorwärts, um alles aus nächster Nähe zu sehen. Die Frauen kreischten und fielen vor Erregung in Ohnmacht, und die Polizei musste rück­sichtslos mit ihren Knüppeln dreinschlagen, um Raum für die nachfolgenden Wagen zu schaffen und unab­sehbares Unglück zu verhüten. Die Menschen waren wie wahnsinnig vor Sucht, Blut zu sehen; eine Dame, die mit der Menge vorwärtsstürmte, als ein Wagen sich überschlagen hatte, machte ihrer Enttäuschung durch den Ruf Luft: „Ach, keiner tot!&#8221;</p>
<p>Der Petersburger Berichterstatter der „Täglichen Rundschau&#8221; (No. 65 vom 17. März 1906) berichtet in einem Aufsatz „Russland, wie es ist&#8221; über die russi­schen  Strafexpeditionen gegen die Revolutionäre: „Den politischen Zweck ihrer Mission&#8217; haben sie schon längst vergessen: sie morden und sengen aus angeborener Mordlust, aus Rassenblutgier, aus einer bereits deutlich wahrnehmbaren, krankhaften Per­versität. Die Erschiessung von Knaben, die Durchpeit­schung von Frauen — von schlimmeren, hier nicht wiederzugebenden Bestrafungen&#8217; ganz abgesehen —, die in Gegenwart oder gar unter tätiger Beihilfe der grösseren und kleineren Saträplein vor sich gegangen ist, und über die ich ein recht beträchtliches Material gesammelt habe, bringt mich, den ehemaligen Krimi­nalpsychologen, auf ganz merkwürdige Gedanken.&#8221;</p>
<p>In diesen Fällen ist wohl die Hauptursache der grau­sam-wollüstigen Handlungen die lebhafte emotionelle Erschütterung, die heftige Erregung, die ihrerseits wie­der die Geschlechtslust steigert. Schon de Sade wusste, dass Erregung durch starke Affekte auch die sexuellen Vorgänge mächtig beeinflusst, steigert, verändert und abnorm gestaltet. „Alle Sensationen verstärken sich ge­genseitig.&#8221;<br />
Zorn, Furcht, Wut, Hass, Grausamkeit ver­grössern die Sexualspannung und demgemäss auch die Lust ihrer Entladung. Bouillier wies darauf hin, dass es häufig nicht die Lust an Blut und Leiden an sich ist, son­dern nur diese Steigerung der Emotion, die die sexuelle Grausamkeit hervorruft, oft bei Menschen, die im sonstigen Leben sehr sanfte und mitleidsvolle Naturen sind. Ebenso erklärt Horwicz den Genuss des Marterns ledig­lich aus den starken sinnlichen Reizen dabei.</p>
<p>Helvetius, Bain, Lully, James, Herbert Spencer, Stein­metz und viele andere Psychologen und Anthropologen suchen diese innige Verknüpfung der Affekte, speziell der Grausamkeit mit der Sexualität evolutionistisch zu erklären, da zur Befriedigung der geschlechtlichen Be­dürfnisse der einzelnen stets ein Liebeskampf, ein Op­fern vieler Mitbewerber um die Gunst des geliebten Wesens notwendig war, wodurch eine Assoziation zwi­schen Blutvergiessen und sexuellem Genüsse entstand, und die Kampfeswut, wie Marro sehr richtig hervorhebt, durch eine Art von Übertragung von dem Rivalen sich plötzlich gegen das Weib richten kann und nun sadisti­schen Charakter annimmt. Deutliche Spuren dieses Zu­sammenhanges lassen sich noch in gewissen, bei vielen Völkern zu beobachtenden Volksgebräuchen nachwei­sen, z. B. wenn in Neu-Kaledonien das Mädchen von ihrem Liebhaber im Busche verfolgt und nach geschehe­ner Überwältigung und Begattung „zerschunden, zer­schlagen und zerkratzt, mit Bisswunden an Schultern und Nacken bedeckt, zurückkehrt&#8221;.</p>
<p>Ich halte die emotionelle Theorie der Grausamkeit für die beste, weil sie für alle Tatsachen die zwangloseste Erklärung liefert und vor allem auch die so häufig beob­achtete Grausamkeit des Weibes erklärt, das als leichter erregbares Wesen auch höhere, raffiniertere Grade von Grausamkeit zeigt als der durch die Affekte nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende Mann. Schon Montaigne machte die feine Beobachtung, dass die Grausamkeit meist von einer „mollesse feminine&#8221; begleitet sei, ebenso bemerkt Havelock Ellis, dass die äussersten, raffiniertesten Grade von Sadismus häufiger mit einer gewissen weiblichen Organisation zusammenfallen.</p>
<p>Man könnte die Grausamkeit des Weibes und ent­nervter, weibischer Wollüstlinge auch aus der Furcht und Feigheit erklären, aus dem erniedrigenden Bewusstsein der Schwäche des eigenen Wesens, das durch Grausam­keit gleichsam Rache nimmt an der Stärke der anderen und vorübergehend durch den damit verbundenen Machtrausch in der blossen Idee der Superiorität schwelgt. So erklärt sich gewiss die furchtbare Grausam­keit der blasierten Wüstlinge, wie sie de Sade in seinen Romanen schildert. Typen dieser Art waren Tiberius, Caligula, Nero, Domitianus, Heliogabal, Cesare Borgia, von Weibern Katharina von Medici und jene „zarten Kreolinnen, die, wenn sie eben der wollüstigsten Ge­nüsse sich erfreut haben, die unglücklichen Neger unter ihren Augen mit Peitschenhieben zerfleischen lassen&#8221;.</p>
<p>Ausserdem verlangt die Abstumpfung der Sinne, wie sie nach langen gewohnheitsmässigen Ausschweifungen eintritt, die stärkeren Reizmittel der Grausamkeit. Wie beim Wüstling, so schafft diese Abstumpfung auch bei der Prostituierten eine Prädisposition für Sadismus. Viele Prostituierte und Masseusen werden ebensosehr aus Neigung wie aus Gewohnheit (durch den Verkehr mit der masochistischen Klientel) Sadistinnen und fin­den einen sexuellen Genuss darin, die Männer zu peini­gen, sie verkörpern Ideale von „Herrinnen&#8221;.</p>
<p>Bei Europäern ruft das heisse Klima eine besondere Art wollüstiger Grausamkeit hervor, den sogenannten „Tropenkoller&#8221;. Seine Psychologie ist eine komplizierte. Es vereinigen sich verschiedene begünstigende Umstän­de, um den Tropenkoller zum Ausbruch zu bringen. Zu­nächst tritt er fast ausschliesslich bei Europäern auf, die in amtlichen Stellungen mit einer grossen Machtbefugnis ausgestattet, wie sie ihnen in der Heimat nicht einge­räumt war, in die Tropen kommen, meist in Gegenden wo alle Schranken der konventionellen Moral und der landläufigen  gesellschaftlichen  Beziehungen beseitigt sind, und der zivilisierte Mensch ganz seinen inneren Trieben folgen kann, auch sich einer „inferioren&#8221; Rasse gegenüber befindet, die er als halb- oder ganztierische Wesen ansieht und behandelt. Der Einfluss des Klimas ist ebenfalls von grosser Bedeutung, sei es, dass, wie Hans v. Becker annimmt, durch die enorme Hitze Stoff­wechselstörungen hervorgerufen werden und diese dann durch Bildung von Toxinen das Zentralnervensystem und die Psyche schädigen und die „tropical moral insanity&#8221; herbeiführen, eine krankhafte Impulsivität ver­bunden mit völliger Entwertung ethisch-moralischer Grundsätze, sei es, dass die abnorm hohe Temperatur nach Ansicht des Tropenhygienikers Plehn nur bei chronischen Alkoholisten akute Ausbrüche in Form des „Tropenkollers&#8221; hervorruft. Jedenfalls charakterisiert dieser letztere sich besonders häufig durch exquisit sadistische Handlungen, wie die Kolonialstatistiker vieler Länder beweisen. Im Zusammenhang hiermit bedarf es keiner weiteren Begründung, wie sehr die Institute der Sklaverei und Leibeigenschaft von jeher sadistische Instinkte erzeugt und gefördert haben, überhaupt alle Verhältnisse, wo einzelne das unbeschränkte Verfügungsrecht über Leib und Leben ihrer Mitmenschen hatten&#8230;</p>
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		<title>Wie Religion bioethische Debatten beeinflusst – LMU präsentiert Sammelband</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Oct 2010 12:14:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
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		<description><![CDATA[Ob Stammzellforschung, Gentechnik oder das Selbstbestimmungsrecht von Patienten am Lebensende: In bioethischen Diskussionen treffen häufig nicht nur sachliche Argumente, sondern auch unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander&#8230; Dabei wird deutlich, dass selbst vor dem Hintergrund gleicher theologischer Traditionen die Positionen oft weit auseinandergehen. Dies gilt umso mehr, wenn verschiedene Religionen und Nationalitäten berücksichtigt werden müssen. Dieser vergleichende Ansatz sei für die Bewertung bioethischer Fragestellungen sehr wertvoll, betont Privatdozent Dr. Friedemann Voigt, Leiter der Forschergruppe „Religion in bioethischen Diskursen“ an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, „denn die Anerkennung der relativen Berechtigung anderer Ansichten schließt einseitige und rücksichtslose Optionen von vorneherein aus“. Wann beginnt menschliches Leben? Auch religiöse Akteure sind sich uneins darüber, ab wann ein Embryo als Mensch betrachtet werden muss. Dieser Zeitpunkt gilt vielfach als Schlüssel für gesetzliche Regelungen und ist entsprechend umstritten. Aber auch bei zahlreichen anderen Fragen der Bioethik kollidieren sehr unterschiedliche Standpunkte: „Religiöse und theologische Positionen zu konkreten Herausforderungen, etwa der Stammzellforschung oder der In-vitro-Fertilisation, sind im internationalen und interreligiösen Vergleich sehr unterschiedlich“, sagt Voigt. Insbesondere hat die Einbindung religiöser Akteure in ihre jeweilige Kultur großen Einfluss auf deren Positionen. Eine Gruppe internationaler Experten diskutierte die vielfältige Beeinflussung bioethischer Debatten durch die Religion im Rahmen einer Tagung im Februar 2009 an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ob Stammzellforschung, Gentechnik oder das Selbstbestimmungsrecht von Patienten am Lebensende: In bioethischen Diskussionen treffen häufig nicht nur sachliche Argumente, sondern auch unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander&#8230;<span id="more-2388"></span></p>
<p>Dabei wird deutlich, dass selbst vor dem Hintergrund gleicher theologischer Traditionen die Positionen oft weit auseinandergehen. Dies gilt umso mehr, wenn verschiedene Religionen und Nationalitäten berücksichtigt werden müssen. Dieser vergleichende Ansatz sei für die Bewertung bioethischer Fragestellungen sehr wertvoll, betont Privatdozent Dr. Friedemann Voigt, Leiter der Forschergruppe  „Religion in bioethischen Diskursen“ an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, „denn die Anerkennung der relativen Berechtigung anderer Ansichten schließt einseitige und rücksichtslose Optionen von vorneherein aus“.</p>
<p><strong>Wann beginnt menschliches Leben? </strong></p>
<p>Auch religiöse Akteure sind sich uneins darüber, ab wann ein Embryo als Mensch betrachtet werden muss. Dieser Zeitpunkt gilt vielfach als Schlüssel für gesetzliche Regelungen und ist entsprechend umstritten. Aber auch bei zahlreichen anderen Fragen der Bioethik kollidieren sehr unterschiedliche Standpunkte: „Religiöse und theologische Positionen zu konkreten Herausforderungen, etwa der Stammzellforschung oder der In-vitro-Fertilisation, sind im internationalen und interreligiösen Vergleich sehr unterschiedlich“, sagt Voigt. Insbesondere hat die Einbindung religiöser Akteure in ihre jeweilige Kultur großen Einfluss auf deren Positionen.</p>
<p>Eine Gruppe internationaler Experten diskutierte die vielfältige Beeinflussung bioethischer Debatten durch die Religion im Rahmen einer Tagung im Februar 2009 an der LMU. Die vertiefte und erweiterte Dokumentation dieses Treffens ist nun als Sammelband „Religion in bioethischen Diskursen“ erschienen. Der Band versammelt exemplarisch Beiträge aus Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Soziologie, internationale Analysen aus Europa, Israel und der arabischen Welt sowie Untersuchungen zur christlichen, jüdischen und muslimischen Bioethik. Grundidee ist es, der Vielgestaltigkeit der Religion in bioethischen Diskursen durch internationale und interdisziplinäre Analysen gerecht zu werden.</p>
<p>Die Beiträge zeigen sehr unterschiedliche Ansichten, aber auch Übereinstimmungen, die manchmal durch Kontroversen innerhalb einer Disziplin verdeckt werden. Der medizinische Beitrag beispielsweise macht deutlich, dass der Konflikt zwischen medizinischem Machbarkeitsstreben und religiösem Endlichkeitsbewusstsein häufig den Blick auf erstaunliche Gemeinsamkeiten medizinischer und religiöser Standpunkte verstellt. Die Beiträge zu den drei großen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam zeigen die große Relevanz, die unterschiedliche Auslegungen überlieferter religiöser Inhalte für bioethische Stellungnahmen haben.</p>
<p>Offensichtlich ist der Einfluss der Religion komplexer und weit weniger eindeutig, als dies allgemein erwartet wird. Der Band gibt Einblick in diese Vielgestaltigkeit und erlaubt so neben dem vergleichenden Aspekt auch, die eigene Perspektive einzuordnen. Dabei zeigt sich, dass Religion kein Garant für Eindeutigkeit in der Bioethik ist, „denn Antworten auf die ethischen Fragen der modernen Lebenswissenschaften gehen aus dem Glauben nicht unmittelbar hervor“, so Voigt.</p>
<p>Publikation:<br />
Friedemann Voigt (Hrsg.): „<a href="http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3110224372">Religion in bioethischen Diskursen. Interdisziplinäre, internationale und interreligiöse Perspektiven</a>“, Berlin /New York: de Gruyter 2010.</p>
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		<title>Psychotherapiewissenschaft: Weltethos und Unterbewusstsein</title>
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		<pubDate>Thu, 06 May 2010 16:10:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychotherapie]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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		<description><![CDATA[Die interdisziplinären Ringvorlesung „Weltethos und das Unbewusste“ wird an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien Paris im Sommersemester 2010 veranstaltet gemeinsam mit der Initiative Weltethos Österreich&#8230; Mit der Akkreditierung der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien im Jahr 2004 durch den Österreichischen Akkreditierungsrat wurde nicht nur ein neuer Schritt in Richtung Verankerung des Berufes Psychotherapeut als eigenständige Profession gesetzt, sondern auch die Psychotherapiewissenschaft als wissenschaftliche Disziplin etabliert mit ihren spezifischen Anliegen in Forschung und Lehre. Ethische Fragen spielen sowohl in der Geschichte und der Theoriebildung der Psychotherapiewissenschaft eine Rolle als auch in den rechtlichen Rahmenbedingungen der Berufsausübung. Das Menschenbild, die Vorstellungen über Persönlichkeit und psychische Entwicklung, die Beschreibungen von Gesundheit und Krankheit gehen von ethischen Grundsätzen aus, die meist nicht explizit diskutiert werden. In diesem Sinn füllt diese Vorlesung eine Lücke. Sie soll den Studierenden ein erweitertes Spektrum von ethischen Fragestellungen und Konzepten vermitteln, aus der Sicht der Weltreligionen und aus der Sicht von Fachleuten unterschiedlicher Felder. Die Studiengänge Bakkalaureat, Magisterium und Doktorat der Psychotherapiewissenschaft sind in einer Vernetzung von Theorie und Praxis gestaltet. Die Praxis wird zum überwiegenden Teil an der Ambulanz der Universität absolviert. Diese bietet mittlerweile circa 700 Personen pro Woche Psychotherapien in mehreren Sprachen und zu Tarifen, die niedrig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die interdisziplinären Ringvorlesung „Weltethos und das Unbewusste“ wird an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien Paris im Sommersemester 2010 veranstaltet gemeinsam mit der Initiative Weltethos Österreich&#8230;<span id="more-2005"></span></p>
<p>Mit der Akkreditierung der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien im Jahr 2004 durch den Österreichischen Akkreditierungsrat wurde nicht nur ein neuer Schritt in Richtung Verankerung des Berufes Psychotherapeut als eigenständige Profession gesetzt, sondern auch die Psychotherapiewissenschaft als wissenschaftliche Disziplin etabliert mit ihren spezifischen Anliegen in Forschung und Lehre.</p>
<p>Ethische Fragen spielen sowohl in der Geschichte und der Theoriebildung der Psychotherapiewissenschaft eine Rolle als auch in den rechtlichen Rahmenbedingungen der Berufsausübung. Das Menschenbild, die Vorstellungen über Persönlichkeit und psychische Entwicklung, die Beschreibungen von Gesundheit und Krankheit gehen von ethischen Grundsätzen aus, die meist nicht explizit diskutiert werden. In diesem Sinn füllt diese Vorlesung eine Lücke. Sie soll den Studierenden ein erweitertes Spektrum von ethischen Fragestellungen und Konzepten vermitteln, aus der Sicht der Weltreligionen und aus der Sicht von Fachleuten unterschiedlicher Felder.</p>
<p>Die Studiengänge Bakkalaureat, Magisterium und Doktorat der Psychotherapiewissenschaft sind in einer Vernetzung von Theorie und Praxis gestaltet. Die Praxis wird zum überwiegenden Teil an der Ambulanz der Universität absolviert. Diese bietet mittlerweile circa 700 Personen pro Woche Psychotherapien in mehreren Sprachen und zu Tarifen, die niedrig gehalten sind. Daher ist es möglich Patienten zu erreichen, die bisher aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen kein entsprechendes Angebot vorfinden konnten. Umfangreicheres und breiteres Wissen bezüglich Ethik ist erforderlich, um die Rahmenbedingungen der Psychotherapie adäquat gestalten zu können für jeden einzelnen Patienten mit seinem spezifischen kulturellen Hintergrund. Auch dafür soll die Ringvorlesung Erkenntnisse an die Universität bringen, die außerhalb ihres unmittelbaren Tätigkeitsbereiches liegen. Sie soll im Rahmen der einzelnen Vorträge Diskussion über das Berufsbild und die wissenschaftlichen Anliegen der Disziplin in Gang bringen und zu weiterer Auseinandersetzung mit diesen Fragen anregen.</p>
<p>In dieser Ringvorlesung wird der Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit dem Konzept des „Unbewussten“ gelegt. Die Arbeit Sigmund Freuds hat nicht nur dazu geführt, dass das Wort unbewusst heutzutage in aller Munde ist, oft ohne Wissen über den Ursprung. Freud hat vielmehr aus Terminus „unbewusst“ ein wissenschaftliches Konzept des Seelenlebens gemacht, das weit über die Beschreibung des Individuellen hinausgeht, und auch auf gesellschaftliche Situationen, Gruppen- und Massenphänomene, politische Verhältnisse anwendbar ist. Neben Repräsentanten der Psychoanalyse werden von Seiten der Privatuniversität auch Vertreter der Individualpsychologie, der Existenzanalyse und der Gruppenpsychoanalyse zu Wort kommen.</p>
<p>Planung und Durchführung:</p>
<p>Die Ringvorlesung wird von der Sigmund Freud PrivatUniversität gemeinsam mit der Initiative Weltethos geplant und durchgeführt. Alle Studierenden werden zur Teilnahme eingeladen, eine Prüfung wird durchgeführt und mit 2 ECTS-Punkten bewertet.</p>
<p>Termine:</p>
<p>Folgende Vorträge stehen fest (Vortragende ohne akadem. Titel):</p>
<p>09. März 2010<br />
Elisabeth Vykoukal, Die Ethik des Unbewussten</p>
<p>16. März 2010<br />
Richard Picker, Das christliche Bewusstsein im Kontext des psychotherapeutischen Bewusstseins</p>
<p>23. März 2010<br />
Michael Weiss, Weltethos in der Persönlichkeits- und Bewusstseinsschulung &#8211; Globale ethische Standards bei der Trilogos-PsyQ®Methode</p>
<p>13. April 2010<br />
Franz Ritter, Das Unwissen und das Unbewusste<br />
Buddhismus und Psychotherapie &#8211; eine Annäherung</p>
<p>20. April 2010<br />
Anton Pelinka, Bewusstes und Unbewusstes in der Politik &#8211; am Beispiel des Wahlverhaltens</p>
<p>27. April 2010<br />
Edith Riether, Der Nachweis eines Weltethos in religiösen und säkularen Traditionen</p>
<p>04. Mai 2010<br />
Eva Pritz, Ethik in der psychotherapeutischen Ambulanz der SFU</p>
<p>11. Mai 2010<br />
Mohammed Atassi, <strong>Psychiatrische und Psychotherapeutische Aspekte in den arabisch-islamischen Schriften</strong></p>
<p>18. Mai 2010<br />
Rotraud Perner,<strong> Unbewusst – Höchste Lust?</strong><br />
Versuch über Sexualität</p>
<p>01. Juni 2010<br />
Anita Dietrich-Neunkirchner, Weltethos und Gender</p>
<p>08. Juni 2010<br />
Susanne Pointner, Wer sagt, was richtig ist?<br />
Über-Ich und existentielles Gewissensverständnis</p>
<p>15. Juni 2010<br />
Gerhard Medicus, Der Apfel vom Baum der Erkennntnis und die Vertreibung aus dem Paradies – über die Evolution von Moral</p>
<p>22. Juni 2010<br />
Thomas Stephenson, Reflektierte Projektivität: Vom Unbewussten zum kommunikativ Verstandenen des Eigenen im Anderen</p>
<p>Gäste sind herzlich willkommen!</p>
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		<title>Erinnerung an Erich Fromm: Die Kunst des Liebens</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Mar 2010 10:29:30 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben Erich Fromm als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert. &#8220;Haben oder Sein&#8221;, ein populäres gesellschaftskritisches Werk, zählt mit &#8220;Die Kunst des Liebens&#8221; zu seinen bekanntesten Werken&#8230; Ende der 1920er Jahre begann Fromm am Berliner Psychoanalytischen Institut bei einem Freud-Schüler, dem Juristen Hanns Sachs, eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Ab 1930 war er im Frankfurter Institut für Sozialforschung Leiter der Sozialpsychologischen Abteilung. Nach der Machtergreifung Hitlers zog er nach Genf und emigrierte 1934 in die Vereinigten Staaten, wo er an der Columbia University in New York tätig war. 1950 übersiedelte er nach Mexiko-Stadt und lehrte an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Erich Fromm hat immer einen humanistischen, demokratischen Sozialismus vertreten. 1974 verlegte er seinen Wohnsitz nach Muralto (Tessin). TV-Empfehlung Di 16-03 – Nacht auf 17-03 00:15 Uhr Erich Fromm (1/2) Leben durch Geschichte (Doku / 1990) Bayern – alpha Mi 17-03 – Nacht auf 18-03 00:15 Uhr Erich Fromm (2/2) Mut zum Menschen (Doku / 1990) Bayern – alpha Di, 16. Mrz · 01:00-01:45 · alpha-Österreich Mi, 17. Mrz · 01:00-01:45 · BR-alpha Günther Nenning spricht mit Erich Fromm, Zum 110. Geburtstag von Erich Fromm Von der Freiheit &#8220;von&#8221; zur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben Erich Fromm als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert. &#8220;Haben oder Sein&#8221;, ein populäres gesellschaftskritisches Werk, zählt mit &#8220;Die Kunst des Liebens&#8221; zu seinen bekanntesten Werken&#8230;<span id="more-1872"></span></p>
<p>Ende der 1920er Jahre begann Fromm am Berliner Psychoanalytischen Institut bei einem Freud-Schüler, dem Juristen Hanns Sachs, eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Ab 1930 war er im Frankfurter Institut für Sozialforschung Leiter der Sozialpsychologischen Abteilung. </p>
<p>Nach der Machtergreifung Hitlers zog er nach Genf und emigrierte 1934 in die Vereinigten Staaten, wo er an der Columbia University in New York tätig war. 1950 übersiedelte er nach Mexiko-Stadt und lehrte an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Erich Fromm hat immer einen <strong>humanistischen, demokratischen Sozialismus</strong> vertreten. 1974 verlegte er seinen Wohnsitz nach Muralto (Tessin).</p>
<p><a href="http://www.hagalil.com/archiv/2010/03/14/fernsehtipps-12/">TV-Empfehlung</a></p>
<p>Di 16-03 – Nacht auf 17-03 00:15 Uhr<br />
Erich Fromm (1/2)<br />
Leben durch Geschichte<br />
(Doku / 1990) Bayern – alpha</p>
<p>Mi 17-03 – Nacht auf 18-03 00:15 Uhr<br />
Erich Fromm (2/2)<br />
Mut zum Menschen<br />
(Doku / 1990) Bayern – alpha</p>
<p>Di, 16. Mrz · 01:00-01:45 · alpha-Österreich<br />
Mi, 17. Mrz · 01:00-01:45 · BR-alpha<br />
Günther Nenning spricht mit Erich Fromm, Zum 110. Geburtstag von Erich Fromm</p>
<p>Von der Freiheit &#8220;von&#8221; zur Freiheit &#8220;zu&#8221;:<br />
<a href="http://www.david.juden.at/kulturzeitschrift/70-75/72-akrap.htm">Gedanken zu Erich Fromm und Pessach</a><br />
Erich Fromm wurde am 23. 3. 1900 als einziges Kind einer orthodox-jüdischen Familie in Frankfurt am Main geboren. Beide Elternteile konnten in ihrem Stammbaum stolz auf eine Reihe von Gelehrten und Rabbinern zurückblicken&#8230;</p>
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		<title>Opferrolle: Unversöhnlichkeit als psychische Krankheit</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 09:08:28 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Depression]]></category>
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		<description><![CDATA[Verbitterung kann in verstärkter Form ähnlich wie Angst zu einem krankheitsähnlichen Zustand führen, der Betroffene schwer beeinträchtigt und Behandlung erfordert. Diesem noch sehr jungen Gebiet der Psychiatrie widmete sich eine Fachtagung in Wien, die von der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien in Kooperation mit dem Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie veranstaltet wurde&#8230; Eine Trennung kann Menschen manchmal ein Leben lang verbittern lassen Verbitterungsstörung in Folge von Trauma-Erlebnissen pte &#8211; &#8220;Analog zur posttraumatischen Belastungsstörung, die bereits gut erforscht ist, gibt es auch eine posttraumatische Verbitterungsstörung&#8221;, berichtet der Psychotherapeut Raphael Bonelli. Anders als bei der Belastungsstörung bildet sich die krankhafte Verbitterung meist infolge von weniger massiven Ereignissen, die jedoch Menschen in ihren zentralen Lebensbereichen betreffen. &#8220;Das kann eine Kündigung sein, die nach jahrelanger Tätigkeit am selben Arbeitsplatz erfolgt, die Trennung in einer Partnerschaft oder auch gebrochene Treue. Betroffene fühlen sich häufig ungerecht behandelt und sehen nur, dass es den anderen besser geht&#8221;, so Bonelli. Aus dem ständigen Hadern mit dem widerfahrenen Schicksal könne sich eine lang anhaltende psychische Krankheit entwickeln. &#8220;Alles Unglück wird auf ein Unrecht in der Vergangenheit zurück geführt, das nicht mehr änderbar ist, das aktiv in Erinnerung bleibt und an dessen Wunden ständig gerissen wird.&#8221; Dieses Ereignis müsse unter objektiver [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Verbitterung kann in verstärkter Form ähnlich wie Angst zu einem  krankheitsähnlichen Zustand führen, der Betroffene schwer beeinträchtigt  und Behandlung erfordert. Diesem noch sehr jungen Gebiet der  Psychiatrie widmete sich eine Fachtagung in Wien, die von der  Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien in Kooperation mit dem Institut für  Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie veranstaltet wurde&#8230;<span id="more-1668"></span></p>
<p><strong>Eine Trennung kann Menschen manchmal ein Leben lang verbittern lassen<br />
Verbitterungsstörung in Folge von Trauma-Erlebnissen</strong></p>
<p><a href="http://www.pressetext.ch">pte</a> &#8211; &#8220;Analog zur posttraumatischen Belastungsstörung, die bereits gut erforscht ist, gibt es auch eine posttraumatische Verbitterungsstörung&#8221;, berichtet der Psychotherapeut Raphael Bonelli.</p>
<p>Anders als bei der Belastungsstörung bildet sich die krankhafte Verbitterung meist infolge von weniger massiven Ereignissen, die jedoch Menschen in ihren zentralen Lebensbereichen betreffen. &#8220;Das kann eine Kündigung sein, die nach jahrelanger Tätigkeit am selben Arbeitsplatz erfolgt, die Trennung in einer Partnerschaft oder auch gebrochene Treue. Betroffene fühlen sich häufig ungerecht behandelt und sehen nur, dass es den anderen besser geht&#8221;, so Bonelli. Aus dem ständigen Hadern mit dem widerfahrenen Schicksal könne sich eine lang anhaltende psychische Krankheit entwickeln. &#8220;Alles Unglück wird auf ein Unrecht in der Vergangenheit zurück geführt, das nicht mehr änderbar ist, das aktiv in Erinnerung bleibt und an dessen Wunden ständig gerissen wird.&#8221; Dieses Ereignis müsse unter objektiver Betrachtung gar nicht ungerecht sein, werde jedoch so erlebt.</p>
<p><strong>Die passive Opferrolle als Falle</strong></p>
<p>Die lange, manchmal sogar lebenslange Dauer der Verbitterung kommt laut Bonelli dadurch zustande, dass Betroffene oft in einer passiven Opferrolle verharren. &#8220;Es bildet sich eine Unversöhnlichkeit, die das Verstehen der anderen Seite unmöglich macht.&#8221; Aus Trotz gehen viele nicht in Therapie, sondern verbohren sich im eigenen Unglück. &#8220;Das hat zwar den positiven Nebeneffekt, dass das Umfeld Mitleid bekundet, doch bietet das bloß eine bittere und kurze Befriedigung. Zudem verstärkt Mitleid in diesem Fall bloß die passive Haltung und erschwert aktive Änderungen.&#8221; Die Krankheit weite sich auch in andere Lebensgebiete in zerstörerischer Weise aus, wobei die Symptome von Selbstzweifel, Appetitlosigkeit, Depressionen, Phobien und Aggressionen bis hin zu Selbstmordgedanken reichen. &#8220;Viele vereinsamen und gehen nicht einmal mehr auf die Straße&#8221;, so der Wiener Psychiater.</p>
<p>Überwinden kann man Verbitterung durch das Loslassen. &#8220;Verbitterte wollen die absolute Gerechtigkeit hier und jetzt erleben. Man kommt jedoch erst durch die Erkenntnis weiter, dass diese Gerechtigkeit nicht existiert und alles Erlebte bloß relativ ist.&#8221; Der Berliner Psychiater und Fachtagungs-Redner Michael Linden, der 2003 als erster das Krankheitsbild beschrieben hat, schlägt für die Behandlung eine sogenannte &#8220;Weisheitstherapie&#8221; vor. &#8220;Es geht darum, das erfahrene Unrecht zu ertragen statt an ihm zu verzweifeln. Dabei versucht man unter anderem, die Perspektive zu wechseln&#8221;, so Bonelli. Entsprechend der klassischen Methodik wird der Konflikt zunächst aufgezeichnet und dann in verschiedenen Sichtweisen dargestellt, deren Existenz von Erkrankten zuvor oft geleugnet wurde. Der Therapeut berührt jedoch nicht den inhaltlichen Grund der Verbitterung, sondern andere, scheinbar unlösbare Situationen. Diese lassen leichter erkennen, dass ein Weg aus dem Unglück heraus existiert.</p>
<p>Ein Schwerpunkt der Fachtagung liegt auf der Vergebung. &#8220;Bisher wurde dieser Aspekt in Europa kaum wissenschaftlich behandelt, vermutlich aus Angst, dass der Begriff automatisch Religion impliziert. Verzeihung ist jedoch in erster Linie ein psychischer Akt statt ein religiöses Phänomen&#8221;, betont der Tagungsorganisator. Verzeihung als &#8220;beste Form des Loslassens&#8221; beschreibe einen Prozess, der im wesentlichen zwei Voraussetzungen brauche. &#8220;Erstens ist die Erkenntnis nötig, dass man auch selbst Fehler macht. Erst dadurch wird man bereit, auch dem Täter falsches Handeln zugestehen zu können. Zweitens brauche man eine Portion Großmut, um tatsächlich ein &#8216;Schwamm drüber!&#8217; sagen zu können.&#8221;</p>
<p>Gibt es auch bisher keine Schätzungen, bei wie vielen Menschen die Verbitterungsstörung auftritt, trifft man sie in der psychotherapeutischen Praxis laut Bonelli dennoch sehr häufig an. Besonders sei die Störung in Großstädten verbreitet. &#8220;Im anonymen Lebensstil der Stadt sind die Menschen weitaus verletzlicher als in einem stabilen sozialen Umfeld&#8221;, vermutet der Experte. Mit im Spiel sei auch die Tatsache, dass die Störung besonders dort auftritt, wo Menschen ihr Lebensglück an eine einzige Sache hängen und diese dann verlieren. &#8220;In der Stadt ist die Zahl der &#8216;Worcaholics&#8217; besonders hoch. Da geht die Welt öfter unter, sobald eine Kündigung ausgesprochen wird.&#8221;</p>
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		<title>Organspende: Friedensnobelpreisträger Peres unterzeichnet Ausweis</title>
		<link>http://www.pharmacon.net/2009/12/israel-2/</link>
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		<pubDate>Fri, 25 Dec 2009 14:13:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>adm</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>

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		<description><![CDATA[Israels Präsident Shimon Peres hat am Dienstag ein Zeichen gesetzt und einen persönlichen Organspendeausweis unterzeichnet. Im Falle seines Ablebens können somit seine Organe entnommen werden, um das Leben eines anderen Menschen zu retten&#8230; Zuvor hatte der Präsident beklagt, dass nur 10% aller Israelis diesen Schritt gemacht und sich damit eines der wichtigsten jüdischen Prinzipien zu Eigen gemacht hätten – dass die Rettung eines Menschenlebens jedes andere Gesetz im Judentum aufhebt. „Es gibt nichts Edleres als die Rettung des Lebens einer Person, die den Spendern unbekannt ist“, sagte Peres bei einer Veranstaltung in seiner Residenz, zu der Angehörige von Organspendern sowie Organempfänger geladen waren. The Jerusalem Post, 23.12.09]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Israels Präsident Shimon Peres hat am Dienstag ein Zeichen gesetzt und einen persönlichen Organspendeausweis unterzeichnet. Im Falle seines Ablebens können somit seine Organe entnommen werden, um das Leben eines anderen Menschen zu retten&#8230;<span id="more-1503"></span></p>
<p>Zuvor hatte der Präsident beklagt, dass nur 10% aller Israelis diesen Schritt gemacht und sich damit eines der wichtigsten jüdischen Prinzipien zu Eigen gemacht hätten – dass die Rettung eines Menschenlebens jedes andere Gesetz im Judentum aufhebt.</p>
<p>„Es gibt nichts Edleres als die Rettung des Lebens einer Person, die den Spendern unbekannt ist“, sagte Peres bei einer Veranstaltung in seiner Residenz, zu der Angehörige von Organspendern sowie Organempfänger geladen waren.</p>
<p><em>The Jerusalem Post, 23.12.09</em></p>
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