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Israelische Wissenschaft:
Nachrichten aus Rehovoth
EMBARGOED until 5:00 a.m. gmt, December 9, 1997 to coincide
with publication in the Journal of Cognitive Neuroscience
Presseanfragen richten Sie bitte an Luba Vikhanski, Tel. 972 8 934
3855
E-mail: rrluba@weizmann.weizmann.ac.il
EIN BLICK AUF DIE INNEREN VORGAENGE DES VERSTANDS:
DIE VORSTELLUNGSKRAFT WIRD DURCH VISUELLE
WAHRNEHMUNG VERBESSERT
REHOVOT, Israel.- 9. Dezember 1997. Wer Bilder vor seinem
geistigen Auge entstehen laesst, sieht die Realitaet mit besseren Augen. Das haben
Wissenschaftler vom Weizmann Institut herausgefunden. Die Phantasie befluegelt jedoch die
Wahrnehmung nur dann, wenn die Bilder aus dem Kurzzeitgedaechtnis stammen, berichten die
Forscher in der aktuellen Ausgabe des Journal of Cognitive Neuroscience.
Im Gegensatz dazu kann ein Zurueckgreifen auf das
Langzeitgedaechtnis unsere Faehigkeit zur visuellen Wahrnehmung sogar beeintraechtigen.
"Es scheint, dass unter bestimmten Umstaenden die Aktivierung des
Kurzzeitgedaechtnisses die "Verdrahtung" des visuellen Cortex veraendern kann,
und Menschen sehen ploetzlich, was sie zuvor nicht sehen konnten", sagt Dr. Alumit
Ishai, die die Untersuchung im Rahmen ihrer Promotion unter Anleitung von Prof. Dov Sagi
von der Abteilung Neurobiologie des Weizmann Instituts durchfuehrte. Die Studie
unterstuetzt auch die These, dass visuelles Kurz- und Langzeitgedaechtnis von zwei
verschiedenen Mechanismen im Gehirn gesteuert werden.
Vorstellung und Wirklichkeit
Jeder, der einmal in einer Menschenmenge nach einem Freund
Ausschau gehalten hat, weiss intuitiv, wie visuelle Vorstellung funktioniert. Wenn man vor
seinem geistigen Auge ein Bild entstehen laesst, kann man den Freund, wenn er dann
wirklich auftaucht, leichter erkennen.
Wie Prof. Sagi erklaert, arbeiten Gedaechtnis und
Wahrnehmung staendig zusammen, denn immer, wenn wir etwas sehen, identifizieren wir es auf
der Grundlage von Bildern aus unserem Gedaechtnis. Ohne Gedaechtnis waere unsere
wahrgenommene Welt unverstaendlich", sagt er. Wird die Erinnerung jedoch zu stark
bewertet, ist das Resultat eine Sinnestaeuschung."
Arbeitet das Gehirn auf dieselbe Weise, wenn wir uns ein
Objekt vorstellen und wenn wir es wirklich sehen? Erleichtert oder erschwert ein
Rueckgriff auf unser Gedaechtnis visuelle Vorgaenge? Philosophen und Wissenschaftler
suchen schon lange nach einer Antwort auf diese Fragen, doch fruehere Studien erbrachten
widerspruechliche Ergebnisse. Die neue Studie von Ishai und Sagi erklaert warum: Bisherige
Untersuchungen machten keinen Unterschied zwischen Bildern aus dem Kurzzeit- oder
Langzeitgedaechtnis.
Kurzzeit- gegen Langzeitgedaechtnis
Die Forscher am Weizmann Institut haben erstmals die
Auswirkung visueller Vorstellung auf die Wahrnehmung quantifiziert. Sie schufen eine
Versuchsreihe, in der Teilnehmer sogenannte Gabor-Signale, feine Lichtpunkte auf einem
Computerbildschirm, sehen. Durch Veraenderung der Lichtintensitaet der Punkte, stellten
sie die genaue Helligkeitsschwelle fest, oberhalb derer das Licht fuer den Teilnehmer
sichtbar wurde. Zunaechst betrachteten die Testpersonen ein Computerdisplay mit drei
Gabor-Signalen in einer geraden Linie, wobei der Abstand der aeusseren Signale vom
mittleren Signal variabel war. Je groesser der Abstand der aeusseren Signale wurde, desto
schwerer wurde fuer die Testpersonen die Erkennung des mittleren Signals, bis sie es
schliesslich gar nicht mehr sahen. Dann veraenderten die Forscher die Helligkeit des
zentralen Signals, um eine neue Schwelle zu messen, bis zu welcher der Teilnehmer den
Zielpunkt erkennt.
Nun wurde das Gedaechtnis auf den Plan gerufen. Sagi und Ishai zeigten einen Bildschirm
mit nur einem Gabor-Signal und baten die Teilnehmer, sich die flankierenden Signale, die
sie zuvor gesehen hatten, vorzustellen. Die Ergebnisse waren ueberraschend: Wenn sich die
Teilnehmer die seitlichen Signale vorstellten, konnten sie das Ziel leichter sehen als im
vorherigen Versuch. Durch die Aktivierung des Kurzzeitgedaechtnisses sank die Schwelle der
visuellen Wahrnehmung. Die Testpersonen hatten tatsaechlich ein verbessertes Sehvermoegen.
Weitere Versuche foerderten eine eindeutige Verbindung
dieses Phaenomens mit dem Kurzzeitgedaechtnis zutage. Die Wahrnehmungsschwelle sank nur,
wenn die Teilnehmer kurz nach dem Seherlebnis der Seitensignale dazu aufgefordert wurden,
sich diese Signale vorzustellen. Nach einem laengeren Zeitraum, wenn die Seitensignale
vermutlich bereits im Langzeitgedaechtnis gespeichert waren, erhoehte sich die
Wahrnehmungsschwelle bei der Vorstellung des Bildes, das heisst das Zielsignal war
schwerer zu erkennen.
Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Wiedergabe aus
Kurz- und Langzeitgedaechtnis im Gehirn unterschiedlich vonstatten geht und von
verschiedenen neuralen Mechanismen gesteuert wird, obwohl noch nicht klar ist, um welche
Mechanismen es sich handelt. Sagi und Ishai hoffen, dass man durch weitere Erforschung
dieses Phaenomens eines Tages Menschen mit gestoertem Sehvermoegen die "Augen
oeffnen" kann.
Verlautbarungen des Weizmann Institute of Science sind im Internet
auch zu finden unter:
http://www.weizmann.ac.il
oder unter http://www.eurekalert.org.
Susan Shalev
Projects Coordinator
Public Affairs Dept., Weizmann Institute of Science
rrshalev@wis.weizmann.ac.il
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